Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIX (1957)
- Issue
- 3 (Marzo, 1957)
- Date
- 1957-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Marzo 1957 BOLETIN INFORMATIVO 5 DAENEMARKS BERUEHMTESTER KRITIKER (ZUM 30. TODESTAGE VON GEORG BRANDES) AM 19. FEBRUAR von Curt Wilk Vor dreissig Jahren starb zu Kopenhagen der grosse daenische Literarhistoriker, Literatur - und Gesellschaftskritiker Prof. Georg Brandes, dessen fast einzigartige Popularitaet in seinem Heimatlande etwa ein halbes Jahrhundert waehr te, und der im daenischen Volke wie kaum zuvor ein Buer- Am 13. November 1956 ist in Israel Dr. Leo Loewenstein, der einstige Gruender und Praesident des Reichsbundes juedischer Frontsoldaten, im Alter von fast 78 Jahren ploetzlich verstorben. Dr. Loewenstein war ein bedeutender Physiker und Chemiker, dem in Jahren 1900 bis 1942 vom Reichspatentamt insgesamt 25 Patente erteilt wurden. Eine seiner wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten behandelte die Erzeugung des Wasserstoffsuperoxyds. Ueber 95% dieses wichtigen Grundstoffes wird in allen Laendern der Welt auf Grund des von ihm gefundenen Verfahrens I hergestellt. Eine weitere ausserordentlich bedeutende Erfindung des Verstorbenen war das Loewensteinsche Schallmessverfahren, das im ersten Weltkrieg von der deutschen Heeresleitung mit groesstem Erfolge eingefuehrt wurde und das ihm die Befoerderung zum Hauptmann im Jahre 1916 einbrachte. Als erster arbeitete Dr. Loewenstein bereits seit 1928 an einem lenkbaren Raketengeschoss. Neben seiner Wissenschaftlichen Betaetigung war Dr. Loewenstein schon seit seiner Jugend im juedischen Leben taetig. Schon als KCer juedisch interessiert, gehoerte er spaeter dem Hauptvorstand des Centralvereins und der Reichsvertretung an. Seine bedeutendste Tat auf diesem Gebiete war die im Februar 1919 erfolgte Gruendung des Reichsbundes juedischer ger dieses Landes verehrt worden ist. Den “daenischen Voltaire” pflegte man Brandes zu nennen, der mit zunehmenden Jahren zu einem der wenigen wahrhaft grossen Europaeer und Weltbuerger geworden ist. Georg Brandes war Jude; er verleugnete sein Judentum nie, doch snielte dieses keine ent- Frontsoldaten. Der Zweck der Gruendung dieses Bundes war, einerseits den Geist der Kameradschaft vom Felde her wei ter zu pflegen, andererseits den zunehmenden antisemitischen Angriffen entschiedener dadurch entgegentreten zu koennen, dass man bewies, dass die deutschen Juden in Kriegszeiten ihre Pflicht in gleicher Weise erfuellt haetten wie ihre christlichen MPbuerger. Als Praesident.des RJF veranlasste Dr. Loewenstein die Herausgabe des “Gedenkbuchs der zwoelftausend juedischen Gefallenen des deutschen Heeres, der Marine und Schutztruppen 1914 bis 1918” mit einem Vorwort des damaligen Reichspraesidenten von Hindenburg. Weiterhin veranlasste er die Gruendung von Jugendsportgruppen innerhalb des RJF, die grossen Zuspruch hatten. Sein ueberragendes Wissen insbesondere auf dem Gebiete der Raketenforschung veranlasste die Nazis, ihm die Auswanderung zu verbieten. Er kam nach Theresienstadt, aur dem er im Jahre 1945 befreit wurde, kehrte dann nach Berlin zurueck, wo ihm zahlreiche Ehrungen bereitet wurden. Von Berlin aus siedelte er nach Zuerich ueber, wo er die letz ten Jahre in harter wissenschaftlicher Arbeit verbrachte Im Oktober 1956 begab er sich nach Israel, um den Ausbau einer Fabrik Herstellung von Wasserstoffsuperoxyd zuueberwachen. Dort machte ein ploetzlicher Tod dem Schaffen dieses grossen Juden ein Ende. Dr. HANS REICH. scheidende Rolle in seinem Leben. Aber seine Zugehoerigkeit zum Judentum allein rechtfertigt seine Wuerdigung in diesen Blaettern. Sein eigentlicher Name war Morris Cohen, und er wurde zu Kopenhagen am 4.2 1842 geboren. In juengeren Jahren unternahm er ausgedehnte Reisen; spaeter war er Dozent in Berlin und dann ordentlicher Professor fuer Literatur in Konenhagen. Frueh drang sein Ruhm ueber die Grenzen seines kleinen Heimatlandes hinaus. Er trat in geistige und auch haeufig freundschaftliche Verbindung mit den meisten ueberragenden Kulturtraegern der zweiten Haelfte des vorigen Jahrhunderts, wie Bjoernson und Strindberg, Tolstoi und Zola. Im literarischen u.a. von Hegel beeinflusst brachte er in seinen Schriften vielfach neuartige Ideen zum Ausdruck. Seine sechs Baende umfassende Literaturgeschichte, die zwischen 1872 und 1890 entstand, war sein erstes epochemachendes Werk. Es folgen Buecher neber Ibsen, Shakespeare. Goethe, Lasalle, Heine, etc., ferner Reisebeschreibungen von Besuchen in Polen und Russland. Alles ueberragend erschienen zwischen 1902 und 1907 die “Hauptstroemungen der Literatur des 19. Jahrhunderts”. Georg Brandes ist der Wegbereiter aufstrebender Talente wie Selma Lagerloef, Nietzsche u.a. geworden. Gleichzeitie mit seiner Vorkaempferschaft fuer den Naturalismus in der Literatur ging sein Kampf gegen den zunehmenden Nationalismus, in dem er die Ursache all des Ungluecks erblickte. welches mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges ueber die Menschheit bekommen war. Und als er, im Jahre 1925 zum letzten Male in Deutschland neffentlich sDrach. (bei dieser einmaligen Gelegenheit sah und hoerte der Schreiber dieser Zeilen den beruehmten. damals schon dreiundachzigjaehrieen Mann) war er von einem tiefen, politischen, Pessimismus erfuellt. Er glaubte. 1925. schon nicht mehr an die Moeglich- Veit. die grossen Gedanken von Gerechtigkeit und Verbruederung im Leben der Nationen verwirklichen zu koennen. Dem damaligen Voelkerbunde misstraute er tief, und mit Bitterkeit stellte der Greis in jener Kundgebung vor vielen Vertretern des geistigen und literarischen Deutschland jener Edorhe als das einziee Universelle das Bestehen einer allgemeinen Korruption fest. Die Besten der europaeischen Jugend, so sagte Brandes damals, seien durch den Weltkrieg vernichtet oder verkruepoelt worden, und die Welt befaende sich unter der Herrschaft des Mittelmaessigen. Die damaligen Bemuehun- «en von Briand und Stresemann fuer den Weltfrieden, in ienen Tagen von “Locarno”, hielt er fuer absolut aussichtslos, da es ueberall Kraefte, gaebe. welche die arbeitenden Volksschichten aller Voelker daran hindern wuerden, zu einer allgemein - menschlichen Verstaendigung zu gelangen. Anno 1925 vermochte dieser alte weise Mann keinen Lichtschimmer am Horizont des Menschheitshimmels zu entdekken, und in den Perspektiven die er vor seinen Zuhoeren ausbreitete, zeichneten sich bereits die Umrisse einer herannahenden Weltkatastrophe ab, die zu erleben ihm selbst ein guetiges Geschick ersparte. Fuer geistige und literarische Freiheit, fuer Freiheit von Lehre und Forschung, ist dieser grosse Kritiker zeitlebens eingetreten. Grosse Hoffnungen setzte er auf den internationalen Sozialismus, wie er sich in den Jahrzehnten vor dem ersten Kriege entwickelt hatte. Dagegen nahm er die Idee der Realisierung des Zionismus nicht nur anfangs nicht ernst, sondern er bespoettelte sie ein wenig. Erst in seinen letzten Lebensjahren, beeindruckt durch die juedischen Substanzverluste in Osteuropa, brachte er staerkeres Verstaendnis fuer juedische Ideale und Hoffnungen auf. Ein von ihm verfasster Christusroman ist von der juedischen Wissenschaft missbilligt worden, weil sein Autor sich auf ein Gebiet gewagt hatte, dass selbst dieser an Bildung so ueberragende Denker nicht ausreichend beherrschte. Mit Romain Rolland und Henri Barbuesse gemeinsam ist (Fortsetzung Seite 11) “Danklos der Qual ausgeliefert.. Professor Heuss zum Tode von Dr. Leo Loewenstein Bundespraesident Professor Heuss sandte der in Stockholm lebenden Tochter des kuerzlich in Israel verstorbenen bekannten Erfinders und Wissenschaftlers Dr. Leo Loewenstein, Frau Marianne Loewenstein, ein Beileidsschreiben folgende Wortlauts: “Sehr geehrte gnaedige Frau! Vor einigen Tagen erfuhr ich, dass Ihr Vater auf einer Reise in Israel unerwartet, gestorben ist. Ich darf Ihnen und der Familie meine warme Teilnahme ausdruecken. Es liegt Jahrzehnte zurueck, dass Ich ihm persoenlich einmal begegnet bin. Seine sehr wesentlichen Leistungen als chemischer Technologe wie als Physiker in der Entwicklung der Schallmessung, die mit seinem Namen verbunden bleiben werden, vermag ich im einzelnen nicht zu beurteilen. Ich weiss nur, dass sie in einer Verbindung von Phantasie und Praezision wesentliche Fortschritte bewirkt und eingeleitet haben. Und ich erfuhr kuerzlich, dass er auch in seinem hohen Alter mit zugleich unternehmerischem wie wissenschaftlichem Sinn taetig blieb und taetig bleiben wollte. Ich denke in diesem Augenblick aber vor allem an sein Vor-Leben und seinen klaren Sinn, mit dem er, ein tapferer Soldat des Ersten Weltkrieges, sich vor seine Juedischen Kriegskameraden gestellt hat und damit ein Denkmal setzte, das ueber die boese Zeit des Unrechts, die auch ihn danklos der Qual auslieferte, im Bewusstsein der anstaendlgen Menschen bleiben wird. Ihr gez. THEODOR HEUSS”. NOCH HEUTE “Noch heute” rief einst der Prophet dem juedischen Volk zu und wir richten diesen gleichen Ruf an alle juedischen Eltern in dem Augenblick, wo sich die Pforten der Schulen fuer ein weiteres Jahr oeffnen. Noch heute, so gilt unsere Mahnung, muss die schwerwiegende Entscheidung fallen, von der die Existenz und der Bestand des juedischen Volkes abhaengt. Wir haben hier zwar schon des oefteren von dem brennenden Problem juedischer Erziehung gesprochen, sind aber dennoch nicht muede geworden, um es in diesen entscheidenden Tagen des Schulanfangs nochmals aufzurollen. Immer wieder beobachten wir gerade in unserem Sprachkreis, dass die Eltern dieser ernsten und lebenswichtigen Frage nicht die genuegende Aufmerksamkeit schenken. Ein Teil der Eltern ignoriert sie vollkommen und erwacht erst in dem Moment, wo sich die Wege der Kinder, d. h. ihre Entwicklung, nicht mehr mit den persoenlichen Anschauungen und Hoffnungen von ihnen decken. Der Augenblick des Erwachens gewaehrt meistens keine Rettung mehr. Ein anderer Teil geht die gleichen Wege, die uns von Europa her bekannt sind und glaubt noch immer, dass dies die einzigen richtigen Wege sind, um das Kind zu einem bewusst juedischen Menschen zu machen. Judentum war aber nie etwas statisches, sondern immer dynamisches. Aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte sollten wir doch endlich gelernt haben, dass die Uebermittlung juedischer Werte lediglich auf dem Weg von 2 Stunden woechentlichen Religionsunterrichts keine ausreichenden Fruechte zeitigen kann. Dabei ist noch zu bedenken, dass diejenigen Kinder die am Unterricht bisher teilgenommen haben, im schulpflichtigen Alter von 8 — 12 Jahren stehen. Mit dem Eintritt in das dreizehnte Lebensjahr und der kurzen Vorbereitung zur Barmizwah hoert fuer die meisten die Teilnahme am Unterricht auf und damit auch sehr oft jedweder Kontakt zur allgemeinen juedischen Fortbildung. So ist die wahre Situation und von Jahr zu Jahr wird der juedische Substanzverlust groesser, juedische Bildung weniger. Diesem Uebel abzuhelfen ist einzig und allein die juedische Integralschule imstande, in der das Kind von seinen fruehesten Kindesjahren an jene juedische Atmosphaere empfaengt, in der es auch in seiner spaeteren Jugend und reifen Jahren weiterlebt. Wenn wir hier in Santiago das grosse Glueck haben, diese Integralschule zu besitzen, die vom Kindergarten beginnend ueber die Vorschule bis zu den Humanidades alle Altersklassen umfasst, so ist es eigentlich unverstaendlich, dass die Eltern aus unserem Sprachkreis so wenig Gebrauch von dieser Schule machen. Von prominentester Seite aus ist ueber die Schule selbst genuegend gesprochen und geschrieben worden, es wuerde daher nur eine Wiederholung des bereits Gesagten bedeuten, wenn wir auf naehere Details eingehen wuerden. Deswegen rufen wir abermals mit aller Eindringlichkeit das alte Prophetenwort: Noch heut! muss die Entscheidung fallen, den Eltern unserer Kinder zu. Noch heute! gilt es, sich zu entscheiden, ob wir ihnen eine juedische Zukunft im Zusammenhang mit unserer glorreichen Vergangenheit geben wollen oder, ob wir sie einen Weg gehen lassen wollen, der frueher oder spaeter das Band der Vergangenheit mit dem der Zukunft fuer immer zerreisst. Deswegen unser letzter Appell vor Beginn des Schuljahres! Juedische Eltern! Seid Euch der Verantwortung voll bewusst, die Ihr vor der juedischen Geschichte und dem juedischen Volk tragt. Waehlt das Leben, juedisches Leben fuer Eure Kinder von den ersten Kindheitsjahren an, dann werdet Ihr in Euren spaeteren Jahren den grossen Stolz und die tiefe Genugtuung erleben, in Euren Kindern wuerdige Traeger der alten juedischen Tradition in Verbindung mit dem lebendigen Judentum unserer Tage, mit dem juedischen Volk, zu sehen. RABBINER LUBLINER. ZUM TODE Dt. LEO LOEWENSTEINS