Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XVI (1954)
- Issue
- 1 (Enero, 1954)
- Date
- 1954-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 BOLETIN INFORMATIVO Enero, 1954 Bevor du in die Ferien gehst hast du gegenueber deine pflicht erfuellt? dem Magbit mmm mm mmI ' V - s Wm mm m Mä mm. Sie kamen aus Jemen: Auf Adlersfluegeln Ruth Gruber Ich bin vor kurzem nach Aden geflogen. Ich fuhr hin. weil ich sehen wollte, was man mit den Juden macht, die dort aus dem Jemen ankommen. Der Jemen nimmt bekanntlich den Sueden Arabiens ein. Er ist ein derart isoliertes arabisches Land, dass kaum jemals ein Europaeer oder ein Amerikaner seinen Boden betritt. Man sagt, dass gegenwaertig nur ein Europaeer im Jemen lebt: ein italienischer Arzt, der die Gesundheit des Ismans (Koenig) huetet. In einem grossen Strom fluechten heute die 40 bis 50,000 Juden des Jemen nach Aden. Sie kommen zu Fuss, mit einem Esel, mit einem Kamel, wie immer es ihnen moeglich ist, Sana, die Hauptstadt zu erreichen. Dort sammeln sie sich und steigen von den Bergen zur Grenze zwischen dem Jemen und Aden herab, wo die Englaender sie in Sammellager fuehren. Niemals gibt es mehr als 3000 zur gleichen Zeit in diesem Lager, da man neue Juden in dem Mass aufnimmt, in dem die alten abfahren. Sie kommen voller Schrecken, diese duennen, mueden, dem Tod nahen Juden. Es sind Juden, die eine Erniedrigung durchlebt haben, wie sie menschliche Vorstellungskraft nicht begreifen kann. Es sind Juden, denen man verboten hatte, einen Esel zu besteigen, weil das eine Beleidigung fuer die Mohammedaner darstellen koennte. Es sind Juden, denen auf der Strasse Araber ungestraft ins Antlitz spucken durften... Und nun kommen sie... Niemand draengt sie. Sie haben erfahren, dass es ein Land namens Israel gibt. Sie haben erfahren, dass dort ein neuer juedischer Staat erstanden ist, so wie es in der Bibel prophezeit wurde. So verlassen sie denn ihr Land und ziehen fort, um in diesen neuen juedischen Staat zu gehen, denn unter ihnen erzaehlt man sich, dass sie die aelteste juedische Exils-Gemeinde der Erde seien, die nach der Zerstoerung des ersten Tempels in den Jemen zogen; als der Koenig Cyrus den Juden erlaubte, nach Pal ä e s t in a zurueckzukehren, wollten sie nicht gehen. Sie weigerten sich, der Aufforderung Esras unud Nehemias nachzukommen. Sie sagten: “Nein, wir werden hier bleiben”. Und ihre Legende sagt, dass sie so viel leiden mussten, weil ihre Ohren damals dem Ruf des Heiligen Landes verschlossen blieben. Aber jetzt gehen sie, und so kommen sie nach Aden. _Als ich sie zum ersten Male sah, fuehlte ich mich 2000 Jja h r e zurueckversetzt. Es war mir, als floege ich in die ISphaere meines Unterbewusstseins. So warst du, so war ich, vor 2000 Jahren. Das sind Menschen, die direkt aüs der Bibel kommen, und es ist die Bibel, die sie die Jahrtausende am Leben erhielt Man hat uns immer gelehrt, dass wir Juden uns dank der Bibel am Leben erhielten, diese jemenitischen Juden aber sind der lebende Beweis dafuer. Sie leben vollkommen im Gesetz des Moses. Die Bibel ist ihr Lebensreich . Ja, es sind reine Menschen, Heilige, die sich in ihrer Welt heilig hielten. Auf ihrem Weg nach Aden kreuzten sie die Grenzen vieler arabischer Potentaten, und jedem kleinen Scheich auf ihrem Weg zahlten sie eine Kopfsteuer. Ich fuhr in eines dieser kleinen Sultan-Reiche, um zu sehen, was es heisst, im Jahre 1949 ein jemenitischer Jude auf der Flucht zu sein. Ich wollte erfahren —denn wie sonst koennte ein Amerikaner so etwas wohl verstehen!— was es heisst, ein Jude der Bibel zu sein, der vor Edom flieht i Man sagte mir in Aden: ‘‘Sie j sind wahnsinnig! Man wird j sie einfach totschlagen!” Ich j meinte: “I c h glaube es kaum. Ich habe einen ame-! rikanischen Pass”. Ich erhielt ausserdem einen englischen Agenten und einen Dolmetscher zugesellt. Und im Auto reiste ich dann durch den Sand der Wueste in eines dieser kleinen Sultanate. Immer, wenn wir in ein kleines Doerfchen kamen, hielten uns Araber von wildem Aussehen, mit langem Haar und mit einem Gewehr bewaffnet, das mir eher eine Kanone zu sein schien, an. Ich wurde doch aengstlich. Ich erinnerte mich an die Schilder, die man in Nordamerika waehrend des Kriej ges an den Bahnhoefen ani brachte, um die Zuege vor Ueberlastung zu schuetzen: “Muessen Sie diese Reise wirklich antreten?”. Und es | gab Minuten, in denen ich i mich fragte, ob ich mich j wirklich auf diese Reise machen musste, aber dann I wusste ich doch gleich wie- | der: ja, es war notwendig, denn ich wollte lernen, wie ein Jude sich in arabischem Land fuehlt! Schliesslich kamen wir in Lochech an. Der “Sultan” von der Grenze der letzte arabische Potentat, der ein Kopfgeld auf jeden jemenitischen Juden erhebt. _ Ich sah aort die jemenitischen Juden zusammengedraengt auf einem Platz, der an einen Schlachthof erinnert. Ich sah sie zusammengedraengt in Angst und Terror stehen, in ihre Talessim gehuellt, ins Gebet vertieft. Auf dem Boden hockte ein Araber und zahlte die Silbermuenzen, die er einkassiert hatte. Jenseits des Weges war das “Zoilgeoaeucte”, und denjenigen, die dort standen, war der Terror ins Gesicht geschrieben. Die Araber gingen zwischen ihnen umher und kassierten ihre “Prozente”. Eines muss ich zugunsten dieser Sultane sagen: sie sind gemessen an anderen Judenhetzern wahre Kavaliiere und geben sich mit “Prozenten” zufrieden. Jeder laesst ein wenig uebrig, damit auch I der naechste Sultan noch et- | was holen kann. Hier aber | war das Ende der Reise, und I fuer den Sultan von Lochech i war nicht mehr viel uebrig geblieben. Ich fuhr dann wieder ir Lager nach Aden zuruec und beobachtete, wie in d< Nacht die jemenitischen Jr den in vorsintflutlichen ami rikanischen Lastautos i n Lager gebracht wurden. Di Wueste invadierte das Lage Da kamen sie, der Krank stuetzte noch den Lahmei der Krueppel fuehrte de Blinden, Greise trugen ihr Frau auf dem Ruecken, Kir der schrien vor Schmerz. All heulten: “Krank, krank! Und wir standen da un reichten ihnen das erste Gla Milch und Datteln. Wir star den da und rieten ihnen zu “Nun seid Ihr in Sicherhei nun kommt Ihr nach Hau se! Ihr seid nun unter Ju den, und wir werden fue Euch sorgen. Schluss mit de: Arabern!”. Sie blieben nur kurze Zeit im Lager,.!sie ruhten sich Wie Jemeniten — Kinder lernen OPERATION “ZAHNBUERSTE” “Wer naechsten Donnerstag nicht mit Zahnbuerste und einer Tube Zahnpasta kommt, darf nicht am Unterricht teilnehmen”, erklärte Ruth, die junge Lehrerin an der neueroeffneten Schule in Jabba, einer Jemenitensiedlung im Jerusalemer Korridor; natuerlich nicht ohne vorher reiflich ueberlegt zu haben, ob die materielle Lage der Eltern solch drakonische Massnahmen gestattet. Als Ruth an dem bewussten Donnerstag morgen aus dem Autobus stieg und in den steinigen Fusspfad einbog, der zum Dorfe fuehrt, wurde sie von einer Horde lachender, schreiender Kinder erwartet, jedes von ihnen j eine Zahnbuerste wie eine j Trophaee schwingend. Keiner liess den anderen zu Worte kommen, jeder wollte an der Seite der Lehrerin gehen und ihr erzaehlen, wie er mit Bitten, Traenen und hoeherer Diplomatie aus misstrauischen und jeder Ausgabe abgeneigten Eltern das •gewuenschte Objekt erpresste. “Als ich nach Hause kam, sagte ich zu meiner Mutter, ich kann nichts essen”, fing die zwoelfjaehrige Rachel an. “Leg” Dich hin”, sagte meine Mutter. “Nein, das wird nicht helfen, aber wenn Du mir eine Zahnbuerste kaufst, dann werde ich wieder frisch und munter...” Mosches Mutter dagegen beauftragte Ihren Sohn, auf den juengeren Bruder zu achten, Mosche lehnte dies ab unter dem Vorwand, er haette Bauchweh. Darauf braute ihm die Mutter einen Forts, auf Seite 7 MIT TRAENEN UND DIPLOMATIE ein wenig aus, sie lasen dabei in ihren herrlichen heiligen Schriften, jenen handgeschriebenen Rollen, denen sie ihr Ueberleben verdanken. Nach ihnen lebten sie, sie schrieben sie immer wieder ab, und damit lehrten sie die Welt, was ein heiliger Jude ist. Endlich geht es weiter in den grossen “Skymasters” nach Lydda. In dem Flugzeug, mit dem auch ich flog, waren es 140. Man denke: 140 Menschen in einem Flugzeug. 70 Pfund wiegt ein jemenitischer Jude im Durchschnitt, und ihre 12 jaehrigen Kinder wiegen, was bei uns ein Kind von drei oder vier Jahren wiegt! Ja, hundertundvierzig Juden waren in diesem Flugzeug, aber sie sahen kaum aus dem Fenster, sie sprachen auch nicht. Sie flogen ueber den Golf von Aden, der von Haifischen wimmelt, und dann flog das Flugzeug —ein Symbol!— ueber das Rote Meer, durch das vor Jahrtausenden unsere Ahnen gezogen sind. Sie aber erleben diesen Exodus zum zweiten Male, well sie die Sklaverei Aegyptens so lange durch gemacht haben. Nur dass sie heute fliegen, wo sie damals durchs Wasser zogen... aber auch das steht in der Bibel: “Auf Adlers Fluegeln hole Ich Euch heim...”. Dann landeten wir in Lydda. Es schien, dass sie so viel Glanz nicht ertragen konnten. Sie schienen blind zu werden im Anblick des Heiligen Landes. Da standen sie in kleinen Gruppen, Heilige, die nach 2500 Jahren in die heilige Heimat zurueckkehren. Ich sah sie an, und ich war nicht faehig, einen Gedanken zu fassen. Ich wurde stumm wie sie. Ploetzlich kam eine alte Frau auf mich zu, nahm meine Hand und kuesste sie. Oh, ich habe viel gesehen vom j uedischen Schicksal... Ich war dabei, wie die Briten auf “illegale” Einwanderer schossen... Ich war dabei, als die “Juden die Hoelle Zyperns durchlebten... Ich war dabei und sah die Juden der “Exodus” kaempfen... Und im vergangenen Jahr war ich dabei, wie Jerusalem beschossen wurde. Aber nichts in all den Jahren hat mich so erschuettert wie der Kuss der alten Frau. Und ich sah: hierfuer haben wir gekaempft, hiefuer haben wir alles getan, was wir konnten hierfuer: damit jeder Jude in seine Heimat gehen kann. Redaktionsschluss 15