Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXV (1973)
- Issue
- 9 (Noviembre, 1973)
- Date
- 1973-09-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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SEPTIEMBRE 1973 25 Zum 25. Todestag Ludwig von Herbert Freeden , Das Leben Emil Ludwigs, der um 17. September 1948 in Aseona im Alter von 67 Jahren starb, spiegelt zu einem gewissen Masse das Schicksal der deutschen Judenheit wider, deren Teil er war. Dem .Judentum entfremdet, kehrte er zurück, obwohl er von fern kam — er war getauft — und seine Rückkehr brachte ihn nur auf halbem Wege nachhause. Ludwig, als "Kosmopolit” verschrien und gepriesen, führte in die Literatur eine seinerzeit neue und gewagte Form des Porträts ein, die "psychologische Biographie”, die interessante Perspektiven in das Studium der “Grossen” unserer und anderer Zeiten eröffnete. Der Glanz seines Stils und sein künstlerisches Temperament machten seine iBographien in 19 Sprachen berühmt. Um die akademische Karriere seines Sohnes zu erleichtern, wählte sein Vater Hermann Ludwig Cohn, ein bekannter Augenarzt in Breslau, für ihn den Nachnamen Ludwig. Bis zum Ausbruch Von Betty Heimann des 1. Weltkrieges führte Emil Ludwig das zurückgezogene Leben eines Dichters von belle letters und romantischer Sonetts. Erst während der Jahre 1914-1918, als er in der Rolle eines Reporters durch die Hauptstädte der Welt raste, entwickelte sich seine machtvolle Begabung, Menschen und Ereignisse zu analysieren. Seine erste Biographie, 1920 erchienen, schockierte die konservativen Literatur-Historiker: "Goethe — die Geschichte eines Mannes”. Arbeiten folgten über Lebende und Tote, Genies und Charlatane, Berühmte und Berüchtigte, und von Emil Ludwig interviewt zu werden, glich einem Entree-Billet ins Pantheon der Unsterblichkeit. Roosevelt, Stalin, Nansen, Masaryk, Briand, Rathenau, Freud, Lloyd George, Venezuelos, Hindenburg, Wilhelm II und Mackenzie King waren Sujets seiner Essays, und seine historischen Profile umfassten Lincoln, Bismarck, Lassalle, Napoleon, Michelangelo, Rembrandt, Beethoven und Cleopatra. Meist umstritten war sein Buch: “Menschensohn: die Geschichte Jesus”; die grösste Auflage erreichte “Juli 1914”, das Deutschland die Schuld am 1. Weltkrieg nachzuweisen sucht. Es gab zwei Wendepunkte in seinem Leben: der eine, als Walter Rathenau 1922 ermordet wurde und Ludwig demonstrativ aus der Kirche austrat, “um mit seinen Brüdern in ihrer Stunde der Prüfung zu sein”; der zweite, 10 Jahre später, als er Mussolini begegnete. Der italienische Diktator erhoffte sich Vorteile von einer günstigen Interpretation durch den einflussreichen Schriftsteller und er empfing ihn wie einen der Grossen dieser Erde. Ludwigs Schwäche für Persönlichkeiten von “Kaliber” und nicht weniger seine Eitelkeit gingen auf diese Schmeicheleien ein, und in seinem Buch über Mussolini versuchte er geschickt den italienischen Faschismus für liberale Gaumen schmackhaft zu machen. Er schreckte nicht einmal davor zurück, einige Jahre später die italienische Invasion Emil Ludwig in Abessinien gutzuheissen — eine Entgleisung, die ihm z. B. die Holländer niemals vergaben und die es ihm unmöglich machte, eine im Jahre 1945 angesetzte Vortragsreise durch die Niederlande durchzuführen. Ludwig wurde Schweizer Bürger und verbrachte den 2. Weltkrieg in den Vereinigten Staaten. Seine scharfe, unbarmherzige Feder war von den Nazis gefürchtet, die ihn von allen schreibenden Emigranten am meisten hassten. Er revanchierte sich mit seinem Hass, und in seinem Vorschlag einer Betrafung Deutschlands ging er sogar weiter als der “Morgenthau- Plan”, der eine völlige Deindustrialisierung Deutschlands vorsah, und er forderte bedingungslos, dass kein Jude jemals wieder Fuss auf deutschen Boden setzen solle. Zweimal machte Emil Ludwig eindringliche Appelle für das jüdische Volk: 1936 auf einem “Deutschen Tag” in New York,als er in bewegenden Worten vor einer riesigen Zuhörerschaft von der Erniedrigung und den Leiden der deutschen Jud'n sprach; und das zweite Mal in seinem Buch “Der Mord von Davos” (Methuen, London 1939), geschrieben in Verteidigung von David Frankfurter, dem jüdischen Studenten, der ein Jahr zuvor Wilhelm. Gustloff, den Nazi-Gauleiter” von Davos erchossen hatte. In einem leidenschaftlichen Appell an den Schweizer Gerichtshof, und an die Oeffentlichkeit in den westlichen Demokratien erzählte Ludwig von der Kindheit Frankfurters, dessen Vater Rabbmer war. “Ist Freitag abend nicht voller Zeichen und Wunder?”, rief er nach einer liebevollen Beschreibung der Atmosphäre und Gebräuche in Davids Elternhaus aus, “Das Leben eines religiösen Juden ist übervoll mit Formen und Formeln, aber er ist ununterbrochen Gott nahe”. Obwohl die jüdische Ethik Mo~d selbst aus den rd'lsten Motiven verbietet, erklärte er — "und als frommer Jude war David schuldig, weil er selber diese Schuld fühlte — rief er den Gerichtshof an, Gnade walten zu lassen, ind'-m er die fruchtbaren Dimensionen der jüdischen Tragödie vor einer Welt aufzeigte, die damals im Banne von Hitlers Erfolgen stand. Heute sind Emil Ludwig und seine Bücher vergessen, und es ist zweifelhaft, ob sie eine Renaissance erleben worden, wie so manche Werke anderer deutscher Schriftsteller der Vor-Hitler-Zeit. Eines von Ludwigs späteteren Werken trägt den Titel “Das Mittelmeer”. In Jahre 1932 gestand er einem Reporter des “Jewish Chronicle” in London, dass er — der sich als Europäer bezeichnete — vom Mittelmeer angezogen war, “was wahrscheinlich daher kommt, dass ich ein Jude bin”. Aber auch diese Attraktion, so schreint es, verlor sich auf halben Wege und reichte nicht bis zu Ostküste des Mittelmeers. Denn er gab zu: “Ich habe Palästina besucht, aber es ist mir innerlich fern geblieben”. AELTERWERDEN-EINE BEREICHERUNG Ein neues Jahr kommt — und wir sind wieder einmal ein Jahr älter geworden. Wir verzeichnen dies mit Besorgnis. Sind wir doch dem unabwendbaren Lebensende um ein gutes Stück nähergerückt. Aber kann dieser Reifeprozess unter Umständen vielleicht auch Bereicherung, Verschönerung des Lebens mit sich führen? Wir wollen der Frage einmal etwas näher auf den Grund gehen. Ein Kleinkind braucht Liebe. Da ist die Mutter, meist noch der Vater und andere Anverwandte. Ein Baby braucht die Liebe in einem so absolutem Grad — es ist nur Körperchen und Seele, der Geist ist sozusagen noch “ein unbeschriebenes Blatt” —, dass es in der lieblosen Atmosphäre eines schlecht geführten Pflegeheimes meist eingeht; es ist völlig von der Umwelt abhängig. Der Erwachsene, besonders der ältere Mensch, braucht auch Liebe. Er leidet unter deren Mangel, aber geht meistens nicht daran ein. Etwas anderes hält ihn: Er hat Geist, bewusstes Leben; es ist das Göttliche, das ihn mit dem ganzen Universum verbindet — und dieses nährt ihn, trägt und erhält ihn — um so mehr, je mehr er seiner bewusst ist. Wir alle sind eingebettet im kosmischen Schöpfertraum, sind Teil — ein wesentlicher, unersetzlicher, einmaliger Faden im Teppich des grossen Webermeisters. Wir sind älter geworden, es hat unser Leben wesentlich geändert. Wir klammern uns nicht mehr so sehr wie die heranwachsende Jugend an Erlebnisse, Sinnesfreuden — unsere Freuden sind anderer Art. Aber sind sie deshalb geringer? Natürlich, voller Genuss Ist unser Leben nicht. Aber wessen Leben wäre es schon? Das der Jugend mit ihrer Unsicherheit, ihren tausend Problemen, das der mittleren Jahre mit ihrem existenziellen Kampf, ihrem vielfältigen Gefühl des Ungenügens? Nein, es ist schon so wie Golda Meir sagt: “70 zu sein ist keine Sünde, aber auch kein besonderes Vergnügen.” Und doch stehen vielleicht die letzten Lebensjahrzehnte einzig da mit ihren Möglichkeiten innerer Bereicherung. Wir haben heute weniger Verpflichtungen als früher, erleben äusserlich weniger und haben weniger “Abwechslung”. Manche Bindungen zu anderen Menschen lockern sich oder lösen sich ganz. Dieser naturgemässe Ablauf kann aber nicht Sinnlosigkeit bedeuten, dies gibt es nicht im göttlichen Weltenplan. Der grosse Wiener Psychologe Victor E. Frankl, der vier Jahre in den Todeslagern der Nazis zugebracht hat, hat eindeutig festgelegt, dass Leiden in jeder Form seinen Sinn habe, vorausgesetzt, dass man seine Läuterungsmöglichkeiten anerkennt und “ja” zu ihnen sagt, es positiv bewertet. Ganz anders al früher wartet die Natur — ein Blatt, eine Blüte, ein Baum, eine Wolke, wartet unsere Umwelt, ein Menschenantlitz, ein alter Mann, ein Geschehen, das wir sehen — darauf, von uns mit allen Sinnen, mit ganzer Hingabe wahrgenommen zu werden. Einfach dies: mit leidenschaftlicher Wachheit, ohne viel zu bewerten und zu verurteilen. Wir erleben, in welchem Grad dabei unsere eigenen ängstlichen Probleme und quälenden Sorgen mit hinweggespült werden. Wir sind, weit mehr als die Jüngeren, fähig, die Vergänglichkeit aller Phänomene und damit ihre relative Unwichtigkeit einzusehen. Und wir, die wir viel erlebt haben, die wir das Leid am eigenen Körper erfahren haben, wir kennen jetzt das Mitgefühl. Wir haben Erbarmen mit dem Menschen und seinem Los. Wenn wir nichts anderes hätten — Verständnis für den Menschen, Erbarmen mit ihm ist der ganz grosse Reichtum. Man muss selbst etwas erlebt haben, um den anderen verstehen zu können. Wir sagten schon: Vieles zieht sich von uns zurück, wir sind an äusseren Erlebnissen und Bindungen ärmer geworden. Aber muss das Armut im absoluten Sinne bedeuten? Heine sagt: “...und wieviel ist dir geblieben ' . und wie schön ist noch die Welt! Und, mein Herz, dir gefällt alles, alles darfst du lieben!” Zeit meines Lebens habe ich diesen Vers als feine Ironie, schmerzliche Resignation betrachtet und sehe erst jetzt, dass er durchaus Ausdruck eines fruchtbaren, sinngebenden Ernstes sein mag. Der Dichter Hermann Hesse legt in seinem Gedicht “Stufen” dar, dass wir jede Lebensstufe verlassen, um zu wachsen, voranzuschreiten: "... wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, . an keiner wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen! nur, wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn, Herz, nimm Abschied — und gesunde! Ein neues Jahr — möge es für uns reifere Jahrgänge ein reifes, ein reiches, ein fruchtbares werden!