Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XII (1950)
- Issue
- 3 (Marzo, 1950)
- Date
- 1950-03-01
- Page
- Seite 21 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO 21 Ein abgeschlossenes, aber nie zu vergessendes Kapitel juedischen Lebens * Von Dr. Max Wiener Alle Nachrichten, die aus Deutschland zu uns dringen, stimmen darin ueberein, dass ein Wiederaufbau, juedischen Gemeinschaftsdaseins in jenem Lande fuer unabsehbare Zeiten hoechst unwahrscheinlich geworden ist. Deutsches Judentum ist so in die Geschichte eingegangen. BERICHT AUS OESTERREICH Wir, die Ueberlebenden, denen seine Bluete und und sein furchtbares Ende so nahe stehen, besitzen wohl noch nicht das Distanzgefuehl, das fuer eine objektive historische Darstellung zu fordern ist. Aber wir haben dafuer das unausloeschbare Bewusstsein, dass unser Sein bis zu unserm Ende entscheidend durch das deutsch-juedische Erlebnis geformt ist. Unverblasst und unabgestumpft wirken in uns die guten und die boesen Erfahrungen, die wir gemacht. Unser Gedaechtnis, gewiss dem Irrtum, vielleicht auch der Parteinahme und der Leidenschaft unterworfen, ist doch schaerfer und treuer als das kommender Generationen, aus denen der klassische Geschichtsschreiber hervorw a c h s e n wird. Vor allem ist eins zu beachten: Ereignisse und Tatsachen moegen in Akten, in Urkunden von Papier oder Stein mit aeusserster Gewissenhaftigkeit auf die Nachwelt kommen, die Jahrhunderte, bisweilen die Jahrtausende ueberdauern. Leben besteht aber nicht in Tatsachen und Ereignissen allein. Die Reaktion des inneren Menschen, seine Stimmungen und Empfindungen, seine Liebe und sein Hass, sein kaum oder gar nicht geaeussertes Sehnen und Verlangen sind nicht minder wirklich als das, was sichtbar und greifbar leichter der Nachwelt ueberliefert werden kann. Von dieser uns noch so nahen, ja in uns unmittelbar webenden Realitaet soll hier die Rede sein. Einige wenige charakteristische Eigentuem; lichkeiten des deutschen Judentums in den vier oder fuenf Generationen seiner Existenz im modernen Deutschtum seien angedeutet. Von konkreten Einzelheiten lassen wir hier andere sprechen. Die Periode faellt zusammen mit der der Emanzipation und Assimilation. Sie begann spaeter als unter den Sephardim des Westens, in Holland, in England, soweit es sich um das Hineinwaehsen Einzelner in den Kulturgeist der Umgebung handelt. Und als die buergerliche Gleichstellung voellig durchgefuehrt schien, stand auch schon das Ende vor der Tuer. Wir Juden pflegen mit Stolz und pathetischer Ergriffenheit auf unser hohes Alter als national-religioese Gemeinschaft hinzuschauen. Nicht so klar steht uns vor der Seele, dass die Fragmente, in die wir zerschlagen waren, oftmals nur fuer eine vergleichsweise kurze Zeit ein eigenstaendiges Leben fuehrten. Juden sind auf deutschem Boden schon in der Roemerzeit aufweisbar. Aber welches Schicksal haben die “uralten ehrwuerdigen” Gemeinden vom Rhein und Main gehabt? Wie oft wurden die mittelalterlichen Siedlungen zerstoert! Wie wenige gibt es, denen auch nur ein paar hundert Jahre stetiger Entwicklung beschieden waren! Die moderne juedische Geschichte in Deutschland umspannt weniger als 1.1|2 Jahrhunderte, kaum fuenf Generationen. Aber sie war geladen mit der Dynamik dieser Epoche. Und wenn die Juden das Tempo des neunzehnten Jahrhunderts gewiss nicht erfunden haben, so waren sie es doch, die sich in seinem Eilschritt ausserordentlich wohl und heimisch fuehlten. Sie waren die Progressiven par excellence, glaubten mehr und ueberzeugter als ihre Umgebung an den “Fortschritt”. Wie klar oder wie blass dessen Ziel und Richtung empfunden werden mochte, dem deutschen Juden des neunzehnten Jahrhunderts war eines gewiss: seine Kinder sollten und mussten eine hoehere Stellung in der Stufenleiter sozialer Geltung erklimmen: Vom Hausierer zum wohlgefestigten Kaufmann, Grosshaendler, Fabrikanten; vom Geldausleiher zum Finanzmann und einflussreichen Grossbankier; vom Kinderlehrer zum Universitaetsprofessor. Gab es grosse Hemmnisse in der Beamtenlaufbahn, so erschien sie um so begehrenswerter; der hoehere Richter oder gar der Verwaltungsbeamte war “mehr” als der Rechtsanwalt. Und da das stark im Feudalismus stehengebliebene Deutschland vor allem dem Offizier huldigte, erschien der Ausschluss von diesem Halbgoetterdasein als schmerzhaftester Stachel und bitterstes Unrecht. Darin lag gewiss oft ein uebertriebener Ehrgeiz. Doch Selbstsucht und Geltungsdrang allem erklaeren dieses Streben nicht. Der Jude liebte Deutschland mit allen Fasern seiner Seele. Vom letzten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts an, wo ihm als noch sehr fernes Ziel die voellige Gleichstellung winkte, bis tief in die national-sozialistische Periode hinein wollte er in nicht anzuzweifelnder Loyalitaet seinem Geburtslande dienen. Er empfand sich als ganz eingedeutscht, und wir wissen, welch gewaltigen Prozentsatz ihres juedischen Kapitals so viele bereit waren, als Breis fuer ihre Aufnahme in die deutsche Kulturgemeinschaft zu zahlen. Es handelt sich hier nicht bloss um die Taufe als Eintrittsbillet, sondern um die Verduennung juedischer Substanz m Religion und ueberlieferter Lebenssitte. Dem juedischen Liberalismus wuerde es weit besser bekommen sein, haette er seine Reformen und Neuerungen nur mit Ruecksicht auf ein gewandeltes inneres Religionsgefuehl ohne stete Seitenblicke auf die deutsch-christliche Umgebung geplant und ausgefuehrt. Aber wir vergessen auch nicht, wie die Schulung am deutschen Geist und seinen Erkenntnismethoden hervorragenden juedischen Gelehrten das Werkzeug in die Hand gegeben hat, zu tiefer Einsicht in die Geschichte und Leistung des eigenen Volkes vorzudringen. Der Anteil der Juden am geistigen Schaffen und an der Organisation und Fuehrerschaft in allen Lebensgebieten ging so gewaltig ueber ihre verhaeltnismaessige Zahlenstae r k e hinaus, dass in der Tat von ihrer Vormachtstellung haette gesprochen werden koennen, wenn wirklich Herrschsucht und nicht der ernstliche Wille, mit allen Kraeften der Sache des deutschen Volkes zu dienen, das Motiv gewesen waere. Der Jude war klug und tuechtig, aber die uebermenschliche Weisheit, von diesen nuetzlichen Eigenschaften keinen vollen Gebrauch zu machen, besass er nicht. Haette die tiefste Besonnenheit, eine wahrhaft ueber-irdische Einsicht sein Schicksal gewendet? — Gewiss nicht! Die juedische Katastrophe, die ein zum Wahnsinn gesteigerter Antisemitismus heraufbeschwor, ist ja nicht aus dem Wesen des Judentums, sondern aus dem des Deutschtums zu erklaeren. Und hier werden wir einer tiefen Tragik bewusst. Die Juden liebten nicht bloss die Deutschen, sondern sie hatten sich sogar, um dieses Gefuehl tief menschlich und philosophisch zu begründen, eine Theorie zurechtgemacht, die eine nahe Verwandtschaft der beiden Volksgenien aufweisen wollte. Nirgendwann und nirgendwo ist etwas aehnliches behauptet worden. Und es waren nicht oberflaechliche Apologeten, sondern wirkliche Denker, die diese Idee aufstellten und an sie glaubten. Fuer die Zusammensetzung der Juden Oesterreichs charakteristisch ist die Gemeinde Salzburg. In der juedischen Gemeinde sind 140 Juden registriert, ausserdem aber gibt es noch ca. 350 Fluechtlinge aus Ungarn und Rumaenien, die in Salzburg auf Visen nach Uebersee warten. 10 Minuten von Salzburg entfernt, in Parsch, gibt es ein juedisches Staedchen, das sich New Palestine nennt. Es ist pin von der IRO vor 3 Jahren fuer D.P.’s errichtetes Camp. Inzwischen sind viele Insassen dieses Camps wirtschaftlich selbstaendig geworden, haben sich schoene Holzhaeuser gebaut, und heute wohnen dort 90 Familien, saemtlich orthodox, wohlsituiert, die zum groessten Teil beabsichtigen, nach Amerika zu gehen. Das oeffentliche Leben und die sozialen Einrichtungen dieser Gemeinde sind vorbildlich. Ausserdem gibt es in Salzburg ein Transitlager Beth Bialik, wo viele tausend Olim auf ihre Einwanderung nach Jisrael warteten. Das Lager ist jetzt fast leer und steht vor der Aufloesüng. Ein anderes grosses D.P.-Lager befindet sich in Hallein. Dort leben 1.300 Juden, meist aus Ungarn. Vor allem finden sich hier die Ueberreste der extremen Ortho- Von MENACHEM KILAI doxie, die auch heute noch scharf antizionistisch ist. Das Ziel der Menschen sind USA und andere Laender, nicht Palaestina. In der Provinz Linz lebt eine kleine Zahl von Juden in Bad Ischl, Steyr, Muenden, Gosserlenzing, Schwertboeck, Krein und Rueckemuehl. Die Gemeinde Linz steht unter Fuehrung eines aus Jisrael Zifrueckgekehrten, Wilhelm Schwager. Von den in der Stadt selbst lebenden Juden sind nur 30 oesterreichische Staatsbürger, in der Hauptsache Mischlinge oder in Mischehe lebende. — In der Linzer Vorstadt Ebbelsberg befindet sich das sehr imposante D.P.-Lager in einer frueheren SS-Kaserne. Dort wohnen in 9 riesigen Blockhaeusern 1600 Menschen. Das juedische Leben im Lager ist vortrefflich organisiert; es gibt einige Synagogen, Kinoveranstaltungen, Geselligkeit, auch ein Geschaeftszentrum, wo man die besten und elegantesten Sachen kaufen kann, eine sehr gut eingerichtete Schule — aber nur wenig ueber 50 Kinder. Zwei weitere D.P.-Lager befinden sich in Steyr und in Wels. Das Lager in Wels umfasst 700 Menschen, es besitzt eine sehr gute hebraeische Schule. Dagegen fehlt es den Kindern im Lager Steyr mit seinen 1.300 Einwohnern an jeglicher Betreuung. “M.B.” Und die Deutschen? — Sie fuehlten nichts von dieser Naehe. Der Jude war und blieb ihnen fremd. Auch wo Hass, Verachtung und inneres Widerstreben nicht ausdruecklich geaeussert, vielleicht auch nicht empfunden wurden, war die Kruste der Fremdheit nur in Ausnahmen zu durchbrechen. Judenfeindliche Rassentheorien und “wissenschaftlicher” Antisemitismus haette nicht gerade im deutschen Volke einen so fruchtbaren Boden finden koennen, waere nicht jene kalte Fremdheit, mit der man auf den Juden hinschaute, so maechtig gewesen. Als das Nazitum die Grundlagen der christlichen Religion zu erschuettern drohte, da besannen sich wohl einige — nicht zu viele — kirchliche Fuehrer auf den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament. Selbst von diesen hueteten sich die meisten, das zeitgenoessische Judentum als legitimen Erben des altisraelitischen Prophetismus anzuerkennen. Auch das war weniger Feigheit und Angst vor den herrschenden Fanatikern, als der Ausdruck einer Ueberzeugung, dass der gegenwaertig lebende Jude voellig fremd war und blieb. Beispiele opferwilliger Menschlichkeit fuer die Gehetzten und Verfolgten beweisen nichts gegen die Regel. Das Aeusserste, was der Jude — lind das zieht sich durch die ganze Geschichte dieses Zeitalters hindurch — erlangen konnte, war, als Mensch behandelt zu werden, wenn er alle juedischen Aspirationen aufgab. Gemeinschaft und Tradition, ererbter Charakter und Eigenleben sollten auf dem Altar der Humanitaet geopfert werden. Das war nicht mehr, vielleicht sogar weniger, als was ihm im voremanzipatorischen Zeitalter unter dem vorwaltenden Einfluss der Kirche zugestanden war. Denn Heines Wort von der Taufe als dem Eintrittsbillett zur europaeischen Zivilisation trifft fuer das dreizehnte Jahrhundert weit wirksamer zu als das neunzehnte. Eine christlich-glaeubige Welt war unter dem religioesen Symbol ehrlich geneigt, die Juden sich zu assimilieren. Der Liberalismus des deutschen Volkes hingegen, wie skeptisch er oft genug religioesem Bekenntnis gegenueberstand, hat es nur in ganz wenigen seiner Vertreter zu einem praktischen, weltweiten Universalismus gebracht. Die Juden in ihrer Mehrheit waren diesen Tatsachen gegenueber mit Blindheit geschlagen. Als die ueberzeugtesten und lautesten Verkuender von Vernunft und Fortschritt in diesem Zeitalter glaubten sie an einen unparteiischen gerechten Staat, dem man nur mit Treue und Hingebung zu dienen brauche, um von der Gesellschaft als ebenbuertig anerkannt zu werden. Judenfeindliche Instinkte, Vorurteile und Gehaessigkeit wurden als Schoenheitsfehler in dem Idealbild angesehen, die durch unermuedliche Aufklaerungsarbeit zu ueberwinden seien. Dass das Teuflische im Menschen, noch dazu im deutschen Volke, im Volke von Lessing und Kant, von Goethe und Beethoven zum grauenvollen Triumph gelangen koennte, war das letzte, was gerade juedische Phantasie sich ausmalen konnte. Ein glaenzendes Kapitel unserer Geschichte ist beendet. Nicht alles, was in dieser Zeitspanne geleistet wurde, ist zerstoert. Eine grosse geistige Erbschaft bleibt. Und auch eine grosse Aufgabe. Wie ist juedisches Fortleben zu sichern? Die Begruendung des Staates Israel loest nur einen Teil der Frage. Wie ist Judentum ausserhalb der Grenzen eines nationalen Gemeinwesens lebendig und fruchtbar zu erhalten, das ist ein Problem, an dem gerade wir Geretteten mit tiefster Hingebung zu arbeiten verpflichtet sind. Das ist die Forderung der Toten an die Lebenden. (“Bulletin Congregation Habonim”, New York).