Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XI (1949)
- Issue
- 12 (Diciembre, 1949)
- Date
- 1949-12-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 BOLETIN INFORMATIVO Çhaim Weizmann. der Staatsmann Wir bringen im folgendenAuszuege aus der Einleitung zu einem 1937 im Juedisc h e n Buchverlag Enytn Loewe, Berlin, erschienenen Werk “Chaim Weizmann, Reden und Aufsaetze”. W :nn wir an laessliqh des 75. Geburtstages Chaim Weizmanns auf Worte aus dieser Besprechung zurueckgreifen, so geschieht dies, well Ihr Verfasser, Georg Kro- Janker, es verstanden hat, einige der tiefsten Charakterzuege dieses grosfeen Staatsmannes aufzuzeigen. Die Tatsache, dass seine Wuerdigung des Menschen und Politikers auch heute noch, angesichts einet grundlegend verschiedenen Situation, zutiefst wahr ist, legt Zeugnis von ihrer Reife und Wahrheit ab. Aber nicht nur das: sie legt auch Zeugnis ab von der geschichtlichen Groesse eines Mannes, dessen Jugendfreunde in ihm bereits den vom Schicksal auserwaehlten Vater seines Volkes erkannten und der sich selbst ein ganzes kampferfuelltes Leben lang treu geblieben ist, soüass alles, was gestern von ihm gesagt wurde, zur Prophezeiung wird, und alles, was » wir heute sagen koennen, nur eine Bestaetigung ist. ■ - iq 'rmng WENN WEIZMANN SCHON IN FRUEHEN JAHREN DIE THEORETIsche Erkenntnis von der Notwendigkeit des synthetischen Zionismus, d.h. des politischen und praktischen" zugleich, verkuendet, so gibt er damit *iur einen einzelnen zufaelligen und zeitgebundenen Ausdruck fuer sein Wesen ueberhaupt, fuer die entscheidende Tatsache naemlich, dass er selbst in sich aufs vollendetste die Synthese verkoerpert, die die hoechste und reinste Form des Zionismus darstellt. Denn Zionismus Ist doch wohl beides zugleich: dig Treue zum Cheder und der Abfall von ihm; die unloesbare Verbundenheit mit seinen ewigen Werten und der tiefe Abscheu vor seinen Existenzbedingungen mit all ihren Folgeerscheinungen. Und wenn wir auch manchen grossen Geist im modernen Judentum aufzuweisen haben, der es verstand, den Geist Westeuropas im Juedischen fruchtbar zu machen — so war es doch keinem wie ihm gegeben, diese T>-ansulanfafi'»n gerade auf politischem Feld zu vollziehen. Denn das ist das Gebiet, das uns am fernsten liegt. Hier ist kein Herkommen und kein Erbe; es ist buchstaeblich ein Sprung von einer Welt in die andere. Wir verstehen noch nicht, politisch zu denken, und sind an wirklichen Politikern ueberaus arm. Ein Politiker seines Formats aber, der gleichzeitig aas dem Herzen des Volkes selber emporgestiegen ist, stellt bei uns eine einzigartige Erscheinung dar. Er ist der erste wirkliche juedische Staatsmann, den wir aufzuweisen haben... ...Wenn wir das Wort Staatsmann ln der grossen Bedeutung des Wortes auf uns, das ... bis gestern... staatenlose Volk anwenden wollen, so werden wir nur IJerzl und Weizmann damit bezeichnen koennen. Aber Herzl wusste nichts vom juedischen Voik: weaer von seiner wirklichen inneren Kraft noch von der Notwendigkeit, sie zu erwecken. Vielleicht war sein Leben zu kurz; vielleicht waere in ihm, in dem aus dunkeln Schichten die grosse Vision vom Judenstaat aufgestiegen war, auch noch das Judenvolk zum Leben erwacht. Gleichviel: es war ihm fremd. Das wirklich lebendige Volk mit seinem Herkommen, seinen Traeumen, seiner starken Kraft und seinen zahllosen Maengeln war kein Posten in seinem staatsmaennischen Plan. Weizmann aber, bevor er Weizmann .wurde, war —um mit ihm selbst zu sprechen— ein litauisches Chederjuengel, und das besagt: ein Stueck eben dieses Herzl unbekannt gebliebenen Volkes. Er geht den umgekehrten Weg nach Westeuropa und wird vom Cheder juengel zum Statsmann... ¡¡¡¡l üü in ...Es gilt der Satz, dass Weizmanns politisches Denken dem englischen besonders nahe steht. Man kann es negativ ausdruecken, indem man auf den Mangel an Doktrinarismus, festgelegten Prinzipieri und verbindlichem System hinweist. Oder positiv: als die Kunst, sich dem Augenblick anzupassen, aus der jeweils gegebenen Situation das beste zu machen und immer elastisch den jeweils moeglichen Schritt zu tun. Das ist so unjuedisch wie Politik ueberhaupt eine dem Juden noch kaum erschlossene Kunstgattung ist. Der Jude ist doktririaer und fanatisch; man koennte ueberspitzt sagen: er ist eher bereit, fuer eine Idee zu sterben, als fuer sie zu leben. Denn das Leben selbst entspricht niemals der Idee, pur das Lebensresultat kann ihr entsprechen. Ebensowenig deckt sich die kleine politische Tat des Tages, fuer die man muehevoll das Leben einzusetzen hat, mit dem Endziel, fuer das man zu sterben bereit ist. Aber gerade dies: den Tag und nochmals den Tag zu gestalten und dabei den Tag aller Tage, die eigentlich treibende Kraft, glaeubig in sich zu bewahren — macht das Wesen des grossen Politikers aus. Es ist Weizmanns Wesen, und es offenbart sich darin eine neue Art des juedischen Menschen, dem es seit Jahrtausenden nicht aufgegeben war, Wirklichkeit zu gestalten. .. .Der durch die Umstaende gegebene Zwang, immer wieder zu ernuechtern, das Volk immer wieder von der Wolke auf den Erdboden zu fuehren, hat eine Seite . von Weizmanns Wesen, die des klar denkenden nueChternen Staatsmannes, ungfebuehrlich in den Vordergrund treten lassen. Man hat sich offenbar kaum je gefragt, woher der Mann eigentlich die Kraft nimmt, diese erstaunliche Kraft, mit der er seit Jahrzehnten ueber die Erde jagt, handelt und predigt, kaempft und ueberzeugt.. Er selbst sagt einmal: “Ich suche, in drei Monaten die Arbeit eines Jahres zu konzentrieren, und ich suche, meine Jahre und meine Tage zu verdoppeln...” Wie macht einer das, wenn nicht gluehend eine Vision in ihm brennt, eine ganz unreale mystische Zukunftsvision, von der man nicht oder doch nur. ganz selten spricht, weil eine Keuschheit des Herzens hindert, sie im Munde zu fuehren. Nur einmal hat Weizmaniy unmittelbar davon gesprochen... ein einziges Mal. Aber das ist von so gluehender Kraft, dass VOR 2 JAHREN Das juedische Volk ist durch seine Geschichte zur Bescheidenheit erzogen worden. Wenn in den einzelnen Gastlaendern Leben und Besitz der juedischen Staatsbuerger unangetastet blieben und das religioes-kulturelle Leben sich entwickeln durfte, war das Hoechstmass der Wuensche erreicht. Wenn nach einem Pogrom oder kaltem Boykott oder. Kuiturkaempfen der “status quo ante” an Blut und Gut wiederhergestellt werden konnte, musste man dankbar und zufrieden sein. Dass das juedische Volk, vor zweitausend Jahren aus seiner Heimat vertrieben und ueber ciie Welt zerstreut, ein Anrecht der Anteil des Jischuw von Palaestina an dem Sieg der Demokratien ueber den deutschen Imperialismus, nicht die Lorbeeren der iuediscnen Brigade, sondern der Mäertyrertod von sechs Millionen Juden hat das Gewissen der Welt aufgeruettelt. So ist der Beschluss der Vereinigten Nationen vom 29. November 1947 zustande gekommen. Er wurde bejubelt und gefeiert, und er ist dankenswert. Aber heute wissen wir, dass er uns unsere alte Heimat noch lange nicht zurueckgegeben, sondern unserem Volk nur das moralische Recht gegeben hat, sich seine Heimat mit dei Waffe zurueckzuerobern. Was die Hlü ttsüi « ¡¡mui ■»m? ¡¡¡¡g 'iëÆ -Y * t ■ "T* ~ í .. i auf nationale Wiedergeburt und Rueckkehr in seine historische Hrimat habe, war zwar die Sehnsucht Vieler waehrend der zwei Jamtausende, wurde aber erst seit Theodor Herzl ernsthaft und oeffentlich diskutiert. Denn es fehlte dem juedischen Volk eine einheitliche Fuehrung, die die Autoritaet zur Vertretung seiner Interessen gehabt haette. Das erste internationale Dokument, geboren in der Zeit schwerer Sorgen der Alliierten waehrend des ersten Weltkrieges, war dis Balfour- Deklaration, deren theoretischer Fassung noch lange keine .praktische Auswirkung folgte. Trotzdem soll ihre Bedeutung fuer den Rueckweg nach Palaestina nicht geschmaeierc werden, wenn auch ihre Wirkung nicht auf internationalem Boden, sondern in dem Erwecken und Erwachen vieler sogenannter Wcstjuden zu suchen ist. Erst das groesste und brutalste Pogrom der Weltgeschichte hat die Augen aller Staatspiaemner auf die Existenz und Loesnnff Judpr»fva.nra o-qlo-nir4- Chaluzim im Laufe der letzten Jahrzehnte selbstlos und ODfervoll bepflanzt und besiedelt haben, durften wir auf Grund des 29. November 1947 verteidigen. Gegen Banden-Ueberfaelle und organisierten Angriff der Nachbarn unter Führung einer egozentrisch eingestellten europaeischen Grossmacht durfte sich der Jischuw Palaestinas organisieren und wehren, ohne mehr wegen Waffenbesitzes kriegsgerichtlich abgeurteilt zu werden. Die Kampfbereitschaft, aas Heldentum und die bedeutenden Faehigkeiten der ueber Nacht auf? gestellten Haganah haben den Sieg im juedischen Kriege 1948 und damit den Staat Israel errungen. Am 29. November 1947 haben die Vertreter der Vereinigten Nationen dem juedischen Vo’k das Racht auf Freiheit und Selbstaendigkeit — wenn auch unter uebermaessig vielen E’nschraenkungen — zuerirannt. Darum verdient dieser Tag historische Bedeutung, darum verdienen die Nationen der Welt unseren Dank. es jedem im Gedaechtnis brennt, der 1 es einmal gehoert oder gelesen hat. Er schildert seinen Besuch bei Emir Feisal: wie er da durch die Wueste reitet und wie ihn ein maerchenhaftes Gefuehl von dem Wunder seiner Reise ueberkommt. “Wie der alte Abraham naeherte ich mich dem Lande, das Gott seinem auserwaehlten Volke versprochen hat. Und wie er kam ich durch das Land Moab, um Besitz zu ergreifen... Und da und damals versanken zweitausend dreitausend, viertausend Jahre. Ich fuehlte, ich wusste, es war erst ge- I stern, dass ich das Land besessen hatte, es war erst gestern, dass unser Urvater Abraham diesen Boden bet-at und sich auf den Weg seines Volkes begeben hatte unter der Fuehrung Gottes mit seinem Segen, Und damals fuehlte ich, all die Jahre unseres Exils, all die Laender, in denen wir gewohnt, all die Leiden, die wir ertragen hatten, waren wie nichts. Der Abgründ war ueberbrueckt. Dies war das Heim: dies war die Verheissung und die Erfuellung, dies war die Gewissheit!