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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-04-01 · 4 (Abril, 1950) · p. Seite 10

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
4 (Abril, 1950)
Date
1950-04-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 BOLETIN INFORMATIVO ZUM 25 JAEHRIGEN BESTEHEN DER HEBRAEISCHEN UNIVERSITAET Juedische Kultur —Menschheitskultur: das Wort “Kultur” gehoert zu unserem taeglichen Sprachschatz. Wir benutzen es mit einer Selbstverstaendlichkeit, die in keinem Verhaeltnis steht zu der Schwierigkeit, zu erfassen, was Kultur eigentlich ist. Ganze Literaturen sind geschrieben worden ueber den, hinter dem W'ort “Kultur” stehenden Begriff,, und Gelehrte aller Voelker haben sich bemueht, eine passende Definition zu finden — eine Aufgabe, die noch erschwert wird, weil der Begriff nicht in allen Sprachen genau die gleichen Abgrenzungen hat. Wenn wir es uns mit einer einfachen Definition genuegen lassen, etwa: der Begriff “Kultur” umschliesst all das, was zur Vervollkommenung des Menschen in moralischer, intellektueller und aesthetischer Hinsicht dient — dann koennen wir feststellen, dass zahlreiche Voelker des Altertums Entscheidendes fuer den kulturellen Fortschritt der Menschheit in INTELLEKTUELLER und in AESTHETISCHER Hinsicht geleistet haben: die Aegypter z. B„ oder die Griechen. Auf dem Gebiete des MO-< RALISCHEN Unterbaues der Menschheits-Kultur dagegen ist praktisch alles von jenem kleinen Wuestenstamm geleistet worden, der durch das Wunder am Berge Sinai ploetzlich von seiner heidnischen Umwelt losgeloest wurde und sich in jenes seltsame Juedische Volk verwandelte, mit dem sich die Welt schon seit Tausenden von Jahren auseinanderzusetzen bemueht. Und der sichtbarste Niederschlag der juedisch-moralischen Schoepfungstat ist die Gesetzgebung, die in der Thora, in den 5 Buechern Moses enthalten ist. Ein gewaltiger, revolutionaer neuartiger, kultureller Bau im Sinne einer Welt von hoechstem moralischen Niveau erstand in den Zeiten, in denen “biblische Geschichte” Gegenwart war — ein Bau, der aus Begriffen wie: Gerechtigkeit, Naechstenliebe, Kollektiv - Verantwortung, Selbstbescheidung so fest gefuegt worden ist, dass er Angriffen von Jahrtausenden widerstanden hat. Eine Menschheitkultur ohne den juedischen Moral-Beitrag waere nicht zu denken. Das Entscheidende aber, in der juedischen Rolle innerhalb der Menschheits-Kultur, ist die Tatsache, dass hier nicht Einzelne, sondern dass hier ein ganzes Volk Werk war. Manchen hohen Gedanken der Bibel findet man auch in vorbiblischen Zeiten —in den Gesetzen des Hammurabbi, in den Totenbuechern der Aegypter— aber niemals vor biblischen Zeiten hatte sich ein Stamm, ein Volk gefunden, bereit, die schwere Last eines Lebens nach so hohen ethischen Gesetzen auf sich zu nehmen. Der geniale Gedanke eines grossen Menschen musste deshalb zur reinen Theorie erstarren und, nach kurzer Zeit, der Vergessenheit anheimfallen. Im Juedischen Volk aber fand das Denken und Schaffen einiger Grosser jenen Widerhall, auf dem jede authentische Kultur fusst: die Kollektivitaet war willig, den genialen Gedanken aufzunehmen und ihn zu leben, beispielgebend zu leben. Nur dank dieser Wechselbeziehung wurde der kleine Wuestenstamm, nachdem er das Rote Meer ueberschritten hatte, zum Kulturvolk. Seltsam, wie der Welt-Instinkt sofort begriff, welch ein ausserordentliches Ereignis die Eroeffnung einer zentralen juedischen Kultur-Institution, einer Hebraeischen Universitaet, in der ewigen juedischen Hauptstadt des ewigen juedischen Landes, in Jerusalem, war. Als Lord Arthur Balfour, der am 1. April 1925, vor genau 25 Jahren, persoenlich die Hebraeische Universitaet fuer eroeffnet erklaerte, auf die Menge um sich blickte, die zusammengekommen war, um diesen Tag zu feiern, konnte er Vertreter von Kultur-Voelkern und Kultur-Institutionen sehen, die mit tiefster Ergriffenheit einem Wieder - Auferstehungs-Akt des aeltesten existierenden, eben einem Jungbrunnen entsteigenden Kulturvolkes der Welt beiwohnten. Eine juedische Kultur-Staette in einem wieder'juedischen Land: das bedeutete mehr und anderes, als eine Universitaet dort bedeutet, wo ein Volk sein ununterbrochenes NormalTLeben im selbstverstaendlich eigenen Lande lebt. Es bedeutete eine Selbstbesinnung auf die spezifischen Faehigkeiten des Juedischen Volkes —und es bedeutete, dass in Zukunft die folgenschwere Verwirrung hinsichtlich des modernen Kulturbeitrages des Juden verschwinden wuerde— denn die jungen Menschen, die aus der Hochschule auf dem Berge Scopus hervorgehen, werden sowohl juedische Äs» mm #•»>> mm äh mä mm mm Der noch heute von Israel abgeschnittene Scopus-Berg mit den Hauptgebaeuden der Universitaet. Von Dr. FRITZ R. LACHMANN Individuen wie Repraesentanten der juedischvoelkischen Schaffensatmosphaere sein. Welch schoenes Wort, das vom “Orchester der Voelker”: nicht alle Musiker spielen dasselbe Instrument —jeder spielt das seine, entsprechend seinen Faehigkeiten. Die Tatsache der Verschiedenheit der Faehigkeiten, der Verschiedenheit der Instrumente, bedeutet nicht, dass das eines mehr oder minder wichtig ist als das andere: zu einem Orchester braucht man alle. Hebraeische Universitaet —- das Juedische Volk besinnt sich auf jene, ihm charakteristischen Faehigkeiten, die es einmal die moralischen Grundlagen zur Menschheits-Kultur haben schaffen lassen. Nach zweitausendjaehriger Unterbrechung erhebt es wieder Anspruch auf seinen Sitz im Orchester der Voelker und auf sein Recht, sein Instrument zu spielen, entsprechend seinen besonderen Faehigkeiten, so wie andere Voelker ihre1 Instrumente spielen, entsprechend ihren, jeweils in sich verschiedenen Faehigkeiten. Der juedische Wille, zurueckzufinden in den eigenen Schaffensbezirk, der Wille zur schoepferischen Selbstbesinnung, steht, klar sich abzeichnend, am Anfang des Aufbauwerks im juedischen Palaestina: es ist das Leitmotiv in den Koepfen und Herzen jener Zionisten, die am 24. Juli 1918, noch bevor die Eroberung Palaestinas durch die alliierten Truppen des ersten Weltkrieges voellig abgeschlossen war, auf den Har Hazofim wandern, den Berg der Spaeher, von dessen Hoehen einst der roemische Kaiser Titus die Zerstoerung Jerusalems geleitet hat, und dort den Grundstein zu einer kuenftigen Hebraeischen Universitaet legen- Nicht der Politik oder der Kolonisation, nicht der Einwanderung oder der Finanzierung gilt ihre erste Geste im Alt-Neuland: Repraesentanten fuehlen sie sich eines Volkes, das einmal von den andern den ehrenvollen Namen “Volk des Buches” erhalten hat. Und jener Grundstein, in den sonnendurchgluehten Boden des Scopus-Berges gelegt, ist das schoenste Bekenntnis zu wahrer Kultur, das sich vorstellen laesst. Eine Staette der Kultur soll die Hebraeische Universitaet sein, dem Aufbau, der Vorwaerts-Entwicklung, dem juedischen Beitrag zum menschlichen Fortschritt gewidmet. Das war der einheitliche Wille all derer, die diese Universitaet erdacht hatten, das ist der einheitliche Wille derer, die das Glueck haben, dort arbeiten zu duerfen. Eine Staette juedischer Selbstbesinnung soll sie sein, deren Forschungen in den Tiefen des Jude-Seins den Juden zu sich selbst fuehren sollen, nachdem er, zweitausend Jahre hindurch, Irrwege gewandert ist. In einem Jahrhundert, dessen Verlauf in so hohem Masse durch brutale Gewalt bestimmt ist, findet sich gelegentlich der eine oder andere, der darauf hinweist, dass Juden zu allen Zeiten in friedlicher Kulturarbeit ihre besten Kraefte investiert haetten, ohne dadurch ihr Schicksal wesentlich und im positiven Sinne beeinflusst zu haben, und dass es vielleicht an der Zeit sei, einmal, im Sinne der Selbsterhaltung, ihrer Kulturmission voruebergehend den Ruecken zu kehren und sich, wenn es notwendig ist, einer Welt anzupassen, auf die ein Bombenflugzeug bei weitem nachhaltiger zu wirken scheint, als ein ethisches Postulat. Solchen Stimmen gegenueber, und am Zeitpunkt des 25-jaehrigen Jubilaeums der Hebraeischen Universitaet, scheint es am Platze, eine kleine Legende in Erinnerung zu bringen, die vom grossen Rabbi Akkiba erzaehlt wird. üfß Die Medizinische Fakultaet der He. braeischen Universitaet ist in dem frueheren Krankenhaus, das die Bri. tische Mandatsregierung in Jerusalem unterhielt* untergebracht. Zu den Zeiten als die Roemer mit diktatorialer Gewalt das juedische Land beherrschten, war es den Juden bei Todesstrafe verboten, Thora zu lernen oder gar zu lehren: denn die Roemer verstanden wohl, dass das einzige Mittel zur Vernichtung des Juedischen Volkes darin bestand, es von seinen moralischen, seinen kulturellen Grundlagen, zu entfernen. — Rabbi Akkiba fuhr, allen Verboten zum Trotz, fort, die Thora zu lernen und zu lehren. Und als seine Freunde, besorgt um sein Schicksal, ihn vor der Gefahr warnten, antwortete der grosse Weise ihnen mit dieser Erzaehlung. “In einem Teiche”, sagte er, “lebten viele Fische. Ein Fuchs, am Rande des Teiches, beobachtete, wie die Fische, in ewiger Angst, von einer dunklen Ecke des Teiches in eine andere huschten, von dort in die naechste, und so fort. Vom Fuchs nach der Ursache ihrer Angst befragt, antworteten die Fische: “Wir fuerchten die Fischer mit ihren Netzen, die uns nach dem Leben trachten”. — “Wenn es nichts weiter ist als das”, lachte der Fuchs, “dann weiss ich einen einfachen Ausweg: kommt hierher, zu mir, aufs trockene Land — hier gibt es keine Fischer, und hier koennt ihr ungestoert und sorglos leben”. — “Wir hatten gehoert”, antworteten die Fische dem Fuchs, “du seiest das kluegste Tier auf der Welt; an deinem Ratschlag sehen wir, dass du ein Tor bist. Uns geht es schon so schlecht, waehrend wir im Wasser leben, das doch unser Element ist — wie wuerde es uns erst ergehen, verliessen wir gutwillig dies unser Element!”. “Das gleiche gilt”, sagte Rabbi Akiba, “von uns und der Thora. Es geht uns schon so schlecht, waehrend wir in und mit der Thora leben, die doch unser Element ist — wie wuerde es uns ergehen, wenn wir von der Thora liessen!” Thora —das bedeutet fuer den Juden eine Fuelle von Begriffen, die wir heute, in moderner Sprache, mit Lehre, Erziehung, Wissenschaft, Gesetz, bezeichnen wuerden. Alle diese Begriffe wiederum sind die Elemente, die zum moralischen, intelektuellen und aesthetischen Fortschritt der Menschheit fuehren — und all das, was in diesem Sinne zum Fortschritt der Menschheit fuehrt, hatten wir als Kultur erkannt. Kultur ist seit je das Lebenselement des Juedischen Volkes. Die Hebraeische Universitaet, deren 25 jaehriges Bestehen heute von der gesamten Kulturwelt gefeiert wird, geschaffen als Ausgangspunkt der Zurueckgewinnung von Alt-Neuland, und gedacht als sein natuerlicher Hoehepunkt, symbolisiert in der heutigen Welt das juedische Ringen um Kultur. Wie wuerde es uns ergehen, wenn wir davon liessen!

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