Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXV (1973)
- Issue
- 9 (Noviembre, 1973)
- Date
- 1973-09-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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T 20 SEPTIEMBRE 1973 Hermann Lewy: utvcL An)3S3s1ich des 100. Geburtstags von Jakob Wassermann Am Ncujahrstag des Jahres 1934, an dem Jakob Wassermann gestorben war, durfte ihm keine deutsche Zeitung oder Zeitschrift die Würdigung zuteil werden lassen, die dem damals berühmten, in zahlreiche Sprachen übers .tzten Romancier, einem hervorragenden Kenner der menschlichen Seele und Schildercr menschlicher Schicksale, gebührt hätte. Er war bereits verfemt, seine Bücher bei dem Autodafé vor der Berliner Universität im März 1933 verbrannt worden. In einer seiner ergreifendsten .Novellen, “Sturreganz”, hatte er gesagt: “Deutsch . . . das ist etwas sehr Fernes. Sehr weit ist das, sehr, sehr weit. Deutsch sein, das ist, wie wenn man in einem wilden, wirren Traum läge”. Er hat diese Worte Sturreganz in den Mund gelegt, in der Zeit kurz nach dom Siebenjährigen Krieg, zur Zeit des Markgrafen Alexander von Ansbach und Bayreuth. Vielleicht hat der Dichter an sie mit Bitterkeit gedacht während des einen Jahres des Unheils, 1933, das er noch mitterlebte. Am 10. März wird man hie und da seines hundersten Geburtstages gedenken. Nur hie und da, denn Jakob Wassermann gehört zu der grossen Zahl der einst Berühmten und zu Unrecht schnell Vergossenen, obwohl er die Romantik zum Leben erweckte, die auch in unseren Tagen wieder Anhänger findet. Seine Werke würden eine Renassance rechtfertigen und verdienen. Vor allem in der Bundesrepublik, denn er — Sohn armer jüdischer Eltern aus Franken, hat die Städte seiner fränkischen Heimat lebendig gemacht, das Ansbach, das Nü nberg des vorigen Jahrhunderts. Wassermanns Jugend war hart und an Entbehrungen reich. Bei seinen literarischen Anfängen von seiner eigenen Familie und seinen Glaubensgenossen beargwöhnt und verspottet; von den Zeitungen und Buchverlagen im fränkischen Gebiet nur allmählich und widerwillig anerkannt. Dennoch liess sich die in dem Fünfzehnjährigen aufsteigende Vision seiner dichterischen Sendung nicht bändigen. In seinem Jugendroman “Die Juden von Zirndorf”, dem packenden Bild vom Auszug fränkischer Dorfjuden des 17. Jahrhunderts unter dem Einfluss der sabbatischen Bewegung, versucht er, sie zu fixieren. Sein grosses Vorbild der dichterischen Gestaltung war — hierin ähnelte er einem andern jüdischen Dichter, Stefan Zweig — der Franzose Honoré de Balzac. Wassermann setzte sich in seinen Romanen — man denke nur an den “Fall Maurizius”, den “Caspar Hauser” — wie kaum ein anderer für die Unversehrtheit des Rechts ein. Kurz vor seinem Tode hatte er mit Bezug auf seine Gegenwart noch geschrieben: “Die Verzweiflung über Deutschland liegt bergehoch auf meiner Brust — die Frage ist: Überlebt man’s?” —. Er starb, wie Oskar Loercke in seinem Tagebuch aus der NS-Zeit vermerkte, “an seinem Gram' und an den Qualen der Zeit”. BEKENNTNIS Neben der getretenen Gerechtigkeit wehrte sich in ihm sein Judentum. Seinen Lebensweg als Deutscher und Jude hat er 1921 unter dem Aspekt beschrieben; er bekannte: “Ich bin Deutscher und Jude, eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist von dem anderen zu lösen” — dieses Bekenntnis hat denselben Tenor wie die Aussage des Religionsphilosophen Franz Rosenzweig, der erklärt hatte, dass sich sein Deutschtum und sein Judentum nicht trennen lasse; an dem Versuch einer derartigen Operation würde er sterben. In einer berühmt gewordenen Rede, die Wassermann 1922 in Stockhalm hielt, hatte er den Antisemismus eine Schmach, eine Tat der Brunnenvergiftung genannt, obwohl er damals in keiner Weise ahnen konnte, welche fürchterlichen Opfer der Judenhass fordern würde. Er empfand ihn als einen Flekken auf der Ehre des deutschen Namens. Den jüdischen wie den deutschen Nationalismus lehnte er ab und empfand seine eigene Zwitterstellung zwischen beiden als ein Gekehrtsein nach zwei Fronten, das ihm die ersehnte Synthese von beiden versperrte. Wohl hat er in seinem “Mein Weg als Deutscher und Jude” willig zugegeben, dass der Antisemitismus des deutschen Kleinbürgers ihm zunächst nicht übertrieben zu schaffen gemacht habe. Heinrich Eduard Jacob meinte, dass die Kultur der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts, in der er sein literarisches Werk begonnen hatte, mit ihrer Nachwirkung der klassischen Humanität, ihn eine Weile wohltätig isoliert hatte. Vollends hat das Grossbürgertum, auf dem ja Dichtung, Theater, Musik basierten, keinen Antisemitismus gekannt. Als dieser Schutz aber fortfiel, als das Militärjahr, diese “Mischung von Pferdestall und Feudalismus”, den Dichter den Püffen des antisemitischen Kasemenhofpöbels preisgab, lernte er andere Gefühle kennen. Je deutscher Wassermann seine Stoffe wählte, desto empfindlicher traf ihn der Stachel derjenigen, die ihn der “Camuoflage” bezichtigten. Er stelle Menschen und Verhältnisse dar, die er — so hiess es — als Jude “eben nicht erfassen könnte”. Diese ihm — vorher und nachher vielen anderen — zugefügte Qual verglich er mit dem Gefühl eines Menschen, dem man zurief: "Du bist blatternarbig!” Wenn er dann vor den Spiegel trat und sein Gesicht rein fand, logen die Gegner abermals: “Du kannst die Blatternarben nicht sehen — wir anderen aber sehen sie!” Wassermann hing an Deutschland und und war damals unter den deutschen Juden keine Ausnahme, er glaubte an die Synthese von Deutschtum und Judentum. “Ich war” — so erklärte er — “gewissermassen ein Moses, der vom Berge Sinai kommt, aber vergessen hat, wass er dort erblickt hat und was Gott mit ihm geredet hat”. In seinem Aufsatz in der “Neuen Rundschau” im Jahre 1904 schrieb er: “Der würde irren, der die Lebenssäfte des Judentums für versiegt halten wollte. Wir schöpfen aus tiefen Brunnen, und wenn auch die Ketten verrosten, die Eimer durchlöchert sind, dass lässt sich wieder gutmache. Es gibt zum Beispiel gegenwärtig jüdische Frauen und Mädchen, besonders in Russland, denen die ganze übrige Welt nichts ähnliches an Feinheit, Tüchtigkeit, ernster Lebensführung und wahrhaft gotterfülltem Wesen gegenüberstellen kann. Sie tragen das Bewusstsein der grossen Vergangenheit in ihrem Auge, und vor dem Adel, der auf ihrer Stirn geschrieben steht, müsste der Stolz der ältesten Geschlechter Europas verblassen... Sonst ist es nicht üblich, die Kraft eines Volkes an seinen Schwächlingen zu messen, die Moral an seinen Verbrechern, die Religion an seinen Abtrünnigen, die Kunst an seinen Philistern; den Juden gegenüber war diese M e|t h o d e stets verbreitet und beliebt... Einstmals ersteht vielleicht ein Genius aus jüdischem Blute, ein Mann der tiefsten Leideserfahrungen und des stolzen Adelsbewusstseins, er wird die beste Rache der Juden sein, denn die ganze Menschheit wird seiner bedürfen und seine Gaben mit Beschämung hinnehmen.” DIE BRÜCKE Wassermanns ganzes Leben und Tun war ein einziger Versuch, eine Brücke zwischen Deutschen und Juden zu schlagen, zwischen ihnen eine fruchtbringende und humane Annäherung zu bewirken. Der “Dank” des deutschen Volkes wurde auch ihm zuteil, er wurde aus der Dichterakademie ausgeschlossen — und man muss hinzufügen, dass es das Schicksal gut mit ihm meinte, dass er schon 1934 am 1. Januar 6tarb — er entging damit grausamer Verfolgung. Dabei ging es Wassermann im wesentlichen um die gegenseitige Achtung von Mensch zu Mensch. Ihm galt die “Gestalt”, das heisst der einzelne Mensch — nicht die “Kategorie”. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass sich das Fremde, durch Abstammung wie durch langes Ausgeschlossensein Bedingte, mit der Zeit nicht nur äusserlich assimilierte. Im Jahre 1909 schrieb Wassermann: “In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten leblosen Formen, sei es in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder er ist ein Fanatiker oder ein Prophet... Wo sich der Einzelne wieder des grossen Zusammenhangs bewusst wird, wo er im Schoss der Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, urewige Blutströme ihm Adelsbewusstsein verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit ist ein Literat, der Jude als Orientale, nicht im ethnographischen, sondern im mystischen Sinne mit der verwandelnden Kraft zur Gegenwart, die er besitzen muss, kann Schöpfer sein.” Wassermann war besonders stolz auf seine Vorfahren. Das völlige Auisaugen der Juden durch den deutschen Volkskörper schien ihm schon damals misslungen. Es hatte zwar die Blütezeit nach dem Kriege 1870/71 eine gewisse Toleranz bekräftigt, aber es hatte durch das Hochkommen nationalistischer Tendenzen auch an judenfeindlichen Strömungen in Deutschland keineswegs gefehlt. Seine eigene Kindheit hatte sie erfahren. Andererseits war sein ihm zuteil gewordener schwacher jüdischer Unterricht nicht geeignet gewesen, in ihm ein tieferes jüdisches Bewusstsein und bessere Kenntnisse von Juden und vom Judentum zu vermitteln. Es war bei ihm auch nicht anderes als damals bei den meisten deutschen Juden: Den Zionismus vermochte er nicht zu erfassen. Der Aufbau eines jüdischen Palästinas schien ihm nur eine bedeutsame philantropische Aufgabe. Zitieren wir noch einmal das Bekenntnisbuch “Mein Weg als Deutscher und Jude”, weil diese pessimistische Aussage bedauerlicherweise zeitlos ist: “Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage... Es ist vergeblich, die Verborgenheit (Fortsetzung Seite 21) (/soie por 11 «o* m batel* 4* I* »• /acaiga pan ttaaat mp« IMHf« 4* •*••*!*• Ml 4l 4* ) tèS auM \ EURAILPASS DIRIJASE A SU AGENTE DE VIAJES o a la oficina de emisión en Santiago BANDERA 75 - OF. 111 Gaa. 3938 - FONO S57M