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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-05-01 · 5 (Mayo, 1950) · p. Seite 10

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
5 (Mayo, 1950)
Date
1950-05-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 BOLETIN INFORMATIVO í E S war in jener Anfangszeit, da i wir den suedlichen Stadtrand von Jerusalem insgeheim fuer uns mobilisierten. Die Handvoll ausgebildeter Leute, eine alte aufeinander eingeschworene Kameradschaft, reichte fuer den Wachtdienst laengst nicht mehr aus. Wir waren Tag und Nacht auf den Beinen und gingen unseren bürgerlichen Berufen nur noch zeitweilig nach. Ein paar Strassen weiter befanden Sich die arabischen Stellungen. Es war Dezember 1947. Wir hatten kaum Waffen, eine veraltete und nur lueckenhafte Ausbildung genossen, und nur wenig Erfahrung. Aber eine ungeheure Lie- De zur Sache — die hatten wir. Damals kam Dina zu uns. Sie wohnte im Bezirk. Sie gehoerte zu den ersten, die sich freiwillig zum Dienst meldeten. Ich lernte sie in unserer Wachtstube kennen, um halb sieben Uhr morgens- Sie hielt, vor Kaelte zitternd, die Haende ueber den kleinen Ofen. Es war regnerisch, ein toller Wind fegte durch das Tal, gleich hinter dem Haus. Wir waren ziemlich “down”. Wir hatten gerade die Hiobsbotschaft eines Ueberfalls auf unsere Leute im Scharon erhalten. Die Verluste waren hoch, und wir wussten nicht, was aus uns werden sollte. Das war Dinas erster Diensttag. Sie wurde mir zur Patrouille uebergeben mit dem Befehl, sie einzufuehren und ihr das zu sagen, was im Augenblick zu wissen notwendig war. Heute, nach ueber einem Jahr rueckblickend betrachtet, wirkt dieser “Dienst” leicht amuesierend- Wir hatten nur durch die Strassen zu schlendern, nach aussen hin ein unauffaelliges Paar, an welchem hoechstens unser Aufzug (Dina im Skianzug, ich im braungefaerbten Battledress) und die ungewoehnlich fruehe Morgenstunde unseres Lustwandelns erstaunlich waren. Wir beobachteten die “Verdaechtigen” unseres Bezirks: Konsulatsangestellte, einige Polen und Armenier und ein paar Maedohen, von denen wir nicht wussten, wo sie hingehoerten. Eine Strasse weiter begann die “Zone” der Englaender, die wir nicht betreten durften. Es war schwer zu Kontrollieren, was dort vorgeht — aoer auch das bekamen wir bald heraus. Unsere besondere Aufmerksamkeit galt den Polizei-Panzern, deren hochgewachsene Insassen sich sehr fuer uns interessierten und die zu gerne unsere Stuetzpunkte und den Grad unserer Bewaffnung herausbekommen haetten. Wir warfen auch ein Auge auf die Araber, die, unter Umgehung des juedisohen Stadtteils, durch das Tal, am griechischen Kloster vorbei, in die damals noch arabischen Vorstaedte gingen. Auf Kilometer sahen wir ihre weissen Kopftuecher flattern; denn wir hatten sogar schon einen Feldstecher. Endlose Strassenrunden, zur Abwechslung ein bisschen in einer Stellung sitzen, gelegentlich einmal telefonieren — das war damals der ganze Dienst. Man hatte also Zeit, sich kennen zu lernen. Dina war noch etwas befangen an jenem ersten Tag. Sie hatte keine Ahnung von militaerischen Dingen, und ich musste ihr auf die einfachste Art sagen, worauf es eigentlich hier ankam. Dina war eine auffallende Erscheinung, sie war sehr schlank, fuer ein Maedchen sehr gross. Sie hatte einen stolzen, etwas federnden Gang. Sie ging “gazelienhaft” — sagt man nicht so? Das stets blosse Haar reichte ihr in schoenen Wellen bis auf die Schultern. Sie hatte ein gu- / tes Gesicht, obgleich es nicht ganz regelmaessig war, und ein scharfes kuehnes Profil. Etwas ungemein Anziehendes ging von diesem Maedchen aus, man wusste, selbst wenn man sie zum ersten Male sah, dass man sich auf sie verlassen konnte. Dina war heiter und noch sehr jung, nur wenig ueber zwanzig. Es ergab sich (und spaeter legten wir Wert darauf, dass es sich so ergab), dass wir von nun ab stets zusammen Dienst taten. Wir wurden gute Kameraden, ich darf sagen; gute Freunde ueber das Dienstliche hinaus, Wir gelangten waehrend unserer Patrouillengaenge zu bestimmten Braeuchen, wir gewoehnten uns besondere Redewendungen an die wir erfunden hatten, und die sonst wohl keiner verstand. Einer der Braeuche war, dass ich ihr in einem bestimmten Laden eine bestimmte, in Silberpapier gepackte Sorte Bonbons kaufte — wobei ich mir jedesmal wie der gute Onkel vorkam, und das nicht mit Unrecht, denn Dina haette bei ihrer Jugend meine Tochter sein koennen. Dina war damals erst zwei Jahre im Lande. Sie war 1945 mit ihren Eltern aus Bergen-Belsen gekommen, im Austausch, und mitten durch das kriegswunde, brennende •, Europa gefahren. Nach allem, was hinter ihr lag —ein einmaliges Spiel des Gluecks. Dina wusste das, und in keiner Minute vergass sie, dass sie an jenem Landungstag in Haifa sozusagen zum zweiten Mal geboren war. Sie begann sogleich zu arbeiten, sie hatte einen guten Spezialberuf. Sie eroberte sich rasch ihre neue Umgebung, sie ueberwand die Anfangsschwierigkeiten mit dem ganzen Elan ihrer Jugend, aber sie hatte noch etwas, was Jugendlichen sonst gerade fehlt: sie wusste um das Leben, sie hatte tief in den Abgrund des Lebens geblickt und hatte keine taeuschenden Illusionen. Dina war keine Plaudertasche. Es war nicht ihre Art, mit ihren Erlebnissen auszupacken. Sie sagte anfangs ueberhaupt nichts von sich. Erst ganz allmaehlich begann sie, Einzelheiten zu erzaehlen, an kleinen Dingen sich erinnernd, und aus diesen Einzelheiten setze ich mir das Mosaik ihres Schicksals zusammen. Einmal trug sie einen Pullover aus langhaariger seidiger Wolle in einem seltsamen Muster. “Woher haben Sie diesen Pullover?” — “Er hat eine Geschichte”, sagte sie nachdenklich, “in Belsen hatte ich einen Freund, ein besonders netter Junge. Wir steckten immer zusammen. Eines Tages wurde er mit einigen von uns in ein anderes Lager transportiert. Als er sich verabschiedete, uebergab er mir ein kleines Buendel mit Sachen, die er nicht mitnehmen wollte. Hebe mir das auf, sagte er, wir kommen bald wieder zurueck, sind nur zur Aussenarbeit abkommandiert. SDaeter hoerten wir, dass die ganze Gruope vergast worden war. Aus dem Buendel stammt dieser Pullover”. Man merkte es ihr nicht an, dass sie solches durchgemacht hatte. Das Anziehende ihrer Erscheinung, die Heiterkeit ihres Wesens und das Nai tuerliche in ihrem Lebenswillen lies- I ser es nicht vermuten. Sie mochte wohl soetwas wie einen unsichtba- 1 ren Schutzwall um sich gehabt haben. Aber sie hatte auch Glueck. In zwei Funktionen hatte sie sich im Camp unentbehrlich gemacht: als Zutraegerin bei einer bestimmten Arbeit (Zerschneiden von alten Soldatenstiefeln) und als Assistentin des Lager-Zahnarztes. Das hatte ihr und ihren Eltern das Leben gerettet- Und sie schloss hieraus auf die Zukunft. Sie war ein gluecklicher Mensch. Aber zuweilen sagte dieses junge Maedchen, das sich ueber eine Tuete Bonbons wie ein Kind freuen konnte etwas so erschuetternd Abgeklaertes, wie man es sonst nur von einem .ganz alten Menschen hoeren kann. Dies alles zusammengenommen gab auch uns die Gewissheit, dass Dina nichts geschehen konnte: sie war gluecklich, beruflich vorwaertsgekommen, persoenlich unabhaengig Von MANFRED STURMAN geworden — ihre Lebenskurve konnte nur aufwaerts gehen. Sie fuehlte sich bald bei uns zu Hause, gleich den wenigen Frauen, die ausser ihr zu uns gehoerten. Alle schaetzten Dina als gute Kameradin, sie war, — es gibt nur einen unuebersetzbaren Begriff dafuer — ein “Chewremann”! Sie machte sich immer ein bisschen ueber sich selbst lustig, weil sie nun so etwas wie ein Soldat geworden war. Sie hatte kein grosses Zutrauen zu ihrem persoenlichen Mut und grosse Angst davor, dass es einmal “ernst” werden koennte. Als sie dann aber im Kurs zum ersten Male eine Waffe zu bedienen hatte, zeigte sie sich ruhig und furchtlos (obgleich sie, wie sie mir hinterher gestand, “wahnsinniges Herzklopfen” hatte). Im Ausbildungslager schlossen sie alle in ihr Herz. Und als sie heimkehrte, hatte sie neue Freunde, die auf Gedeih und Verderb zu ihr hielten. Inzwischen war es bei uns ein wenig ungemuetlich geworden. Die Gegner, auf der Anhoehe uns gegenüber, hatten militaerische Verstaerkung aus einem arabischen Nachbarland bekommen, wir beobachteten, wie sie ihre Stellungen ausbauten. Es war Februar 1948 geworden. Wir waren Tag und Nacht in erhoehter Bereitschaft. Dina war immer zur Stelle. Sie gehoerte jetzt einfach dazu. Ich war dabei, als sie ihre “Feuertaufe” erhielt. An einem Sonntag wurden wir ploetzlich beschossen, die Kugeln flogen ueber unsere Koepfe oder schlugen in die Mauer. Dina zuckte nicht einmal zusammen. Aufrecht stand sie da und begann zu schimpfen. Ich zerrte sie sehr energisch in Deckung. Von jenem Morgen an waren die Heckenschuetzen druebsn in Taetigkeit, Tag um Tag wurden Passanten getroffen. Unsere so lange friedlich gebliebene Gegend wurde Front — bis zu Pessach die Palmach mit einem kuehnen Handstreich ganz Katamon und schliesslich auch die Hoehe eroberte. Wir verwandelten uns langsam von Waechtern in Soldaten; wir wurden ausgebildet, so gut und so rasch es ging, und besser bewaffnet. Kurz vor Pessach kam ich zu einem Wiederholungskurs ins Camp. Wir waren eine Abteilung von dreissig Mann, eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft aus allen Ab- ' schnitten der Stadt: es gab unter uns Professoren der Universitaet und kurdische Lasttraeger. Es war kalt, das Essen knapp — denn Jerusalem war damals schon abgeschnitten. Es regnete trostlos — dies alles trug nicht gerade dazu bei, uns bei guter Laune zu erhalten. Da tauchten ploetzlich fuenf Maedchen bei uns auf. Man hatte sie als “qualifiziert”' aus einer Frauenabteilung herausgenommen und uns zugeteilt. Dina war unter ihnen. Ich sehe sie noch, wie sie, auch in diesem Regen blosskoepfig, mit ihren langen Beinen ueber die Pfuetzen sprang, auf uns zulief und gluecklich war, bekannte Gesichter zu entdecken. Die Scherze, mit denen sie und die anderen empfangen wurden, waren, nach Soldatenart, nicht gerade zart. Aber daran hatten sich die Maedchen laengst gewoehnt. Es waren anstrengende Tage. Vom fruehen Morgen bis spaet nachts Exerzieren, Instruktionsstunde, Schiess- und Gelaendeuebungen- Wenn Dina die erste Nachtwache hatte und, das Stengun ueber der Schulter, an der Mauer auf und ab patroullierte, so leisteten wir ihr Gesellschaft — statt schlafen zu gehen. Wir verschafften ihr von irgendwo her eine zweite Decke, wir sorgten fuer ihre Lektuere, wir ueberliessen ihr einen beachtlichen Anteil, wenn wir “extra” etwas zu essen hatten — kurz wir verwoehnten sie, denn sie war die Juengste von uns, und wir hatten sie gern. Ich werde ihre Freude nicht vergessen, als sie nach einer stundenlangen Gelaendeuebung in der Nacht niemand anders als gerade mich, ihren alten Lehrmeister, eigenhaendig gefangen nahm. Mein heller, in der Dunkelheit zu gut sichtbarer Overall, war ihr allerdings dabei zugute gekommen. Und das alles war ploetzlich zuende und zerbrach, als sie, zufaellig dazu bestimmt, am 13. April 1948 auf den Skopus fuhr, zu ihrer Arbeitsstaette, der sie monatelang hatte fernbleiben muessen. Sie befqnd. sich in jenem Ungluecks-Convoy. Dina kehrte nicht von dieser Fahrt, zurueck. Die naeheren Umstaende ihres Todes sind nie bekannt geworden. Als die Nachricht kam, ein paar Tage immer noch gemildert von dem Geruecht, dass sie in Gefangenschaft geraten sei, waren wir wie erstarrt. Wir glaubten es einfach nicht, weil wir sie fuer ein Glueckskind hielten — nach allem, was es in ihrem jungen Leben an Schrecklichem gegeben, nach allem, was sie so unangetastet ueberwunden hatte. Wir konnten nicht begreifen, dass: Dinas Schicksal so unlogisch, so sinnlos und so grauenhaft enden: konnte. Zu Pessach war Katamon erobert, und unsere Stellungen wurden weit vorgeschoben. Die Palmach brach bis zum Zionsberg vor. und wir folgten ihr nach, um in Baka, in M’kor Chaim, in Arnona, in Ramat Rachel, am Bahnhof, in Abu Tor eingesetzt zu werden — Soldaten einer aus der Not geborenen Armee. Wir haben Dina in diesen unvergesslichen Wochen immer bei uns gehabt. Wir sprachen von ihr, als ob sie noch am Leben waere. Der Gedanke an ihren Tod wollte keine Realitaet annehmen. Erst als wir zur Ruhe kamen und in unseren festen Stellungen Zeit zum Nachdenken hatten, kam es Ts*ip^ zum Bewusstsein, dass sie wirklich nicht mehr da war, dass wir, Dina fuer immer verloren hatten. (“M. B.”) DINA

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