Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXV (1973)
- Issue
- 6 (Junio, 1973)
- Date
- 1973-06-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschsprachiger Teil des IN FORM ATIVO Moisés en el Sinai (Grabado de Ernst Barlach). SHAVUOTH: Volk der Offenbarung und Erwaehlung Von CURT WILK “So sollt Ihr sprechen zum Hause Jakobs und kundtun den Kindern Israel: Ihr habt gesehen, was Ich an Mizrajim getan, wie Ich euch auf Adlersflügeln getragen und zu Mir gebracht habe. Wenn ihr nun auf Meine Stimme hören und Meinen Bund wahren werdet, so sollt ihr Mein sein aus allen Völkern, denn Mein ist die Erde. Und ihr sollt Mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk.” (2. Buch Mose 19,3-6) Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine Geschichte der Offenbarung, weil ihm als Ganzes, als Volkspersönlichkeit, die Offenbarung zuteil geworden ist, dem gesamten Volke und nicht einigen auserwählten Personen. Diese sieben Wochen oder fünfzig Tage vom Auszuge aus Mizrajim bis zur Offenbarung am Sinai bilden zusammen die Zeit der Erlösung, und es ist daher nur folgerichtig, wenn der Talmud das Schowuaus- oder Wochenfest mit dem Namen “Azereth”, Schlussfest (des Pessachfestes), bezeichnet. Die Idee beider ist eine Einheit: Nicht hier nationale Befreiung, dort universales Religionsgesetz, sondern: Die Befreiung des Volkes erfolgte, damit in ihm und durch dieses Volk das Weltgesetz offenbar werde. Für diese Offenbarung ist das Volk Israel schrittweise vorbereitet worden. Schon die Erscheinung, die Moses am Dornbüsche hatte, weist auf die kommende göttliche Offenbarung hin: “Wenn du das Volk aus Aegypten herausführen wirst, werdet ihr Gott an diesem Berge dienen!” Dann geschahen Zeichen und Wunder in Mizrajim bis zum Auszug, während des Verlassens des Landes und schliesslich kam das grosse Ereignis der Spaltung des Schilfmeeres. Doch die Nöte der Wüste und das Sinken des Mutes lassen Rückschläge der allgemeinen Moral entstehen, und die Haltung des Volkes nimmt Formen an, die nicht mehr unterboten werden können: “Gibt es einen Gott in unserer Mitte oder nicht?” (2. Buch Mose 17,7). Erst die Sinaioffenbarung bringt den grossen Umschwung: “Alles, was Gott gesprochen, wollen wir tun.” Und unmittelbar darauf folgt der Satz: “Siehe, Ich komme zu dir in einer dichten Wolke, damit das Volk höre, wie Ich mit dir spreche, und dann werden sie auch an dich für immer glauben.” So wurde die Offenbarung zu demjenigen historischen Ereignis, das für alle Zeiten und Generationen festlegte, dass das Volk um seinen Gott wusste und an ihm für immer festhalten wolle. LEHRE DER WAHRHEIT Selbst der moderne Mensch, der heutige, der sich so schwer die Herkunft der Thora aus überirdischen, himmlischen Regionen vorzustellen vermag, dem “übernatürliche Stimmen” nichts bedeuten, selbst derjenige, unter uns Juden, dem der geschichtliche Bericht keinen “Beweis für die Wahrheit der Gottesoffenbarung” liefert, muss den inneren Wert der Offenbarung anerkennen, muss in seinem Gewissen fühlen, dass diese Lehre vom Sinai “Lehre der Wahrheit” ist, dass drei Jahrtausende Menschheitsgeschichte die stolze jüdische Selbsteinschätzung bestätigen: “Wo ist wohl ein Volk mit Religions- und Rechtsvorschriften, die so fromm und gerecht wie die Gesetze der Thora sind?” Es bleibt die zentrale Idee der biblischen Offenbarung, dass ein Geist der Gerechtigkeit die Weltgeschicke gestaltet, weil diese Offenbarung eben von Gott kommt, dem Einen, und deshalb umfasst sie das Ganze. Mit diesem Volke ist am Sinai ein ewiger Bund geschlossen und das Wort des einen Gottes ist zum Gesetze geworden. Hierzu war eine beispiellose Ueberzeugungskraft notwendig, die ohne den Glauben an die Erwählung nicht denkbar gewesen wäre. Was aber ist diese “Erwählung”, um derentwillen Juden so unsäglich Schweres auf sich genommen haben. Sie ist im Grunde nichts anderes, als die Bewahrung der besonderen Art, des Wesens dieses Volkes. So, wie eine ungewöhnliche Begabung einen Menschen auszeichnet, ihn aus der Allgemeinheit heraushebt — ganz sicherlich trifft dies auf das Talent, den genialen Menschen zu —, so, wie der Einzelne für eine bestimmte Aufgabe, von der Vorsehung “erwählt” wurde, so ergeht es den Nationen: Eine jede dürfte vom Schicksal ihre ihr eigenen Talente, Fähigkeiten und Besonderheiten zugewiesen erhalten haben, um diese in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, um ihre “Erwählung” der Menschheit nutzbar zu machen. Auch hier darf Baeck zitiert werden, der im “Wesen des Judentums” ausführt: “Völker, die sich nicht als erwählt betrachten, haben den Sinn ihres Daseins nicht erfasst.” VOLK DES GESETZES Und Israels Erwählung? Sie kann nichts anderes bedeuten als die Berufung zur Verwirklichung seiner ihm gewährten Eigenart. So wie das religiöse Genie Moses und der Propheten, der grossen Weisen unseres Volkes, ihnen, den von Gott Berufenen, die Kraft und den Mut gab, sich als von Gott an Sein Volk mit einer “Botschaft gesendet” zu betrachten, so ist Israels Erwählung seine ewige Sendung, die nie endende Aufgabe, “Bote der Idee vom einen einzigen, heiligen, sittlich-vollendeten Gotte und der einen sittlichen Menschheit”, somit Träger des Gottesgedankens zu sein. So ist das jüdische Volk durch Offenbarung und Erwählung zum “Volke des Gesetzes” geworden. Sittliches Gesetz und göttliche Anordnung sind für das Judentum völlig untrennbare Begriffe. Nicht allein, weil es geboten worden ist, ist das Sittliche zum Gesetz erhoben worden, sondern, weil der Inhalt ein sittlicher ist, wurde er von Gott befohlen. Deshalb heisst es in dem alles zusammenfassenden Grundgesetz aller Sittlichkeit: “Ihr sollt heilig sein”, nicht, weil Ich es will, weil Ich es befehle, sondern “Ihr sollt heilig sein, denn heilig bin Ich, der Ewige, Euer Gott.” Weil alle Ethik und Moral göttlichen Ursprunges ist, deshalb sollt ihr ethisch und moralisch handeln, und weil das Göttliche die sittliche Vollkommenheit darstellt, deshalb sollt ihr gottähnlich werden, d. h. dem Ebenbilde Gottes nachstreben. Offenbarung, Erwählung, Gesetz, dieser ganze Bund Gottes mit Seinem Volke, bilden im Judentum eine einzige grosse Einheit. Diese Einheit durchzieht die Geschichte des Volkes von der Stunde an, da es am Sinai stand, um die Lehre zu empfangen. Von da an datiert die eigentliche jüdische Volksgeschichte. Noch hat die Welt die Botschaft vom Sinai nicht in vollem Umfange angenommen, und noch haben die prophetischen Verheissungen keine Realisierung gefunden. Schowuaus, der Tag der Offenbarung des “Zehnwortes”, lässt diese Gedanken und Hoffnungen Jahr um Jahr in uns aufs Neue erstehen. Die Offenbarung (antike Miniatur )