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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-09-01 · 9 (Edicion Especial) · p. Seite 14

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
9 (Edicion Especial)
Date
1950-09-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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14 BOLETIN INFORMATIVO .»9 wer dem wie alle anderem Eine Rosch Haschana h— Ansprache in der Synagoge Emeth w’Emunah in Jerusalem. fß IE beiden Tage, an denen sich das Haus Israel in seinen Synagogen versammelt, um sich dem Gericht zu stellen, haben in der Geschichte unseres Froemmigkeits-Lebens selbst eine lange Entwicklung hinter sich. Ich moechte aus dieser Geschichte zwei Momente herausgreifen, welche der nahen Vergangenheit angehoeren und uns so Licht auf unserem Wege sein koennen. Das eine Moment gehoert der Biographie Franz Rosenzweig’s an. Er hatte in einem Nachtgespraech mit seinen Freunden in Leipzig im Juli 1913 zum ersten Mal das Wesen des Glaubens erfahren, hatte erfahren, dass der Mensch, auch der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, in seiner persoenlichen Not beten koenne, und diese Erfahrung war es, die ihn dazu bestimmte, in die weit des Glaubens einzutreten, und, da er das Judentum damals fuer ein “leeres Portemonnaie” ansah, beschloss er, das Christentum anzunehmen. Es folgten Monate des schwersten Ringens. Er wollte den Schritt vom Judentum zum Christentum in bewusstem Handeln vollziehen und verbrachte den folgenden Versoehnungstag in einer kleinen orthodoxen Synagoge in Berlin. Und hier erfuhr er das Wesen Israels als eines heiligen Volkes: er beschloss, Jude zu bleiben. Seinem Freunde schrieb er: “Soll ich mich bekehren, wo ich von Geburt her auserwaehlt bin?” Damit beginnt erst sein Leben, das fuer uns so bedeutungsvoll sein sollte. Das zweite Moment, das ich in Erinnerung bringen will, ist die Geschichte von Aimé Palliére, der uns in seinem selbstbiographischen Buche “Das unbekannte Heiligtum” erzaehlt, wie er, der in Lyon als glaeubiger Katholik aufgewachsen war, durch den Besuch der Synagoge am Jom Kippur den Anstoss zu der Entwicklung erhielt welche ihn schliesslich in langen Seelenkaempfen zum Judentum gefuehrt hat. Er berichtet uns genau, dass das keine ploetzliche Bekehrung wurde, die wie ein momentanes Erlebnis gewirkt haette, Was den An stoss zur Wendung in seinem Leben gab, war vielmehr der Anblick der p?itPem<lenT d?? Gebsfcmantel gehuellten Juden. Er sah das Volk Gottes vor sich, die Gemeinde, welche einst am Sinai die Offenbarung emp fangen haette. Das ist es, wls ihn erschütterte. Und die Fra^e, die wir SS? l11, diesen Tagen stellen muess- ■ 1SL. ,e: Slnd wir n°ch Zeugen jener Wirkung von oben nach unten welche ohne Aufhoeren die wagrechte Linie unseres Lebens durchbricht und 'jede Stunde zur Botschaft macht oder machen kann? Sinwir noch Zeugen? Das juedische Recht kennt den Begriff der “Edim somemim” der untauglichen Zeugen. Das sind nicht falsche Zeugen. Es kann sein, dass die Tat, welche sie bezeugen, wirklich vorgefallen ist. Aber sie sind untauglich zur Zeugenschaft, weil sie nicht dabei waren. Sie waren vielleicht anderswo, sie haben vielleicht geschlafen oder sie konnten die Tat von dem Punkte aus, wo sie sich befanden, nicht sehen. Wir sind berufen, Zeugen zu sein; und die Frage, die heute an uns gestellt ist, lautet: Sind wir noch Zeugen oder sind wir untaugliche Zeugen? Koennen wir noch fuer jene lotrechte Achse der Welt Zeugnis ablegen? Der moderne Mensch lebt metaphysisch in einer Dimension. Wir haben gewaltige Eroberungen in der physischen Welt gemacht, eine phantastische Technik erfuellt unseren Willen, und rein technisch gesprochen ist die Einheit des Menschengeschlechtes Wirklichkeit geworden. Wir koennen alles und sind doch bettelarm geworden. Unsere Welt ist grauer Alltag. Ich hoerte kuerzlich den Bericht einer Soziologin, welche laengere Zeit in einem Nicht weiche dies Buch der Lehre von deinem Munde, und du sollst sinnen darueber Tag und Nacht” — (Josua, 1|8. ém® mg: ÉÉÉ Big «SStl .. Lager zugebracht hatte, wo die Menschen dasjenige nicht hatten, was unseren Alltag sonst erfuellt: die Sorge um das taegliche Brot. Sie erzaehlte, das Leben dieser Lagerinsassen sei, wie sie sich ausdrueckte, ein Leben ohne Punkte und Kommas, ohne Unterbrechung, kein Sabbath und kein Festtag; und daher die, wie sie sich ausdrueckte, hysterische Reaktion etwa auf ein Fussball-Wettspiel, das einen Einschnitt in dem eintoenigen Leben bedeutete. Was das Weltbild des modernen Menschen so grau und eintoenig gemacht hat, ist die Alleinherrschaft der Materie, wie sie sich in der Alleinherrschaft der Naturwissenschaften, der Technik, der Oekonomie, ausspricbb. Wir machen.Erfindungen ohne Zahl, wir erfinden Arbeits-Erleichterungen und Abkuerzungen der Arbeitszeit, und der Mensch weiss nicht, was er mit der gewonnenen freien Zeit anfangen soll und das Problem der Freizeit ist selbst zu ei- Von Prof. HUGO BERGMANN nem sehr schwierigen Kapitel unseres Lebens geworden. Alle unsere Energie wird daran gesetzt, eine Maschinerie zu verbessern, von der wir im letzten Grunde nicht wissen, welchen Zwecken sie dient. Es fehlt unserer Welt mit aller ihrer technischen Vollkommenheit eine ganze Dimension des Daseins, jene lotrechte Dimension, die der Mensch des Mittelalters mit all seiner technischen Machtlosigkeit so deutlich lebte: die Dimension des Sinnes. Der Mensch als Mensch, als sinnstrebendes, sinnerfuelltes Wesen hat abgedankt zugunsten der materiellen Welt, und sein ganzes Leben ist ein raffinierter Mechanismus, dessen Aufgabe es ist, dem Menschen diese Sinnlosigkeit, Sinnleerheit seines Seins zu verhuellen. Der Mensch unserer Zeit ist immer auf der Flucht vor seiner eigenen Subjektivitaet, die ihm unaufhoerlich das Wort zuruft, das Kain hoeren musste: “Wo bist Du”? Diese Flucht vor sich selbst kann die verschiedensten Normen annehmen, der Mensch flieht ins Cinema oder er flieht in die Tausend Aufgaben seines Alltages. Er steht am Morgen auf, und schon erwarten ihn alle die Aufgaben, denen er gehetzt nachlaeuft. Er hat jetzt “keine Zeit” mehr, keine Zeit fuer seinen Naechsten und fuer sich selbst, und wird dadurch von der Notwendigkeit befreit, sich zu konfrontieren. Wir sind heute hierher gekommen, um der Flucht zu entfliehen und uns dem Gericht zu stellen. Wenn der Synagogen-Besuch an diesem Tage nicht eine Sache der Gewohnheit ist und es uns Ernst Ist, so muss es uns Ernst sein, um das Stehen im Gericht. Wie dieses Gericht aussieht, ob nun so, wie es naiv die Dichter unserer Gebete ausgedrueckt haben, die davon sprachen, dass ein Rechnungsbuch da ist und die Hand, die jede Tat aufschreibt, oder ob es nach diesem Leben Hoelle und Himmel gibt, oder ein naechstes Leben, fuer das wir in diesem Leben den Grund legen, wie die Karma- Lehre der Inder behauptet, das wissen wir nicht und brauchen es nicht zu wissen. Aber zu wissen, dass wir gerichtet werden, dass wir, wie Karl Barth dies aüsdrueckt, alle in diesem Leben ahnungslose Reiter ueber den Bodensee sind, das zu wissen, ist fuer EINt|NEUER MENSCHENTYP Wenn er auch vielleicht nichts grundsaetzlich Neues sagt, so Ist der folgende Aufsatz, von der “ONA” (Overseas News Agency, Inc.) verbreitet, durch seine fast universelle Veroeffentlichung bedeutend geworden. So wurde er u.a. in der “New York Post” und ln “nie Neue Zeitung”, dem Blatt der amerikanischen Mllltaerverwaltung ln Westdeutschland abgedruckt EIN NEUER MENSCHENTYP ENTSTEHT IN ISRAEL TEL AVIV (ONÄ). -^Betrachtet" man sidh einmal das israelische Volk genauer, dann merkt man, dass hier ein ganz neuer ethnischer Typ heranwaechst. Man braucht nicht einmal ueber die Grenzen Israels hinauszugehen, um festzustellen, welch unhaltbaren Unsinn die Nazis verbreiteten, als sie die Juden von einem einseitig rassischen Gesichtspunkt aus beurteilten. Die Verschiedenartigkeit der Juden allein in Israel ist verblueffend. Der Sabra-Typ, d. h. der im Lande geborene Israeli mit seinem untersetzten blonden baeuerlichen Aussehen, ist schon oft beschrieben worden. Doch manchmal vermeint man ln Italien zu sein, oder in der Tuerkei, manchmal in Skandinavien und manchmal ln Amerika. In Israel, diesem Schmelztiegel der Voelker und Rassen, stroemten das Blut und die Erfahrung von 56 Nationen zusammen, und der Versohmelzungsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Dies fet ein hoffnungsvoller Faktor. Die Erfahrung der verschiedensten Nationen hat gezeigt, dass eine neue Zivilisation um so besser wird, je mehr verschiedenartige Staemme sich in ihr mischen. Doch die Mischung des Blutes allein Ist nicht genug. Sobald aber diese Verschmelzung . von einer raschen sozialen Umschichtung und dem Erwachen eines Nationalbewusstseins begleitet wird, erhaelt man ein interessantes Produkt. Die Israelis koennen sich nicht ueber einen Mangel an Nationalbewusstsein beklagen. Warum sollten sie auch — jedes andere Volk der Welt hat schliesslich seinen Nationalstolz. Nun beginnen auch die Juden, nach einer Pause von beinahe 20 Jahrhunderten, ein Nationalgefuehl zu entwickeln. Die alten Vorwuerfe der “Sippenwirtschaft”, die man so oft gegen die' Juden erhoben hat, haben viel von ihrer Bedeutung elngcbuesst. Man neigt zur Sippenwirtschaft, wenn man eng aneinanderrueckt, um in einer fremden Welt ein bisschen Waerme ziu geniessen. UEBERGROSSE SELBSTSICHERHEIT (Doch die Juden ln Israel sind weder verlassen, noch stehen sie allein in einer Welt von Fremden. Ihre Augen blicken nicht mehr gehetzt, sondern sind voll ruhigen Selbstbewusstseins. Manchmal "kann dieses Selbstbewusstsein so stark sein, dass es irritierend wirkt, aber das ist nur die Schattenseite einer guten Eigenschaft. Im Laufe der Zeit wird sich auch diese webergrosse Selbstsioherhedt geben. Das beste ist, dass er nichts Synthetisches ist. Er ist ein Teil des israelischen Bodens und des historischen Kampfes, die Suempfe zu entwaessern, die Felsen zu sprengen und die Wueste zu taewaessem, und des ruhigen Stolzes auf einen mllltaerlschen Erfolg sowohl ueber die Araber wie ueber die Englaender. Er ist auch ein Teil der alten rellgioesen Tradition Israels. Ich will damit nicht sagen, dass die Israelis jetzt sehr religioes sind. Nur eine kleine Anzahl von ihnen gehoert den rellgioesen Gruppen Mizrachi oder Agudath an. Aber jeder Israeli kennt das alte Testament, das fuer Ihn nicht nur Literatur Ist, sondern zur lebendigen Geschichte geworden ist. Ich habe die Erfahrungen des israelischen Volkes erwaehnt, seine mllitaerischen Leistungen, das Land, die rellgloese Tradition. Es gibt zwei weitere Elemente, die bei dieser neuen Zivilisation eine Rolle spielen. Das eine Ist die Beherrschung der modernen industriellen Technik. Das zweite ist die bewusst sozialistische Ausrichtung dieser Zivilisation. Aber der Sozialismus 'beruht weniger auf der marxistischen Tradition des Klassenfcampfes, als auf der Tolstoischen Tradition, die ln der Menschheit eine Gemeinschaft von Erneuern sieht, die dem Boden ihren Unterhalt abgewinnen. Das Interesse”Israels an neuen technischen Entwicklungen ist ungeheuer. Leider hat der Krieg die Schliessung der Hetaraeischen Universttaet mit sich gebracht, an der geisteswissenschaftliche Faecher gelehrt wurden. Uebriggeblieben sind 'hauptsaechlioh naturwissenschaftliche und technische Lehranstalten. Ich besichtigte die Stahlwerke, die Glas— und Lederfabriken der Solei Boneih, die Histadrut-Betriebe ln Haifa. Dort wurde mir klar, warum die Israelis den Krieg gewönnen halben und auch, weshalb sie sich der westlichen industrialisierten Zivilisation zuwenden...

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