Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XXXIV (1972)
- Issue
- 1 (1.1972)
- Date
- 1972-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8553624-8555182-9195274--6123-8555185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ENERO 1912 BOLETIN INFORMATIVO 15 Der in Oslberlin erscheinenden Zeitschrift „NEUE HEIMAT ■ Journal aus der Deutschen Demokratischen Republik" entnehmen wir das nachstehende Interview mit dem Praesidenten des Verbandes der Juedischen Gemeinden in der DDR. Leser interviewen Persoenlichkeiten der DDR: WIE LEBEN BUERGER JUEDISCHEN GLAUBENS IN DIR DDR? FRAGEN ZN DIESEM THEMA STELLTEN: Leser aus Kanada und den USA sowie Gaeste aus Australien und Neuseland waehrend eines DDR-Besuchs; ergaenzende Fragen formulierte die Redaktion. ES ANTWORTET: Helmut Aris, Praesident des Verbandes der Juedischen Gemeinden in der DDR. Der heute 63jaehrige gebuertige Dresdner war nach dem Besuch eines Gymnasiums bis 1937 als Angestellte in Industriebetrieben taetig. 1938 wurde er von den Faschisten verhaftet, einige Zeit danach aber als Schwerkranker wieder entlassen. Von 1940 ab musste er in verschiedenen Dresdner Betrieben Zwangsarbeit leisten. Der Befehl zur Deportation war ihm schon zugestellt, als in der Bombennacht des 13, Februar 1945 Dresden in Schutt und Asche sank. Er konnte sich und seine Familie verborgen halten, bis Anfang Mai 1945 die Sowjetarmee in die Stadt einzog. Er stellte sich sofort dem demokratischen Neuaufbau zur Verfuegung und arbeitete 20 Jahre lang in leitenden Stellungen in Dresdner Industriebetrieben. 1965 musste er sich wegen seiner angegriffenen Gesundheit pensionieren lassen. Er wirkt jedoch weiter ehrenamtlich in gesellschaftlichen Funktionen, gehoert als Mitglied dem Nationalrat der Nationalen Front, dem Friedensrat, dem Komitee der antifaschistischen Widerstandskaempfer, der Liga fuer die Vereinten Nationen und einigen anderen gesellschaftlichen Gremien an. NAZIUNRECHT UND BEFREIUNG Laesst sich mit wenigen Saetzen das vom Faschismus an den deutschen Juden verschuldete Unrecht kennzeichnen? —In Deutschland lebten 1933 knapp 600.000 Juden. Sie alle wurden vom Rassenwahn der sogenannten Nuernberger Gesetze getroffen. Waehrend des als „Kristallnacht“ bekannten Pogroms im Jahre 1938 gingen 191 Synagogen in Flammen auf. Alle Betraeume wurden demoliert und geschaendet. Den noch in Deutschland lebenden Juden wurde auferlegt, eine Kontribution von einer Milliarde Mark zu zahlen. Alle noch in juedischem Besitz befindlichen Geschaefte und der groesste Teil der Wohnungen der Juden wurden ebenfalls barbarisch demoliert. Alle maennlichen Juden — sofern nicht schon vorher verfolgt — wurden nach der Kristallnacht verhaftet, in Konzentrationslager gebracht oder zu rechtlosen Zwangsarbeitern gemacht. Sie mussten 1939 ihre Radioapparate abliefern, durften keine Zeitung halten, wurden in Judenhaeusern konzentriert usw. Ab 1941 mussten sie auch den gelben Judenstern sichtbar an der Kleidung tragen. Die grosse Mehrheit der deutschen Juden, die nicht rechtzeitig hatte emigrieren koennen, ueberlebte die faschistischen Greueltaten nicht. Diese Mehrheit zaehlt zu den ueber 6 Millionen Ermordeten — darunter mehr als 1 Million Kinder —, die juedische Opfer der Nazibarbarei wurden. Das war damals etwa ein Drittel der auf der Erde lebenden Menschen juedischen Glaubens. In welcher Situation befanden sich 1945 jene Juden, die den Terror ueberstanden? —Sie waren koerperlich und wirtschaftlich voellig zerruettet. Sie wurden aber dadurch unterstuetzt, dass sie den Anbruch einer neuen Zeit erlebten. Nie vergresse ich den Tag im Mai 1945, als ich am Rand einer Strasse stand, durch die die Sowjetarmee in Dresden einzog. Ein Sergeant zu Pferde sah den Judenstern an meiner Kleidung. Er gab einen Befehl, und die ganze Abteilung zog salutierend an mir vorbei. Da wusste ich: Jetzt bin ich wieder Mensch. Wie verhielten sich’ die neuen staatlichen Organe, die sich im Gebiet der heutigen DDR entwickelten, gegenueber den Juden? —Sie gaben ihnen vor allem volle Gleichberechtigung. Darueber hinaus wurde ihnen wie allen anderen Verfolgten des Naziregimes besondere Hilfe bei Wohnungszuweisung. Versorgung, aerzflicher Betreuung usw. zuteil. Welche Massnahmen wurden gegen die barbarische Rassenideologie ergriffen? —Man machte allen Faschisten, deren man habhaft werden konnte, den Prozess. Vor allem wurde eine kolossale Arbeit zur Umerziehung des ganzen Volkes geleistet. Reformen, die dem Geist des Postdamer Abkommens entsprachen, aenderten die Verhaeltnisse auch fuer die juedische Bevoelkerung. Wir sehen insbesondere, dass die Jugend in jeder Weise im Sinne des Ant'irassismus und der Voelkerverstaendigung erzo gen wird. Welche Gesetze sind in diesem Zusammenhang in Kraft? —Nach dem Strafgesetzbuch ist Antisemitismus strafbar. Paragraph 6 der Verfassung schuetzt alle Buerger gegen jede Rassen- oder religioese Diskriminierung. Sind Ihnen Faelle bekannt, wonach die Anwendung dieser Gesetze noetig war? —Nein. Man kann seit langem die Rassenideologie in der DDR als voellig ueherwunden betrachten. Worauf fuehren Sie dieses Ergebnis zurueck? —Auf die konsequente Verwirklichung des Potsdamer Abkommens und den unter Fuehrung der Arbeiterklasse zurueckgele g t e n antifaschistischdemokratischen und sozialistischen Entwicklungsweg. Gelten fuer die Buerger juedischen Glaubens auch heute noch materielle Vergünstigungen? —Sie sind zumeist als Opfer des Faschismus anerkannt. Also erhalten sie nach den gesetzlichen Bestimmungen u. a. 27 Tage Mindesturlaub und bei Krankheit den Nettolohn bis zur Gesundung. Ihr Rentenalter ist um 5 Jahre herabgesetzt (bei Frauen auf 55, bei Maennern auf 60 Jahre). Anstelle der Rente tritt eine Ehrenpension von 600 Mark monatlich. Welche Moeglichkeiten haben die Juden in der DDR, sich zur Ausuebung ihres Glaubens zusammenzuschliessen? —In der DDR leben noch etwa 1.100 Buerger juedischen Glaubens (ueber die in der DDR lebenden Buerger juedischer Abstammung, die glaubensmaessig nicht gebunden sind, gibt es keine statistischen Angaben). Jedoch bereits die Zahl der Buerger juedischen Glaubens fuehrt noch einmal das Ausmass des Naziterrors vor Augen, den vor allem sehr wenige der juengeren ueberstanden. Ausgewandert sind von den Ueberlebenden nach 1945 nur wenige; vor allem zu Verwandten im Ausland. Die Buerger juedischen Glaubens haben sich zu acht Gemeinden (Berlin, Dresden, Erfurt, Halle, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Magdeburg, Schwerin) zusammengeschlossen. Sie bilden den Verband der Juedischen Gemeinden in der DDR. Gibt es fuer diesen Zusammenschluss irgendwelche Sonderregelungen? —Nein, sie sind nicht noetig. Die juedische Religionsgemeinschaft geniesst — wie alle anderen Religionen — voellige Gleichberechtigung. Verfuegt sie auch ueber genuegend Synagogen und andere Einrichtungen, um ihren Glauben ungestoert ausueben zu koennen? —Ja. In Dresden und Erfurt wurden neue Synagogen, in Karl-Marx-Stadt ein neues Gemeindehaus mit einem sehr schoenen Betraum gebaut. Die von den Faschisten geschaendeten und demolierten Synagogen in Berlin, Halle und Leipzig sind wiederhergestellt. Die Gemeinden in Magdeburg und Schwerin haben ihre Gemeindehaeuser mit Betraeumen erhalten. In Berlin besteht eine koschere Fleischerei, die rituell geschlachtetes Fleisch liefert. Ebenso importieren wir zum Pessachfest das benoetigte ungesaeuerte Brot und koscheren (rituellen) Wein, so dass alle Buerger juedischen Glaubens durchaus ihrem Ritus entsprechend leben koennen. Konnten auch juedische Friedhoefe wiederhergestellt werden? —Alle juedischen Friedhoefe, die bekannt geworden sind, werden von den Gemeinden gepflegt. Verfuegen die juedischen Gemeinden auch ueber soziale Einrichtungen? —Die Berliner Gemeinde unterhaelt ein Altenheim, und alljaehrlich organisieren wir ein Kinderferienlager. Woher stammen die Mittel fuer Neubau, Restaurierung und Pflegearbeiten? —Ausschliesslich aus Mitteln des Staates, und die waren sehr erheblich. Stehen den Juedischen Gemeinden darue b e r hinaus staatliche Zuwendungen zur Verfuegung? —Die Gemeinden erhalten alljaehrlich vom Staat einen festen Betrag. Wer entscheidet ueber seine Verwendung? —Das Praesidium des Verbandes beschliesst die Verteilung der Mittel entsprechend seiner eigenen Planung und entsprechend der Planung der Gemeinden in voelliger Selbstverwaltung. Kann es passieren, dass nicht genuegend Mittel zur Verfuegung stehen? —Im allgemeinen nicht. Aber wenn es geschieht, regeln wir solche Probleme in einem vertrauensvollen Gespraech mit dem Staatssekretariat fuer Kirchenfragen. Besitzt der Verband eigene Publikationsorgane? —Wir geben viermal im Jahr unser Nachrichtenblatt heraus, und ausserdem — obwohl das sehr teuer ist — alljaehrlich einen juedischen Kalender. Werden Buecher und andere Schriften publiziert bzw. importiert, die der Pflege des juedischen Glaubens dienen? —Der Verlag Edition, Leipzig, hat zum Beispiel unter Mitwirkung des Oberabbiners der Slowakei den „Machsor Lipsia“ in einer Prachtausgabe herausgebracht. Die „Hag gadah von Sarajewo“ erschien als Gemeinschaftswerk mit Jugoslawien und Frankreich. Andere Buecher sind erschienen, die den Faschismus verurteilen. Religioese Buecher, die hier nicht gedruckt werden koennen, importieren wir. Stehen den juedischen Gemeinden auch Sendezeiten im Rundfunk zur Verfuegung? —Alle 14 Tage sendet der Berliner Rundfunk eine Sabbatfeier. Unterhaelt der Verband internationale Verbindungen? —Sie bestehen mit vielen Verbaenden, doch besonders eng sind sie zu allen Verbaenden in den anderen sozialistischen Laendern. Wir tauschen Informationen und zu besonderen Anlaessen auch Delegationen aus. Auch sonst haben wir viele Gaeste aus vielen Laendern, die aus privatem Anlass in der DDR weilen und die Gelegenheit nuetzen, sich ueber das Leben der Juden in der DDR zu orientieren. GLAEUBIGE JUDEN. STAAT UND GESELLSCHAFT Werden glaeubige Juden von den in der DDR bestehenden Parteien und Organisationen als Mitglieder aufgenommen, wenn sie das wuenschen? —Warum sollten sie nicht aufgenommen werden und Funktionen ausueben? Der Jude ist ein Staatsbuerger wie jeder andere. Es gibt keine Einschraenkung fuer seine Gleichberechtigung. Koennen glaeubige Juden verantwortliche Positionen in Staat, Wirtschaft und anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens einnehmen? —Wir sind Buerger der DDR. Dazu gehoert, dass wir entsprechend unseren Faehigkeiten verantwortliche Positionen in allen Bereichen der Wirtschaft und des oeffentlichen Lebens ausfuellen. Einer der Richter am Obersten Gericht der DDR, Herr Dr. Kurt Cohn, ist glaeubiger Jude. Oberrichter Dr. Cohn ist uebrigens auch Mitglied des Sekretariats der Gesellschaft Neue Heimat und in dieser Eigenschaft sicher auch manchem Leser bekannt. Andere sind Universitaetsprofessoren. Ich selber war zuletzt Verwaltungsdirektor eines wissenschaftlichen Instituts. Wie haben die Juedischen Gemeinden ihre Haltung zum Aufbau des Sozialismus in der DDR definiert? —Die Mitglieder der Juedischen Gemeinden sind stolz darauf, entsprechend ihren Kraeften das Ihre beim Aufbau des Sozialismus getan zu haben und noch zu tim. In einer unserer Publikationen haben wir erklaert: „Die Buerger der DDR, unter ihnen wir Buerger juedischen Glaubens, haben gemeinsam dafuer gesorgt, dass auf dem Boden der DDR Nazismus und Antisemitismus ein fuer allemal und mit der Wurzel ausgerottet wurden. Juedische Verfolgte des Naziregimes werden im sozialistischen deutschen Staat geachtet und nehmen in ihm verantwortliche Positi o n e n ein“. Wir bleiben dem Humanismus verpflichtet. Wie kommentieren Sie als Praesident des Verbandes Juedischer Gemeinden den Standpunkt der Regierung der DDR zur Nahostkrise? —Die Juedische Gemeinden haben mehrfach erklaert, dass sie entsprechend ihren humanistischen Idealen und entsprechend ihrem Glauben lieber tausend Tropfen Schweiss fuer den Frieden vergiessen ajs einen Tropfen Blut fuer den Krieg. Sie sind gegen jeden Missbrauch ihres Glaubens fuer entsprechende Kriege. Herr Praesident, wir danken Ihnen herzlich fuer die Beantwortung der Fragen unserer Leser.