Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XI (1949)
- Issue
- 8 (Agosto, 1949)
- Date
- 1949-08-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO 9 Das Heldenkapitel Jerusalem Wer einmal die Geschichte des Krieges schreibt, wird ein besonderes Kapitel der Stadt Jerusalem und ihren Bewohnern widmen muessen. Denn wahrlich, der Heldenmut und die Opferbereitschaft der passiven Kaempfer, der Bewohner dieser Stadt war nicht viel kleiner als der der Bewaffneten in den Bergen und auf den Strassen des Landes. Man wird ein Lied singen muessen auch dem Zivilisten, der taeglich waehrend der Arbeit, beim Passieren der Strassen und selbst in den Wohnungen der Gefahr einer verirrten oder einer gezielten Kugel oder einer Granate ausgesetzt, dennoch seiner gewohnten Taetigkeit nachging und das Leben dieser Stadt aufrechterhielt. Man wird den kommenden Geschlechtern erzaehlen muessen, wie klein und eng das Leben der Jerusalemer in diesen endlosen Monaten war, wie schwer die Verpflegung, man wird ueber die unzaehligen schlaflosen Naechte erzaehlen, ueber die monatelange seelische Hochspannung, ueber die Schwere der Arbeit der Tage und das Wachestehen bei Nacht und ueber die vielen stillen Heldenfrauen, die sich um ein paar Tropfen Wasser anstellten und nie mehr nach Hause kamen, weil eine Granate sie dabei ueberraschte. Man wird erzaehlen muessen von den Hausfrauen, die monatelang kein Feuer anzuenden konnten, weil es kein Petroleum und kein Holz gab, kein Licht in den Haeusern und nur graugruenes Brot in kleinsten Mengen, und die trotzdem ihre Pflicht erfuellten und nicht murrten, weil sie sich ihrer Aufgabe in dieser Zeit voellig bewusst waren. Und wenn man weiter das taegliche Leben der Heiligen Stadt in dieser Zeit beschreiben will, wird man auch der wenigen kleinen Freuden gedenken muessen. Man wird berichten, dass es wohl kein Theater gab, dass die Geselligkeit infolge der Verwendung schlechthin aller Buerger im Kriegsdienst beinahe auf Null reduziert war und dass der Bewegungskreis innerhalb der eingeschlossenen Stadt ein unvorstellbar kleiner war, aber man wird auch der beiden grossen Freuden gedenken, die Hoehepunkte im kleinen Leben der Jerusalemer darstellten: der schayaroth, der Autokarawanen aus Tel-Aviv und der Sendungen des Haganahsenders. Der Zeitgenosse, der die Geschichte der Jerusalemer Tage schreibt, wird versuchen muessen, das Bild dieser Stadt begreiflich zu machen, das sie bot, als die ersten Lebensmittelkonvois den eisernen Ring der arabischen Belagerer durchbrachen und an jenem denkwuerdigen Schabbat in die Stadt einzogen. Wird der Leser die Geschichte in zwanzig Jahren sich von diesem Freudentaumel ein Bild machen koennen? Wird er verstehen, dass selbst die Froemmsten unter den Frommen, die eben aus der Synagoge kamen, den blumengeschmueckten Autos, die, von rund tausend schwer bewaffneten Haganahleuten begleitet, in die Stadt einzogen, einen jubelnden Empfang bereiteten, trotzdem es Schabbat war, einfach weil selbst der Froemm. ste fuehlte, dass diese tat “pi- ¿uah nefesch” (Errettung aus Lebensgefahr) war, die die Schabbat-Gesetze auf hebt? Wird er, wie wir, den letzten tiefen Sinn der Worte, “wenn ich dein vergesse, Jerusalem”, begreifen, die in grossen hebraeischen Buchstaben auf den Autos aufgemalt waren? Und wird ein Mensch, der diese Zeit nicht in Jerusalem verlebte, verstehen koennen, welche seelische Erschuetterung das andere — taeglich neue — Ereignis mit sieh brachte, der Stakkatopfiff der neun Noten aus “Hatikwah”, die allabendlich um halbzehn die Sendung der H a g a n a h einleiteten? Wird er verstehen koennen, dass schlechthin kein Mensch in dieser Stadt, waere er noch so muede von den Ereignissen des Tages, vor dieser Stunde schlafen ging? Gut, man wird erzaehlen, dass diese Sendung die ein zige Moeglichkeit bot, ueber die Vorgaenge. im Land sich zu unterrichten, da die offizielle Sendung der M. Y. BEN-GAVRIEL Englaender die Tatsachen systematisch entstellte und auf antijuedischen Propagandatendenzen aufgebaut war. Aber trotzdem: wird der Leser in zwanzig, dreissig Jahren, der einer heute noch ungeborenen Generation angehoert, sich ein Bild machen koennen, wie diese Viertelstunde der Sendung in fast allen juedischen Haeusern Jerusalems verlief? Wie die Hausgenossen erregt und gespannt sich um das Radio gruppierten, wie sie nervoes die nicht immer leicht zu findende Station suchten und wie sie dann gluecklich und erleichtert aufatmeten, wenn ploetzlich ueber den Aether die Stimme kam, die wie ein Gruss aus freundlichen Sphaeren a u f r i e f : “Hoert die Stimme des hebraeischen Verteidigers, der Radiostation der Haganah!” Wird er voll erfasssen koennen, dass dieses taegliche Abhoeren des Haganah-Senders sich zu einem geradezu feierlichen Zeremoniell entwickelte, an dem man mif tiefster Hingabe teilnahm, als wuerde alles Glueck davon abhaengen? Ich weiss nicht, ob die Geschichte dieser Zeit wirklich von Berufenen geschrieben werden, oder ob ein trockener Historiker einfach die kriegerischen und oekonomischen Fakten aneinanderreihen wird — aber eines ist sicher: nicht das, was wir heute in den Zeitungen finden und in den Kriegsberichten, wird den kuenftigen Generationen diese Heldentage Jerusalems begreifbar machen, sondern was wir, Zeitgenossen, Soldaten oder Zivilisten, die mit offenen Augen durch die Strasssen Jerusalems gingen, tagtaeglich neu erlebten: die Manifestationen unzerstoerbarer Lebensbejahung des einfachen Juden, der dem Haganahmann dadurch dankte, dass er das Leben dieser Stadt, fuer das jener sein Blut gab, aufrechterhielt. Und diese Tatsache wird die Rolle der Jerusalemer Bevoelkerung in der Geschichte dieser Tage eindeutig bestimmen: als die duldenden, aber entschlossenen Kaempfer fuer die Kontinuitaet des unzerreissbaren Bandes, das das Judentum auf ewig mit Jerusalem verbindet. (“Das Neue Israel”, Zuerich) DICHTERIN DER HEILIGEN STADT Von Dr. PAUL LANDAU Else Lasker-Schueler, die durch ihre letzte, in Jerusalem verbrachte Lebenszeit zu einer populaeren Gestalt im Jischuw geworden war, ist haeufig “die jüdische Dichterin der deutschen Literatur” genannt worden. Ernst Lissauer, einer der besten Kenner lyrischer Poesie, begrüsste 1913 ihre “Hebraeischen Balladen” mit den Worten: “Es sind nicht Gedichte einer deutschen Dichterin, auch nicht einer Deutschen jüdischen Stammes, sondern es sind schlechthin die hebraeischen Melodien einer hebraeischen Saengerin, die sich durch den Zufall der Galut deutscher Laute bedient”. Dieses juedische Urelement tritt in ihrem Schaffen so entscheidend hervor, weil es ihr gegeben war, das Unbewusste, die Stimme des Blutes, ganz rein auszudrücken. Wenn man im Dichter nur den Verkünder des in ihm dunkel wogenden Gefühls erblickt, dann war in ihr das Dichterische in hoechster Vollendung verkoerpert. Wenn man aber in der Kunst dem ordnenden Verstand die Hauptrolle zuschreibt, dann wird man in ihrer Poesie grosse Maengel und Lücken finden. Grade das Extreme ihrer Begabung, die ausschliessliche Herrschaft des Irrationalen, macht sie zu einem so interessanten Phaenomen. Sie wurde dadurch nicht nur zu einer Orientalin mitten im Okzident, sondern auch zu einem der ersten Vertreter jenes neuen Stils, der seit dem Beginn des XX. Jahrhunderts den bis dahin herrschenden, im Impressionismus gipfelnden Realismus verdraengte: naemlich des Expressionismus. Dadurch erhaelt ihre eigenartige Persoenlichkeit nicht nur für das Judentum, sondern auch für die moderne Kunst ihre besondere Bedeutung. Der daenische Dichter Hans Christian Andersen, dem Else Lasker-Schueler in ihrer Maerchen- Phantasie wie in den starken Ausfalls-Erscheinungen ihres Wesens verwandt war, hat den Dichter “das ausgestossene Kind des Himmels” genannt, das “ewig heim verlangt”, und er sieht darin die Ursache für den “Dornenweg des Poeten”, dass er in der irdischen Welt ein hilfloser Bettler, in der Welt der Traeume jedoch ein stolzer Koenig ist. Solches Dichter- Schicksal ist mir niemals in reinerer Auspraegung begegnet als in dem Leben und Werk dieser Frau. In Jerusalem, wo sich ein Kreis mitleidiger Freunde ihrer annahm, mag man die fixen Ideen und seltsamen Schrullen des verhutzelten Weibleins dem Alter zugeschrieoea haben. Aber schon vor fast einem halben Jahrhundert, als ich ihr zuerst begegnete, als ihr scharf geschnittenes, edelschoenes Gesicht die volle Blüte der Jugend zeigte, war sie von demselben wunderlichen Irr-Geist beherrscht, eine unheilbare Phantastin, deren “Reich nicht von dieser Welt war”. Schon damals vernachlaessigte sie ihr Aeusseres und kümmerte sich nicht um die Aussenwelt, lebte tief eingesponnen in ihre Traeume und schuf um sich eine exotische Sphaere, in die nur wenige Mitfühlende — meistens Künstler — verstaendnisvoll eindrangen. Die Menge blieb ihr ebenso fremd wie die Wirklichkeit, und so musste der Zusammenprall mit der harten Realitaet ihr von Anbeginn nur Schmerzen und Enttaeuschungen bringen. Wohl zwang sie die Notwendigkeit, sich im Alltag zurechtzufinden, zu allerlei Aushilfen, durch die sie sich mit ihrer zaehen Lebens-Energie behauptete. Aber sie lagen so ausserhalb des konventionellen Benehmens, dass sie auch damit überall anstiess. So fand sie das einzige Asyl in ihrer Poesie, und in sie flüchtete sie aus der feindlichen Welt. Sie dichtete ihr Leben und lebte ihre Dichtung, und selten sind in einem Menschen Persoenlichkeit und Kunst so voellig eins gewesen wie in ihr. Ihre ganze Dichtung ist erfüllt von einer All-Liebe zu jeder Kreatur, die sie zu beseelen weiss. Diese Liebe beruht auf einem Kinderglauben an das Gute und Schoene: “Ueberall haengt noch ein Fetzen vom Paradiese, und jede Begegnung mit dem Paradies-Fetzen bedeutet ein Wiedersehen der Heimat Eden”. Solcher Glaube aber war nur moeglich durch die konsequente Leugnung der Raelitaet des Irdischen und Koerperlichen: “Der Leib ist eine Illusion der Seele”. Nur der Dichter durchbricht die dünne Hülle des Scheins und schwingt sich in das Ueberirdische empor, wird des Anschauens der Gottheit teilhaftig. Daher ist für sie Dichtung Gebet, und als der Urgrund ihrer Weltanschauung offenbart sich eine innige Religiositaet, in der vom irdischen Wesen noch eine leise Melancholie mitschwingt: “Alle mei- Blumenwege führen auf dunkle Gewaesser...” In diesem religioesen Urgrund ist ihr Judentum verankert. “Es ist schoen, Jude zu sein”,