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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-09-01 · 9 (Edicion Especial) · p. Seite 15

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
9 (Edicion Especial)
Date
1950-09-01
Page
Seite 15 (sequence 17)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 15 MMM DIE SILBERNE THORA: Alte Thora, rollen in Safed, der Kabbalistenstadt in Obergalilaea uns von ungeheurer persoenlicher Wichtigkeit. Denn es handelt Sich, wie wiederum Barth sagte, beim Glauben nicht um eine Lebensan- . sicht um Weltanschauung und dergleichen “Harmlosigkeiten”, sondern es geht um unsere Existenz. Das zu begreifen und mit jeder Faser zu fuehlen, haben wir alle verlernt. Wir feiern Neujahr, wie es die Voelker zu feiern pflegen, nur darum besorgt, dass unsere Speisekammern gefuellt sind fuer das Fest, aber dass uns allen der Prozess gemacht wird, das zu erleben, haben wir verlernt. Ich selbst, der zu Ihnen spricht, so gut wie Sie, zu denen ich spreche. Wir alle haben den Sinn fuer die wahre Dimension des menschlichen Daseins als menschlichen Dasein verloren. Aber so wenig das Licht und die Farben aufhoeren, zu existieren, wenn der Mensch fuer sie blind wird, so wenig hoert das Gericht auf, deswegen, weil wir es nicht zur Kenntnis nehmen. Im mittelalterlichen Buch der Chassidim wird die Frage aufgeworfen, warum wohl an den drei Wallfahrtsfesten, nicht aber am Neuj ahrstag und Versoehnungstag das Hallel gelesen wird, und es wird dort geantwortet: “weil es im Hallel heisst: “Denn er neigte mir sein Ohr und in, meinen Tagen werde ich rufen’. Aber am Rosch Haschanah und Jom Kippurim weiss kein Mensch, ob ihm noch Tage zum Leben bestimmt sind”. Koennen wir uns heute noch ein solches Gefuehl der Verantwortung lebendig machen? Alles kommt darauf an, ob wir es zu tun vermoe. gen. Wir sagten: es geht um unsere Existenz, und dies in doppeltem Sinne, um unsere Existenz als Einzelne und um unsere Existenz als Volk. , Als Einzelne: Darueber kann nur jeder zu sich selbst sprechen. Es heisst in unseren heutigen Gebeten: Er kennt die Gedanken des Menschen und seine Plaene und die Triebe der Taten des Mannes. Heil dem Menschen, der Deiner nicht vergisst”. Dieses Nichtvergessen bedeutet aber die innere Wahrhaftigkeit des Menschen zu sich selbst; wir muessen den ernsten Versuch unternehmen, zu uns selbst vorzudringen und uns zu sehen, wie wir wirklich sind, sozusagen selbst eine Analyse unseres eigenen Ich durchzufuehren, soweit uns dies moeglich ist, und so unverhuellt zu sehen, wie uns Gott sieht. Es geht aber auch um die Existenz unseres Volkes als solchem. Wo stehen wir als Volk in diesen Gerichtstagen: Vor einigen Wochen erschien in der Schweizer “Die Tat” ein Artikel mit der Ueberschrift: “Das Ende des Judentums”. Der Autor des Artikels sprach, soweit ich aus der Wiedergabe seines Aufsatzes in einer hiesigen Zeitung entnehmen kann, davon, dass mit der Errichtung des Staates Jisrael das juedische Volk JUEDISCHE FEIERTAGE ■ JUEDISCHER LEBENSSTIL Von MAYER EBNER, Tel Aviv yUDENTUM ist auch ein Lebensstil, und mit dem Beginn der Feiertage am Anfang des neuen juedischen Jahres, also mit Rosch Haschanah, werden wir uns dieses juedischen Lebensstils besonders bewusst. Auch der dem rituellen Judentum Entfremdete empfindet Sehnsucht nach der Synagoge. Ihr am Vorabend des Jom Kipur, wenn die Melodie des “Kol Nidre” die Seelen erschuettert, fern zu bleiben, erscheint ihm unfassbar, und heitern Gemuetes erscheint er zu den Hakafot am Simchat-Thora.Vorabend, um sich an der Thorafreude seiner Glaubensgenossen zu ergoetzen. Er hat Verstaendnis fuer die Extase der Taenze und die Inbrunst der Kuesse. die der in kostbare Gewaender ge. huellten Rolle der Heiligen Schrift gelten. Wenn er selber zur Thora sich auf die politische Ebene begeben habe, waehrend gleichzeitig die religioesen Quellen des Judentums im oestlichen Europa ausgetrocknet sind. Seien wir uns dessen bewusst, dass hier wirklich eine ernste Gefahr fuer unser Dasein vorliegt. Schon 1916 schrieb Eugen Rosenstock an Rosenzweig: “Glauben Sie, dass der Zionismus Zufall ist? Jisraels Zeit als biblisches Volk ist um. Das Weltjahr des Ewigen Juden geht zu Ende, wie Basken, Kelten zu Ende gehen. Voelker haben ihre Zeiten. An Stelle des Ewigen Juden tritt wieder ein Zion. Aber das ist etwas ganz anderes. Sie werden das Hebraeische im metaphysischen Sinne, gerade wenn und gerade weil es vielleicht noch einmal Sprache wird, nicht retten.Das (juedische) Schiff steuert bereits und ist froehlich dabei, festinfahren’. Rosenstock hat hier in der Tat tief gesehen und uns eine grosse Gefahr bewusst gemacht. Wir brauchen nur um uns zu sehen, um uns zu ueberzeugen, wie gewaltig die Gefahr ist, dass wir uns von unseren Wurzeln losloesen und ein neues junges Volk “Wie alle Voelker” werden. Eine kleine Gruppe unter uns, die sich “Aleph” nennt, weil sie alles von neuem beginnen und bewusst den Zusammenhang mit der juedischen Vergangenheit abschneiden will, propagiert dies mit voller Deutlichkeit.- Aber durch tausend Kanaele säugen wir alle diese Atmosphaere ein. Ist nicht auch in unseren offiziellen Feiern mit ihren Kommandorufen und ihrem Saebelschwingen die deutliche Tendenz wahrnehmbar, zu werden wie alle anderen Voelker und die Schwere juedischen eigenen Daseins abzuwerfen. Wir muessen in diesen Tagen mit uns auch als Volk zu Rate gehen. Unser Mussaph-Gebet hat heute einen eigentuemlichen dreifältigen Aufbau: Am Anfang kommen die Malchujoth, die Verkuendigung der in sich bestehenden, Gottesherrschaft, am Ende kommen die Scho. faroth, welche vom Kommen des messianischen Reiches Zeugnis able. gen, Aber zwischen dem ewig seienden Anfang und dem kommenden Ende stehen die Siclironoth, die Erinnerung an die Wurzeln unseres Seins und an unseren Weg durch die Geschichte, dessen Sinn nur der sein kann, dass wir Bruecke sind zum Ufer des Kommenden. All diese Betrachtungen sind nicht Spekulationen, sondern haben eine eminent praktische Bedeutung. Ich weiss, wir haben tausend Sorgen, von 'unseren oekonomischen Problemen bis zu unserer wachsenden Kriminalitaet. Aber ueber allen Sorgen steht die eine: wie werden wir die Menschen, die aus allen Kulturen und Unkulturen der Welt, voellig unvorbereitet, zu uns heimgekommen sind, zu einem Volke gestalten? Es ist kein anderer Weg denkbar, als der der Krystallisation dieser amorphen Massen um die lotrechte Achse, die seit Abraham die Koordinate juedischen Daseins ist. aufgerufen wird, wird er befangen wie ein schuechterner Schuljunge, aber er benimmt sich streng nach den Regeln des Ritus, weiss die vorgeschriebenen Segenssprueche ¡auswendig zu sagen, und er hoert mit vollem Respekt die Vorlesung des ihm sparsam zugemessenen Teiles eines Kapitels des Wochenabschnittes. All dies und noch vieles mehr gilt von jenen, die einem frommen elterlichen Hause entstammen, und in ihrer Jugend nach juedischem Stil gelebt haben. Wer in einem juedischen Milieu gelebt hat, denkt mit Ruehrung an die Sitten und Braeuche der alten Zeit, die immer die gute genannt wird, weil sie die unserer Jugend^war. Ich habe vor vielen Jahren in einer ungarisch-assimilierten Stadt in einem Kreise dem Judentum entfremdeter Damen gesprochen und habe von der Weihe des Freitagabends, von dem' “Lichtbenschen” der guten Mutter und der Freude auch der Kinder erzaehlt, als der Vater im Sabbatgewand aus der Synagoge heimkehrte, in der hellerleuchteten Stube den “Kidusch” sagte und trank, hierauf das weisse Brot brach, und wie er am Schlüsse der Mahlzeit die “Smiroth” mit dem Lob auf die “Eschet Chajil” sang und hierbei liebevoll auf die Mutter blickte... Als ich all dies mit tiefer Ergriffenheit erzaehlte, war ich ueber. rascht ueber die Wirkung meiner schlichten Worte auf die anscheinend sehr assimilierte Gesellschaft. Fast alle weinten, und jede wusste vom eigenen elterlichen Hause, von Vater und Mutter Aehnliches zu er. zaehlen. Sie waren eben in einem noch frommen juedischen Hause erzogen worden, und bewusst oder unbewusst trugen sie in sich die Erinnerung an die juedische Jugendzeit und an den Stil eines juedischen Familienlebens, dem sie sich trotz einer pointierten Assimilation nicht entfremdet hatten. Die Empfaenglichkeit fuer Juedisches war geblieben. Mit Ruehrung denke ich an die Vorbereitung zum Sukkoth.Feste, als »! ISIfSI äiig m WA UVA VA MA A4 CA XX VA XVX1 1XALÜ den Weisungen eines lieben Onkels im Hofraum des Wohnhauses mit bescheidenen technischen Mitteln kunstvoll eine Sukkah bauten und Lampions aus gelben Kuerbissen schnitten. An all dies und vieles andere denke ich, was einmal und auch heute noch juedischer Lebensstil ist. Es wuerde zu weit fuehren, an weiteren Beispielen diesen Stil zu analysieren. Es gab und gibt einen juedischen Lebensstil, wie jedes andere Volk seine eigene Lebensart hat und sie pflegt. Moegen ihre Wurzeln im Religioesen oder im Nationalen liegen — in der Regel ist beides miteinander verflochten. * Obwohl unsere Thoratreuen auch das Brauchtum (Tradition) verewigen moechten, koennen. sie es nicht verhindern, dass der juedische Lebensstil in Erez Israel sich anderweitig oder mitunter andersartig entwickelt. Auch von einem hoehern Standpunkt aus gesehen ist eine Entwicklung nicht von Nachteil. Dass z. B. unsere Kibbuzim (Gemeinschafts-Siedlungen) die nationalen Festtage, wenn auch in ihrer Art, feiern, ist gut. Das Religioese in unserem Lebensstil ist auch bei ihnen nicht ausgeschaltet, weil bei uns nationale und religioese Feiertage sich zumeist decken, und auch die neuen Formen den alten Vorbildern folgen. Z. B. die Fessach.Seder-Feier findet im ganzen Jischuw und auch in der Golah gleichzeitig statt. Auch bei den Feiern im Kibbuz fehlt nicht das Symbol der Mazzoth, und es besteht das Beduerfnis nach einer Hagadah. Unsere links orientierten Kibbuzim haben sich eine eigene Hagadah zurechtgelegt, und sie feiern die Auszuege aus den Laendern der Knechtschaft in unser Land der Freiheit mit Liedern, Taenzen und dramatischen Darstellungen. Die verschiedenen bürgerlichen Moschawoth, sowie die Siedlungen der “Hapoel Hamisrachi” feiern das Fest des Auszuges mehr oder weniger nach altem juedischem Lebensstil. Aber es ist gut, dass unser Leben in Israel seinen Stil hat, und dass unsere Kinder in einem juedischen Geiste erzogen werden, — juedisch vorerst in dem allgemeinen Sinne, wie englische oder franzoesische Jugend englisch oder franzoesisch erzogen wird. Unserer Eigenart als juedischem Staat wird eine auch im Religioesen fortschreitende Entwicklung Raum schaffen. Ich glaube nicht, dass das in Israel soeben beschlossene Volksschulgesetz unser in dieser Hinsicht letztes Gesetz ist. Kommen wird der Tag, und die allgemeine Volksschule wird die Jugend nicht nach Parteistroemungen erziehen, sondern so wie die Erziehung in den fortgeschrittensten Laendern der Welt erfolgt — also nicht klassenmaessig und auch nicht einseitig konfessionell und keineswegs irreligioes — aber immer mit dem Respekt vor der Freiheit des Gewissens. Mir ist nicht bekannt, dass die staatsgesetzlich garantierte Gewissensfreiheit im Erziehungswesen der Verwurzelung religioesgr Ueberzeugungen im Volke Eintrag getan haette. Auch religioese Illusionen haben ihre ueberzeugende Kraft — die Geschichte beweist dies. Es wuerde zu weit fuehren, in diesem Zusammenhänge des Hohelied von der siegenden Kraft des juedischen Gedankengutes zu singen, welches in der Form von Toechterreligionen die Welt erobert hat. Diese auch dem konfessionell entfremdeten Judentum inhaerente Auffassung ist die kraeftigste Wurzel der Fortbestaendigkeit eines juedischen Lebensstils, den wir hegen und pflegen sollen bis ans Ende der Zeiten. (“Das Neue Israel”, Zuerich)

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