Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XI (1949)
- Issue
- 7 (Julio, 1949)
- Date
- 1949-07-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO 9 Santiago - Neta York Maabarot EIN WEG CHILENISCHER CHALUZIM (Luftpost-Sonderbericht fuer das Boletín Informativo von Walter Barón) Drei Monate sind bereits seit jenem warmen Sommertag vergangen, an dem wir von Santiago Abschied nahmen. Ehe wir uns versahen, lag eine Epoche unseres Lebens, die mit diesem entlegendsten Land der Welt verbunden war, hinter uns. In den 10 Jahren, die Europa Krieg und Vernichtung brachten, schufen wir und bauten dort ein neues Leben und bemuehten uns, der Aufgabe, die das Schicksal uns durch unsere Errettung auferlegt hatte, gerecht zu werden. Quantitativ haben wir vielleicht nicht viel erreicht, aber doch konnten wir im Moment, als das riesige Flugzeug sich erhob, mit gewisser Genugtuung feststellen, dass wir einen Weg aufgezeichnet haben, der heute schon nicht mehr der Weg einzelner, sonder der von Massen ist. Die Luftreise selbst liess nicht viel Zeit zum Denken, denn in grosser Schnelle rollten vor unseren Augen immer wieder neue Bilder, die uns vergessen Hessen, was wir zurueckgelassen und die uns nur einen Gedanken vermittelten: Wir sind unterwegs. Unterwegs sein, das heisst bereits abgeschlossen haben mit dem Alten, mit der Vergangenheit und noch nicht begonnen zu haben mit dem Neuen, dem Unbekannten, der Zukunft. Unterwegs sein, das heisst zwischen zwei Welten schweben, der Welt von Gestern und der Welt von Morgen. Nach nur 19 Flugstunden, unterbrochen durch einen kurzen Aufenthalt in Miami, dem mondaenen Strand Nordamerikas, erreichten wir bei eisiger Kaelte New York, die Hauptstadt der Welt. Viele sind die Eindruecke, die wir im Laufe unseres 3-woechigen Aufenthalts in diesem Schmelzt'egel gesammelt haben und da wir ja nicht die Entdecker Amerikas sind, koennen wir uns mit den wichtigsten Beobachtungen begnuegen, die wir im Laufe dieser kurzen Zeitfmarmc ivo T.ande der unbegrenzten Moeglichkeiten gemacht haben, Wie bekannt ist jeder 3. E nwohner New Yorks ein Jude. Diese statistische Feststellung kann man.bei jedem Schritt und Tritt bestaetigt sehen. Sei es, dass man mit einem Taxichauffeur, einem Schutzmann, einem Zeitungsverkaeufer, einem Strassenfeger oder einem Hotelchef zu sprechen hat, so genuegt die Kenntnis des Jiddisch, um sich zu verstaendigen. In zehn Jahren wird das jedoch nicht mehr der Fall sein, denn die juedische Jugend geht in ihrer Mehrzahl den Weg der Assimilation und es scheint die fuer unser Volk so traurige Situation einzutreten, dass wir in diesem Lande, das ueber 5 Millionen juedische Einwohner hat, ohne Krieg und Verfolgung eine ganze Generation verlieren werden. Ohne Zweifel haben die letzten Ereignisse in Israel viele aufgeruettelt, aber der Grossteil der juedischen Jugend sieht die mit Israel in Verbindung stehenden Probleme nicht als die seinen an. Symptomatisch war fuer uns in dieser Hinsicht, wie wir bei einer Grosskundgebung, die aus Anlass der Eroeffnung des ersten juedischen Parlaments in einem grossen Saal New Yorks unter Beteiligung von vielen tausend Juden stattfand, eine aeltere Frau durch die Massen mit einer KKL.Buechse gehen sahen, die jedem erklaerte, wofuer er ein Almosen geben moechte: Fuer seine armen Brueder aus Europa, die Boden in Israel brauchen. Dass dieser Boden einmal —und vielleicht nicht in ferner Zuknuft— auch fuer den jetztigen Almosengeber zur Heimat' werden koennte, fiel weder der Sammlerin noch dem Spender ein. Damit wollen wir nicht verkennen, was wir den Gebern in Amerika fuer , den Aufbau Israels zu verdanken haben; was wir jedoch'vermissen, ist die persoenliche Beziehung', die allein und einzig die wahre Bindung zwischen jedem Juden und seinem Lande sein kann. Ueber die 18-taegige Schiffsreise koennte auch viel erzaehlt werden. In diesem kurzen, streiflichtartigen Bericht, seien nur einige Momente erwaehnt. Der “Marine Carp”, das Schiff, das uns von Amerika nach Israel fuehrte, war voll besetzt mit juedischen Passagieren. Allein die Schilderung der verschiedensten Typen, die zusammen mit uns den Weg in die Heimat antraten, koennte Seiten füellen. Da war der fromme Jude mit Bart und Peijes, der jetzt endlich den sein Leben lang erwarteten Moment kommen sah, seine Tage in dem Heiligen Land beenden zu koennen; da war der verwundete Hagana-Soldat, der an den Kaempfen um die Befreiung unseres Landes teilgenommen hatte, und der zur Heilung nach Amerika geschickt wurde; da waren idealistische Chaluzim, die nach Israel fuhren, um ihr Leben und ihre Kraefte dem Lande darzubieten; da waren Fluechtlinge aus Europa und Shanghai, die nach einem Zwischenaufenthalt in den Vereinigten Staaten, nun ihrem endgueltigen Ziele zustrebten; da waren auch solche, die im Moment der Gefahr Palestina verlassen hatten, und die nun,'nachdem wieder alles ruhig war, dorthin zurueckkehrten und da waren s c h 1 i e s s 1 ich die amerikanischen Touristen, die bewaffnet mit ihrem Filmapparat nach Israel zogen, um das Land auszuforschen.. Drei oder vier Standardfragen bildeten den Hauptunterhaltungsstoff unter dieser Vielfalt von Reisenden mit einem Ziel: Wer bist Du? Woher kommst Du? Wohin denkst Du zu gehn? Und was denkst Du zu tun? Leider konnte man dabei feststellen, dass viele Passagiere auf die letzte Frage keine Antwort geben konnten und dass sie zwar mit grossen Illusionen aber ohne jede Kenntnisse der Bedingungen und der Lage ihrer neuen Heimat ihre Reise angetreten hatten. Ein etwas seltsames Gefuehl ueber. mannte einen jeden derer, die vor dem Zweiten Weltkrieg Europa verlassen hatten, als das Schiff an Gibraltar vorbei, an der Kueste der Alten Welt vorbeifuhr. Wie eine nicht mehr wiederkehrende Zeit, so lag das Ufer dieses in uns so schreckli. che Erinnerungen erweckenden Erdteils in nebuloeser Ferne. Nach einen eintaegigen Aufenthalt in Athen —einer Stadt die nicht in der Gegenwart sondern in ihrer historischen Vergangenheit lebt—, gelangten wir schliesslich am 5. Maerz ans Ziel unserer Reise und unseres Weges. Schon am fruehen Morgen waren Passagiere an Deck versammelt, um der Hissung der juedischen Flagge am Fahnenmast der “Marine Carp” beizuwohnen. Und dann, langsam, aber immer k'arer werdend, zeichnete sich am Horizont die Kueste Israels ab. Es war ein Schabbat. Daher blieb unser Schiff ausserhalb des Haifaer Ha fens liegen und wir mussten mit Zu seinen grossen Arbeiten gehoert auch die Uebersetzung des “El Quijote” und eine Ausgabe der Mischna, deren Fertigstellung der Tod unrr"—1''"Vl machte. V Sein Werk ist in einer Vollendung der hebraeischen Sprache geschrieben, wie man sie vor ihm nur in “Kohelet” und “Schir Haschirim” kannte und es drueckt den ganzen Schmerz und die Sehsucht des juedischen Volkes aus, das ihn im Tiefsten seines Herzens als den grossen Nationaldichter verehrt. DIE LETZTEN TOTEN DER WUESTE Von CHAJIM NACHMAN BIALIK Auf, ihr Wuestenpilger! Heraus aus Nacht und Tod! Viel ist noch des Weges und viel des Krieges Not. Genug ist jetzt des Unstetwanderns hin und her, Vor euch eeffnet sich ein Weg wohl gross und schwer. Vierzig Jahr’ in Bergen waren wir Nomaden, Und schon deckt das Sandgrab sechzig Myriaden. Aber Trauer? Nein! Es starben feile Knechte. Ueber ihre Graeber fort schwing unsre Rechte! Ihrer niedrer Lust verfallnen Leiber bleichen Auf den. Plundersaecken aus Mizraims Reichen. Zwiebelduft verfolge sie in Traumesfesseln . Und ein wuerz’ger Fleischgeruch aus maecht’gen Kesseln. Bald des letzten Knechts Gebein, in Staub zerfallen, Streun in alle Winde raeuberische Krallen. Seht! Die Sonne jauchzt und jubelt; ihre Glut Leuchtet erstmals Helden, stark und hochgemut, 'Und ein jung Geschlecht frohlockt auf allen Wegen Erstmals ihrem strahlend stolzen Licht entgegen. Stehet auf, ihr Menschen! Lasst dass Elend fahren! Still verhaltne Kraft durchgluehe eure Scharen, Dass sie nicht der Wildnis stille Schlaefer stoeren, Seines Schrittes Echo soll ein jeder hoeren! Hoeren soll im Herzen jeder Gottes Mahnen: Denk es: Heute schreitest du ins Land der Ahnen! Nicht gemeine Leibesnotdurft sollst du waehnen, Frucht der Muehsal wirst du kosten, Brot der Traenen. Nicht ein Zelt auf duerrem Sande gilts zu bauen, Andres Bauwerk wird dein staehlern Auge schauen. Wueste ist nicht alles unterm Himmelszelt: Draussen regt sich Gottes weite Welt. Abseits nicht gar fern, dem Steppenhoellenbrand Kuesst die Sonne ihr geliebtes schoenes Land. unserer Ausschiffung auf den naechsten Tag warten — das erste Anzeichen des juedischen Staates. Dann kam schliesslich auch der Tag, der grosse Tag, an dem wir den Boden Israels betraten. Es herrschte solch eine Aufregung unter allen Olim (Einwanderern), dass man sogar vergass, in diesem fuer einen Jeden so historischen Augenblick die “Hatikwa” zu singen. Und dann die Begruessung mit den chilenischen Chawerim, die vollzaehlig erschienen waren; vollzaehlig bis auf jene zwei, die ihr Leben hingegeben hatten, damit wir jetzt in unser Land, in unseren Staat als freie Juden einziehen konnten. Von Haifa ging es gleich nach Maabarot, einem Kibbuz des Haschomer Hazair, in der Mitte der- Chaussee von Haifa: nach Tel Aviv gelegen, wo jetzt ein Teil der suedamerikanischen Gruppe konzentriert ist, nachdem sie Negba verlassen hat. Den ersten Eindruck des Landes gewinnen wir auf dieser 1 1|2 stuendigen Fahrt. Es geht vorbei an dem Boden gleichgemachten arabischen Doerfern. vorbei an enormen englischen Polizeistationen, aus deren Fenstern jetzt die Babvwaesche juedischer Fluechtlinge haengt und vorbei an bluehenden Feldern, deren Furchen von dem juedischen Bauern durchzogen werden. Der Kibbuz selbst, der schon mehr als 15 Jahre besteht, macht den Eindruck einer Insel innerhalb einer grauen Welt. Er ist auf zwei Huegeln gelegen, von denen man einen klaren Ausblick auf Tulkarm hat, das in den Haenden der arabischen Traunen ist. Aber trotzdem, und trotzdem man weiss, dass unser ganzes, kleines Land ueberall von Grenzen umgeben ist, hat man vom ersten Moment an ein Gefuehl der Sicherheit, ein Gefuehl, dass alles, was man um sich herum sieht, unser ist, und dass uns das Niemand mehr entreissen wird. Jetzt sind wir nun schon mehr als einen Monat im Lande und haben bereit«! die ersten Schwierigkeiten der Eine'ewoehnung an die neuen Bedingungen und an de« neoe Leben ueberwnnden. Vie]o Emrlvnonl^e haben wir hei einem Ro«mcb u’el Avivs und Jerusalems gesammeit die in diesem kurzen Reisebericht nicht, erwaehnt, werden Tmennpri. Wur pnf eine Sache sei hin^a-wicsen. d«e in dieser Stunde das Zentrum 3,11 lin- «mvo- TP-prid<m und Sorsren darstdlt; r>io Tni-iwanderrmc von taeglich TaucouH«m von Fiuechtligen aus allen Teilen der Welt, die das Bild des ganzen Landes beherrschen. Sie kommen aus der Tuerkei. aus Bulgaren, Rumaenien, Ungarn, Oesterreich.^ Deutschland, aus Nordafrika und China: aus allen Laendern, wo Juden leiden und keine Zukunft haben, um hier ihr Leben neu zu beginnen. Vorlaeufig werden sie in grossen Laegern untergebracht, bis man fuer sie Wohn— und Arbeitsstaetten ausfindig macht. Wann wird dies sein? Das ist die grosse Frage, die heute jedermann im Lande beschaeftigt und die noch keine Antwort gefunden hat. 150.000 Juden werden in diesem Jahre hierherkommen, ganze Laender Osteuropas werden “judenrein” werden, fuer sie alle muessen Lebensbedingungen geschaffen werden. Und all dies, waehrend ein grosses Heer noch unter den Waffen stehen muss, um das Land vor etwaigen ploetzlichen Ueberfaellen zu schuetzen. Eine Aufgabe, wie sie wohl noch keine Regierung zu loesen hatte. Aber trotz der dadurch fuer alle Einwohner hervorgerufenen Schwierigkeiten, trotz der schweren wirtschaftlichen Lage und trotz der •noch nicht endgueltig geklaerten militaerischen Lage, trotz alle dem besteht im ganzen Jischuw ein eiserner Wille und ein fester Optimismus, der in zwei Worten seinen Ausdruck findet, die in jedem Munde sind: “Jije tow. Es wird gut werden!”. Und wir, Chaluzim aus dem fernen Chile, helfen dazu bei.