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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1949-07-01 · 7 (Julio, 1949) · p. Seite 8

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XI (1949)
Issue
7 (Julio, 1949)
Date
1949-07-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 BOLETIN INFORMATIVO DER KAMPF MIT DEMENGEL GEORGES CLEMENCEAU war zweifellos nicht nur einer der einflussreichen Staatsmaenner dieses Jahrhunderts, sondern auch ein warmer Freund aller nationalen Be. freiungsbewegungen. In Versailles stellte er unter Beweis, dass seine nationalistische Einstellung, die in kritischen Momenten dazu beigetragen hatte, das Vertrauen Frankreichs in seinen Staat und sein Heer zu erhalten, nicht einer konservativen Geisteshaltung entsprach. Er zeigte ein tiefes Verstaendnis und Sympathie fuer die nationalen Bewegungen junger Voelker und ihren Kampf um Unabhaengigkeit. Wir nehmen daher an, dass unsere Leser dem vor nunmehr zwanzig Jahren stattgefundenen Interview mit Interesse begegnen werden, besonders da die Initiative und Durchfuehrung dieser Reportage dem Manne zu verdanken ist, den man zweifellos als den groessten nichtjuedischen Zionisten ansprechen flarx: PIETER VAN PAASSEN. Die Unterredung wurde anlaesslich des 25. Todestages Theodor Herzls im “The New Palestine”, New York, veroeffentlich. SP “Hoeren Sie zu”, brummte der “Tiger”, als ich in sein Zimmer eintrat. “Mein Gedaechtnis droehntvor Blitzen und Donner”. “Herr Praesident”, antwortete ich, “es ist wenig, was man ueber Herzl geschrieben hat. Ich bin gekommen, um das Urteil eines seiner groessten Zeitgenossen einzuholen”. * “Ich liebe keine Schmeicheleien, junger Mann”, unterbrach er mich. “Ich kannte den Dr. Herzl oberflaechlich. Dandey war der erste, der mir von ihm erzaehlte: von einem Buch, das er geschrieben hatte und dass er ein grosser Mann sei. Ich beurteile aber die Groesse eines Mannes nicht nach dem, was er geschrieben oder gesagt hat. Ich muss wissen, was er getan hat. Die Gedanken eines Menschen moegen gegebenenfalls sehr ueberraschend wirken. Aber welcherart sind die Taten, die darauf folgen? Die Welt ist voll von Wort-Maskierungen. Wir haben zuviele literarische Masken in unserer Zeit. Herzl sah dem Leben ins Antlitz und ging seinen Weg, ohne sich um den Applaus'und die Zustimmung der Massen zu kuemmern”. Der “Tiger” verstummte fuer einen Moment. Mir fiel die Blaesse des von Falten gefurchten Gesichtes auf, die fast mongolischen Zuege, die braunen Augen und die buschigen Au. genbrauen. “Wussten Sie”, fuhr er ploetzlich auf, “dass Herzl sich unsterblich glaubte? Er sprach einmal nachts davon zu mir, waehrend wir nach einer Sitzung der Kammer nach Hause gingen. Es war in den Zeiten der Affaire”. Neues Schweigen und dann: “Ich selbst habe nicht diese Gewissheit des Dr. Herzl”. “Er hat aber tatsaechlich ueberlebt”, wandte ich ein, “in den Gedanken seines Volkes”. “Bah, nein. Natuerlich nicht. Die Juden sind nicht dankbarer als alle Anderen auch. Aber ich sage, dass er noch lebt, weil ich ihn bei Gelegenheit noch manchmal sehe. Er kommt mich hier besuchen. Wenn Sie um Mitternacht hier waeren, koennten Sie ihn auch sehen”. “Nachts, wenn Paris erlischt, kommen sie mich besuchen, die Maenner der Vergangenheit. Sie unterhalten sich ungefaehr eine Stunde mit mir und dann gehen sie wieder weg. Sokrates, Galilei, Goethe, Zola, Washington und viele andere. Sie sind alle sehr friedlich jetzt”, fuhr er mit einem trockenen Lachen fort. “Sie schreiten mit leisen Tritten und sind besser erzogen als einige Sterbliche”. Nun begann er mit raschen und kurzen Worten zu sprechen: “Herzl kommt auch. Er spricht nicht. Er setzt sich in jenen Armsessel und seine Anwesenheit er. fuellt den Raum. Niemals schreit er in, seiner Sorge um sein Volk. Er denkt nur und seine Gedanken blitzen in der Luft und teilen sich mir mit... und auch ich gedenke der Vergangenheit. Das Bild Herzls ruettelt an meiner Schwerfaelligkeit, so wie er an den verbrecherischen Nationen geruettelt hat, die im Laufs der Geschichte sich um den Skandal Israel schuldig gemacht haben. Ich werde die Philosophie Herzls nicht analysieren. Ihr Juengeren habt diese Aufgabe. Nur: wenn Ihr ueber ihn schreibt und ihn seziert, zerrt nicht den unendlich hohen Flug seiner Gedanken zur Erde herab und schliesst nicht das Feuer seiner Vision und seines Enthusiasmus in einem Mumiengrab von Worten ein! Wenn Ihr das tun solltet, werdet Ihr scheitern. Solch Feuer kann nicht versteckt werden. Wissen Sie: es lag ein Hauch der Ewigkeit ueber diesem Manne, Herzl. Er hatte den brennenden Dornbusch Moses’ erschaut. Er war ein Mann von Genie, nicht zu verwechseln mit einem Mann von Talent. Es gibt viele Maenner von Talent in dieser Welt, aber die Genies sind selten. Wie soll man sie unterscheiden? Das ist der Kern der Sache: die Menschen von Genie erkennt man an ihren gigantischen Ausmassen, die oftmals in einer gewoehnlichen Existenz enthalten sind. Ihre Entwicklung laeuft einem geheimnisvollen Prozess gemaess ab. Ihre Art zu handeln, zu verstehen und die wahre Substanz der Dinge und Wesen zu entdecken, hat einen persoenlichen und originellen Anstrich. Sie befinden sich jenseits der gewoehnlichen Logik, senwingen sich weit ueber das Niveau ihrer Zeitgenossen hinaus und werden daher nicht verstanden. So war Herzl. Inmitten dieser Charakterschwaeche, die seine Zeit kennzeichnet, des mittelmaessigen Denkens, der Interessenkaempfe, wagte er, sich ganz zu geben... Er war wie ein Scheinwerfer, der Licht auf einen Weg wirft, auf einen Weg, den die bauen sollten, die nach ihm kamen. Er kannte die Enttaeuschung. Um es so zu sagen, war er zwischen zwei Feuern. Denn die Seinen schlossen sich ihm nicht spontan an. Er starb, ohne seine Vision verwirklicht gesehen zu haben. Aber er hatte Israel einen neuen Sinn seines Schicksals, der waehrend der Zerstreuung verloren gegangen war, gegeben. Er zwang ihn dem juedischen Volk auf! Das laesst sich nicht leugnen”. Ich stand auf, um zu gehen. “Er war ein Kaempfer”, fuegte er hinzu, “derselbe Kaempfer 50 Jahre lang. Aber: worum kaempfte er? Sagen Sie mir das!” “Um die Anerkennung der Forderungen Israels”. “Keineswegs”, unterbracht mich der “Tiger” bruesk, “er kaempfte gegen Israel!” “Gegen Israel, Herr Praesident?” “Jawohl! Kennen Sie das Bild von Jakobs Kampf mit dem Engel im San Suplicio? Es ist ein schrecklicher Kampf von Titanen und dennoch hat man den Eindruck, sie kaempfen nicht. Jakob scheint mehr bemueht zu sein, den Engel zurueckzuhalten, als ihm zu widerstehen und der Engel ist wohl faehig, Jakob niederzuzwingen, aber er tut es nicht. Wenn Sie das Bild lange ansehen, erkennen Sie, dass zwischen beiden eine unendliche Liebe ist. Und was geschieht nach dem Kampfe?” Auch Clemenceau erhob sich: “Jakob ist bereits nicht mehr Jakob. Er ist Israel... Denken Sie daran, wenn Sie ueber Herzl und Israel schreiben”. “Ich glaube”, sagte er, indem er mich zur Tuer begleitete, “dass Herzl die Judenfrage ihrer Loesung um einen Schritt naeher gebracht hat. Seine Bemuehungen hatten als Resultat die offizielle Anerkennung der Existenz des Judenproblems als nationale und internationale Frage. Die Anerkennung des juedischen Volkes als Nation —wovon das moderne Palaestina eine praktische Demonstration istist eine wichtige Eroberung, weil sie das Recht aller Voelker in sich birgt, frei zu leben. Und das ist das Wesentliche in einer wahrhaften Zivilisation”. Also sprach einer der letzten europaeischen Humanisten, einer der Drei Grossen von Versailles. DIE PERSOENLICHKEIT HERZIS Von MARTIN BUBER Jenseits alles abschliessenden Urteils steht fuer uns, im Lichte der Historie betrachtet, die Persoenlichkeit Theodor Herzls. Es ist uns nicht gegeben, seine heimlichste Art zu erschliessen, seinem Geiste den Ort zu bestimmen. Er, der den Zionismus zum Gegenstand des oeffentlichen Interesses gemacht hat, war selbst im Grunde ein durchaus unoeffentlicher Mensch. In manche aeussere Konflikte eingestellt, die Weltanschauung und Parteiung, Denk— gewohnh eiten und Beruf umspannten, trug er in seiner Seele tief verschlossen schweren, unausgeglichenen inneren Widerstreit, kaum bewusst, dennoch' leidvoll. Er war hart und innig, masslos und haltungsvoll, vornehm und nachtragend, Stimmungsmensch und Tatmensch, Traeumer und Praktiker. Das Raetsel seines Wesens ist ungeloest. Er war der Heros einer Uebergangszeit. Er war der Herr eines kranken Volkes. Seine groesste Tat ist die, die er nicht mit seinem Willen gewirkt hat: dass er diesem Volke ein Bild gab. Nicht das Bild eines wirklichen Menschen. Ein ideales Bild, ein aufrichtendes, ermutigendes Vorbild. So bilden die Dichter in ihren Werken ihren Wunsch von sich zur Gestalt; sie schaffen den, der sie sein moechten. Theodor Herzl war kein bedeutender Dichter im Wort und in der Kunstform. Er war ein grosser Dichter im Unbe. wussten des eigenen Lebens. Lebend, bauend, irrend, Gutes und Boeses fuer sein Volk bewirkend, stellte er, ohne es zu wissen, eine Bildsaeule auf vor dem Volke, die das Volk mit seinem Namen nennt. Eine Bildsaeule ohne Irrtum und Fehle, mit den reinen Zuegen des Genius, die Stirn durchleuchtet vom Glanze des Messias. Ein Geschenk der Illusion. Ein Geschenk der Gnade. (“Herzl und die Historie”, 1904) Der Todestag des Schoepfers der nationalen Befreiungsbewegung des juedischen Volkes ist auch der seines groessten Dichters: vor 15 Jahren starb in Wien —auch am 20. Tage im Monat Tamus— Chaim Nachman Bialik. Als siebenter Sohn armer Eltern und durch den vorzeitigen Tod seines Vaters wurde er im Hause seiner Grosseltern erzogen, studierte auf mehreren Jeschiwoth, zuletzt auf der beruehmten Jeschiwa von Volozshin, durch die er in Kontakt mit der Haskala-Bewegung und spaeter, auch mit fuehrenden Mitgliedern der Chowewe-Zion-Bewegung kam. Im Jahre 1892 —19-jaehrig— heiratete er nach Zhitomir und widmete sich, mit seinem Schwiegervater, dem Holzhandel. 1897 erhielt er eine Berufung an die groesste Hebraeische Schule in Odessa, die er annahm. Dort widmete er sich auch mit grossem Erfolg, der Arbeit an zwei grossen Buchverlagen. Nach der Revolution schwebte er in Gefahr, durch Betreiben der Jewsektia (Juedische Sektion der Bolschwistischen Partei) verfolgt zu werden, doch konnte er dank der Intervention Maxim Gorkis Russland verlassen. Er ging erst nach Deutschland und 1924 endgueltig nach Tel Aviv. Sein dichterisches Werk beginnt praktisch mit seiner fruehesten Jugend und der Einfluss seiner Jugend- und Kindheitseindruecke ist in seinem ganzen Lebenswerk unverkennbar. Man kann es in sechs Gruppen einteilen: 1) “Die Lieder des Zorns”, die er nach den Pogromen von Kischinew schrieb; 2.) Vom Verfall des juedischen Lebens in der Galuth; 3.) Elegien und Lieder der Entsagung, entstanden hauptsaechlich nach der Revolution von 1905; 4.) Lyrische und Liebeslieder; 5.) Verherrlichung der Natur, bei der seine als Knabe durchgefuehrten Streifzuege durch die Waelder Polens einen unausloeschlichen Eindruck hinterlassen haben; und 6.) Volkslieder, zum grossen Teil auch in jiddischer Sprache verfasst. “Die letzen Toten der Wueste” (Met6 Hamidbar) gehoert zur dritten Gruppe und ist ein in der talmudischen Legende von denen auf der Halbinsel Sinai begrabenen Rebellen des Auszugs aus Mizraim inspiriertes Gedicht.

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