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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1957-09-01 · 9 (Septiembre, 1957) · p. Seite 6

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIX (1957)
Issue
9 (Septiembre, 1957)
Date
1957-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 BOLETIN INFORMATIVO Septiembre 1957 ojthkm 1. Sind die Juden in den kommunistischen Laendern — mit Ruecksicht auf die neuesten Berichte ueber Antisemitismus — in Gefahr physischer Ausrottung? 2. Ist ein kommunistisches Regime dem juedischen religioesen und geistigen Leben gegenueber unbedingt feindlich eingestellt? 3. Welches sind die Auswirkungen liberalisierender Tendenzen — oder ihres Gegenteils — auf die Zukunft der Juden in den kommunistischen Laendern? Mit diesen Fragen beschaeftigte sich in London ein vom “Juedischen Weltkongress” veranstaltetes “Jewish Forum”. “Wir Juden sind zu emotionell” — erklärte Professor Hyman Levy in Beantwortung der Fragen. Professor Levy ist Mitglied des 'Imperial College of Science in London; als Mitglied einer Delegation der britischen Kommunistischen Partei besuchte er vor kurzem Sowjetrussland und er war nach seiner Rückkehr der Autor eines sensationellen Berichtes, in dem die Existenz von Antisemitismus in der Sowjetunion zugegeben wurde. DIE MEINUNG EINES KOMMUNISTEN “Juden haben die Tendenz, alles, was ihnen widerfährt, zu entstellen und aufzubauschen, weil sie eben ein zu emotionelles Volk sind” — sagte Professor Levy. Ein Drittel der Menschheit lebt gegenwärtig unter irgendeiner Art von sozialistischem Regime; und die kapitalistischen Länder sind ständig Aenderungen ausgesetzt. Deshalb könne es nicht überraschen, wenn auch Juden in die Spannungen und Kämpie verwickelt werden, die solche Aenderungen begleiten. Und es ist durchaus möglich, dass Juden im Verlauf solcher Änderungen schlecht behandelt werden; aber eine solche schlechte Behandlung könne auch anderen Völkern widerfahren . Ueber sich selbst sagte Prof. Levy, dass er eine streng^religiöse Erziehung genossen habe, jetzt jedoch an nichts mehr glaube. Er meinte, dass die Ju den bezüglich religiöser Probleme mehr Ehrlichkeit zeigen sollten. Er sei nicht vielen Juden begegnet, die ein wahrhaftiges und ehrliches religiöses Le~en in jedem Sinne führen. Was man bei den Juden gewöhnlich unter religioesem Le ben versteht, sei in Wahrheit lediglich die Beteiligung am Leben einer religiösen Gemeinde. Es gehe daher eigentlich nur um das Ueber leben eines jüdischen Gemeindelebens. WAS GENOSSE SUSLOV SAGTE Professor Levy führte weiter aus, dass er während seines Besuches in der Sowjetunion Gelegenheit hatte, bis in das Zentralkomitee 'der Kommunistischen Partei vorzudringen und dessen Mitglieder “einem Kreuzverhör zu unterziehen”. Besonders ausführlich sprach er mit dem “Genossen Suslov”. Suslov erklärte ihm, dass jede nationale Gruppe in Sowjetrussland ihre eigene Kultur, Literatur, Sprache und Lebensweise besitze und Wege und Mittel haben müsse, diese weiter zu entwickeln. Dies sei — so behauptete Suslov dem Professor gegenüber — ein eisernes Prinzip des Kommunismus. Professor Levy fügte nunmehr hinzu, dass in der Sowjetunion viele Tatsachen darauf hinweisen, dass dieses Prinzip in die Praxis umgesetzt wurde, soweit es sich um die meisten nationalen Gruppen handle; mit einigen wenigen Gruppen jedoch, und besonders mit den Juden, wurde nicht in dieser Art umgegangen. OFFIZIELL AUS MOSKAU: “JUDEN ALS NATIONALE GRUPPE WERDEN VERSCHWINDEN” Professor Levy erklärte weiter ,der Standpunkt der sowjetischen Behörden den Juden gegenüber sei folgendermassen zu verstehen: Juden sind über das ganze Land verstreut und deshalb keine homogene Gruppe. Sie haben nicht einmal eine eigene Sprache, denn viele von ihnen sprechen nicht einmal Jiddisch. Zumeist, sprechen sie die Sprache jener nationalen Gruppe, unter der sie leben. Die grossen Zentren der Ostjudenheit, wie zum Beispiel Kowno und Wüna, existieren nicht mehr — sagte Professor Levy. Der junge Jude hat das Ghetto verlassen, ist in das politische Leben eingetreten und hat sich sprachlich assimiliert. Der offizielle sowjetrussische Standpunkt gehe daher dahin, dass die Juden als eine nationale Gruppe bald verschwinden werden. Professor Levy schloss seine Ausführungen, indem er feststellte, dass sich die Juden in der Sowjetunion in keiner persönlichen Gefahr befinden, und dass sie auch als Volk nicht liquidiert werden, sondern durch Assimilation lang sam verschwinden. ANTISEMITISMUS UND NATIONALES TEMPERAMENT Der Exekutiv - Secretär der Europäischen Abteilung des Jüdischen Weltkongresses, Dr. S. Roth resümierte die Ausführungen der Redner dieses Forums: Panik der Juden in Polen, ein gewisses Befreiungsgefühl in Ungarn, und sich völlig widersprechende Berichte über die Lage der Juden in Sowjetrussland. Diese Ueber - sicht sollte — so meinte Dr. Roth — noch durch einen Bericht über das Leben der Juden in anderen kommunistischen Ländern vervollstaendigt werden. In Jugoslawien und Bulgarien gebe die Lage der dort lebenden Juden keinerlei Grund für irgendwelche Beschwerden, während die Juden in Rumänien in staendiger Furcht leben. Daraus müsse geschlossen werden — sagte Dr. Roth-dass die Existenz oder Abwesenheit von Antisemitismus nicht so sehr von den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen eines Landes, sondern vielmehr vom nationalen Temperament und von der Tradition des Volkes dieses bretr eff enden Landes abhängig sind. Länder und Völker, die eine antisemitische Vergangenheit haben, sind auch unter dem kommunistischen Regime weiter antisemitisch geblieben. Wenn überhaupt ein Regime auf dieses Problem einen Einfluss ausübt, so müsse die Grenzlinie nicht zwischen den sozialistischen und kapitalistischen, sondern zwischen den totalitären und demokratischen Systemen gezogen werden. “In einem demokratischen Regime gibt es die Kontrolle und den korrigierenden Einfluss der öffentlichen Meinung; eine totalitäre Regierung kann jedoch mit einem einzigen Federstrich Massnahmen für oder gegen die Juden einführen. Dies letztere stellt die wahre Gefahr dar. Ein totalitäres System in einem Lande mit einer antisemitischen Tradition kann zu verheerenden Ergebnissen führen” — erklärte Dr. Roth. 60.000 JUDEN SIND IN UNGARN GEBLIEBEN Diese Analyse trifft jedoch nicht auf die ungarische November-Revolution zu — führ te Dr. Roth Weiter aus. Obwohl gerade Ungarn ein Land mit antisemitischer Tradition ist, und obwohl es auch in einigen kleinen Dörfern zu anti-jüdischen Zwischenfällen kam, müsse dennoch festgestellt werden, dass diese Revolution im ganzen einzigartig frei von Antisemitismus gewesen ist. Dabei müsse betont werden, dass es zu keinem Antisemitismus kam, obwohl die Führer der Revolution sicherlich kaum ir gendwelche Zwischenfälle dieser Art hätten verhindern kön nen. Man dürfe sich jedoch nicht selbst täuschen und glauben, dass der traditionelle Antisemitismus der Ungarn plötzlich verschwunden wäre. Diese Ansicht sei auch unter vielen ungarischen Juden vorherrschend und sie wären aaher aus dem Lande geflohen. Ob wohl die Juden in Ungarn knapp über ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, gibt es heute unter den ungarischen Flüchtlingen nicht weniger als zwölf Prozent Juden. Allerdings müsse dieser hohe Prozentsatz jüdischer Flüchtlinge auch darauf zurückgeführt werden, dass die Juden mehr Verwandte im Ausland haben, zu denen sie flüchten können, und dass sie schliesslich auch aus wirtschaftlichen Gründen die Flucht ergriffen. Aber Furcht vor erneutem Antisemitismus blieb das Hauptmotiv. Unter den Juden, die in Ungarn geblieben sind, gäbe es jedoch keine Panik — sagte Dr. Roth. Die ungarischen Juden seien weitaus mehr assimiliert als jene Polens, und ihre Reaktion auf antisemitische Zwischenfälle sei daher weniger heftig. Die Zahl der Juden, die in Ungarn geblieben sind, belaufe sich auf zwischen 50.000 und 60.000. In Polen jedoch befinden sich die Juden als nationale Gemeinschaft zweifellos im Zustand der Liquidation. DIE LAGE IN RUSSLAND Dr. Roth beschäftigte sich dann mit dem kulturellen Le ben der Juden in Sowjetrussland. Er stellte fest, dass dieses im Jahre 1943 “mit einem Schlag” aufgehört hat. Dies könne daher nicht als ein graduelles Abnehmen des Interesses der Juden selbst, hervorgerufen durch Assimilation bezeichnet werden. Die Schluss folgerung müsse vielmehr die sein, dass es sich seitens der sowjetischen Behörden um eine “drastische Einmischung” gehandelt habe. Dr. Roth lehnte sodann die Ansichten von Professor Levy ab. Er bestritt vor allem die “Abwesenheit jüdischer Zentren” und die Meinung, dass die Juden Russlands keine homogene Gruppe bilden. Die meisten-von ihnen haben eine gemeinsame Sprache: Jiddisch. Dr. Roth schloss seine Ausführungen, indem er feststellte “Gewisse Tendenzen in Osteuropa lassen befürchten dass die in dieser Weltregion lebenden Juden als eine Grup pe nicht nur in der Gefahr einer physischen, sondern und vor allem in der Gefahr einer geistigen Vernichtung leben. Diese Gefahr ist keineswegs das Ergebnis einiger weniger Jahre des kalten Krieges oder der Herrschaft eines einzigen Mannes — ganz gleich, ob dieser Stalin oder Beria hiess. Es sind vielmehr gewisse dem kommunistischen Regime, eige ne Faktoren, die das Ueberleben der Juden als einer natio nalen Gruppe besonders schwie rig machen. Einer dieser Faktoren ist die kommunistische Haltung gegenüber der Religion im allgemeinen. Für das Ueber leben der Judenheit ist Religion unbedingt notwendig. Ein anderer Faktor ist Toleranz gegenüber der Kultur von nationalen Minoritätsgruppen. Gegenüber der jüdischen Minorität ist seitens der Sowjet- Behörden eine solche Toleranz niemals geübt worden — we-?en des Verdachtes, dass die Juden “Verraeter” wären, weil sie immer den Wunsch gehest haben, mit den Juden der ganzen Welt in Verbindung zu oleiben. Aber gerade die Freiheit des Kontaktes mit der übrigen Welt ist unbedingt noi tvendig, wenn die Juden Osteu ropas überleben sollen. Wird dieser freie Kontakt verboten, dann werden die Juden Osteuropas mit ihren Brüdern in der übrigen Welt abld kaum mehr twas gemeinsam haben”. APHORISMEN Das Ziel Es ist gut, das Ziel zunächst in erreichbare Naehe zu stecken, und immer wieder so viel weiter zu rükken — bis man es nie völlig erreichen kann — ☆ Wer von sich sagen kann: jetzt habe ich mein Ziel völlig erreicht — ist entweder sehr anspruchslos oder sehr lebensüberdrüssig. ☆ Geniale Naturen verfolgen kein Ziel — sie werden vom Ziel verfolgt — ☆ Ziel ist Lebensprogramm bis zum 5. Akt, wenn der Vorhang fällt. Mit dem Bewusstsein: das Ziel ist hinter dem Vorhang... ☆ Zielbewusste Menschen: solche, die unterwegs alles niedertrampeln — oder solche, die sich sehr langsam vorwärts tasten — ☆ Wenn man es erreicht hat, scheint das Ziel plötzlich kein Ziel zu sein — nur eine Station. ☆ Das fernste Ziel ist oft klarer zu überblicken als der nächste Schritt. ("AUFBAU”).

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