Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XIII (1951)
- Issue
- 4 (Abril, 1951)
- Date
- 1951-04-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 BOLETIN INFORMATIVO Per Luftpost fuer das “Boletín Informativo”: Die kuenstlerische Gestalt der Haggadah Von Dr. ARTHUR GALLINER, London “Mah nischtano halailoh haseh?” .: die Frage des Juengsten am traditionellen Sedertisch. um safé IHRE grosse Volkstümlichkeit verdankt die Pes. sach-Haggadah nicht nur dem bedeutsamen Inhalt. Ge. wiss musste ein Bericht von der wunderbaren Befreiung, vom Auszug aus Aegypten, in einer Gemeinschaft stets lebendig bleiben, die erst durch dieses Ereignis zum Volke ward, um so mehr als der Schmerz ueber denVerlust von Freiheit und Selbstaendigkeit die Sehnsucht nach Erloesung aus Not und Drangsal in jedem Zeitalter von neuem erweckte und nach Ausdruck und Gestaltung verlangte. So ward die Haggadah der Nie. derschlag eines grossen Geschehens in grauer Vorzeit, stolzer, jahrhundertelang ge. naehrter Erinnerungen und zugleich der Spiegel aller Empfindungen und Hoffnungen einer von Bangen erfuell. ten lebendigen Gegenwart. Das hat wohl auch Heine empfunden, wenn er im “Rabbi von Bacherach” von dem “wehmuetig heiteren, ernsthaft und maerchenhaft geheimnisvollen Charakter dieser Abendfeier “sagt, dass “der herkoemmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhoerern nachgesprochen wird, so schauervoll innig, so muetterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend klingt, dass selbst diejenigen Juden, die laengst von dem Glauben ihrer Vaeter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschuettert werden, wenn ihnen die alten wohlbekannten Passahklaenge zufaellig ins Ohr dringen”. Kraft und Zauber dieses Buches erscheinen in der Tat unvergaenglich. Die religioes. ethische Kraft! Wie es anhebt mit der Bekundung reinster sozialer Gesinnung, und wie es schliesst mit dem Glauben an die ewig waltende goettliche Gerechtigkeit! Wie es den Ablauf der Menschheitsgeschichte, wie es die Geschichte Israels sub specie religionis, sub specie aeternitatis betrachtet und aus solcher Betrachtung unerschuetterliche Hoffnung schoepftdas zeugt von erhabenem Geiste! Und der besondere Zauber der Darstellung! Der reiche Wechsel von Frage und Antwort, von Rede und Handlung, von Erzaehlung und Erklaerung, von Belehrung und Lobpreisung, von Ernst und Scherz, von Klage und Jubel, dieser ganze Reichtum inneren und aeusseren Geschehens - zur harmonischen Einheit geworden durch die Weihe eines die Familie umschliessenden haeuslichen Gottesdienstes — dies alles gibt dem religioesen Gehalt auch die kuenstlerische Gestalt. Eine selten schoene Vermaehlung religioesen Erlebens und kuenstleri- ,schen Gestaltens! Und wie dem Reichtum der sprachlichen Form die Mannigfaltigkeit der musikalischen Motive entsteigt, so erwaechst auch aus der lebendigen Darstellung, der anschaulichen Schilderung dieser ein. zigartigen Volkwerdung das anschaubare Bild, erwaechst die den Text begleitende Haggadah-Illustration, die als Kunstgattung von besonderer Art im weiten Bereich der Handschriften - Illumination eine besondere Wuerdigung verdient und zum Teil auch schon gefunden hat. Neben einer Anzahl kleinerer Aufsaetze und Abhandlungen sind zwei bedeutsame Pubükationen in einem Abstand von etwa drei Jahrzehnten.erschienen, die, von Einzeluntersuchungen ausgehend, zugleich eine aufschlussreiche Einfuehrung in das ganze Gebiet geben wollen, naemlich von David Heinrich Mueller und Julius v. Schlosser: “Die Haggadah von Sarajewo”, Eine spanisch-juedische Handschrift des Mittelalters, und von Bruno Italiener: “Die Darmstaedter Pessach-Haggadah”, Leipzig, 1927. (Vergl. ferner:: Encyklopaedia Judaica: Artikel “Haggadah”). Aber obwohl hier ausser der Haggadah von Sarajewo und der Darmstaedter Haggadah, denen die Hauptuntersuchung gewidmet ist, noch eine Reihe anderer Haggadah - Handschriften kurz beschrieben und charakterisiert werden, so ist damit noch keineswegs ein Ueberblick ueber das gesamte Material gegeben. Ist doch die Erforschung dadurch erschwert, dass eine erhebliche Zahl nicht in Museen und Leihbibliotheken, sondern in privaten Sammlungen sich befindet, die nicht immer allgemein bekannt und dem Forscher meist schwer zugaeng- Uch sind. Dazu kommt, dass bisher nur eine kleine Auswahl von Einzelbildern durch Reproduktionen verbreitet ist, die aber fuer kunstwissenschaftliche Beurteilung meist nicht ausreichen: nur von der Darmstaedter Haggadah ist eine prachtvolle Faksimile- Nachbildung hergestellt worden, die den Glanz und die Schoenheit des Originals .in Schrift und Bild aufgenommen und dem Leser eindrucksstark vermittelt. Welches aber sind die Probleme, die der Haggadah- Forschung gestellt werden? Text und Ritual stehen von Anbeginn keineswegs fest, Schriftform und Schriftsatz sind nach Zeit und Ort verschieden, und fuer den Bilderschmuck hat sich erst allmaehlich eine gewisse Tradition herausgebildet, zu einem feststehenden Kanon ist er nie geworden. Aus Text und Ritual, aus Schrift und Bild zur Datierung und Lokalieierung der Haggadah-Hand- «chriften zu gelangen, ist-da. rum eine wichtige Aufgabe des Forschers, aber darueber hinaus muessen sich Einblikke eroeffnen in das juedisch« religioese Leben der Vergangenheit, ja, in das kulturelle Leben des Mittelalters ueberhaupt. Das kuenstlerische Empfinden und Gestalten juedischer Schreiber und Illu. minierer, sowie ihre Beziehungen zu dem künstlerischen Schaffen ihrer Umwelt wird bald mehr, bald minder aus ehrwuerdigen Dokum e n t e n entgegenleuchten. Es sind in der Hauptsache zwei Typen, die sich im Laufe der Jahrhunderte fuer den Bilderschmuck herausgebildet haben: bei dem einen Typus bewahrt dieser kuenstlerische Teil seine Selbststaendigkeit- «r entnimmt seine Motive den Erzaehlungen der Bibel, angefangen von der Schoepfung und fortgefuehrt bis zum Auszug aus Aegypten, eine Art Bilderbibel also, die in einzelnen Szenen die entschei. denden Ereignisse der Urzeit und der Geschichte Israels bis zur Befreiung aus der Knechtschaft anschaulich und eindrucksvoll darstellt und so die Entstehung des Festes bildhaft schildert. Das klassische Beispiel dieses Typus ist die beruehmte Haggadah von Sarajewo, die in Nordspanien Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden, auf seltsamen Wegen ins Landesmuseum zu Sarajewo gelangt ist. Voelllg getrennt vom Text, ist hier auf 34 Blatt mit meist je zwei Szenen die Geschichte der Volkwerdung in feierlicher Form berichtet, und erst am Schluss wird in symbolischen Handlungen Bezug auf das Fest genommen. Im Text sei. ber aber findet sich ausser einigen Zierleisten ornamentaler Art nur ein prunkvolles Schmuckblatt am Beginn, eine farbige Darstellung des Se. dertisches und eine Unterrichts-Szene mit grossen goldenen Letternueberschrieben: Rabbon Gamliel. Von ganz anderer Art ist der zweite Typus. Hier geht der Illustrator von der Haggadah aus, haelt sich an den Wortlaut und folgt mit seinen Bildern dem Gang der Erzaehlung, unterstreicht ge. wissermassen mit seinen Bildern die Hauptmotive, ergaenzt sie zuweilen aus der Legende oder auch aus seiner Ü4Ä Safed, die alte Kabbalisten. Stadt im noerdlichen Galil, versorgt Israel mit Mazzoth. gestaltenden Phantasie, nicht selten belebt durch Humor. Die sogenannte zweite Nuern. berger Haggadah im Germanischen Museum ist hierfuer das schoenste Beispiel. Schon vor dem Text wird in klaren zierlich gezeichneten Bildern die Herstellung der Mazzoh geschildert, alsdann die Vorbereitung zum Fest und besonders zum Seder, dieser selbst, die vier Menschentypen und dann das Leben Moses in all seinen Phasen, er. gaenzt durch Szenen aus der Legende, die Plagen bis zum Auszug aus Aegypten, sehr drastisch, im Kostuem und Geraet aus der Zeit der Entstehung der Haggadah, Ende des 15. Jahrhunderts. Und dann folgen als Nachtrag biblische Szenen von den ersten Menschen bis zu Elia, der den Messias verkuendet, aber nicht als gesonderte Tafeln, sondern immer ani seitlichen und unteren Rande, als Rahmung fuer den Text, der in seiner festen, kraftvollen Form in wohltuendem Gegensatz zu den leicht hingeschriebenen und zart kolorierten Zeichnungen steht. Es ist, wie wenn um die ewig gueltige Form der heiligen Schrift das bunte, stets wechselnde Leben der Welt sich tummelt und sich-trotz Not und Be. draengnisdes Daseins freut. Zwischen diesen beiden extremen Typen steht nun die grosse Zahl der Zwischenstufen. Bald werden ruhige, fest gerahmte Bildchen dem sorgfaeltig geschriebenen Text eingefuegt und geben dem Buechlein die traditionelle friedvolle Stimmung, wie in einer Muenchener Hand. PESSACH ZUR ZEIT ESRAS Dann bereiteten die Soehne der Deportierten das Pessach am Vierzehnten des ersten Monats. Denn rein hatten sich die Priester und die Lewiten gemacht, alle mitsammen rein; u. sie schlachteten das Pessach fuer alle Soehne der Deportierten, fuer ihre Brueder, die Priester und fuer sich. Und es assen die Kinder Jisrael, die aus der Deportation zurueckgekehrt waren, und jeder, der sich von der Unreinheit der Voelker des Landes zu ihnen abgesondert hatte, um dem Ewigen, dem Gott Jisraels, nachzugehn. Und sie feierten das Fest der unge. saeurten Brote sieben Tage in Freude. (Esra, 6, 1922) Der Herr aber sprach zu Mose und Aaron in Mizrajim: Saget der ganzen Gemeinde Israel und sprecht: Am zehnten Tage dieses Monats nehme ein jeglicher sein Lamm... schrift, bald, wird in wildbewegten Szenen, erfuellt und umrahmt von grotesken Tiergestalten, die apokalyptischvisionaere Kraft dieses Festes offenbar, wie in einer Handschrift aus dem Besitze des Professor David Kauffmann zu Budapest, bald wird in symbolischen Tier-und Men. schenbildern die Beziehung auf dieses Fest zu den letzten Zielen der Menschheit, zur messianischen Idee kuenstlerisch gestaltet, besonders schoen und ausdrucksvoll in der sogenannten ersten Nuernberger Haggadah, bald ist die Beziehung zum Inhalt der Bibel und der Haggadah voellig geloest und nur die rein kuenstlerische Gestaltung der Schrift, der Initialen und der figuerlichen Motive wird Aufgabe, wie dies am grossartigsten wohl in der Darmstaedter Haggadah erreicht ist. Ausser zwei vielfigurigen Darstellungen in architektonischer Umrahmung, einer Jagdszene und einem Trinkbrunnen am Schluss sind alle Schmuckformen und Initialen dem Texte eingefuegt. Aber welche Herrlichkeit der Form und der Farbe, welche Wuncht und Groesse, nicht nur im einzelnen Buchstaben, sondern im ganzen Wort, im ganzen Satz; ein Wechsel von kleinerer und groesserer Form belebt die Seite, ja, das ganze Buch, gibt ihm bei aller Feierlichkeit doch eine machtvolle Bewegung. Da stehen die Formen wie gebaut, wie fuer die Ewigkeit hingesetzt, wahrhaft monumental. Auch die fruehen Drucke haben von dieser Inneren