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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1970-06-01 · 6 (Junio, 1970) · p. Seite 19

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXXII (1970)
Issue
6 (Junio, 1970)
Date
1970-06-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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JUNIO 1970 BOLETIN INFORMATIVO 19 Deutschsprachiger Teil des INFORMATIVO EIH VOLK ■ GESPALTEN Unser New Yorker Mitarbeiter Kurt R. Grossmann, schildert die wachsende Unzufriedenheit des nordamerikanischen Volkes, die in Massen-Demonsiraiionen und blutigen Ausschreitungen in Erscheinung tritt. Auf der Pressekonferenz, die erste seit Januar dieses Jahres, wurde der Praesident gefragt, wie er “sein Versagen” rechtfertigen koenne, da er dem Lande versprach, “es zu einigen”, “Konfrontation durch Verhandlungen zu ersetzen” und schliesslich den Krieg in Vietnam zu beenden. Die letzten Wochen, so sagte der Fragesteller, haben eklatant bewiesen, dass wir von allen drei Zielen weit entfernt sind. Die Antwort Nixons, der offensichtlich von dieser Frage betroffen war, war ausweichend: “Beurteilen Sie uns nicht zu uebereilt”, um dann lediglich die Hoffnung seiner Regierung zum Ausdruck zu bringen: es wuerde in Genf trotz der Proteste der Russen weiterverhandelt werden, und es bestehe Aussicht, dass eine Vereinbarung zustandekommt. In den letzten Wochen haben die Vereinigten Staaten Geschichte erlebt. Die Moratoriumbewegung der Studenten hatte sich aufgeloest, da ihr Nixon mit dem staer.digen Abzug amerikanischer Soldaten von Vietnam das sie einigende Fanal genommen hatte. Proteste und Ausschreitungen an Universitaeten waren Sache einer einflusslosen Minderheit; ihre Forderungen betrafen nicht mehr die Aussenpolitik des Landes, sondern Reformen ihrer Schulen und Universitaeten. Dann kam zur Ueberraschung des Landes, einschliesslich des nicht informierten Aussenministers William P. Rogers, die Kambodscha-Invasion. Nur wenige Tage vorher hatte der Letztere dem Aussenpolitischen Ausschuss des Senats dargelegt, dass die Verwaltung eine solche nie unternehmen wuerde, weil das eine Aufstockung und Verlaengerung des Krieges bedeute, die der Praesident nicht auf dem Gelaende der Kent State University in Ohio will. Wenige Tage spaeter wurden vier unschuldige Studenten, die sich nach Beendigung ihrer Klassen auf dem Wege zur Mensa oder anderen Klassen befanden, von der Nationalgarde erschossen, sieben weitere verwundet. LIFE Magazine veroeffentlicht eine Photographie, die beweist, dass der die Gruppe kommandierende Leutnant das Signal zum Schiessen gegeben hat, und Senator Young von Ohio bestaetigt dieses Faktum. DIE MASSEN DEMONSTRIEREN Kambodscha und Kent wurden die Parolen der Studenten. Mehr als 440 Universitaeten und Hochschulen schlossen ihre Tore. Konservative Studenten ernuechterten. Sie waren (mit Ausnahmen) genau so erschuettert, verzweifelt — und pessimistisch ueber die moralische Aushoehlung des Landes. Ein konservativer Student der Kent Universitaet, ein Gegner der “Protester”, sagte spaeter, dass ihn die Ermordung der vier Studenten so erregt hat, dass er sich nun mit ihnen solidarisch erklaere. Nixon hatte bereits bei der Pressekonferenz gegenue b e r den Studenten unerwartet einen “versoehnlichen Ton” angeschlagen. Als er gefragt wurde, was nach seiner Meinung die Studenten mit ihren Demonstrationen zum Aus druck bringen wollen, antwortete der Praesident: “Sie wollen Frieden, sie wollen, dass das Toeten aufhoert, dass niemand mehr zum Mihtaerdienst verpflichtet werden soll und schliesslich dass wir Vietnam verlassen”. Dann setzte der Praesident hinzu: “Ich stimme mit allem, was sie wollen, ueberein...” Der Unterschied ist jedoch die Methode. dieses Ziel zu erreichen, und Nixons Taten wie Spiro Agnews Reden haben ihn und seine Kollegen nicht glaubwürdiger gemacht. Als am Sonnabend, den 9. Mai, 100 oder 150.000 Protester, in ihrer Mehrheit junge Menschen, aber auch Tausende “ueber dreissig”, jedoch wenige Neger und nur einige Gewerkschaften, nach Washington kamen, sah man wenig Polizei, keine Nationalgarde oder gar Bundestruppen (sie waren irgendwo in Reserve). Die Problematik war, die Hitze zu ertragen und die Geduld zu haben, sich fuer viele Stunden die Reden anzuhoeren, mit denen die Protestierenden bereits vorher einverstanden waren. Es kam zu einigen kleinen Zwischenfaellen. .. Der entscheidende Unterschied zur Demonstration vom letzten November war, dass Mitglieder des Nixonkabinetts, Assistenten von Nixon, wie Henry A. Kissinger, mit den Studenten diskutierten und das erste Mal der Versuch eines Dialogs gemacht wurde, den Agnew als einziger ablehnt. MINISTER KRITISIERT DEN PRAESIDENTEN Allgemein war das Gefuehl vorherrschend, dass solche Massendemonstrati o n e n, so eindrucksvoll und bewundernswert sie vom organisatorischen Standpunkt aus sind, nicht den gewue n s c h t e n Zweck erfuellen koennen. Bekanntlich wurde Rom nicht an einem Tage erbaut und es gibt heute deutliche Anzeichen dafuer, dass der Protest keine einmalige Affaere bleiben wird. Washington hatte zwei Tage vor der Demonstration die groesste Ueberraschung des Jahres erlebt, als ein ausserordentlich kritischer Brief des Innerministers Walter Hickel, Katholik und Konservativer, Vater von sechs Kindern, an den Praesidenten, angeblich gegen den Willen seines Schreibers, bekannt wurde. Dieser Brief kritisiert die bisherige feindliche Haltung gegenueber der Jugend, insbesondere “die fortgesetzten Angriffe des Vizepresidenten gegen die Jungen”, das Fehlen jeglichen Kontaktes, des mangelnden Dialoges und das gefaehrliche Vergessen geschichtlicher Tatsachen ueber das Entstehen der Vereinigten Staaten von Amerika. Hickel erinnert an die Proteste “heutiger” amerikanischer Patrioten, wie Patrick Henry, Thomas Jefferson, Madison und Monroe, die bekanntlich damals auch Gewalt predigten. (Das Boston Massaker kostete fuenf Menschenleben und fuehrte zur Bildung der Vereinigten Staaten). In Kent fielen vier Studenten, aber ln einer von der New York Times veranstalteten Paneldiskussion von elf waren neun der Ansicht, dass mit weiterer blutiger Unterdrueckung “der abweichenden, unbequemen Meinung” gerechnet werden muss. Hickel ist im Kabinett keinesfalls isoliert. George Romney, Minister fuer Wohnungswesen, ist mit ihm voll einverstanden und haelt den Krieg in Vietnam fuer ein nationales Unglueck, obwohl er die Kambodscha-Aktion nicht kritisiert. Nach der N. Y. Times hat Aussenminister Rogers Hickel ermutigt, den Brief zu schreiben, aber bisher hat dieser oeffentlich keine Stellung bezogen. 250 hohe Beamte des Aussenministeriums haben in einem Brief an Rogers ihre warnende Stimme gegen die Aufstockungspolitik in Kambodscha erhoben. Eine Anzahl juengerer Maenner, die Nixon mit bestimmten Aufgaben betraut hat, haben resigniert. Washington ist voll von Geruechten ueber weitere Resignationen. STUDENTEN WOLLEN DAS LAND AENDERN Tausende von Studenten, gefuehrt von ihren Professoren, sind nach Washington gekommen, um mit Senatoren und Mitgliedern des Hauses zu sprechen. “Wir wollen das Land aendern”, erklaeren sie, und ein grosser Teil der Studenten wird als letzten hoffnungsvollen Ausweg ihre Kraft und Idealismus fuer die Wahl von Friedenskandidaten zur Verfuegung stellen. Der Auswaertige Ausschuss des Senats hat mit 9 gegen 4 Stimmen eine Gesetzesvorlage angenommen, die versucht, die Mittel zur Kriegsfuehrung in Kambodscha zu beschneiden. In wenigen Tagen wird eine 30 taegige Debatte um diese Gesetzesvorlage entbrennen, in welcher die Frage der Verfassungsmaessigkeit der praesidentiellen Aktion behandelt werden wird. In dieser Debatte wird man Nixon angreifen, als Argument fuer das Verbleiben amerikanischer Truppen die angeblich erfolgten blutigen Unterdruecku n g e n durch die Kommunisten nach 1954 gegeben zu haben, die nach eingehenden Studien von Professor George McT. Kahin nicht stimmen. Die Internationale Kontrollkommision, die bis 1960 taetig war, empfing 19 Beschwerden gegen Nordvietnam, davon einen Mord, waehrend zur selben Zeit 214 Beschwerden gegen das Diam- Regime in Suedvietnam untersucht wurden. Dieses Regime verhaftete von 1954 — 1960 48.200 Oppositionelle. Der Meinungsforscher Dr. Gallup hat nach der Rede Nixons 1422 Personen in 300 verschiedenen Staedten befragt, ob sie mit Nixons gegenwaertiger Kriegsfuehrung einverstanden seien und 57% haben positiv geantwortet, obwohl viele mit mehr oder minder grossen Vorbehalten und wenige empfehlen, den Krieg so aufzustocken, um ihn schnellstens zu beenden. Waehrend ein so grosser Industrieller wie John Th. Connor, Praesident der Alliad Chemical Corp. seinen Schock und Opposition zu Nixons neuester Politik zum Ausdruck gebracht hat, haben in New York am Freitag, den 8. und Montag, den 11. Mai, Bau— und Dockarbeiter in heftigen, ja gewalttaetigen Demonstrationen ihre Unterstuetzung fuer Nixon und Agnew zum Ausdruck gebracht. Die Bauarbeiter haben eine friedliche Demonstration der Kriegsgegner in der Finanzhochburg Wall Street in New York gesprengt, zogen, ungehindert von der Polizei, zum Rathaus, dem Sitz von Lmdsay, erzwangen, die auf Halbmast zu Ehren der gemordeten Studenten gesetzte Flagge wieder hochzuziehen, griffen Studenten und mit ihnen sympathisierende Zuschauer an und fielen in das gegenüberliegende Paca College ein. Lindsay erklaerte, dass dieses Ereignis eine “offensichtliche Pflichtverletzung der Polizei” bedeute, die nicht eingriff, als die Bauarbeiter mit Stahlrohren und Steinen auf die Studenten einschlugen. Der Gewerkschaftsfuehrer Peter J. Brennen erklaerte, dass die Demonstratio n e n “spontan” waren, die Gewerks c h a f t nichts mit denselben zu tun hatte, aber er missbilligt nicht die Methode, die an Vorgaenge in Deutschland in den Jahrend 1931-32 uns so gefahrvoll erinnern. UNRUHE UND KLASSENKRIEG Soziologen, die sich zu diesen Vorgaengen geaeussert haben, interpretieren den Zusammenprall von Studenten und jener arrivierten Schicht von Bau- und Dockarbeitern als einen “Klassenkrieg”, einen Hass der Arbeiter gegen die Studenten, die “soviel Unruhe” machen und die bisherige bequeme Lebensmethode zu gefaehrden scheinen. Die Bau- und Dockarbeiter, die junge Studenten niederschlagen, glauben, “Patrioten” zu sein, obwohl sie aus ihrer eigenen Erfahrung wissen sollten, dass vor 35 und 40 Jahren ihre Gewerkschaften aehnliche Konvulsionen durchmachten, dass sie damals die “underdog” waren, die um ihr Recht, in Wuerde und Freiheit zu leben, kaempften. Das haben einige Gewerkschaften bedauerlicherweise vergessen, wie uebersehen: wirtschaftlicher Wohlstand, hoerere Loehne sind wuenschenswert, aber sie koennen nur in einer Gesellschaft reuessieren, die in der Lage ist, ihre aussen— und innenpolitischen Probleme zu loesen. Als Richard Nixon bei seiner Pressekonferenz gefragt wurde, ob dieses Land einer Revolution oder einer Unterdrueckung (Faschismus) entgegengeht, verneinte er beide Perspektiven. Das Recht, die andere Meinung zum Ausdruck zu bringen, muss gewahrt bleiben, und was die “Unterdrueckung” oder beginnende Faschisierung des Landes anbetrifft, so sieht der Praesident dafuer keinerlei Anzeichen. Viele kompetente Persoenlichkeiten, Gouverneure, Universitaetspraesidenten, Politiker und unsere Jugend teilen nicht diese Ansicht. Einige geben auf und verlassen das Land, andere arbeiten weiter in der Hoffnung, dass eines Tages der amerikanische Traum sich erfuelle.

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