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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1953-11-01 · 11 (Noviembre, 1953) · p. Seite 4

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XV (1953)
Issue
11 (Noviembre, 1953)
Date
1953-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 BOLETIN INFORMATIVO Noviembre, 1953 (Schluss vom PLAÜDERSTUENDCHEN) DI? NACHBARN: NEUER WEIN IM ALTEN KRUG Wir sprechen, vom Tagesgeschehen angeregt, ueber die feindseligen Beziehungen zwischen den arabischen Staaten und Israel. Ich kann meine JSnttaeuschung darueber nicht verhehlen, dass auch die “neuen" Elemente in der arabischen Welt, wenn sie zum Sieg gelangt sind, sich zu Keiner Verstaendigung mit uns bereit erkiaereu. Mein Gegenueber betont demgegenüber energisch dass Israels Zukunft weit mehr vom Westen und seiner Politik abhaengt als von unseren unfreundlichen Nachbarn. Je. denfalls betreiben die jetzigen Machthaber in Aegypten, wenn sie ueberhaupt als “neue” Kraft anzusprechen sind, eine ziemlich “alte“ Aus. senpolitik. Von ihren Programmpunkten haben sie nur die Beseitgung des Faroukschen Regimes und die Los. loesung von den Englaendern durchfuehren koennen. “Da ihre Erfolge auf dem wesentlichen und schwersten Gebiet naemlich auf dem der sozialen und Landreform ausserst bescheiden sind”, faehrt Dr. Kannowitz fort, “besteht die grosse Befuerchtung, dass man sich wieder einmal* Lor. beern durch eine agressive Aussenpolitik z u erwerben sucht und den Konflikt mit Israel als willkommenen Ausweg aus einer innenpoltischen Klemme kuenstlich anfacht”. Das alles klingt sehr bedenklich, doch der Ton wird zuversichtlicher, als mir mein Gespraechspartner weiter au. seinandersetzt: “Und trotzdem besteht die Moeglichkeit einer Versoehnung zwischen der arabischen Welt und uns unter verschiedenen Voraussetzungen. Erstens. rn”Q«0°n die Juden genuegend Kraftpotenzial exn.wj.o^e^ii, u in Konzessionen machen z u duerfen, denn nachgeben soll man aus Staerke, ohne auch nur den Verdacht einer Schwaeche zu erwecken. Weiterhin, muessen die Weltmaechte eindeutig zu erken. nen geben, dass, sie im Mittleren Osten Frieden brauchen und ihn durch Strafandrohung gegen den Teil, der sich auf die Dauer einer befriedigenden Loesung entzieht, zu erzwingen gewillt sind. Schliesslich aber liegt es an den Juden, sich waehrend dieser Uebergangszeit jeder militaerischen und kolonisatorischen Provokation zu enthalten. Vielleicht wirkt solch eine Haltung weiser Selbstbe. schraenkung seitens der Juden sogar ansteckend auf die Araber...”. DER ARBEITSTAG UND SEINE 25. STUNDE Dr. Kannowitz konnte diesen frommen Wunsch nicht zu Ende bringen. Es war nicht das erste Mal, dass das Telephon uns aus dem Gespraech [riss. In kurzen Abstaenden hatte es bereits mehrere Male gelaeutet; Dr. Kannowitz hatte ErkJaerungen und Anweisungen durch den Fernsprecher erteilt, ja ich bemerkte sogar, dass er, der Kinderarzt mit Leib und See. le, Zeit gefunden hatte, einigen unserer Eltern wichtige erzieherische Beratung z u teil werden zu lassen. Diesmal nun schien am anderen Ende der Linie der Vertreter einer Organisation zu sein, der einen offiziellen Emp. fang fuer den Schaliach fest, legen wollte. Ich reichte diesem seinen Verabredungskalender hinueber, ein Buechlein, das so leicht weg und doch, bei mir ward es zu schwer befunden: Bei Hermes, dem Gott der Boten und Schlichim, das Buechlein war bis zum “Ueberlaufen“ voll, kein Tag, der nicht vollstaen. dig beschriftet war mit den vielen, und so verschiedenen Verabredungen: oeff entliehe Vortraege und Empfaenge im kleinen Kreis, Propagandare. den und philosophische Eroer. terungen Zusammentreffen mit Randjuden, ein Besuch ln (|er /Heljraei9chen Schule. Doch wie machte es der “Me. lamed” in der bekannten ost. juedischen Geschichte, nachdem er schon alle Stunden des Tages besetzt war und sich ein neuer Schueler meldete? Er nahm ihn an, denn “er wird ihn schon irgendwie einschieben!” Dr. Kannowitz nimmt sie auch Alle an, die Treuen von altersher und die Neuhinzugekcmmenen, di* grossen und die kleinen Organisationen, die Puenktlichen. und die Unpuenktlichen. Und wenn eine Woche schon so richtig ausgefuellt ist, und es meldete sich noch jemand, nun, “so wurde er schon irgendwie eingeschoben”. TRAEUME SIND KEINE SCHAEUME “Es waren eigentlich weniger hochpolitische Fragen, die ich an Sie richten wollten”, nahm ich dann die Unterhai. tung wieder auf, “als andere, etwas mehr privater Natur, Sehen Sie, Dr.' Kannowitz, Sie gehoerten zu der Alten Garde des Fruehzionismus in Deutschland, und werden sich besser an die damalige Vorstellungswelt unserer Leute erinnern koennen. Ich selbst kenne diese nur aus Erzaeh. lungen in meiner Familie und Literatur, doch habe ich immer empfunden, dass diese Urzionisten eigentlich viel, mehr von ihrem Ideal verlangten als etwa nur einen juedischen Staat. Sie beluden ihr Ideal, sie uebertrugen auf den Zionismus alle Traeume einer schoeneren und gerechteren Welt. Nun also, da Sie einerseits diese Schwaermereien doch wohl teilten, andrerseits heute nicht nur die israelische Wirklichkeit kennen, sondern sie leben —wie wirkt auf Sie der Kontrast zwischen Vorstei. lung und Verwirklichung?”. Mein Gegenueber hatte mir wehmuetig an vergangene und unerfuellbare Jugendtraeume zu denken, wir sollten vielmehr stolz empfinden: in Israel ist das Gute und Ed. le, von dem wir schwaermten, am Schaffen!” Die Frage und seine Beantwortung muessen bei meinem Partner doch Erinnerungen geweckt haben; leise zitiert er die Anfangsworte eines Liedes, das von den zionistischen Studen. ten vor Jahrzehnten gesun. gen wurde “Wir sind die Traeumer in Israel”. Und da bricht sich ploetzlich sein Humor Bahn; ein Geistesblitz, tief, scharf, doch durch Scherz gemildert: “Ei. gentlich trifft es nur in sehr, sehr begrenztem Masse zu, dass wir die Traeumer waren. Traeumer waren die auf der anderen Seite, die in die Traumvorstellung der Assimilation verstrickt waren. Wir waren die “erwachten Erwecker!” aufmerksam zugehoert, seine Antwort schien versonnen, wenn auch klar und bestimmt. “Tatsaechlich sahen die Zionisten der romantischen Fruehzeit im Zionismus die Erfuellung uralter Sehnsuechte, die seit jeher in der Menschheit lebendig waren Palaestina, das gelobte Land, verwandelte sich in eine Utopie, man glaubte, dass dort alle menschlichen und gesell, schaftlichen Probleme ihre Loesung finden wuerden. Dieses naive Vorurteil muss man aufgeben, wenn man der Wirklichkeit in Israel gerecht werden will. Israel, besitzt keinen Filter fuer Charaktere, es sind dort, wie in jeder menschlichen Gesellschaft, schoepferische und destruktive Elemente am Werk. Aber”, dies setzt Dr. Kannowitz mit groesstem Nachdruck hinzu, “die Chance Israels liegt ja nicht in dem, dass dort etwa nur Gutes und Edles vorhanden waere, sondern dass den schoepferischen Kraeften die Freiheit gegeben wird, zu kaempfen Und sich durchzusetzen. Wir brauchen nicht DER AUSZOG, SEINE BRUE- DER ZU SUCHEN Das veranlasst mich dazu, Dr. Kannowitz zu fragen, ob und wie schnell er den Kon-1 takt mit den Auslandsjuden, die ja immer noch in einer anderen Vorstellungswelt leben, gefunden habe. Er bejaht wieder halb scherzhaft: Gar so entwoehnt war ich ja nun nicht, —es gibt auch in Tel-Aviv Gaiuthjuden... Mit. guten Zionisten im Ausland stellt sich eigentlich die Verbindung schneller und herzlicher her als gewoehnlich Vielleicht koennte man dies so analysieren: Jeder im Aus. land lebende Zionist leidet an einem unbewussten Schuld, komplex; daraus ergibt sich eine ungeloeste Spannung in seinem Leben, die es ihm nicht erlaubt, vollauf glueck. ich zu sein. Der intime freundschaftliche Verkehr nun mit Israel-Menschen, als 3urregat eines Lebens im Is. •ael-Lande. befreit diese tief, .empfindenden Menschen von einem staendigen Druck und so geben sie sich aufgeschlossener und waermer ihren Chaverim von “drueben”. Es offenbart sich hier in einer mehrenden Form, wie tief die Sehnsucht nach Israel bei Vielen ist. Sind es nicht dieje. nigen, die den Traum, selbst nach Israel zu gelangen, nicht aufzugeben wagen, weil sie spueren, dass sie damit das Beste aufgeben wuerden?". Mich beunruhigt schon seit einiger Zeit die Stimme des Dr. Kannowitz, die von Anbeginn einen ueberanstrengten Eindruck machte und jetzt zunehmend belegt klingt. Da bittet er mich auch schon selbst: “Und jetzt muessen Sie mir etwas erzaehlen! Ich kann nicht mehr sprechen, und heute abend habe ich noch die Rede vor mir!” Als ich sehe, wie der Doktor selbstverschriebene Pillen zur Beruhigung seiner angestreng ten Kehle zu sich nimmt, ver. spuere ich augesprochene Ge. wissensbisse und so beeile ich mich, nun meinerseits zu berichten, persoenliches und Dinge, die unsere Gemeinschaft anbetreffen. Mein Gegenueber ist ein aufmerksamer Zuhoerer, der wie er durch Zwischenfragen beweist, Zusammenhaerige blitzartig uebersieht und genaueste Formulierung verlangt. Ich kann ihm. unter anderem ven dem Bemuehen unserer Gemeinde umdie junge Generation oder von spontan entstandenen Zirkeln fuer geistige Arbeit erzaehlen, und er scheint befriedigt, i Doch als ich ihm von dem Er. Ziehungsproblem ln der Gesamtkollektivitaet berichte, da ruft Dr. Kannowitz aus: “Nein, da muss ich wie Rothschild ausrufen, als man den Schnorrer zu ihm fuehrte “Schmeisst ihn raus, der arme Mann bricht mir das Herz!”. WAS DIE JUGEND UNTER¬ NEHMEN KANN Ich betrachte das als mein Stichwort und will mich empfehlen, doch Dr. Kannowitz haelt mich zurueck: “Was bedrueckt Euch noch?” Aus meiner langen Liste von Anliegen hole ich mir das hervor, welches mir am meisten am Herzen liegt: “Koennten Sie mir einige Richtlinien sagen, die ich als moralische Forderung an unsere Jugend weitertragen soll?” Dr. Kannowitz wird ernst: “Unsere Jugendarbeit muss weiterhin den Geist der Cha. hwinth aufrecht erhalten. Jugend muss ins Land gehen und beim Aufbau mithelfen. Aber auch die jungen Leute, die nicht auf die Dauer in Israel zu leben beabsichtigen, sollten einen ein— bis zweijaehrigen Studienaufenthalt in Israel erstreben, um auf diese Weise eine Bruecke per. soenlicher Erfahrung und Verbundenheit mit Israel zu bauen. Schliesslich aber muss das Ringen um das Beherrschen des Hebraeischen und eine Kenntnis seiner Literatur, in erster Linie natuerlich der Bibel, einen zentralen Platz in der jugendlichen Ak_ tivitaet einnehmen. Es muss mich ueberhaupt wundern, das ausser einigen unserer Frauen, kein Zionist die Anstrengung macht, sich mit dem Hebraeischen vertraut zu machen. Nicht das so oft erwoehnte perfekte Sprechen, sondern der enuss an SohaetzGen unerer nationalen Literatur kann und soll das erreichbare Ziel sein!”. GRUSS AUS ISRAEL Als ich mich verabschiede, nicht ohne eine neue Audienz erbeten zu haben, gibt mir Dr. Kannowitz aus einer Map. pe einen Aufsatz ueber ein Thema der juedischen Philos. phie mit. “Das habe ich zur Verteilung unter meinen Freunden mitgebracht. Nimm es dir mit und lies es gut durch, e<= wird dich in. teressieren!”. Es freut rrdch, dass Dr. Kannowitz mich duzt, ich erwidere fest seinen Haendedruck. Als ich allein draussen stehe, versuche ich meine Eindruecke und Gedanken zu Ordnen. Von dem erfolgreichen Schaliach hatte ich bereits gehoert, den sachkundigen Redner bewundert. Doch nun hatte ich Gelegenheit gehabt, den geistvollen und warmherzigen Menschen kennenzulernen, der sich hinter jenen vergarg. Dr. Kannowitz war ein schoener Gruss, den uns Israel schickte! BenKo (Schluss vom Israel-Bericht) nicht arm. Ihr Ehrenmal sind d i e zahlreichen landwirtschaftlichen Siedlungen, ai* sie —und unter ihnen viele Akademiker— geschaffen haben. Vor allem bauten sie die Einwamdererfuersorge aus, die heute Million Neueinwanderer betreuen kann. Israel hat heute eine hoechst entwickelte Medizin, zu der Juden aus Deutschland einen enormen Beitrag geleistet haben. Ihre moralische Taetigkeit und ihr abgeklaertes Urteil haben ihnen zur Erreichung von Spitzenstellungen verholfen. So sind der Justizminister, der oberste Richter, der Staatskontrolleur Menscher dieser Alijah. Das grosse Wunder dieses Staates ist, dass alles funktioniert, und das war nur darum moeglich, weil die Arbeiterschaft vor allem in der Histadruth, den Apparat fer. tig aufgebaut hatte. Unserp Jugend ist noch nicht ge schliffen, manchmal sogar unhoeflich, aber sie hat eine bescheidene, anspruchslos? Vorstellung vom Glueck des Lebens. Sie ist sorglos, frei; die Maedchen eitel Jun. gens jedoch ungepflegt, aber sie sind arbeitsam. Israe1 ist ihnen gut bekommen. Das Hauptproblem Israel besteh! heute darin, 2 Voelker Europa und Orient, askenasischP und sefardische Juden zusammen zu schweissen. Dies ge schieht durch Schule und Ar. mee. Das entscheidende Faktum Israels besteht darin, dass der Pogrom als Phaenomen nicht mehr existiert, damit ist ein Lebensproblem der Juden geloest. Es steht fest, dass die Atembeklemmungen der Ju. den im Golus ohne Israel viel staerker waren. Israel strahlt, eine starke materialistische Kraft aus, denn es braucht viel Geld, geschenktes und geliehenes. Die Betraege, die die Magbit jaehrlich aufbringt, gehen nicht ln die Staatskasse, denn diese hat kein Defizit, sondern sie wer. den fuer die Alijah und ihre Einordnung benoetigt. Die Lebenshaltung in Israel 4st ausserordentlich niedrig. Es gibt eine duenne Oberschicht, die sich jeden Luxus leisten kann. Fuer die Masse ist die oekonomische Lage schwer. Das wichtigste Problem, das der Staat zu loesen hat, ist das Araber-Problem. Ohne dieses koennten unsere Beziehungen so schoen sein, denn es sind keine vitalen Interessen damit verbunden Aber durch die Niederlage, die sie im Begreiungskrie erlitten ha. ben ist ihr Nationalstolz beleidigt worden, und die Araber innerhalb und ausserhalb des Landes sind stolz. Im, Grunde ist das ganze nur eine Fol. ge des in der Welt herrschen, den kalten Krieges. Ohne das ungeheuere Sicherheitsbudget koennte Israel das phantastischste Land sein. Und zum Schluss koennen wir fragen, was geht uns das alles an, die Wir so weit weg von Israel leben? Die Antwort Israels ist: Wir exportieren Sicherheit, wir haben das Fremdheitsgefuehl der Juden in der Welt aufgehoben, wir kommen nicht als Bettler zu Ihnen. Ein lebendiger Strom von Menschen, Ideen und materiellen Opfern muessen zwischen 'Israel und den Laendern der Gola ausgetauscht werden, um unser juedisches Volk zu erhalten. Dr. Landau dankte mit begeisterten Worten dem Redner fuer seine so besonders interessanten Ausführungen. Und auch wir glauben, dass Dr. Kannowitz bei den leider nicht allzu zahlreich anwesenden. Zuhoerern das erreicht hat, was er bei anderer Gelegenheit zum Ausdruck brachte. Die Juden muessen wieder etwas unruhiger werden, sie sind uns zu ruhig. Hoffentlich gelingt auch der zweite Teil dieses Gedankens: Die Araber muessen etwas ruhiger werden, sie sind uns zu unruhig. E.

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