Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXV (1973)
- Issue
- 3 (Marzo, 1973)
- Date
- 1973-03-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 MARZO 1973 DER “BOYKOTT-TAG” 40 JAHRE NACH DEM 1. APRIL 1933 Der 1. April 1933 wird unterschiedlich eingeschaetzt. Einerseits verblasst der Tag, an dem die deutschen Juden aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgestossen wurden, gegenueber dem, was zehn Jahre spaeter geschach. Was ist der “Boykott”, an dem SA Posten vor jüdischen Geschäften Aufstellung nahmen und die Ausschaltung der Juden aus oeffentlichen Aemertem und Stellungen begann, gemessen an den Gaskammern und Krematorien der vierziger Jahre. Andererseits duerfte es gerade rückblickend deutlich werden, dass der 1. April vor vierzig Jahren nicht nur die mehr als hundertjaehrige Emanzipationsepoche beendete, sondern dass er eine Kriegserklaerung darstellt, eines versteckten Krieges allerdings, der erst 614 Jahre spaeter, im September 1939, offen ausbrechen sollte: am 1. April 1933 erfolgte die Kriegserklaerung der Nazis an die Normen der Zivilisation. Einen Monat zuvor begann die gewaltige Propagandamaschine der nationalsozialistischen Partei mit ihrer ersten Grossaktion nach der Maehtuebernahme: die Juden im Ausland, so hiess es, allen voran Albert Einstein, verbreiteten “Greuelmaerchen” ueber die Behandlung ihrer Glaubensgenossen im Reich und als Akt der “Notwehr” wurde die totale, endgueltige Ausschaltung der deutschen Juden aus der Wirtschaft und dem oeffentlichen Leben gefordert. Der stille Boykott fing bereits in der ersten Maerz-Hälfte an, und er war nicht immer “still”. Hier und da wurden die Fensterscheiben juedischer Geschaefte eingeschlagen und SA Aufgebote zwangen die Inhaber zum Schliessen. Ruhig und zuverlaessig fuhren die Streifenwagen der Polizei vorueber, ohne einzuschreiten. “Die Polizei ist keine Schutztruppe juedischer Warenhaeuser”, erklaerte der Berliner Polizeipraesident. Aber noch war diese Aktion nicht “regierungsamtlich”, sondern eine Sache der Partei. In der Koalition mit Hitler sassen die Deutschnationalen im Schatten des Reichspraesidenten Hindenburg, der wenige Monate zuvor den deutschen Juden ihre Bürgerrechte noch einmal garantiert hatte. Vorsitzender das “Zentralkomittees zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze” war deshalb kein Mitglied der Koalitionsregierung, sondern der beruechtigte Parteigenosse und Herausgeber des “Stuemer”, Julius Streicher, und sein Stellvertreter Karl Holz, Redakteur dieser Zeitschrift. Schlagartig sollte am 1. April die offizielle Aktion einsetzen und erst aufhoeren, wenn der letzte juedische Kaufmann aus seinem Laden gedraengt, die Praxis des letzten juedischen Arztes veroedet, der letzte Klient eines juedischen Rechtsanwalts verscheucht, aus den deutschen Geschaeften und Betrieben der letzte juedische Angestellte herausgeworfen ist: ausgebrannt sollte der juedische Bevoelkerungsteil aus dem deutschen Volkskoerper werden wie ein eitriges Geschwuer. PROTESTE IM INLAND Damals gab es in Deutschland Stimmen, die den Mut hatten, zu protestieren. So schrieb die “Vossische Zeitung”, Berlin: “Wird der hier von den Nationalsozialisten angeordnete Boykott bis zum Ende durchgefuehrt, so wuerde er den wirtschaftlichen Untergang von hunderttausenden deutschen Staatsbuergern juedischen Glaubens bedeuten. Es wuerde die Ausstossung der deutschen Juden aus der Volksgemeinschaft sein. Die deutschen Juden, bewaehrt in Krieg und Frieden, in guten und boesen Zeiten der deutschen Geschichte, haben sich dieser Volksgemeinschaft verbunden gefuehlt”. j Unddie “Deutsche Allgemeine Zeitung” appelierte an die Behoerden, die Situation noch einmal zu ueberpruefen, in der Hoffnung, dass man noch zu anderen Ergebnissen kommen werde. Tatsaechlich kam man zu anderen Ergebnissen. Am Freitag, den 31. Maerz wurde der Plan geaendert. Am Abend sprach Goebbels ueber den Rundfunk aus einer Amtswaltertagung, auf der er die Richtlinien fuer den Boykott verkuendete. Tausende juedischer Menschen sassen vor ihren Rundfunkgeraeten; sie waren gute oder schlechte Buerger wie die anderen, sie hatten Deutschland ihre Opfer an Gut und Blut gebracht wie die anderen, und nun waren sie ploetzlich Verfemte, Verlachte, Verachtete. Die Worte des Ministers prasselten auf sie herab, harte, heissende, boese Worte, von brausenden “Heil”-Rufen unterbrochen, manchmal gesetzt mit Witzen, die ein tosendes Gelaechter ausloesten. Aber die Aenderung war drastisch: der offizielle Boykott wurde auf einen einzigen Tag beschraenkt, den 1. April. Verschiedene Faktoren hatten die Nazis zu diesem Rückzug veranlasst, in erster Linie wirtschaftliche Bedenken. Der juedische Sektor war von der allgemeinen Wirtschaft nicht von heute auf morgen zu trennen — seine ploetzliche Lahmlegung haette den ganzen deutschen Wirtschaftskoerper paralysiert. Fernerhin: es gab damals innerhalb der Partei verschiedene Meinungen, wie man sich zu den Juden verhalten solle und ernste Divergenzen hinsichtlich der "Loesung” der Jundenfrage. Ein anderer Faktor: Rücksicht auf Hindenburg und die Koalitionspartner, die die Schwerindustrie vertraten und einen konservativen Lebenskodex, in dem solche Begriffe wie “Boykott” nicht vorkamen. Und schliesslich Ruecksicht auf das Ausland, denn damals gab sich das neue Regime viel Muehe, im “Klub” der westlichen Nationen aufgenommen zu werden und “gesellschaftsfaehig” zu erscheinen. POTESTE IM AUSLAND ....Der Unwille der Welt war offenbar staerker, als die Nazis erwartet hatten. Von historischem Interesse ist eine Erklaerung von Mussolini. Als der Oberrabbiner von Rom, Dr. Sacerdoti, in einer Audienz mit ihm von seinen Sorgen ueber die Lage der deutschen Juden sprach, gab Mussolini seiner Hoffnung Ausdruck, dass die beklagten Verhaeltnisse bald wieder normal sein wuerden. In New York unterbreiteten 600 Organisationen eine Massenpetition an die Regierung, mit der Bitte, sie an den Voelkerbund wieterzuleiten, und Deutschland war damals noch Mitglied des Voelkerbundes. In Prag setzte sich Aussenminister Dr. Benesch fuer die Erweiterung des Minderheitenschutzes auf die deutschen Juden ein. In London fand am 30. März eine Debatte im House of Lords statt, in der Viscount Cecil auf die besondere Stellung hinwies, die England als Mandatarmacht Palaestinas einnehme und die zur Folge habe, dass es mit dem Wohl und Wehe des juedischen Volkes in besonderer Weise verbunden sei. Die Debatte erreichte ihren Hoehepunkt, als Vertreter der drei Konfessionen — der Archbishop von Canterbury fuer die Anglikanische Hochkirche, Lord Iddesleight fuer die Katholiken und Lord Reading fuer die juedische Gemeinschaft — die Regierung ersuchten, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um das Los der deutschen Juden zu lindern. Wenige Tage spaeter trug sich eine aehnliche Debatte im House of Commons zu, und der damalige britische Aussenminister, Sir John Simon, antwortete fuer die Regierung: Die Debatte hat die Gefuehle des britischen Volkes zum Ausdruck gebracht. Als Mitglied der Regierung erklaere ich, es waere ein grosser Irrtum, wenn irgendjemand in irgendeinem Land annehme, dass die Gefuehle auf die Mitglieder der juedischen Gemeinschaft beschraenkt oder von ihnen hervorgerufen seien. Im Gegenteilt, hier geht es um ein spontanes und unvermeidliches Bekanntnis zum Prinzip der Toleranz”. DER TAG DER SCHANDE Am 1. April um 10 Uhr vormittags bezog die SA in grossartiger Einheitlichkeit Posten vor den juedischen Geschaeften. In Berlin herrschte seit den Morgenstunden ungewoehnlich reges Leben auf den Strassen. Ueberall gingen uniformierte Nationalsozialisten von Haus zu Haus und beklebten die juedischen Geschaefte mit den roten Zetteln des Aktionsausschusses, auf denen gedruck stand: “Es ist streng verboten, dieses juedische Geschaeft zu betreten”, oder “Achtung, Jude. Betreten verboten”. In den Hauptstrassen wurden im Laufe des Tages die Schaufenster mit riesigen Inschriften in roter und weisser Farbe bemalt. Da hiess es immer wieder “Jude verrekke”, Dreckjude”, “Mistjude”, und aehnliches. Man sah auch haeufig Karrikaturen von Judenkeopfen mit gewaltiger Nase. Die “Deutsche Allgemeine Zeitung” berichtete: “An die Fenster des Warenhaus Tietz am Doenhoffplatz waren mit weisser Farbe Wegweiser mit der Aufschrift. “Nach” Jerusalem” aufgemalt. In der Naehe des Rosenthaler Tores fand man Aufschriften wie “Juden raus”, “Tod den Juden”, “Nicht kaufen, Lebensgefahr”. Menschen, die trotzdem jüdische Geschaefte betreten wollten, wurden von SA Posten daran gehindert oder fotographiert. Schilder von Aerzten und Rechtsanwaelten wurden ueberklebt oder zertruemmert. Bis Mittags hatten die meisten Geschaefte, dem Zwange folgend, geschlossen. Durch die Strassen waelzten sich neugierige Massen, mitleidlos und gaffend. Wie reagierten die deutschen Juden? Die weitaus groesste juedisch-politische Vereinigung war der “Centralverein deutscher Staatsbeurger juedischen Glaubens”, den Statuten gemaess “eine bewusst auf deutschem und juedischem Boden stehende Zweckgemeinschaft zur Wahrung der staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung der deutschen Juden”. Zu Beginn der Boykotthetze im Maerz 1933 schrieb die Zeitschrift dieser Vereinigung, die “CV-Zeitung”: “Die deutschen Juden haben von Herbert Freeden die tiefe Ueberzeugung, dass Praesident Hindenburg loyal zur Verfassung keinen Angriff auf die konstitutionellen Rechte einer Gruppe deutscher Staatsbürger dulden wird”. Sie bezog sich damit auf das schon erwaehnte Versprechen von August 1932, das der greise Hindenburg Vertretern des Centralvereins gegeben hatte. Zur etwa gleichen Zeit liest man weiter: “Die Pflege deutscher Gesinnung in unseren Reihen unbeirrt fortsetzen. Unseren zahllosen Freunden in Stadt und Land Mut machen, sie staerken und lehren, dass Deutschland Deutschland bleibt und dass niemand uns unsere Heimaterde und unser Land rauben kann”. Diesen Aeusserungen diametral entgegengesetzt war die Reaktion der “Juedischen Rundschau”, des Organs der “Zionistischen Vereinigung für Deutschland”. Eine Artikelserie ihres Chefredakteurs Dr. Robert Weltsch, “Ja-Sagen zum Judentum” begann mit dem inzwischen oft zitierten Beitrag “Tragt ihn mit Stolz, den Gelben Fleck” in dem es heisst: “Der 1. April kann ein Tag des juedischen Erwachens und der juedischen Wiedergeburt werden. Wenn die Juden wollen. Wenn die Juden reif sind und innere Groesse besitzen... Es ist nicht wahr, dass die Juden Deutschland verraten haben. Wenn sie etwas verraten haben, so haben sie sich selbst, das Judentum verraten”. Trotz der entgegengesetzten Stellungnahmen brachten die folgenden Jahre eine Annaeherung zwischen den beiden Gruppen — auch der assimilatorische “Centralverein” lernte ein “Ja-Sagen zum Judentum” und auch die Zionisten leugneten nicht die zweifache Wurzel ihrer geistigen Existenz, die aus dem Juedischen und dem Deutschen gewachsen war. Im “Centralverein” bestimmten mehr und mehr die palaestinafreund liehen Kreise die Politik und auf der anderen Seite — auch Robert (Fortsetzung Seite 23) ELISA stets grösste Auswahl in Uniformen San Antonio 65 Fono 381900