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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1957-08-01 · 8 (Agosto, 1957) · p. Seite 9

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XIX (1957)
Issue
8 (Agosto, 1957)
Date
1957-08-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Agosto 1957 BOLETIN INFORMATIVO 9 Á n Nikita I, Zar aller Reussen “Wenn es auch muessig Ist, den Namen seines Nachfolgers prophezeien zu wollen — Gromyko, Mlkoyan, Malik, Malsky? — so steht doch eins fest: in Molotows Arbeitszimmer spukt es”. (Monatsspiegel, August 1955). “Ein einfaeltiges Bauerlein fuhr nach Moskau und begehrte Einlass in den Kreml. Sein Wunsch war, mit Vladimir IIjitsch Ulanow zu sprechen, denn die Geschichte ereignete sich vor nunmehr fast 40 Jahren, an einem kalten November _ Tage 1917. Lenin empfing den Mann und dieser ueberreichte ihm einen Korb voll Obst und Gemuese, denn, so erklaerte er, der Zweck seiner weiten Reise sei dieser gewesen: DEM NEUEN ZAREN seine Huldigung darzubringen...” So oder aehnlich beginnt diese reizende Anekdote, auf der nun schon eine Generation kommunistischer Jugend “Instrukteure” herumreitet, um die Doktrin vom himmelweiten Unterschied zwischen der Knu_ te des Zarismus und den Segnungen der “Volksdemokratie” so anschaulich wie moeglich zu erlaeutern. “Denn also sprach Genosse Lenin zum Bauerlein...” Die im vergangenen Monat vollzogene sensationelle Machtverschiebung im Kreml draengt nach vier Jahrzehnten erneut die Frage auf: Wer hatte eigentlich recht? Der grosse Fuehrer der Oktober - Revolution oder der naive Muschik aus Aserbaidschan oder Usbekistan? 25 von den 40 Jahren standen im Zeichen Stalins und dass dessen schrankenloser, blutruenstiger Despotismus mehr der zaristischen Konzeption der absoluten Staatsmacht aehnelt als der marxistischen, hat noch niemand mit soviel Sachkenntnis und Autoritaet bewiesen wie Kruschew am 25. Februar 1956 in seiner beruehmten Reue auf dem 20. Kongress der Bolschewistischen Partei. Es folgte das nunmehr zu Ende gespielte Intermezzo der “kollektiven Leitung”, von der jetzt nach Ausbootung der Molotow, Malenkow und Konsorten keine Rede mehr sein kann. Und wieder stehen wir zwei, fellos am Beginn einer neuen Epoche, gekennzeichnet durch die Konzentrierung der Macht in wenigen oder gar in zwei liaenden. Ist das der vielgeruehmte “Weg zum Sozialismus"? Führt es nicht eher weg vom Sozialismus” und hin zu einem neuen Zarismus? War diesem ungluecklichen Land, dass abgesehen von der kurzen und tragischen Regierungszeit von Alexander II sich noch nie an der Sonne der Freiheit erwaermt, in dem stiernackigen, dem Trunk ergebenen, brutalen und raffinierten Bauernsohn aus der Ukraine ein Nikita I, Zar aller Reussen, geboren? Stalin hatte seine mit dem harmlosen Woertchen “Persoenlichkeitskültus” so euphemistisch umschriebene moerderische Diktatur mit einer an die Anbetung grenzenden Verherr. lichung Lenins psychologisch schon in den zwanziger Jahren vorbereitet. Geht Kruschew einfach den umgekehrten Weg? Bereitet er seine persoenliche Alleinmacht vor und bestand der erste Schritt, der zur Ausschaltung seiner “stalinistischen” Rivalen fuehren sollte und auch fuehrte, in der Demolierung des Reiterstandbilds mit dem Heüigenschein, dass er einst selbst geholfen hatte, zur ewigen Ehre Djugaschwilis noch su dessen Lebzeiten su errichten? Stalins Macht beruhte in erster Linie auf einem virtuos aufrecht erhaltenen Gleichgewicht und Rivalitaet zwischen drei Kraeften: der Parteibuerokratie, dem Heer und der Geheimpolizei. Mit Beria wurde letztere “liquidiert”; mit dem Sturz der Gruppe Molotow - Malenkow raechte sich das Heer —nach 20 Jahren!— fuer den entehrenden Prozess gegen den Marschall Tuchatschewski an den alten Partei-Kadern und brachte den “neuen” Mann, Ni. kita Kruschew, an die Spitze der Pyramide. Allerdings, das muss zugegeben werden, waffenstarrend bewacht und flankiert von den Marsehaellen der Roten Armee mit Zhukow in erster Linie. Der Wechsel wurde mit der ueblichen verlogenen Mischung von Dichtung und Wahrheit — mehr Dichtung als Wahrheit— mitgeteilt und von einigen Versprechungen begleitet, welche von der freien Presse mit berechtiger Skepsis aufgenommen wurden. Die Zurueckhaltung und Reserve, mit der die sich fuer die Zukunft abzeichnenuen Tendenzen analysiert werden, ist bei russischen Ereignissen immer besonders am Platz, doch scheint es schon heute moeglich, auf zwei Behauptungen naeher einzugehen, besonders insofern sie uns betreffen. Die erste, dass die Sowjet-Union sich von nun an nach innen mehr “liberalisieren” wuerde (welch Kompliment fuer eine “dekadente bourgeoise Ideologie”!) und nach aussen dem Weltfrieden entscheidend zu dienen sich anschicke. FUER DIE AUFLOCKERUNG der Willkuerherrschaft sollen angeblich die folgenden Zeichen sprechen: Der heute maechtigste Mann, Kruschew, war es, der den Kampf gegen die stalinistische Unterdrückung als erster aufnahm und mit Molotov, Malenkow, Kaganowitsch und ihrer “parteifeindlichen” Gruppe verschwinden die letzten Stalinisten aus der Fuehrung. Wer so argumentiert, verschweigt oder vergisst, dass zwar der Stalinismus despotisch war, aber nicht jeder Despot stalinistisch sein muss. Ein weiteres Argument: Kru. schew zeichnet verantwortlich fuer die Dezentralisierung der Wirtschaftsfuehrung und die Uebertragung der Verantwortung an die jeweiligen lokalen und provinziellen Behoerden. Nun stimmt es zwar, dass der Abbau des moskauer Zentralismus eine Verminderung der Unterdrueckung mit sich bringen kann, wie dies zum Teil in Titos Jugoslawien der Fall war, im Falle Kruschew bestaetigt es aoer nur, dass er “seine Leute” in der Provinz hat und daher auch die entscheidende Auseinandersetzung mit seinen Gegnern im grossen “Praesidium” zur Austragung brachte und nicht, wie jene es versuchten, im reduzierten “Zentralkomitee” . Auch die vielgeruehmte Ver. minderung des Ernteertrags, die der Staat jahrein jahraus vom russischen Bauern fordert, duerfte nur als ein mit dem Sturz der Malenkow-Molotow- Lri uppe sinchroniertes Mannoever anzusehen sein, um die Aufmerksamkeit der Landbevoelkerung abzulenken und jene Kreise zu isolieren, von de nen ir0enawelche Aeusserung zugunsten der in Ungnade gefallenen Fuehrer zu befuerchten gewesen waere. Viel Anlass zur Debatte bietet auch die Tatsache, dass man —vorerst wenigstens— von der rituellen Gepflogenheit abge kommen zu sein scheint, die “entlarvten Verraeter und Parteifeinde” nicht nur um ihre Larve, sondern auch um ihren Kopf zu erleichtern. Die Gruende fuer diese zivilisiertere Haltung koennen mannigfaltiger Natur sein: Vielleicht fuehlt sich die neue Fuehrung noch nicht stark genug dazu, vielleicht hat man im Zuge der Aufklaerung ueber die Verbrechen Stalins die Prozesse zu sehr desprestigiert; vielleicht will das Heer, eingedenk der Ermor ung Tuchacschewskis keine Theater - Prozesse mehr; vielleicht zieht man in Betracht, dass keines der Verbrechen des Sowjet-Staates im Ausland mehr Ekel erregt hat als die zahlreichen Schauprozesse; vielleicht etwas von Allem und sogar ein Teilchen ehrlicher Abkehr von solchen Methoden, aber sicher von dieser Ingredienz am wenigsten. Jorge Pinochet, einer der intelligentesten Kommentaristen des “El Mercurio” —der einzige uebrigens, der in den Spalten des “Decano” offene Kritik an der Aussenpolitik von Foster Dulles uebt— befasst sich im Rahmen einer glaenzenden Analyse (“La Debilidad del Kremlin”, vom 26. Juli) mit einer weiteren Erscheinung: die Kenntnis einer freieren Welt, die russische Besatzungstruppen aus Laendern wie Ostdeutschland, Polen oder der CSR nach Hause brmgen. Er beschraenkt aber ganz rieh tig die Bedeutung eines solchen Faktors fuer die Moeglichkeiten einer “Liberalisierung”, indem er sie aufwiegt gegen folgende: 1. ) Den ungeheuren Machtzuwachs eines Mannes. 2. ) Die totalitaere Einstimmigkeit, mit der dieser erfolgte, und die sich in nichts von der monolitischen Hundertprozentigkeit unterscheidet, mit der Stalin Unterstuetzung zu Lebzeiten oder Verdammung nach seinem Tode fand. 3. - Der wachsende Einfluss des Marschall Zhukov und des Heeres., Generaele wirken bekanntlich nicht liberalisierend, nicht in Russland und noch nicht einmal anderswo. Jedenfalls kommt die Frage vom Einfluss der heimkehrenden Soldatenmassen dem Kern des Problems irgendwie nahe. Worauf es naemlich in letzter Linie ankommt, ist die Konstellation und Tendenz der lebendigen Kraefte in der Sowjetgesellschaft. Ertraegt der heutige Stand der wirtschaftlichen, sozialen, technologischen und kulturellen Entwicklung des russischen Mammutstaates auch weiterhin eine politische Diktatur repressiven Charakters oder entwickelt er dynamische Kraefte, um eine solche zu sprengen? Mit der Debatte ueber diese Frage liessen sich genug Baende schreiben, um den Weg von Santiago nach Moskau zu pflastern; wenn wir aber Schluesse aus einem Symptom ziehen wollen, naemlich aus der Entwicklung der Judenfrage in der Sowjet - Union, so sind dieselben nicht gerade ermunternd. Die Erwartungen, die wir an die neue Fuehrung knuepften, als sie Stalin des militanten Antisemitismus bezichtigte und die virulente Kampagne, die der geistig umnachtete Diktator mit der Ermordung der juedischen Schriftsteller und dem beruechtigten “Aerzte-Prozess” veranstaltet hatte, abblies, haben sich nicht bestaetigt. Die Juden sind auch heute weiterhin die einzige Nationalitaet der Sowjet-Union, denen nationale Rechte und die Pflege ihrer nationalen Eigenart versagt bleibt. An den Universitaeten herrscht praktisch der “numerus clausus” und auch der Zugang zum Staatsdienst soll, wie dies der neue Diktator und sein Guenstling, Katharina Furtsewa, in einer ihrer schon recht zahlreichen antisemitischen Entgleisungen eingestanden haben, beschraenkt werden. Jeglicher Kontakt mit den Juden der freien Welt, auch unpolitischer Art, ist untersagt und kaeme dem Stigma des Vaterlandsverrats gleich. Die Forderung der Wiedervereinigung, die im Falle Deutschland zumindest in Theorie als legitim und berechtigt anerkannt wird, güt in unserem Falle, die wir nicht minder vital an einer solchen interessiert sind, als “konterrevolutionaer” und “kosmopolitisch”. Und insofern die Rettung des russischen Judentums mit einer freien Auswanderung nach Israel in Verbindung gebracht wird, vermischt der offizielle J argon den Antisemitismus nach innen mit dem Antiisraelismus nach aussen zu einem wuesten und hetzerischen Kauderwelsch . Nicht viel besser steht es mit der Staerkung des Weltfriedens, die sich angeblich aus dem Sieg Kruschews ueber seine Rivalen ergeben sollte. Sieht man einmal von dem un verfrorenen Zynismus ab, mit dem die Kommunisten heute Molotov und Shepilow bezichtigen, den Frieden zwischen den Voelkern sabotiert zu haben, nachdem der eine dreizehn und der andere anderthalb Jahre lang Aussenminister des Landes waren, das eine marktschreierische Weltfriedenskampagne durchfuehrt, das Millionen von politischem Rindvieh zur Unterschrift unter das “Stockholmer Manifest” zu Scharen trieb und jeden Opponenten oder Kritiker als Kriegshetzer oder bezahlten Agenten der westlichen Rüstungsindustrie brandmarkte, so gibt es im Moment drei konkrete Pruefsteine des moskauer Friedenswillens: 1.) Die Abrüstungskonferenz: Russland bleibt nach wie vor unnachgiebig. 2.) Die deutsche Wiedervereinigung: Russland ist unnachgiebiger als je zuvor. Und 3.) Der arabisch - israelische Konflikt. Auch hier muss leider gesagt werden, dass sich nichts geaen ert hat, zumindest nicht zum Guten. Jeder Illusion, dass die kriegshetzerische Aufruestungspolitik von Aegypten und Syrien etwa mit Shepilow versehwinden koennte, wurde von dem neuen Zaren persoenlich dementiert. Ja, in der arabischen Version von Radio Moskau wurden vorsichthalber (Fortsetzung Seite 15)

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