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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1949-08-01 · 8 (Agosto, 1949) · p. Seite 10

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XI (1949)
Issue
8 (Agosto, 1949)
Date
1949-08-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 BOLETIN INFORMATIVO NACHKR SPA liMMjr í»f* '§SIM ISlSliSi Still «Ib«'* tñ ¡‘SßlßiM moí :ü@l mm K¡JyL'¡ mam Nach einem ungewoehnlich harten und nasskalten Winter, regen sich die ersten warmen Fruehlingsluefte (dies ein poetischer Ausdruck fuer... Chamsine) in der Heiligen Stadt. Und der Jerusalemer, der nicht Lust hat mit Sorgen zuhause zu bleiben, geht (mit denselben) spazieren. Ein ganz neuer Spaziergang ist bei uns grosse Mode geworden: der Ausflug ins Kriegsgebiet von gestern, in die Sicherheitszone von vorgestern und ins internationale Viertel von ehegestern. Wanderer kommst du nach Jerusalem, so mache nicht am Zions- Platz hat, auch nicht am Assicurazione-Building, dessen stolzer Marcus-Loewe von Venedig sich eine Zeit lang als Loewe von Juda fuehlte, so lange der Militaergouverneur hier hauste. Nun, der Militaergouverneur hat das Martialische inzwischen mit dem Agrarischen vertauscht und Jerusalem mit der Kirja, und der Loewe ist wieder ein Marcus —und kein Juda-Loewe mehr, aber vor allem er ist kein Grenzstein mehr, wie er es bis vor kurzem gewesen. Nicht nur die Post hinter dem Loewen-Denkmal ist jetzt wieder ein wirklicher Mittelpunkt, man kann auch die Princess-Mary-Avenue weiter hinunter gehen in Richtung Merkas-Mischari. Noch nicht alle Geschaefte haben geoeffnet, aber doch etwa 80 Prozent und in vielen Laeden sieht man Handwerker an der Arbeit, die die Lokale wieder in Stand setzen. Bei einem Schokoladen-Geschaeft mache ich halt, um die Wirtschaft an und meinen Hunger abzukurbeln, und waehrend ich ein Taefelchen Milch-Bitter verzehre, erklaert mir der Inhaber des Ladens, dass der Tiefpunkt der Princess-Mary.Pleite ueberschritten sei. Langsam aber sicher geht es aufwaerts. Ich indessen gehe abwaerts — hin ab zur Mamilla Road, die ich so viele Monate nicht gesehen haben. Jetzt werden schon die offenen Geschaefte zur Minoritaet, Einschlaege und zerzerbrochene Fensterscheiben zeigen, dass hier Front war und erbittert um jedes Haus gekaempft wurde. Neben Ruinen und Schutthaufen erhebt sich eine Limonaden-Bude mit der stolzen Aufschrift: “KIOSK HA. NIZACHON”, Sieges-Kiosk. Ich habe beschlossen, mein Schaerflein beizutragen und trinke daher hier einen Sieges-Soda, angesichts der druekkenden Schwuele der Mittagsstunde ein willkommenes Labsal. An der Mamilla-Road ist in Richtung zum Jaffa-Tor die Welt mit Blech-Platten vernagelt. Hier wird die Teilung Jerusalems evident. Kein Weg fuehrt hinueoer ins haschimidische Machtbereich. Streng geschieden sind die Zonen, wo Juden und Araber wohnen. ln der noch verbliebenen Unordnung des Merkas-Mischari, wo der “Aufstand der Wueste” gegen Jisrael begann, steht ein Mann von etwa dreissig Jahren, barhaeuptig und eine Mappe in der Hand. Ratlos blickt er um sich und wendet sich schliesslich an mich, den einzigen Passanten: “Schildigt mir, Ihr versteht Jiddisch?” “Welcher Jid versteht nischt kein Jiddisch?” antwortete ich mit einer Frage, wie es sich gehoert. Hoeflich peberhoert der Mann meinen unreinen Akzent, der dem kundigen Ohr den unkundigen Jiddischen enthuellt. Er, der Mann, der jiddische Konversation sucht, ist ein Neueinwanderer, erst zu Purim ins Land gekommen. Er kampiert derzeit tn einem Uebergangslager in Beer-Tu. via und will sich in Jerusalem mit Weib, Kind und Bruder als Schuster niederlassen. O, er ist ein wahrhaft gepruefter Schuster, der in den To deslagern die Schaftstiefel fuer die SS machen musste, jene beruechtigten Stiefel, mit welchen das Herrenvolk Europa und die Welt zertrampeln wollte. Gemeinsam schlendern wir ueber Truemmer und Splitter dem Julians Weg zu. Dem Julians-Weg und nicht dem Sankt Julians-Weg! Unausrottbar ist ja die Heiligkeit dieses Julian im Jerusalemer Sprachgebrauch. Aber er war kein Heiliger, gerade das Ge. genteil trifft zu: Julian Apostata, der Ketzer war er zubenannt, da er ein Freund der Heiden und Juden i und ein Feind der Nazarener war. I Man sollte in Jerusalem endlich ein. j mal zu volksstuemlichen Preisen Ib-! sens “Kaiser und Galilaeer” spielen, j um den Bewohnern, der Stadt zu zei- | gen, dass ihr heiliger Julian kein : Sanktus war. Mein Begleiter aber weiss nichts vom heiligen oder vom unheilieen Julian. Fuer ihn ist alles hier neu, und er nimmt nicht einmal wahr, dass irgendwo in der Umgebung ein gewaltiger Bau fieberhaft ausgebes sert wird: hier sollen offenbar die fuenf Regierungsabteilungen untergebracht werden, die nach Jerusalem transferiert werden. (Ken jirbu. sie moegen sich vermehren!). Hinan geht der Weg! Rechts liegt : der Prunkbau des YMCA, von des. I sen Turm des Sternenbanner der I USA weht. Wie oft war ich hier in ■ Tagen, die unsere juedische Welt er.! schuetterten: die Peel-Kommission. die koenigliche, tagte hier und die i Anglo-Amerikanische und UNSCOP. I Jetzt ist nur ein offenbar arabischer! Gaertner zu sehen, der die bluehen. den Mandelbaeume schneidet.! Vor dem YMCA ist alles vermauert, i Cooks-Reisebuero und der ehemalige | Soldiers.Club, aber alte Schilder an den Haeusern erinnern daran, dass dies die Zone der Englaender war. Vor dem King-David-Hotel warten Wagen der UNO und einige Offiziere verschiedener Nationen steigen eben ein. Der Mann aus Beer-Tuvia verwechselt hier einiges: “Asoj geschmacke Uniformen haben unsere Chajalim”, meint er anerkennend. Ich schweige, um ihn nicht zu enttaeuschen. Vor dem zerstoerten Fluegel des Hotels bleibe ich stehen und erklaerte dem Gast die traurige Geschichte des Attentats, das sich hier ereignete. Der Man sieht sinnend auf die Ruinen, dann wendet er sich an mich: “Kennen Sie Muenchen?” Ich nicke bejahend. Muenchen sollte ich nicht kennen, meine Raben-Vaterstadt, in der ich von der Schule bis zum Hitler-Gefaengnis alle Freuden und Leiden kennen lernte? Der Mann aus Beer-Tuvia zeigt auf die Truemmer vor uns und meint lakonisch: “Asoj is in Minchen!” (Immerhin gut zu wissen...). Auf ihn macht die Zerstoerung keinen Eindruck. Er ist andere Ausmasse der Verwuestung gewoehnt, aber mir genuegt es, was ich sehe: das romanische Dach des Dormitio- Klosters auf dem Zions-Berge, das einige Volltreffer abbekommen hat, (Fortsetzung auf Seite 11) ruft sie einmal aus, “ist man ihm treu geblieben und mit ihm verwachsen, immer vom Jordan umspült. Wer vermag mich zu entreissen dem uralten Jehovah-Gebein, dem unerschütterlichen Fels! Prüfungen besteht der Jude taeglich, Schmach schmeckt seinem Gaumen bitter, aber es entstehen ungeheure Kraefte daraus...” Ihr Judentum ist der Mutterboden ihrer Dichtung. Mit den Gestalten des Alten Testamentes lebte sie in vertrauter Gemeinschaft und hat ihnen in den “Hebraeischen Balladen” und vielen anderen Gedichten eine sinnliche Anschaulichkeit und seelische Intensität, einen betaeubenden Duft verliehen, der einem ganz neuen und eigenen Erleben der Bibel entstammt. Dabei wehte um sie, ohne dass siesich dessen bewusst wurde; Geist der Kabbala. Die Mystikerin musste sich ja der jüdischen Mystik besonders nahe fühlen, und sie entdeckte nachtraeglich verwundert im “Sohar” und bei Isaak Lurja die Formulierung ihres geheimsten Fühlens. So erinnert vieles in ihrer Poesie an die Lyrik der Mystixer von Safed. Ganz aus dem Gefühl stammt auch ihre frühe Liebe zur hebraeischen Sprache und Schrift, zu den Buchstaben, “die wie Harfen eingeschnitten sind”. Aber waehrend bei vielen expressionistischen Dichtern der Ausbruch des Unbewussten sich in einem erzwungenen Krampf entlud, erscheint er bei Else Lasker-Schueier als der notwendige Ausdruck ihrer Natur. Das orientalische Erbe des Judentums brachte in ihr dieses Wunder hervor. Alle orientalische Poesie ist ja Expressionismus, d. h. eine Kunst des reinen Gefühls, die nicht das Wirkliche darstellen, sondern das Unwirkliche hervorzaubern will. Sie beruht nicht, wie die realistische Kunst des Okzidents, auf klaren Vorstellungen, die in logischer Gliederung auf einander folgen, sondern auf vagen Assoziationen. die in einem magischen Kreislauf abrollen. Nicht plastische Anschauung, sondern weitabgewandte Traeumersi, Versunkenheit in das eigene Innere ist das Ziel der orientalischen Kunst. Daher schwelgt sie in seltenen Bildern, in “entfernten und immer entfernteren Gleichnissen” (wie Goethe sagt), die nicht erklaeren und ver- ' anschaulichen wullen, sondern Gefühle in den kostbaren Schmuck bunter Wort-Edelsteine einhüllen. In diesem Sinne ist die Kunst unserer Dichterin ganz orientalisch. Sie reiht unanschauliche und abstrakte, aber in Gianz und Duft getauchte Bilder wie zu einer glitzernden Perlenkette aneinander und schafft so Arabesken voll stimmungsvoller Ornamentik, die sie selbst einmal mit einem alten Tibet- Teppich vergleicht: “Strahl in Strahl, verliebte Farben; Sterne, die sich himmel-lang umwarben”. Dabei ist ein grosses Koennen in diesen scheinbar so nachlaessig hingeworfenen Versen: die Worte sind mit sparsamer Sorgfalt und instinktiver Sicherheit gesetzt; jedes eine hauche ein farbiges Aroma aus, “als ob es auf den Haengen des Hohenliedes gepflueckt sei”. Wie David und Jonathan in der Bibel stehen: “buntumschlungen”, so stehen die Worte in ihren Dichtungen. Mit formelhafter Knappheit sind die Gestalten hingestellt: “Pharao ist von Gold”, Jonathans Augen sind “Abschieds-Augen”, Esthers H€rz ruht des Nachts “auf einem Psalm”. 1 Mit solches Stilmitteln bringt sie eine ganz unreale rauschhafte Verzückung hervor. Man fühlt sich in eine fremde Welt versetzt, die den biblischen Stil nicht nachahmt, sondern in moderner Tonung dieselbe Stimmung hervorruft... Als die Dichterin ihr letztes Asyl in Jerusalem fand, war ihr Stil laengst vollendet; sie hat sich keine neuen Toene mehr abgerungen. Auch hier war ihr Traum staerker als die Wirklichkeit. Sie konnte das endlich erreichte Land ihrer ewigen Sehnsucht nur mit ihren alten Augen sehen. Das Buch “Hebraer-Land” (1937) ist so subjektivphantastisch wie alle ihre Prosa-Schriften und ihr letzter Gedichtband “Mein blaues Klavier” (1943) spielt die alten Melodien auf der alten Leier. Aber dass die jüdische Dichterin der Galut, die die Idee Jerusalem so tief im Herzen trug, ihre letzte Ruhestätte in dem geheiligten Boden gefunden, das ist ein Symbol, das diesem ganzen von Symbolen getragenen Leben und Werk den kroenenden Abschluss verleiht. “Mitteilungs-Blatt” des Irgun Olej Merkas Europa)

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