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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1971-10-01 · 10 (Octubre 1971) · p. Seite 14

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXXIII (1971)
Issue
10 (Octubre 1971)
Date
1971-10-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 BOLETIN INFORMATIVO OCTUBRE 1971 Der bekannte israelische Schriftsteller berichtet ueber seine denkwuerdigen Erfahrungen in Gespraechen mit deutschen Oberschuelem und deren “geradezu abenteuerliche Vorstellungen” ueber juedische und israelische Probleme. 2\utóc/ie ¿ju9ená in Israel SCHALDM BEN - Ch Dieser Tage wurde ein neuerliches Abkommen zwischen dem deutschen Bundesministerium für Familie und Jugend und dem israelischen Staedtetag unterzeichnet, demgemaess im Rahmen eines Jugendaustausches im laufenden Jahre zweitausend deutsche Jugendliche Israel besuchen werden, meist Oberschüler, deren Reisespesen zu fünfundsiebzig Prozent von ihrer Regierung getragen werden. Die gleiche Anzahl israelischer Jugendlicher soll die Bundesrepublik Deutschland besuchen, da man der Ansicht ist, dass ein gegenseitiges Sichkennenlernen der jungen Generation der Verstaendigung zwischen Deutschland und Israel nur förderlich sein kann. Natürlich kommen viel mehr deutsche Jugendliche nach Israel, denn ausserhalb dieses Schemas gibt es Reisegruppen aller Art und vor allem auch Einsatzgruppen freiwilliger Helfer wie Aktion Sühnezeichen. Der Typus dieser Helfer hat sich aber geaendert, da heute bis zu fünfzig Prozent deutsche Kriegsdienstverweigerer sind, die ihre Militaerzeit in der Bundeswehr durch einen Ersatzdienst in Israel, in Kibbuzim oder in Altersheimen, Kliniken, Kinderheimen usw. abgelten können. Diese Jugendlichen sind sehr oft durch die Ideologie der Neuen Linken geformt. Das begegnet uns heute aber auch schon bei Oberschülern. So hatte ich Gelegenheit, mit einer Schülergruppe aus Westberlin zusammenzutreffen. Die Gruppe bestand aus Primanern und Oberprimanern (Jungen und Maedchen) aus drei Schulen in Berlin- Zehlendorf. Ein Gymnast'Tlehrer, der selbst noch unter dem NS-Regime im KZ Buchenwald gefangen war, und schon zum drittenmal in Israel weilt., versucht den Schülern das Land Israel, seine Menschen und Probleme nahezubringen. Meine Aufgabe war es, vor dieser etwa fünfundzwanzig Teilnehmer zaehlenden Schülergruppe über Zionismus und jüdisches Selbstverstaendnis zu referieren. Das war schon eine Art Herausforderung, denn Wort und Begriff Zionismus stellen für diese Generation ein Synonym für reaktionaeren Nationalismus und Kolonialismus dar. In der Tat überraschten mich in der Diskussion einige Schüler mit geradezu abenteuerlichen Vorstellungen über jüdische Geschichte. Die Schüler gaben der Ansicht Ausdruck, die Juden seien im Mittelalter in ihren Wirtslaendern verwurzelt gewesen. Erst im 19. Jahrhundert, beim Uebergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Gesellschaft wurden die Juden □ RIN entwurzelt. Nun versuchte der Zionismus sie durch einen bürgerlichen Nationalismus vom Klassenkampf abzuziehen. Ich war über diese “Enthüllungen” einigermassen perplex, versuchte meinen jungen Hörern klarzumachen, dass die Geschichte der Juden im Mittelalter eine Abfolge von Erpressung, Vertreibung, Vernichtung darstellt, ein Leben von Parias, die schon deshalb nicht verwurzelt sein konnten, weil sich die Gesellschaft im christlichen Mittelalter als Sakramentsgemeinschaft empfand und die Juden daher ausserhalb stehen mussten, da sie zu den Sakramenten keinen Zugang hatten. Ich wies ferner darauf hin, dass im Staendestaat des Mittelalters die Zünfte den Juden verschlossen waren und sie daher abgesondert im Ghetto lebten. Meine Hörer belehrten mich, dass die Juden nur freiwillig im Ghetto lebten, überall wohnen konnten, aber nur im Ghetto als Priviligierte den kaiserlichen Schutz genossen. Sie waren also verwurzelt und hatten keine Zionssehnsucht nötig. Als die Quelle dieses originellen Geschichtsverstaendnisses wurde mir genannt: Abraham Leon, “Judentum und Kapitalismus”. Trikont - Verlag, München. Als ich bemerkte, dass die Juden der Diaspora heute als treue Verbündete hinter Israel stünden, tönte mir der Name Erich Fried entgegen. Da hatte ich es nun. Was sind Millionen braver Solidaritaetsfondsspender (Magbit) gegen den Dichter Erich Fried, geboren Wien 1921, der 1938 nach England emigrierte, wo er bis heute lebt. Fried hat sich feierlich von Israel losgesagt, da er immer auf der Seite der Verfolgten stehe. Als die Juden verfolgt waren, so argumentiert er, gehörte er zu ihnen, jetzt aber, da sie die armen Ägypter barfuss in die Wüste treiben, identifiziere er sich mit Israels Gegnern. Ein weiterer jüdischer Heiliger deutscher Jugend ist heute Isaac Deutscher, dessen kleine Schrift “Der israelischarabische Konflikt” in der linksradikalen Serie “Voltaire- Flugschriften” erschienen ist und entsprechende Ansichten vertritt. So wird z. B. Ben- Gurion als der böse Geist des israelischen Chauvinismus bezeichnet. Die Israelis werden als die Preussen des Nahen Ostens vorgestellt, so dass jugendliche Leser mit einem negativen Vorverstaendnis ins Land kommen. Zwei Tage spaeter traf ich mit einer weiteren deutschen fugend gruppe, freiwilligen Helfern, zusammen, die etwas aelter und reifer waren. Auch im Aeusseren wirkte diese Gruppe gemaessigter, der Hippietyp war seltener. Bei den Gymnasiasten faellt es zuweilen schwer, Maedchen und Jungen nicht miteinander zu verwechseln. Beide tragen langes Haar bis auf die Schultern, beide tragen Blue-Jeans, zuweilen auch, trotz grösster Hitze, Lammfelljacken. Einige Maedchen hatten sich allerdings wunderschöne buntbestickte Fellachinnenkleider in der Jerusalemer Altstadt gekauft, so dass das weibliche Element wieder zum klaren Durchbruch gelangte. Wieder sprach ich über Zionismus und jüdisches Selbstverstaendnis, nun schon durch meine jüngste Erfahrung gewitzt und daher besonders vorsichtig in Wortwahl und Beweisführung. Ich legte dar, dass die Rückkehr in das Land der Bibel mit einer Bibelrenaissance in Israel verbunden ist, dass die hebraeische Bibel das einigende Band zwischen sehr verschiedenen jüdischen Gruppen aus über achtzig Herkunftslaendern darstelle. Daraufhin kam die Frage, ob die Rückkehr zur Bibel nicht notwendig zu einer chauvinistischen Verengung führen müsse. Diese Befürchtung verband sich mit einer wenig klaren Vorstellung vom Wesen der Bibel, die nur im Kontext klerikaler Reaktionen gesehen wurde. Hier war es schwer, aber wie ich glaube, nicht erfolglos, den israelischen Zugang zur Bibel fassbar zu machen. Im Verlauf unseres Gespraechs versuchte ich darzulegen, dass nach Auschwitz, das eine klassenlose Gesellschaft des Todes war, die Illusion der Integration der Juden in der Diaspora beendet sein müsse. Ein Teilnehmer entgegnete: Wenn Sie aus Auschwitz Konsequenzen ziehen, wie kann sich Israel dann mit den USA verbünden, die in Vietnam ein neues Auschwitz vorbereiten? Ich wies darauf hin, dass der Krieg in Vietnam, so problematisch er sein mag, nicht mit Auschwitz zu vergleichen sei. Ich drang damit nicht durch. Für einige meiner Hörer stand es fest, dass in Vietnam von den USA die furchtbarsten Vernichtungswaffen kaltblütig am lebenden Objekt ausprobiert werden, wobei ganze Ortschaften der Vernichtung anheimfallen. Ein Israel, das mit den USA paktiert, verliert daher in den Augen dieser Jugend an Glaubwürdigkeit. Ich gab zu bedenken, dass Aegypten von der Sowjetunion übermaessig aufgerüstet wird, und Israel daher auf amerikanische Waffenhilfe angewiesen ist. Dieses Argument kam Imschlüss am 30. Deutsch9 Oberschüler; Absurde Ansichten. ÉÉÉÉÉ: /V - «• I nicht an, da die Legende vom schwachen unterdrückten Araber staerker ist als “facts and figures”. Auch in Israel gibt es KZ- Lager, natürlich nur für Araber, erklaerte mir ein Jugendlicher. Die Misshandlung der Insassen geht aus dem Bericht von Amnesty International einwandfrei hervor. Durch israelische Strafaktionen seien ganze arabische Dörfer zerstört worden. Die Widerlegung des tendenziösen Berichtes von Amnesty International durch israelische Stellen wurde nicht bezweifelt, sondern ist nie zur Kenntnis meiner Gespraechspartner gelangt. Zum Gesamtzusammenhang versuchte ich dazulegen, dass Israel einer permanenten Terrordrohung arabischer Untergrundverbande ausgesetzt ist und daher Gegenmassnahmen ergreifen muss. Trotzdem hat es in Israel nie eine Geiselerschiessung gegeben. Israel muss gegen geschworene Staatsfeinde Vorgehen, waehrend man in Deutschland Juden ins KZ sperrte, nur weil sie Juden waren. Kein geringerer Unterschied. Auch in Israel werden Araber diskriminiert, nur weil sie Araber sind, entgegnete mir ein junger Mann, der bei öffentlichen Arbeiten mit Arabern zusammenwirkt. Sie haben ihm versichert, dass der arabische Arbeiter keine Aufstiegsmöglichkeit habe, sondern immer Schwarzarbeiter bleiben müsse. Ich fragte, wie es um die Fachkenntnisse dieser benachteiligten Araber steht, und bekomme darauf keine Antwort. Das sind einige Stichproben aus Gespraechen mit deutscher Jugend in Israel 1971. Seit über zehn Jahren führe ich Gespraeche dieser Art mit solchen Gruppen. Das Klima dieser Gespraeche hat sich entscheidend gewandelt. Meist sind die jungen Deutschen, die nach Israel kommen, nicht ausschliesslich antiisraelisch orientiert. Sonst kaemen sie gar nicht. Das Interesse ist heute geringer als früher. So erfuhr ich, dass der Lehrer des Droste-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf aus seiner Schule nicht genügend Interessenten für eine Israelfahrt zusammenstellen konnte, so dass er aus Parallelklassen anderer Schulen noch Verstaerkung herbeiholen musste. Dieser Lehrer, Dr. Helmuth Rehfeld, ist ein hervorragender Kenner der Verhaeltnisse, er versorgte die Gruppe auch ■mit wirklich zuverlaessigem Informationsmaterial, klagte aber darüber, dass dieses nicht gelesen wird, waehrend die Jugendlichen die Literatur der Neuen Linken wie die Bibel wörtlich nehmen. Diese Tatsachen müssen zur Kenntnis genommen werden. Wer heute vor deutscher Jugend im In- und Ausland spricht, muss sich mit ihrer Ideologie vertraut machen, um nicht überrumpelt zu werden. Aelteren Referenten wird es ohnedies schwer, die Jugend zu überzeugen, denn Alter ist heute ein negatives Argument, das der Referent leider nicht beseitigen kann. 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