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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1954-03-01 · 3 (Marzo, 1954) · p. Seite 4

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XVI (1954)
Issue
3 (Marzo, 1954)
Date
1954-03-01
Page
Seite 4 (sequence 9)
Language
German
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Im Ghetto war Purim nicht nur ein Feiertag, den man andaechtig beging, sondern ein wirkliches Strassenfest mit Jahrmarktbuden, Unterhaltungen im Freien, Taenzen auf offenen Plaetzen, Musikern, die auf Geniesten spielten,' und allen uebrigen Tollheiten einer Maskerade. Die Armen bekamen reiche Gaben, die Kinder kleine Geschenke. Diese Sitte bot das Gegen-! stueck zur Feier des „Jour de l’an”, des Beschenkungstages j fuer die nichtjuedische Umgebung. Der juedische Karneval hatte ebenso seine theatralischen Aufzehrungen vor den Toren der Synagogen, wie die Mysterien und Fastnachtsspiele, mit denen die Kirche ihre Glaeu- (blgen erfreute. Mhn weiss, das am Purim waehrend des Gottesdienstes die Frommen und insbesondere ihre Kinder, mit Leidenschaft der Vorlesung der Megillah folgen und die Nennung Harchns jedesmal mit lautem Schreien und Trampeln aufnehmen. Dieses Laermen und die Freude, urspruenglich zum Ritus gehoerig, verlieh der Geschichte von der Koenigin Esther, die anfaenglich nur auf die Liturgie bescbfaenkt war, spaeter, als die theatralische Aufzehrung aus dem Tempel in den Vorhof verlegt wurde, in der Luft des oeffentlichen Platzes bald den Ton eines Schwankes und das Ansehen 'eines Maskenscherzes, ßo fand das komische Element auf ganz natuerliche Weise Eingang in das Spiel von der schoenen Esther und dem boesen Haman. Es .ist auch weiter nichts Erstaunliches dabei, dass sich in unseren gluecklichen Judengemeinden des Mittelalters eine ganze Literatur entwickelte, die von der Esther- Legende inspiriert ist, Abraham de Beziers schrieb eine Liturgie fuer das Purimfest, und urescas de Caylar jenen beruehmten Esther - Roman, dessen hebraeischer Text zuerst nicht zu entziffern war, bis man darin ein reichhaltiges Poem in provencalischer Sprache entdeckte. Colonyme d’Arles, der strenge Autor des „Probiersteines“ hat auch fuer einen Moment seine ernsten Arbeiten aufgegeben, um in Rom eine Megillah zu verfassen. Ein aehnliches Stueck wird Levi Ben Gerson zugeschrieben ohne Zweifel sind aber auch diejenigen, die wir kennen, nicht die einzigen. Und was das Ueberraschendste ist: diese Phantasien, ja Revuen — moechte man fast heute sagen — waren das Werk von Talmudisten oder Exegeten. Ihnen ist es zu danken, dass das versklavte und eingekerkerte Volk, sich in den Staetten seiner Zerstreuung, einmal im Jahre, ein wenig Freude goennte. Aber da das Provencalische die gewcehnliche Sprache der Juden des Suedens wurde, haben diese alten Parodien des 14. Jahrhunderts, die hebraeisch geschrieben * waren, bald jedes Intereresse eingebuesst. Ein viel spaeteres Werk, wirklich volkstümlich, weil es im comtadinlschen Dialekt verfasst war, Ist bis auf unsere Zelten gekommen: das ist die „Tragedion de la Reine Esther“, von der ein kostbares Exemplar von der Bibliothek zu Carpentras . sorgfaetig aufbewahrt wird. Sind die Juden, die sich durch ihre talxnudische Gesetzgebung von der Welt ausschlossen, noch bevor sie die Isolierung durch das \ Ghetto erlitten, sind sie in 1h- : rem Elend von einer chroni-; sehen unausrottbaren Melancholie befallen worden? Ha-! ben sie umsonst versucht ih-: re Traurigkeit abzuschuet-; teln? Liefert ihre Literatur.! wenn sie den Scherz streift, nur ein bitteres und gezwungenes Lachen, aus purer Gefaelligkeit etwa, oder eines, das von der ewigen Angst verunstaltet Ist? Dem scheint nicht so zu sein. Die Tage de3 Purimfestes konnten Tage aufrichtiger und gesunder Volksfreude sein. Das alte TeDAviv im Karneval Wo ist die „gute alte Zelt” geblieben, jene Zeit, in der das Hauptereignis des Jahres in Tel Aviv der Karneval zu Purim war? Achtzehn Jahre sind bereits seit dem letzten dieser Feste verstrichen, Jahre eines harten Lebens l„Jab,re der Spannungen. Die Buerger Tel Ävivs scheinen ihre irueher so geruehmte Eigenschaft, spontane gemeinsame Festesfreuden zu erleben und zu bieten, verloren zu haben. Auch in diesem Jahre wird es keinen Karneval geben und „Adloyada” bleibt ein kaum glaubliches Maerchen aus alten Tagen, das man Kindern und Neueinwanderern erzaehlt — und im Gedaechtnis der alten Siedler eine immer mehr sich vernebelnde Erinnerung. Kehren wir einmal zutueck, weg von unseren heutigen Alitagssorgen, ueber unseren FreineitsKrieg, den zweiten Weltkrieg und die Nazigreuel, zurueck zur Zeit vor dem Ausbruch der arabischen Unruhen, ins Jahr 1935!.. Die geschaeftige kleine Stadt Tel Aviv hat ein schier unbescheiden wirkendes Freudeskleid angelegt. Die Strassen sind froehlich dekoriert, am Mograbi und am Magen David Adom Platz gibt es lustige und bunte Arkaden, die bei nacht illuminiert werden. Ueber die Allenbystrasse treibt eine froehliche und singende Menge. Aber hier ist nicht nur die Stadtbevoelkerung allein. Der ganze Jischuw scheint - nach Tel Aviv gekommen zu sein, um hier das Fest zu begehen. Angehoerige der Kibbuzim in ihren blauen Hemden vermischen sich mit traditionell schwarz gekleideten strengglaeubigen Buergern aus Jerusalem; Bauarbeiter, die keine Zeit mehr zu haben schienen, sich die Zementspuren von Ihren Haenden und Armen zu waschen, mit elegant Von JOSEPH SHACHTER gekleideten Juenglingen; Frauen aus orientalischen Laendern, in froehlichen Farben gekleidet, mit Betarim; und unsere arabischen Nachbarn aus Jaffa sind ebenfalls in grossen Massen gekommen, an der Spitze ihrer grossen Stammesfamilien, um zumindest die schlanken und allen sichtbaren Fuesse der Kibbuz-Maedchen zu besichtigen... Ueberall auf den Strassen sitzen. Orchester und spielen Hora nach Hora — manchmal wirklich etwas zu laut und nicht sehr melodisch; aber was macht das schon! Hunderte, Tausende tanzen, singen, schreien, schwitzen — aber niemand wird muede. Fast 48 Stunden lang dauert das Fest. Purim im alten Tel- Aviv. Es war immer ein besonderer Feiertag, der unter dem Protektorat des verstorbenen Buergermeisters der Stadt. Meir Dizengoff, stand. Welcher Buerger von Tel Aviv erinnert sich nicht an Aldema den Maler, der den Festzug organisierte, oder an Agadati. den- Taenzer, der fuer die Maskenbaelle verantwortlich war. Das Fest begann am Vorabend von Purim mit Trompetenstoessen vom Gebaeude der Stadtverwaltung. Kurz nachher wurde vor der Grossen Synagoge die Megillah verlesen. Dann stroemte die Menge zum „Palast der Esther” im „Koeniglichen Hof”, wo Buergermeister Dizengoff die Festlichkeiten formell eoreffnete, Ueberall in der Stadt gibt es Freilichtbuehnen, auf denen die Purimgeschichte in verschiedenen Versionen — je nach der Zusammensetzung des Publikums, ob e3 sich um Kinder oder Erwachsene handelt - geschildert wird. Die besten Kuensler, Saenger, Taenzer, Schauspieler und Musiker nehmen daran teil. Und die Strassen sind voll von mexikanischen Banditen, Zigeunerprinzessinnen, Tartarenhaeuptlingen, Schotten, Maria Antonoinettes, Pierrotsr Hottentotten und was man sich noch alles ausdenken kann. Eintrittsgeld zu einem Maskenball: 75 Mills... Der Hoehepunkt des Abends ist das Abbrennen eines Feuerwerks im „Koenglichen Hoi1”. Und die ¡Hora-Taenzer springen und singen durch die vom Mond beleuchteten Strassen. Buergermeister Dizengoff stellte 3,000 Pfund aus Stadtfends fuer die Organisierung dieses Purim-Karnevals zur Verfuegung. Der Dichter Blalik. der niemals eine Gelegenheit zur Unterhaltung versaeumen wollte, war einer der groessten Karneval-Enthusiasten. Ihm wird die Praegung des Wortes „Adloyada” zugeschrieben, das, woertlich uebersetzt: ,3is man nichts mehr weiss”, bedeutet. Er berief sich, dabei auf den Talmud der sagt, dass man zu Purim trinken soll, bis man nicht mehr den Unterschied zwischen „Gesegnet sei Mordechai” und „Verflucht sei Hamman” erkennt. Der mit Spannung erwartete Karneval-Umzug fand in den fruehen Nachmittagsstunden des zweiten Tages statt. An der Spitze ritt Buergermeister Dizengoff auf einem weissen Ross, begleitet von Abraham Shapiro? den legendaeren Waechter von Petach-Tikwah, ebenfalls hoch zu Ross. Einige Meter hinterher, auf einer arabischen Stute, reitet ein kleiner Mann in einem grossen Schlapphut und mit bunter Krawatte: Aldema, der Maler, der das Fest organisiert hat. Ihm folgt Bialik in einer Kutsche und neben ihm sitzt das ln diesem Jahre zur Koenigin Esther gewaehlte Maedchen, mit der funkelnden Tiara auf ihrem schoenen Koepfchen. KOENIGIN FÜR EINEN TAG --- -;

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