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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1948-09-01 · 9 (Septiembre de 1948) · p. Seite 6

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
X (1948)
Issue
9 (Septiembre de 1948)
Date
1948-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Pág. 6 BOLETÍN INFORMATIVO HERMANN COHEN Von Dr. S. ÜRIAS In diesem Jahre waren es 30 Jahre her, seit Hermann Cohen am 4. April 1918 starb. Dies war ein juedisches Leben und Schicksal, das wert erscheint, gerade in unserer heutigen Situation gewuerdigt zu werden. Sein Leben faellt in eine Zeit, in der es in Deutschland moeglich war, selbst fuer einen aus kleinen Kreisen stammenden juedischen Menschen, nur auf Grund einer ueberragenden Begabung zu den hoechsten akademischen Ehren aufzusteigen und mehr als einer Generation von geistigen Menschen in Deutschland das Gepraege einer neuen philosophischen Schule — der sogenannten “Marburger Schule”, des Neu-Kantianismus — zu geben. Sohn eines kleinen juedischen Lehrers, vermochte es Hermann Cohen dennoch, das Studium der Philosophie durchzufuehren. Einer seiner groessten Lehrer, Friederich Albert Lange sah in dem jungen Adepten eine seiner besten Begabungen. Uhd ihm ist es zu verdanken, dass dieser junge juedische Gelehrte — dazu mit dem juedischsten aller Namen, Cohen — erst als Privatdozent und spaeter als ordentlicher Professor der Philosophie fuer mehr als ein Menschenalter an der Universitaet Marburg wirken und gar den hoechsten akademischen Titel eines Geheimen Regierungsrats erreichen konnte. Im juedischen Publikum ist Hermann Cohen weniger wegen seiner Philosophie bekannt, als vielmehr wegen diesen beinahe einzigartigen Stellung und weiter wegen der spaeter auch das Judentum selbst tief beeinflussenden Gedanken ueber “Sittlichkeit und Religion”, die schliesslich fuer einige Zeit auch einmal, im Zentrum des juedischen Interesses standen. Diese tiefe Beeinflussung des Judentums als solchen, aber auch eines nicht unerheblichen Teiles des fortschrittlichen Protestantischen Christentums ist die einzig wirklich praktische Wirkung seiner Philosophie oder seines Wirkens in und mit der von ihm begruendeten “Marburger Schule” geworden und geblieben. Eine rechte Wuerdigung dieses Mannes und seines Werkes aber ist unabloesbar von seiner Philosophie selbst. Sein bedeutendstes Werk —. bedeutender und von viel tiefer gehender Wirkung als alle seine spaeteren Werke — ist eine seiner ersten und grundlegenden Schriften: “Kants Theorie der Erfahrung”, aus dem Jahre 1872. Hierbei muss man sich vergegenwaertigen, wohin sich die Kantische Philosophie und ihre sich noch so benennende Nachfolge in dem damals halben, seit Kants Tode abgelaufenen Jahrhundert bereits verirrt hatte. Auf dem Wege ueber hauptsaechlich Fichte, Schelling und Hegel war von der eigentlichen Kantischen Philosophie und ihrem Kern nicht viel mehr uebrig geblieben. Die alte Metaphysik, die Kant — der “Alles- Zermalmer”, wie ihn Moses Meldelssohn noch genannt hatte — endgueltig totgeschlagen zu haben schien, wucherte in den neuen Formen unbekuemmert wieder und hat — auch das darf heute ebenfalls nicht uebersehen werden — einen verhaengnisvollen Einfluss auf die Geschicke Europas gewinnen koennen. In den sogenannten “Ideen” Hegels, mit denen dieser der Vernunft die Moeglichkeit direkter Erkenntnis des “Absoluten” zuschrieb, war den von Kant erledigten leeren Spekulationen mit ihren “Antinomieen” von neuem Tuer und Tor geoeffnet worden. Hegels bekannte Konstruktionen von dem antithetischen Verlauf der Weltgeschichte —Thesis, Antithesis, Synthesis—, seine “List” der Weltgeschichte, seine Konstruktion von der Absolutheit der Staatsidee usf., alle beruhend auf diesen “Ideen”, —die Schopenhauer so grimmig und in so unsterblich erbarmungsloser Weise bekaempft hat— alle diese haben dann die Fuelle von “Geschichtskonstruktionen”, die auch wir noch in der Folge erleben sollten, moeglich gemacht. Wenn auch Hegel selbst schon wenige Jahre nach seinem Tode eigentlich ueberhclt und erledigt war, so wucherten doch seine Fehler in den widersprechendsten Konstruktionen bis in unsere Tage fort. Bezeichnenderweise basieren sowohl die Konservative Staatsidee wie spaeter gar auch der Gedanke vom “Totalen oder Totalitaeren Staate” letzten Endes auf seinen “Ideen” und Konstruktionen. Und nicht zuletzt — auch Karl Marx war ein Schueler Hegels, — und auch seine materialistische Geschichtsauffassung beruht im Grunde auf dieser Philosophie, die so in dieser seltsamen Form noch heute ihr Dasein fortsetzt. Demgegenueber ist es Cohens unabsprechbares Verdienst, die wahre Grundlage der Kantischen Philosophie mit dem erwaehnten Werk in Reinheit wiederhergestellt zu haben und darueber hinaus — fussend auf insbesondere den allerletzten, nachgelassenen Werken Kants, die seine bekanntesten Werke in entscheidenden Punkten vollenden und ueber sie hinausfuehren — eine neue Philosophie, die “Wissenschaft” sein will, geschaffen zu haben. So uebertrug er den Begriff der “Autonomie”, der bis dahin nur der Ethik zugehoerig erschien, auch auf die Logik —- eine Grundlegung, die dem ganzen Kantischen System ein neues Bild vollendeter Einheit gab. Mit seinem “Denkgesetz des Ursprungs”, seiner ganz eigenen Neuschoepfung, gruendet.e er diese Autonomie der Erkenntnis, naemlich dass jede spezifische Wissenschaft sich in Autonomie ihr Problem, ihr Prinzip und ihre Methode selber setze. Daraus nun erwuchs ihm das Problem, die Philosophie selbst aus ihrer doppeldeutigen Stellung als einer Nebenbuhlerin der exacten spezifischen Wissenschaften zu einer ueberragenden und einzigartigen emporzuheben, indem er sie selber als Wissenschaft konstitutiert, als Wisenschaft, die sich ihr Problem, Prinzip und ihre Methode in Autonomie selber setzt. Was aber kann denn ihr Gegenstand bleiben, wenn alle unmittelbaren Gegenstaende laengst auf alle spezifischen Wissenschaften verteilt sind? — Nun, ihr einziger Gegenstand kann dann nur noch bleiben: die Prinzipien, Methoden und Probleme aller Einzelwissenschaften selber, die sie streng wie eine Richterin zu “ueberwachen” habe, damit jede Wissenschaft innerhalb ihres von ihr sich selbst gesetzten Rahmens ihre Aufgabe voll erfuellen, aber gleichzeitig auch allen anderen spezifischen Wissenschaften jederzeit auch als Hilfswissenschaft dienen koenne. Das bedeutet nun die Forderung eines strengen “Systems der Philosophie”. Und nun ist es geradezu ruehrend zu sehen, wie Cohen ein ganzes Leben lang an diesem strengen System der Philosophie schafft. Ganz in Analogie zu Kants Lebenswerk: — “Kritik der reinen Vernunft” (Erkenntnis), “Kritik der praktischen Vernunft” (Eth.ik), “Kritik der Urteilskraft” (Aesthetik) und schliesslich “Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft” — entstehen seine umfangreichen Werke: “LOGIK DER REI¬ NEN ERKENNTNIS”. “ETHIK DES REINEN WILLENS” und “AESTHETIK DES REINEN GE- FUEHLS”, und — dann vermag Cohen lange, lange nicht, seinem Werke die letzte Kroenung und Vollendung zu geben. Er hatte keinen Platz mehr in seinem System der Philosophie fuer sein Lieblingskind — die Religion. Die Welt war weggegeben. Der Inhalt des “Kulturbewusstseins”, begruendet auf Erkenntnis, Wille und Gefuehl hatte keine urspruengliche Bewusstseinsrichtung mehr zu vergeben an die Religion, um ihre etwaige “Selbstaendigkeit” im System zu begruenden. Und erst ganz spaet, nicht viele Jahre vor seinem Ende, erscheint dann ein gegenueber den erwaehnten dickleibigen Hauptwerken ein duenner, schmaler Band “DER BE¬ GRIFF DER RELIGION IM SYSTEM DER PHI¬ LOSOPHIE”. Und hier nun, in diesem Werk schlaegt erst recht das Herz dieses Mannes. Hier findet der sonst so ganz und gar nuechterne und abstrakte Geist einen reichen, schoenen, fliessenden' Stil. Und bei all der ihm noch verbleibenden Abstraktheit der Gedankenfuehrung finden sich Gedanken von so unvergleichbarer und unuebertreffbarer Schoe.nheit — von dem Menschenleid und der Menschenschuld, der Suende und der Gnade, von Gebet und Entsuehnung und Versoehnung — dass er damit wahrhaftig einen schier unermesslichen Schatz an zutiefst religioesem Gedanken — und Erkenntnisgut, noch heute den berufenen Kuendern des Gotteswortes als noch voellig unerschoepften und ungehobenen Stoff darbieten duerfte. -- Was jedoch dieses ja nicht eigentlich juedische, sondern eminent wissenschaftlich gedachte Werk so bezeichnend, so menschlich ruehrend und erschuetternd macht, ist, dass hier der Mensch, der Jude Hermann Cohen hindjirchbricht: Der “Begriff der Religion” oder “DIE Religion” im System der Philosophie ist ihm: — SEIN JU¬ DENTUM, So statuiert er es vor der Welt. Mag die Religion keine “Selbstaendigkeit” im System der Philosophie haben, so hat sie doch ihre legitime “Eigenart”. Und mit dieser Eigenart bereichert sie alle drei Hauptgebiete der Philosophie — die Logik wie die Ethik und die Aesthetik, mit ihrem Gottesbegriff als dem von dem EINZIGEN GOTTE — das EINZIGE SEIN, das EINZIGE GUTE, und in der Aesthetik vor allem das GEBET, der Psalm als Quelle der hoechsten Dichtkunst, der Lyrik. — Die Korrelation des EINEN GOTTES mit der EINEN MENSCHHEIT fuehrt in das Centrum seiner Philosophie, soweit sie praktisch geworden ist, in der neuen Bestimmung von “Religion und Sittlichkeit”, Ihr hat Cohen eine grosse Zahl von Einzelarbeiten gewidmet, unter ihnen wohl die bedeutenste seine Zusammenfassung im Jahrbuch der Vereine fuer juedische Geschichte und Literatur aus dem Jahre 1907. — Seine Begriffsgruppe von dem EINEN GOTT, der EINEN MENSCH¬ HEIT und dem EINEN GUTEN (der einen Sittlichkeit) als dem Inbegriff der prophetischen Religion, des Prophetismus, ist wohl das Bezeichnendste fuer Cohens Philosophie ueberhaupt geworden — Meist ist es das Einzige, was von Hermann Cohen gewusst wird. Aber mit diesem tief in das Religioese hineingehenden Gedankengut hat er nicht nur sein Judentum sondern auch das Christentum, den Protestantismus vor allem, fuer eine Zeit lang tief beeinflusst. — Ausser diesen nur seine Marburger Schule von Maennern wie Paul Natoro, E. Iloeffding, Albert Goerland und Ernst Cassierer, um nur die hervorragendsten Namen zu nennen, und nicht zuletzt eine Reihe von Rabbiner-Generationen, unter ihnen in erster Linie Maenner wie Benzion Kellermann, Max Wiener und stark beeinflusst auch Leo BAECK, der aber spaeterhin doch eine ganz eigene Linie findet. Hermann Cohen, so zutiefst in dem Geistesgut eines Kant verwurzelt, ihm wurde dieser Geist zum “DEUTSCHEN GEIST” ueberhaupt. Da liegt ein schmaler Band vor mir, sein Vortrag in der Kantgesellschaft kurz zu Beginn des Ersten Weltkriegs (14. Oktober 1914) ueber “Das Eigentuemliche des Deutschen Geistes”. In ihm fuehrt er die Spuren dieses Geistes zurueck bis in die Tiefen der Jahrhunderte, von der Philosophie eines Nicolaus von Cusa, des “Fischersohns von der Mosel”, bis in die Gipfel der Gedankenarbeit eines Immanuel KANT und ihre Ausstrahlungen in alle Gebiete des Geistes — des Reljgioesen, der Dichtkunst und der Musik — Gebiete, auf denen Hermann Cohen als Mensch ebenso zuhause war wie in der Philosophie selbst. Ihm ist dieser Deutsche Geist nicht nur kein Widerspruch, sondern vielmehr — wie er in einer letzten Schrift “Deutschtum und Judentum” zum Ausdruck brachte — im tiefsten Innern verwandt, ja aehnlich — dem juedischen. — Wollte er damit auch hindeuten auf die Moeglichkeit gerade tiefsten Hasses zwischen einander allzu aehnlich Wesenheiten? — Nein, obgleich er nach dem Zeugnis eines seiner groessten Kollegen, Rudolf Stammler, immer “so ungluecklich” war, — brandete doch die Gegnerschaft gegen seine Schule schon damals nicht so sehr aus den Quellen reiner Erkenntnis, sondern bereits aus dem schmutzigen Pfuhle jener Kraft des Judenhasses, die spaeter Deutschland und den deutschen Geist in den Abgrund bringen sollte — nein, er sah aber wohl noch nicht, was wenige Jahrzehnte spaeter zu mit Haenden zu greifender Wahrheit wurde, naemlich: dass es zwei deutsche Geschichten gibt, die mit geringen Ausnahmen nur beziehungslos neben einander durch die Zeiten laufen — die geistige und die politische Geschichte dieses Deutschland. Die geistige die hoechsten Gipfel moeglichen Menschentums erreichend, und die politische die tiefsten Abgruende menschlicher Verworfenheit und Abscheulichkeit. Dass Cohen trotz seiner ueberragenden Bedeutung und trotz der Groesse seines Werkes nicht recht populaer” und verhaeltnismaessig viel zu wenig in weiteren Kreisen, auch gerade des Judentums, bekannt ist, liegt aber nicht wie so oft sonst bei der Verstaendnislosigkeit der Menschen. Es liegt — und das hat er selber ebenso wenig verkannt wie die Vertreter seiner Schule — an und in seiner eigenen Philosophie und der allzu abstrakten Form ihrer Aeusserung. Seine ersten Arbeiten — wie so haeufig bei grossen Denkern — sind gleichzeitig die eindie.ses “gewaltsam - ins-System - pressen”, was seine "Werke so muehselig und schwierig zu lesen macht. Deswegen vermag der einfache Mensch, uneingeweiht in die schwierig und abstrakt zugespitzten Probleme, zu Cohens Buechern nicijt zu greifen, wie zu den Werken anderer Philosophen, bei denen er Klaerung und Laeuterung oder gar Trost und Aufrichtung sucht, indem er sich in den menschlichen Geist und seine Moeglichkeiten, die Welt zu fassen oder zu schauen, vertieft. — Es ist eine Philosophie typisch fuer die Philosophen, eine Philosophie fuer die Schulphilosophie, obgleich sie den Anspruch erhebt, als einzige Philosophie, die sieh als “Wissenschaft” konstituiert, “DIE” Philosophie ueberhaupt darzustellen. Von ihr mag im Lande, wo sie entstand, heutekaum noch eine Spur uebrig geblieben sein Aber unvergaenglich wird das Verdienst Hermann Cohens sowohl in der Geschichte der Philosophie wie in der Geschichte des deutschen Geistes bleiben, ein Fanal auf gerichtet zu haben fuer diesen Geist und damit fuer den Geist in der Welt ueberhaupt: dass er die Kantische Philosophie in ihrer Reinheit wiederherstellte und all den metaphysisch-spekulativen Entartungen, die schliesslich auch in ferner Ableitung gar noch den abscheulichsten Ungeist wie den Nazismus scheinbar theoretisch zu unterbauen moeglich machten, schon 6 Jahrzehnte zuvor methodisch streng jeglichen Boden entzog.

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