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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1950-04-01 · 4 (Abril, 1950) · p. Seite 8

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XII (1950)
Issue
4 (Abril, 1950)
Date
1950-04-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 BOLETIN INFORMATIVO Zum Thema: Israel und die Golah (2) Israel und der Zionismus Es ist gaenzlich irrig anzunehmen, dass das zionistische Programm am 15. Mai 1948 im Augenblick der Proklamation des Staates Israel vollstaendig verwirklicht worden ist. Man kann einen Staat zwar an einem bestimmten Tage ausrufen, man kann ihn aber nicht in einem Tage schaffen. Ein Staat ist ein sozialer Organismus und sein ßchoepfungsprozess zieht sich wie die Schoepfung anderer Organismen laengere Zeit hin. Die Proklamation eines Staates stellt gewissermassen nur die Grundsteinlegung eines Gebaeudes dar. Sie hat nicht die Bedeutung, dass nunmehr der Staat fix und fertig dasteht und vollkommen und solide gegruendet ist. Wenige Vorgaenge der menschlichen Geschichte sind verwickelter und schwieriger auszugestalten, als die endgueltlge Bildung eines Staates in seinen weitverzweigten Erscheinungsformen. Dies gilt ganz besonders fuer einen Staat, dessen Geburt unter so schweren Wehen vor sich gegangen ist, und auch dann, wenn bei der Gruendung die internationale Situation so verwickelt und unsicher ist wie im vorliegenden Falle, in dem man damit rechnen muss, dass sich sogar schon seit laengerer Zeit bestehende Staaten sich in ihrer Existenz schwer bedroht fuehlen muessen. Der Staat Israel ist das Ergebnis eines Aktes des Mutes und grosser Kuehnheit. Er ist geschaffen worden von einem Volk, das nur 3|4 Millionen zaehlte, gegen das verschiedene Staaten mit ihrer viel groesseren Bevoelkerung den Krieg begannen. In der Stunde der Begeisterung die auf seine Proklamation erfolgte, glaubten viele, dass der einmal geschaffene Staat nunmehr fest gefuegt und gesichert sei. Trotzdem genuegte der Ablauf eines Jahres uns darueber Rechenschaft zu geben, dass das Gefahrenmoment in keiner Weise Vollstaendig beseitigt worden ist. Israel hat noch mit keinem der arabischen Staaten einen foermlichen Frieden geschlossen. Das ist nun keineswegs ein Problem, das sich auf die Beziehungen und die Streitgegenstaende zwischen Arabern und Juden beschraenkt. In der internationalen Politik existieren keine lokalisierten Probleme und am allerwenigsten kann davon im Mittleren Orient die Rede sein. Es wird noch viel Zeit verstreichen, bis man eine brauchbare Loesung finden wird, die allen entspricht und die einen wirklichen Frieden zwischen den Arabern und den Juden verbuergt. Ebensowenig wird irgend jemand behaupten koennen, dass die Gefahr von Angriffen vollstaendig vorueber ist. Es wuerde daher eine Unverantwortlichkeit sein, ja sogar ein Verbrechen, wenn irgend ein Zionist behaupten wollte: “Der Staat Existiert nun; wir haben unser Ziel erreicht, wir haben unsere Mission erfuellt und jetzt koennen wir das juedische Schlachtfeld verlassen”. Die lange Geschichte der Juden bietet Beispiele von zahlreichen ausserordentlichen Ereignissen, darunter auch das Beispiel eines juedischen Staates, der kurze Zeit nach seiner Wiederherstellung wieder verschwunden ist. Es genuegt an den Namen Bar Kochba zu erinnern um das, was ich sagen will, zu verdeutlichen. Die zionistische Bewegung, die die Verantwortlichkeit auf sich genommen hat, den Staat zu verwirklichen, hat damit auch die Verantwortlichkeit auf sich genommen, seine Existenz sicher zu stellen. Es waere naiv und unverantwortlich. sich dieser Verantwortlichkeit nicht bewusst zu sein und einfach 'die Behauptung aufzustellen, dass die gestellte Aufgabe nunmehr erfuellt sei. Aber auch in einer zukünftigen Zeit hoffen wir, dass sie nicht zu fern ist-, in der der Frieden wirklich sichergestellt ist, in der die schwierigen Probleme geloest, die Grenzen des Staates gesichert sind und sich damit eine normale Stellung Israels im Mittleren Orient herausgebildet hat, aber auch in einer solchen Zukunft wuerde es irrig sein zu glauben, dass das Ziel des Zionismus nunmehr vollstaendig verwirklicht ist. Durch die Schaffung des Staates ist zwar einer der wichtigsten Teile des zionistischen Programms verwirklicht worden, aber keineswegs das ganze Programm und nicht einmal derjenige Teil, den man als den wesentlichsten ansehen muss. Die Schaffung eines Staates kann niemals Selbstzweck sein. Die Verhimmlung und Vergoettlichung des Staates, wie allgemein sie auch in der modernen Geschichte auftritt, besonders im 19- und 20. Jahrhundert, ist doch nur eine typisch deutsche — oder besser gesagt sogar nur eine preussische-Weltanschauung, deren Begruender Hegel war und die ihren Gipfelpunkt in Hitler erreichte! Fuer uns bedeutet der Staat lediglich ein Geruest eines Hauses, in dem ein Volk sein Leben lebt. Fuer uns bedeutet die Schaffung eines Staates lediglich eines der Mittel fuer Juden und Nichtjuden, sich ihr Leben auszugestalten. Der moderne Zionismus verlangte keineswegs die Schaffung eines juedischen Staates lediglich aus dem einen Gesichtspunkt heraus, nun auch einen Staat der Juden zu schaffen. Sein Zweck war ein Instrument zu schaffen, mit dem es moeglich waere, die Zukunft des juedischen Volkes sicher zu stellen. Ein juedischer Staat, der nicht die Faehigkeit besaesse, diese Mission zu erfuellen, waere zwecklos und wertlos; er wuerde sich als ein blosses Spielzeug darstellen, um gewisse Gefuehle und Eitelkeiten zu befriedigen. Er wuerde ein eingebildeter Besitz sein, dem die wirkliche Bedeutung fuer die Zukunft des juedischen Volkes fehlt. Der juedische Staat, so, wie ihn die zionistische Weltanschauung auffast, ist notwendig, um das Volk zu retten, ihm ein autonomes und souveraenes Zentrum zu schaffen, um ein nationales Heim zu schaffen fuer das juedische Volk als solches und fuer die Millionen von Juden, die seiner beduerfen, sei es infolge der Einwirkung der aeusseren Umstaende, sei es auf Grund ihres eigenen Ersehnens eines solchen Heimes. Es ist keineswegs ein Zufall, dass das klassische Programm des modernen Zionismus, das Baseler Programm, nicht den juedischen Staat erwaehnt, sondern dass es von einer nationalen juedischen Heimstaette spricht. Eine nationale Heimstaette ist mehr als ein Staat. In der heutigen Zeit, da die Voelker und Nationen in souveraenen Staaten organisiert sind, muss allerdings ein nationales Heim die Form eines juedischen Staates annehmen. Aber stellen wir uns vor, dass die Epoche der nationalsouveraenen Staaten einmal voruebergeht und etwa an ihre Stelle sich eine Art Ueberstaat der Welt verwirklicht! Dann wuerde der juedische Staat ganz selbstverstaendlich. wie alle anderen Staaten, verschwinden, zumindesten in seiner gegenwaertigen Form, waehrend die nationale Heimstaette selbstverstaendlich auch noch weiterhin existieren wuerde. Wenn man den Zionismus und den juedischen Staat in solcher Weise auffasst —und keiner der Begruender des modernen Zionismus hat sich jemals dieser Begriffsbildung widersetzt— so versteht man leicht wie sinnlos es waere, zu glauben, dass das zionistische Programm nunmehr verwirklicht worden ist. Wenn auch die Schaffung des juedischen Staates eine der wesentlichsten Forderungen des Programms verwirklicht hat, so bleibt doch noch eine nicht weniger wichtige andere proklamatische Forderung, die wir auf hebraeisch mit dem Fachausdruck Kibbuz Galujot bezeichnen, d. hdie Wiedervereinigung der in der Diaspora Zerstreuten. Man wird sogar sagen koennen, dass dieser Programmpunkt der Allerwichtigste ist. Die Aufnahme von hunderttausenden von Juden in Israel stellt grosse Anforderungen in geldlicher und ausserordentliche Anforderungen in wirtschaftlicher Beziehung. Aber die sich ergebenden psychologischen Schwierigkeiten sind mindestens ebenso schwer und verwickelt und muessen auch geloest werden, um eine wirkliche Eingliederung der Immigranten in das Leben Israels zu ermoeglichen. Wer in Israel die Lager der Immigranten besucht hat, gibt sich Rechenschaft von den Schwierigkeiten, die den Neuangekommenen erwachsen, Neuankoemmlinge die aus den verschiedensten Laendern stammen mit verschiedenen Sprachen und Gebraeuchen und die sich nun in das neue gemeinsame Leben Israels eingliedern sollen. Es steht also vor uns eine Aufgabe, die ausserordentliche Anstrengungen noetig macht und zwar nicht nur von Seiten der Immigranten, sondern auch seitens der bisherigen Bevoelkerung Israels, die insbesonders ausserordentliche Geduld, Liebe und Edelmut verlangt. Die gegenwaertige Einwanderung ist viel verschiedenartiger als zu Zeiten der Vorkriegszeit, als die Mehrzahl der Immigranten aus dem Osten Europas kamen. Ganz abgesehen davon, dass die Einwanderung der Vorkriegszeit viel einheitlicher und homogener war, war sie auch besser vorbereitet fuer das neue Leben in Israel, dank der Bewegung der Chaluzim, die tausende von jungen Menschen vorbereitet hatte. Die gegenwaertige Einwanderung kommt aus allen Winkeln der Welt und ist im Grossen und Ganzen nicht vorbereitet. Daraus ergibt sich eine der grossen Aufgaben, die von Seiten der zionistischen Bewegung erst im Zeitraum von Jahren geloest werden kann und geloest werden muss- In der Gegenwart nimmt das Programm der Chaluziuth eine neue Wichtigkeit an. Jeder historische Moment, wenn er auch noch so positiv ist, hat gewisse Schattenseiten. Dieses Gesetz von Plus und Minus gilt auch fuer den Staat Israel. Die Schaffung des Staates hat das juedische Leben bereichert und hat die Grundlage geschaffen fuer die Loesung des juedischen Problems. Aber zur gleichen Zeit hat der juedische Staat auch das juedische Leben komplizierter gestaltet und hat eine Gefahr heraufbeschworen, der es nun zu begegnen gilt. Die Gefahr besteht in der Moeglichkeit einer seelischen und geistigen Trennung, die sich zwischen Israel und dem juedischen Volk in der Diaspora herausbilden koennte. Wer vertraut ist mit dem zionistischen Gedankengut weiss, dass bedeutende zionistische Theoretiker —unter denen Dr. Jakob Klatzkin der bedeutendste war— diese Scheidung der Geister im Zeitpunkt der Schaffung eines juedischen Staates, nicht nur vorausgesehen, sondern sogar auch als unvermeidlich betrachtet haben. Sie haben sich die Entwicklung der Dinge so vorgestellt: Die Schaffung eines juedischen Staates und die Existenz einer unabhaengigen juedischen Nation in Palaestina, oder Israel wie man es heute nennt, mit eigener Sprache, eigenen Gewohnheiten und einem besonderen Lebensziel muss im Laufe einiger Jahrzehnte dazu Von Dr. NAHUM GOLDMANN fuehren, dass sich ein neuer Typ des Juden, eben der palästinensische Typ, entwickelt, der vollstaendig verschieden ist von dem' Typ der Juden, die in der Diaspora leben. Nach einer oder 2 Generationen wuerden dann 2 Typen der Judenheit existieren, der israelische und der nicht-israelische Typ, die keine gemeinsame Sprache haetten und die sich untereinander nicht verstaendigen koennten. Ich habe diesen Gesichtpunkt nie akzeptiert. Ich habe ihn nicht nur fuer irrtuemlich erachtet, sondern habe auch nie daran geglaubt, dass diese Entwicklung unvermeidlich sei. Aber die Moeglichkeit einer solchen Entwicklung vollstaendig zu bestreiten, duerfte nicht gerechtfertigt sein. Sowohl in Israel als auch in der Diaspora sind natuerlich Tendenzen gemaess dieser Auffassung vorhanden. Wenn man zugibt, dass diese Tendenzen —die auf beiden Seiten liegen— genaehrt werden und wachsen, wird sich zwischen Israel und dem juedischen Volk in der Diaspora ein tiefer Abgrund auftun und das Endresultat koennte eine vollstaendige Trennung sein. Ich glaube, dass wenn wir zulassen wuerden, dass eine solche Entwicklung platzgreift, wuerde dies sowohl fuer Israel als auch fuer das gesamte juedische Volk eine Katastrophe bedeuten. Wenn diese Entwicklung wirklich unvermeidbar waere, so haette nach meiner Ansicht der Zionismus ein vollstaendiges Fiasco erlebt. Aber ich kann diese Auffassung nicht billigen. Ich kann nicht glauben, dass das Ergebnis der einzigartigen Ges'chichte des juedischen Volkes —diese tragische und heroische Epoche, diese Geschichte des Leidens, des Kampfes, der Verfolgung und des Widerstandes durch alle Generationen hindurch— nur das sein koennte: auf der einen Seite die Schaffung eines kleinen Staates von 1 oder 2 Millionen Einwohnern und auf der anderen Seite die vollstaendige Losloesung des juedischen Volkes in der Diaspora von diesem Staate. Das juedische Volk hat immer von der Wiedererrichtung seines Staates getraeumt, aber gleichzeitig mit dieser Vision war immer der Grundgedanke lebendig, dass wir ein Am-Olam, ein Universalvolk sind, -ein einiges Volk fuer die Ewigkeit. Wenn Israel sich mit dem juedischen Volk der Welt verbunden fuehlt, sich die weltumspannende Universalitaet des juedischen Lebens und ihre weiten Horizonte zu nutzen macht, diese Universalitaet, die die gesamte Weltzivilisation in sich schliesst. wird es zumindesten auf dem geistigen Gebiet einen einzigartigen Beitrag zur Zivilisation der Menschheit leisten koennen. se wie dies auch der Fall war in den alten Zeiten trotz seiner politischen Unbedeutendheit und des geringen geographischen Umfanges seines Staates. Umgekehrt wird das juedische Volk ausserhalb Israels, wenn es sich mit Israel zu verbinden versteht, an seiner schneoferischen Kraft teilnehmen koennen, an seinen angehaeuften Energien und an seinen moralischen und geistigen Hilfsquellen, die ihm zu Gebote stehen. Es gibt aengstliche und feige Juden, deren Charakter wir schon seit einiger Zeit erkannt haben, die sich vielleicht unserem Ziel entgegenstellen. Aber ich betrachte es als hoechste Aufgabe der Stunde, das juedische Volk ausserhalb Israels zu ueberzeugen. dass seine Mithilfe und Unterstuetzung bei der Aufrichtung des juedischen Staates nur ein Anfang ist, der seine Fortsetzung finden muss in dem Sinne, dass sich die Diaspora mit Israel identifiziert (Fortsetzung auf Seite 9)

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