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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1973-04-01 · 4 (Abril, 1973) · p. Seite 7

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXXV (1973)
Issue
4 (Abril, 1973)
Date
1973-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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ABRIL 1973 7 Der Brunnen der V ergangenheit “Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergruendlich nennen?” An diesen Einleitungssatz aus Thomas Manns “Die Geschichten Jaakobs” wurde ich erinnert, als ich kuerzlich in Speyer die Stufen zur alten Mikwe, dem Bad fuer Juden aus dem Mittelalter, hinabstieg. Eine Tafel macht darauf aufmerksam, dass dieses Ritualbad im Jahre 1090 errichtet wurde, also noch vor der Zeit der Kreuzzuege, um dieselbe Zeit, in welcher mit dem Bau des romanischen Domes begonnen wurde, der sich in etwa fuenf Minuten Entfernung gewaltig erhebt. Auch dort stieg ich hinab in den Brunnen, oder besser gesagt, in die Gruefte der Vergangenheit. In diesem Dom ruhen die Kaiser des Heiligen Roemischen Reiches Deutscher Nation. Aseits aber in einer Mauernische findet sich der Sarkophag Heinrichs IV., der den beruehmten Gang nach Canossa angetreten hatte. Jenseits der Kaiser und gesondert vom Sarkophag seiner Gemahlin blieb Heinrich hier, denn er starb in Kirchenbann, stand ausserhalb der Kirche und ruht daher ausserhalb seiner gekroenten Vorfahren und Nachfolger an aeusserstem Rande. Ausserhalb der* Sakramentsgemeinschaft standen auch die Frauen und Maenner, die hier die Stufen zum Brunnen juedischer Vergangenheit auf deutschem Boden, oder unter demselben, hinabstiegen. Aber sie bildeten selbst eine in sich geschlossene heilige Gemeinschaft, bereit zu opfern, beseelt von einem unerschuetterlichen Glauben, der “dieser mittelalterlichen Judenschaft die Kraft gegeben hat, das ueber sie verhaengte Unheil standhaft und tapfer zu ertragen, ja den gewaltsamen Tod in Freude und Glaeubigkeit zu erleiden” (Selma Stern-Taeubler). Es war gar nicht leicht, die Mikwe von Speyer zu besuchen. An einem regnerischen Nachmittag kam ich in der Stadt an und sah ein Strassenschild: “Judengasse” mit dem Hinweis auf das Bad fuer Juden. Natuerlich erregte dieser Hinweis mein Interesse, zumal mir bekannt war, dass Speyer wohl eine der aeltesten Mikwoth Deutschlands, ja Europas birgt. Die anderen befinden sich alle in der Umgebung, in Worms, Friedberg und Andernach. Die Mikwe von Speyer duerfte aber doch wohl die aelteste sein. DIE MIKWE — EIN MUSEUM Man kann heute die Reste dieses romanischen Bauwerks nur mit einem Sonderschluessel besuchen, der im Rathaus verwahrt wird. Mein Begier ter erhielt diesen Schluessel aber sogar nach den Amtsstunden (das waere in Israel undenkbar), da ein Gast aus Von Schalom Ben- Chor in Die alte Synagoge in Worms Jerusalem als ueberaus legitimer Besucher der Mikwe betrachtet wurde. Tafeln erinnern nicht nur an das Gruendungsjahr 1090, sondern auch an das Jahr der Zerstoerung der juedischen Gemeinde in Speyer in juengster Vergangenheit im November 1938. Im Hofe vor dem Tauchbad finden gelegentlich Treffen und Kundgebungen der Gesellschaft fuer christlichjuedische Zusammenarbeit statt, Schulklassen werden hierher gefuehrt, nachdem sie den Dom besucht haben. Der Dom und die Mikwe sind die sichtbaren Zeugen fruehmittelalterlicher Geschichte der Stadt Speyer. Waehrend ich die Stufen hinabsteige und das alte Mauerwerk in gruendlichem Daemmerlicht seltsame Schatten wirft, beschleicht mich ein eigentuemliches Gefuehl. Wie oft moegen wohl die frommen Besucher dieses Tauchbades an die Stadt gedacht haben, aus der ich komme, Jerusalem, Jeruschalajim. Es ist mir, als ob ich einer unsichtbaren Gemeinde Gruesse zu bestellen haette. Freilich ist kein Lebender mehr hier, dem die Botschaft aus Jerusalem gelten koennte. Die Mikwe ist nur noch Museum, aber Wasser bedeckt noch ihren Grund, und ich sehe mich selbst im Spiegel dieses stehenden Gewaessers. Mein eigenes Gesicht blickt mich aus dem Spiegel der Vergangenheit an, wird durchsichtig, laesst die Zuege der Vergangenen erahnen, mir sicher sehr verwandt, wahrscheinlich nicht unaehnlich. Wenn auch der Bart fehlt und der spitze Judenhut, die Augen sind wohl dieselben geblieben. Sie blicken in den Brunnen der Vergangenheit, dessen Wasser truebe geworden ist, aber nicht undurchsichtig. Die Reise brachte mich in den Raum der Kehilloth Schum, was die scherzhafte Abkuerzung fuer Speyer, Worms und Mainz ist, einst Spira, Wormeisa und Magenza genannt. Legenden umwoben diese Kehilloth Schum. In Worms hat der groesste Erklaerer von Bibel und Talmud gelehrt, Raschi (1040-1105), in Mainz lebte der rebellische Baruch von Magenza, dem der hebraeische Dichter Tschemichowski seine beruehmte Ballade gewidmet hat, vor allem aber Rabbi Amnon, der Verfasser des Gebetes “Unethane Thokeph” aus der Liturgie der Hohen Feiertage. In Worms bin ich diesmal nicht gewesen, wohl aber in Speyer und Mainz, wo nichts mehr wirklich lebendige Verbindung mit dieser grossen Vergangenheit darstellt. NACHHOLBEDARF In Speyer begleitete mich Dr. Rosenzweig, der Gymnasiallehrer fuer katholische Religion und Vorsitzender des katholischen Bildungswerk in der Stadt ist. Oft nach der Verwandschaft mit Franz Rosenzweig, dem Mitarbeiter Bubers, des letzten grossen Religionsphilosophen des deutschen Judentums, befragt, begann sich Dr. Rosenzweig in Speyer etwas mit dieser Materie zu befassen. So kann Name zum Schicksal werden. Wenn auch kaum mehr Gemeinden da sind, denen die Gruesse aus Jerusalem zu bestellen waeren, so ist doch andererseits der Nachholbedarf in der katholischen Bevoelkerung dieser Staedte in bezug auf juedisehe Information sehr gross. In diesem Sinne hat der Gast aus Jerusalem — in Vortraegen und Aussprachen — eine wirklich gefragte Botschaft auszurichten. Die Katholiken ziehen heute nach, angeregt durch die Beschluesse des Zweiten Vatikanischen Konzils, das ausdruecklich im 4. Abschnitt der Konzilserklaerung ueber das Verhaeltnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen “das bruederliehe Gespraech” mit dem Judentum empfiehlt. Dabei kann es sich zeigen, dass sogar in der juengeren Theologengeneration ein empfindlicher Mangel an Kenntnissen nicht nur des Judentums, sondern, auch der hebraeischen Bibel, des Alten Testaments besteht, dessen Erfassung durch ein negatives Vorverstaendnis blockiert bleibt. So fragte mich in Kaiserslautern ein junger Pfarrer, wieso ich denn das Wort Vater fuer Gott gebrauchen koenne, da dies doch ein rein christlich-neutestamentlicher Gottesname sei. Die Bezeichnung Vater fuer Gott kommt aber im Deuteronomium vor, im 2. Buch Samuel, bei Hiob, in den Psalmen, bei Jesaja und Jeremia, vor allem aber beim Propheten Maleachi: “Wie? Ist nicht Ein Vater Allen? Hat nicht Ein Gott uns erschaffen? Warum sind wir treulos?” (Mal. 2,10.) Diese Antwort — nicht des Referenten, sondern des Propheten Maleachi wirkte ueberzeugend. Ex-Minister Erhard spricht in der Wormser Synagoge FABRICA DE ARTICULOS PLASTICOS Plásticos ELTO GARIBALDI 1522 FONO 44114 AGENTE DE PUBLICIDAD para la adquisición y renovación de avisos, buena comisión, se necesita. Ofertas a casilla 2487 Santiago Die “Raschi-Kapelle” in Worms mit dem “Raschi- Sessel” MUEDE GENERATION Noch aelter als die Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz ist wohl die Gemeinde zu Trier, bereits in der Roemerzeit entstanden, so dass die Synagoge, die jetzt wieder erstanden ist, im Stile der Porta Nigra des roemischen Tors der Treverstadt und der Basilika Constantins gehalten ist. Welch eine Vergangenheit! Aber am Freitagabend versammelt sich kaum ein Minjan in diesem Gotteshause. Zwei juedisehe Soldaten in franzoesischer Uniform (hier ist ein franzoesischer NATO- Stuetzpunkt) bilden das jugendliche Element. Der Gottesdienst war ueberaus einfach, ohne Kantor, ohne Rabbiner. Ein alter Herr aus der Gemeinde murmelt die Gebete. Die Muedigkeit einer allerletzten Generation scheint ueber dieser Staette uralter Traditionen zu liegen. Das Gegenteil erlebte ich in Muenchen, freilich nicht in der Synagoge, sondern ganz im Gegenteil in einem Nightclub, der sich “Schalom” nennt und von einem Gitarristen Mottke Dagan, geleitet wird, der sein durchaus jugendliches Publikum mit hebraeischen Songs erfreut: “Seh Hassod scheli” und natuerlich immer und immer wieder “Das Goldene Jerusalem”. Man sitzt in schummrigen Nischen, die Jerusalem heissen oder Tiberias, oder Nazareth, und jeweils mit entsprechenden Staedtepanoramen geschmueckt sind. Es war fuer mich ■ Ehrensache, im Schatten Jerusalems Platz zu nehmen. Mottke singt und spielt vor allem vor der Muenchener Jugend, aber es kommen auch Israelis, denen der heimische Humus, Israels arabisches Nationalgericht, vorgesetzt wird. Ob der Nightclub Schalom an der Leopoldstrasse in Muenchen-Schwabing wirklich den Frieden foerdert, wage ich nicht zu entscheiden. Die oft sehr innige Verstaendigung zwischen israelischer und deutscher Jugend wird dort augenscheinlich Ereignis. Die Israelis sind immer nur voruebergehend, wenn dies auch Jahre in Anspruch nimmt, anwesend. Aber es gibt sogar Juden, auch aus Israel, die aus ihrer Anwesenheit in Deutschland eine Weltanschauung machen.

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