Mannheim
Compact Memory

Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1954-04-01 · 4 (Abril, 1954) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVI (1954)
Issue
4 (Abril, 1954)
Date
1954-04-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/8553624-8556560-9194040--1328-8556616
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

BOL E TIN INFORMATIVO WURZELN DER FREIHEIT (Schluss) der von Juden, wie Nichtju- Abweichung waere Ketzerei, Teufelswerk, und daher ist jeder Andersdenkende ein Objekt der Verfolgung und der Strafe. Das ist der Ursprung des totalitaeren Denkens, das seine Wurzel hat in dem revolutionaeren Idealismus des 18. und 19. Jahrhunderts. Diese interessante, in ihren praktisch en Folgerungen weitreichende These ist von dem Dozenten der Geschichte an der Hebraeischen Universitaet Jerusalem, Dr. J. L. Talmon (vormals Fleischer) in Seinem Buche: The origins of totalitarian democracy (Secker & Warburg) aufgestellt und ideengeschichtlich unterbaut worden. Talmons Buch ist von der Kritik sehr gut, teilweise geradezu enthusia.tisch, aufgenommen worden. Seine Feststellung, dass das politische totalitaere Denken keineswegs, wie heute so oft gesagt wird, seine Wurzeln im Osten oder gar in der slavischen Seele hat und in schroffem Widerspruch zur westlichen Tradition steht, sondern im Gegenteil aus der westlichen Philosophie des 18 Jahrhunderts herstammt, wurde als eine originelle Entdeckung gepriesen. Dies i-t ein Beweis dafuer, wie sehr die Menschen heute im Banne der weltpolitischen Spannung zwischen Ost und West stehen. Auch fuehrende Koepfe des Westens glauben ernstlich, dass totales Denken ein Produkt des Ostens ist. In Wahrheit existiert aber in fè Scheidung zwischen Ost und West gar nicht, da die politischen Ideen Europas im 19. Jahrhundert ziemlich international waren; freilich waren die soziologischen Gegebenheiten und kulturellen Voraussetzungen verschieden, aus denen sich die politische Wirklichkeit entwickelte. Dr. Talmon zeigt, wie sich aus dem westeuropaelschen Denken des 18. Jahrunderts zwei Traditicns-Stroeme herleiten, Sozusagen zwei feindliche Zwillings-Schwestern: sowohl die liberale, empirische Demokratie, als auch die totalitaere,~ messianische Demokratie . Messianisch! Da Ist das Wort gefallen. So wie Hans Kohn, der diesen Gedanken in mehreren Werken ausgesponnen hat, vertritt auch Talmon die Anschauung, dass den modernen politischen Ideen ein messianisches Pathos innewohnt, das die da ran geknuepften Bewegungen weit hinaushebt ueber den Rahmen praktischer Politik und ihnen einen quasireligicesen Charakter gibt, der den Boden eines intoleranten Fanatismus bildet. Fuer die totalitaere Demokratie gibt es nur eine einzige, ausschliessliche, p o 1 i t i sehe Wahrheit. Sie ist gerichtet auf eine ihrem Idealbild entsprechende, schlechthin vollkommene Weltordnung, die sozusagen die “Erloesung” darstellt, die Verwirklichung des Messianismus. Da es nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur eine Art erlaubte Freiheit, naemlich die, die der “wahren” Natur des Menschen entspricht. Waehrend die Zurueckfuehrung der liberalen Demokratie auf das 18. Jahrhundert, dessen repraesentantive Dokumente die “Erklaerung der Menschenrechte” der Franzeesis^hen Revolution und die “Declaration of Independence” der Amerikanischen Revolution sind, allgemein akzeptiert wird, ist der Zusammenhang in Bezug auf Hon totalitaeren Gedanken nicht so klar. Talmons Buch zeigt die Entstehung dieser Auffassung in den Werken der fuehrenden franzoesischen Schriftsteller der Aufkiaerung und schliesslich, und dem ist der Hauptteil seiner Schrift gewidmet, bei Babeuf und seiner Verschwoerung (1797). Es ist natuerlich hier nicht moeglich, die mit reichem Quellenmaterial und vielen Zitaten belegte Argumentation wiederzugeben. Fuer den “Laien” sozusagen 12 Niehl in der Hagada (Schluss) strategisch verbesserten, waren sie dem Ansturm ihrer maeehtigen Gegner doch nicht gewachsen, und deshalb ist es zu verstehen, dass sie die Israeliten, die einen Staat im Staate bildeten, und die sich ausserordentlich vermehrten, zu fuerchten begannen. Und da setzte die in der Bibel geschilderte Bedruekkung ein. Ramses wollte die Hebraeer nicht wie Hitler, ausrotten, denn er brauchte sie als Arbeiter, und ganz besonders als Viehzuechter. welcher Beruf den Aegyptern ein Greuel ist. Wohlan! sagte er zu seinen Raeten: Wir wollen dem Volke mit Klugheit begegnen, dass es sich nicht vermehre. Es koennte sich sonst, wenn ein Krieg ausbricht, zu unseren Feinden schlagen, wider uns streiten, und uns aus dem Lande vertreiben. Die Hethiter waren ein starkes semitisches Volk, das uns durch die Bibel bekannt ist. Abraham hat von ihnen die Hoehle Machpelah als Erbbegraebnis fuer seine Familie gekauft, und Esau hat 2 Hethiterinnen zum grossen Verdrusse seiner Mutter geheiratet. Die Bedraengung der Aegyptei durch sie muss ganz ausserordentlich gewesen sein. Bekanntlich war Ramses einer der maechtigsten der Pharaonen der aegyptischen Geschichte. Ein Dichter der demaligen Zeit beschreibt ihn folgendermassen: Seine Maje-taet der Koenig Ramses Meriamon ew'isc’h^h ~ 'SyrfeftT Ä ten gelegen. Vorraete hat sie ln reicher Fuelle. Ihre westliche Seite ist beim Temoel des Amon, ihre suedliche beim Tempel des Baal. Die Goettin Astarte weilt auf ihrer Seite gegen Sonnenaufgang. Die Festung gleicht dem Lichtkegel des Himmels. Ramses Meriamon weilt in ihr als Gott zur Herzenswonne fuer Aegypten. Trotzdem er sich als Gott verehren liess. war er durch seine Nac.hbarvoelker, und deren dauernde Einfaelle so klein geworden, dass er zu allerhand Goneessionen geneigt, dem Geetteroaare Baal und Astartö Tempel bauen liess. Goetter, die frueher dem Satan gleichgestellt worden Waren. Eine der 4 Armpen, die Ramses in diesen Grenzfeptupgen unterhielt, scheint eine hehraeische gewesen zu sein, denn ihre Soldaten wurden “Nearim”. genannt. Ein hebraeisches Wort, das der Kna^e. oder Knaone bedeutet. Dfes ist um so wahrscheinlicher. weil es in der Bibel heisst, die Boehne Israels zogen b°waffnet aus Aegvuten. Hiprin kann man die Erklaerung dafuer sehen, was sonst, .schwer zu begreifen waere. wob"- mc^re Vorfab-en wrqffen hatten. Was Wunder. da«s Da rncog das starke und aabl-°'',be Vo’k der TJebraor fuerchte^e. wenn sie. um ihr Bkiavenio-b abzosphuettaln. zu den TTethitem. die ia ihre su-ammesbru°iS°r waren. UQbero*ehen wuerden TTm rHe Kinder Israels nicht roch staerker we-dpn zu Ia-sen. waren d'° Bedmeekuno-en. wenn auch grausam, unr-ens-hlieb. vom Dolitis-ben Rtanis-rrnnkte nur zu «mt zu begreifen. Welcher Art, die Be^mekkungen waren, wie Pharao gezwungen wurde. Unsere Vorfahren zu entlassen, ist zu bekannt, um besonders er* waebnt zu werden. Diese Freilassung bewirkte Moses, den als einer der genialsten Maenner aller Zeiten anerkannt wird. Von der Groesse und Bedeutung die-es Mannes kann man sich kaum einen Begriff machen. Man bedenke, was allein schon dazu gehoerte, einem Volke von ueber 3 Millionen, das 430 Jahre in Sklaverei gelebt, und wie das Vieh, wie ärbeitetende Haustiere behandelt wurde, den Sinn fuer Freiheit fuer nationales Selbstbewustsein, fuer Vo’kswerdung, und die Faehigkeit beizubringen, das Volk “zu werden, das von Gott bestimmt war, die göttlichen Gesetze auf dem Sinai zu empfangen, und dadurch reif werden sollte, durch deren Beobachtung, und seine Ethik, ein Vorbild zu werden, fuer die gesamte heidnische Umwelt. Moses hat diese eminent schwere Aufgabe am brennenden Dornbusch von Gott uebewiommen, und er hat sie dureborpfuehrt, obwohl er sich hei Gott darueber beklagen musste, dass das Volk anfangs auf ihn n'-ht hn°-°n wollte. MTKAUZER RUACH UMEAWAUDO KOSCHO. Aus «ngem Geist und schwerer Arbeit. Oebtesenge beschraenkter Gesichtskreis war itas tvnische dieses Volkes. Und Moses brachte es fertig, aus Ihm ein Volk des Geistes zu machen. Und das juedische Volk nennt ihn nicht Koenig, nicht Heros, nicht Fuehrer, sondern schlicht und einfach, wie es seiner, uebergrossen Bescheidenheit entspricht, MOSCHE RABE- NU Moses unser Lehrer. Nun wurde aus diesen engstirnigen Sklaven das juedische Volk, das Mo-es klugerweise nicht von Aegypten direkt nach Kanaan fuehrte weil er dann haette durch das maechtige Reich der Phi’ister ziehen muessen. Und wenn er auch ueber 600.000 Mann mit Waffen zur Verlegung hatte, so wusste er, dass er, mit diesen kleinmuetigen Menschen gegen einen so starken Gegner keinen Krieg fuehren kann. Denn bei dem kleinsten Ungemach sehnten sie sich nach den Fleis-’htoepfen Aegypten« zurueck. Er wanderte 40 Jahre durch die Wueste, bis eine neu e Generation herangewachsen war. die er dazu erzog, ein selbstbewusstes, sto’zes. und nationalbewusstes Volk cu werden Das war eine uebermenschliche Arbeit, aber er hat sie zustandegebracht. Leider hat es nach 1.500 .Tabren wieder aufgehoert, ein Vo’k zu sein, das unter alle Voelker der Welt verstrebt wurde, um heute nach 2,000 Jahren wieder ein Volk zu sein, das berufen ist, sobald inm der lang ersehnte Frieden beschieden sein wird, der Welt durch seine Betriebsamkeit, Nuechternheit, F r 1 edensliebe und Gerechtigkeitssinn, durch seine Opferwilligkeit und Naechstenliebe ein Vorbild fuer alle Voelker der Weit zu sein. ist besonders wichtig die Einsehaetzung der historischen Rolle Rousseaus, dessen Konzeption der “volonté generale”, des methaphysischen, i m m a n e n ten “allgemeinen Willens” den Glauben an die allein geltende, allein seligmachende Wahrheit, und damit die Tyrannei der Masse einleitet, die unter Umstaenden viel schlimmer sein kann als die Tyrannei des Einzelnen — gerade weil sie mit dem Fanatismus des wahren Glaubens, dem sich gerechterweise niemand widersetzen darf, behaftet ist. Die Darlegung zeigt, wie richtige und natuerliche Gedanken in ihrer Weiterwirkung zu verkehrten Ergebnissen fuehren koennen. Alles ist im Grunde auf das Naturrecht zurueckzufuehren. Im 18 Jahrhundert entdeckten die Menschen ploetzlich, oass die Verhaeltnisse, unter denen sie lebten und die Gewohnheiten ihrer Vaeter, “unnatuerlich” waren. Der Mensch hat natuerliche Rechte, kraft seiner Geburt als Mensch (s. die amerikanische Declaration of Independence), und daher ist es Aufgabe der Menschen, die entsprechende natuerliche Lebenssordnung zu finden, die ein Produkt der menschlichen Vernunft sein muss. So wurde der Mensch aus seiner Sklaverei befreit, um dann, auf langen Umwegen, auf Grund des gleichen Gedankens, einer .neuen Sklaverei unterworfen zu werden. In weiteren Baenden wird Dr. Talmon die Nachwirkung dieser Ideen durch das 19. Jahrhundert bis in unsere Zeit verfolgen, eine Studie, die unzweifelhaft fruchtbar und wertvoll sein wird und dem politischen Denken neue Perspektiven eroeffnet. Es ist sogar moeglich, dass solche Einsichten das Verhalten praktischer Politiker beeinflussen. Der erste Band endet mit dem Ende des 18 Jahr hunderts, obwohl er natuerlich Anspielungen auf die Moderne enthaelt. Es wird besonders interessant sein zu verfolgen, wie die vom Westen ausgehenden Ideen sich in den weniger entwickelten Gesellschaften von Osteuropa ausgewirkt haben besonders auch dort, wo die nationale Idee in gemischt-nationalen Laendern eine groessere Rolle spielte, so dass “das Volk” zum Traeger einer Erloesungsidee und einer Freiheits-Idee wurde, nicht nur im sozialen Sinn. Das ist besonders fuer unsere Eroerterung der Idee der “Freiheit” wichtig, weil “Freiheit”, im 18. Jahrhundert vor allem individuelle Freiheit war, die sich politisch ausdrueckte im Willen des Individuums, frei zu sein von Einfluessen des Staates oder des Volkes, besonders in Fragen des Gewissens. Dort wo der politische Messianismus ein nationales Gewand anlegte, wurde dieses Verhältnis bald umnebelt. Unter nationaler Freiheit verstand man Freiheit des Volkes von einer fremden Herrschaft, aber im Zuge dieser Bewegung, der jeder Freiheitsliebende a n g e h o e ren musste, verschwand der Begriff der individuellen Freiheit; denn infolge der Tendenzen, deren Charakter Dr. Talmon aufzeigt, beanspruch te bald das Volk, die Nation, oder der Staat, die absolute Herrschaft ueber das Individuum, und erstickte auf diese Weise das Recht auf persoenliche Freiheit, oft auch den Willen zu ihr. All das haben wir Im 20. Jahrhundert kennen gelernt. Abril, 19g* Öle ,vcn or. Talmon in seinem Buche eroerterten Probleme gehen heute, jeden an. Der Verfasser hat mit grosser Gelehrsamkeit und mit Scharfsinn das historische Material bearbeitet und auf diesem Weg werden ihm nur Fachgenossen folgen koennen. Aber die allgemeinen Kapitel enthalten Erkenntnisse, die fuer jeden Menschen ven Bedeutung sind, der im oeffentlichen Leben steht. Fuer uns Juden hat das alles noch eine besondere Bedeutung. Dies ergibt sich schon aus dem haeufigen Gebrauche des Wortes “Messianismus”, das eine juedische Konzeption ist. Der juedische Messianismus schildert tatsaeschlich eine vollkommene Weltordnung, aber er setzt sie an das Ende der Zeiten. Nach juedischer Auffassung ist es Blasphemie, von einer E r f u e 11 u ng messianischer Hoffnungen oder von einem Kommen des Messias mitten in der Zeit zu sprechen. Wann immer das geschehen ist, hat sich bald herausgestellt, dass es sich um einen Pseudo- Messias, um ein Luegengewebe handelt. Trotzdem koennen wir nicht leugnen, dass auch im Judentum die Tendenz zur Ausschliesslichkeit und dem dazu gehoerigen Fanatismus vorhanden ist, und dass gerade in unserer Zeit juedische Menschen verschiedenen politischen Messianismen erlegen sind, oft gar nicht in dem Bewusstsein, sich von uralten juedischen Wunschtraeumen in die Irre fuehren zu lassen. Der Begriff der Freiheit, der in den Pessachgedanken eine so grosse Rolle spielt, wird auch in unserer Geschichte und in der das Judentum begründenden Leh- •e zum Problem. Im politischen Denken unserer Vor- »aeter aus der Zeit der Be- «ruendung der juedischen Nation nach dem Auszug aus Aegypten finden sich viele Elemente, deren Nachwirkung durch die Zeiten man Ideengeschichtlich verfolgen kann. Inzwischen sind wir Bestandteil einer modernen Gesellschaft des 20. Jahhunderts geworden und stehen mter den gleichen geistigen Einfluessen wie andere Voelker. Darum Ist es erforderlich. dass wir uns Rechenschaft ablegen ueber das hohe Gut, das die individuelle Freiheit darstellt. Nur sie verbuergt wahre Menschenwürde. Aber sie ist nur zu bewahren, wenn wir uns auch der Grenzen bewusst sind. Der Mensch ist ein unvollkommenes Wesen, und alle seine Einrichtungen sind unvollkommen. Hueten wir uns vor dem Traum der Vollkommenheit und vor der Berauschung an Idealen, die wir fuer Wirklichkeit halten, auch wenn der Weg noch weit ist. Das richtige Ausmass fuer die notwendige Begrenz zung der Freiheit zu finden, ist die eigentliche Aufgabe jeder Staatskunst und jedes gesellschaftlichen Aufbaues. Anarchie und freies Toben der Leidenschaften fuehrt zur Vernichtung, aber die Unterdrueckung der Freiheit und besonders des freien Geistes im Namen einer von Menschen dekretierten Wahr heit, und durchgefuehrt durch Herrschaft auf gepeitschter Massen, fuehrt Gleichfalls zur Vernichtung. Dazwischen liegt der schwere Weg der Diskussion und des Immer neu beginnenden Euchens — trotz 'Irrungen und Wirrungen”. Nur er verbuergt die Freiheit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.