Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- X (1948)
- Issue
- 9 (Septiembre de 1948)
- Date
- 1948-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETIN INFORMATIVO Pág S RELIGION UND PHILOSOPHIE FRANZ ROSENZWEIG Von Bertha Badt-Strauss Waehrend der Zeit der kurzlebigen deutschen Republik, in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts, besassen die deutschen Juden etwas wie ein Sanktuarium, das von keinem, der so gluecklich war, es zu betreten, vergessen worden ist. Gluecklich? Ein seltsames Wort, welches mir da aus der Feder gleitet; denn dieses Sanktuarium war ein Ort des Leidens. Es war die anspruchslose Wohnung eines jungen Gelehrten in Frankfurt am Main, oder vielmehr sein Krankenzimmer. Dort lag er, von einer schrecklichen Krankheit befallen, einer fortschreitenden Laehmung jeder seiner Gliedmassen, die ihn unfaehig machte, sich zu bewegen, zu schreiben, die Blaetter eines Buches umzuwenden und schliesslich sogar zu sprechen. Nur dank des wunderbaren Einfuehlungsvermoegens seiner Frau und durch eine von ihm erfundene Schreibvorrichtung vermochte Franz Rosenzweig mit den vielen Freunden und Schuelern, die ihm besuchten, in Verbindung zu bleiben. Hier war kein Ort des Erbarmens und Mitleids. Es war ein Ort der Anregung fuer seine Besucher — und ein Ort der Hingabe und Freude, wenn sich seine Freunde um seinen Krankenstuhl scharten, um ein “Minyan” zu bilden und die Gebete der Feiertage und Sabbate des juedischen Jahres zu sprechen. Wer war dieser einzigartige Mann? Worin bestand das Geheimnis seines Einflusses auf alle, die ihm nahe kamen? Es ist nicht leicht, diese Fragen zu beantworten. Unter den vielen jungen Maennern und Frauen, die den Vorzug hatten, ihn zu kennen, waren wenige, die sein grosses philosophisches Buch “Der Stern der Erloesung” gelesen hatten. Auch der unvergessliche Eindruck seines heroischen Lebens in den sieben Jahren seiner Krankheit, der einzigartige Sieg des Geistes ueber den Koerper, war nur einer kleinen Gruppe seiner Freunde genau bewusst. Hier aber liegt das hauptsaechlichsie Geheimnis des Einflusses von Frtanz Rosenzweig. Dieses kurze Leben eines unbeirrbaren Arbeiters und Denkers, der ein echter Jude war, wurde symbolisch fuer seine ganze Generation. Er enthuellte ihr den Weg der Rueckkehr zum lang verlassenen Erbe ihrer Vaeter. Franz Rosenzweig repraesentiert den grossen “Baal Teschuwah” der letzten Generation der zum Untergang verurteilten deutschen Juden. Obgleich er gglbst den Tag des Unterganges nicht erlebt hat, hat die Lehre, die sie in seiner Stube und aus seinem Worte gelernt haben, die deutschen Juden befaehigt, ihr tragisches Schicksal mit Stolz und Wuerde zu tragen. Franz Rosenzweig starb 1929, als er kaum 43 Jahre alt war, und war seit seinem 35. Lebensjahr an krank gewesen. Es ist oft berichtet worden, dass er vom extremen Reformfluegel des deutschen Judentums kam. Seine Eltern waren gebildete liberale Juden, die an ihren vielen Neffen und Nichten haeufig erlebt hatten, wie ein inhaltlos gewordener Judaismus gegen einen neuen Glauben ausgetauscht wurde. Es mag Zeiten gegeben haben, wo sie erwarteten, dass ihr einziger Sohn denselben Weg gehen wuerde. Dieser Sohn aber ging seinen eigenen Weg. Nachdem er erlebt hatte, dass sich einige seiner Freunde neuen Goettern und einem neuen Glauben zuwendeten, dachte er, dass es fuer ihn nur angemessen sei, den alten Glauben, ehe er ihn verliess, vorher zu pruefen und studieren. So ging er nach Berlin, um Hebraeisch zu .studieren und studierte so lange, bis er soviel wusste wie ungefaehr jeder durchschnittliche Rabbiner. Weiterhin beschloss er, mit den Fuehrern des modernen Judaismus, die damals in Berlin lebten, in Verbindung zu treten. Unter ihnen waren Hermann Cohen, der Philosoph des rationalen Judaismus und Martin Buber, der Zionist und Interpret der Botschaft des Chassidismus. Der erste Weltkrieg kam und unterbrach Rosenzweigs Flaene und Studien. Beim Beginn des Krieges meldete er sich freiwillig. Schuetzengraeben und Kasernen vermochten jedoch seinen Lerneifer nicht zu unterdrücken. Waehrend des Krieges schrieb der junge Gelehrte im Schuetzengraben den denkwuerdigen Aufsatz “Zeit ist’s”. Er widmete ihn seinem grossen Lehrer Hermann Cohen, dem fuehrenden Kopf der modernen juedischen Philosophie. In diesem Aufsatz fuehrte er die Sache der juedischen Gelehrten und Lehrer. Eine bedeutende Einrichtung, die “Akademie fuer die Wissenschaft des Judaismus” war der Erfolg dieser Schrift. Diese Institution unterstuetzte in den folgenden Jahren manchen beduerftigen juedischen Gelehrten, obgleich sie nicht lange genug bestand, um die Erwartungen ihres Begruenders zu erfuellen. “Es sind zu viele Wichtigtuer darin”, beklagte sich Rosenzweig spaeter laechelnd. Waehrend der Kriegsjahre flatterte alle Tage, in das stille Haus der Eltern Rosenzweigs eine wahre Flut von Feldpostkarten mit der beinahe unleserlichen Schrift des jungen Philosophen. Seine kluge und treue Mutter entzifferte sie und machte Abschrifen. Sie enhielten das Kemstueck seines grossen Buches “Der Stern der Erloesung”. Er selbst nannte sie spaeter “die Summe seiner geistigen Existenz”. Es war dies die Botschaft seines Lebens, ein grandioser Versuch, die Philosophie des Judaismus zu definieren. Beilaeufig enthaelt das gleiche Buch eine aeusserst anregende Darstellung des juedischen Jahres mit seinen traurigen und froehlichen Tagen, seinen Festen und Sabbaten. Nachdem Franz Rosenzweig seinen “Stern der Erloesung” geschrieben hatte, hielt er den theoretischen Teil seiner Mission fuer erfuellt. Die letzten Worte seines Buches enthuellten, wo sein kuenftiges Ziel liegt: “Wohin fuehren die Tore? — Zum Leben!” — Was jetzt vor den Augen des Schriftstellers lag, war die Schaffung eines juedischen Lebens. “Nur der Alltag kann den Wert eines Buches erweisen”, hatte er vor-langem einmal gesagt. Jetzt unternahm er mit grosem Ernst die Aufgabe, seine philosophische Botschaft ueber den Judaismus auf das Alltagsleben des Juden zu uebertragen: er heiratete und gruendete ein juedisches Heim. Erst jetzt erkannte Franz Rosenzweig in vollem Umfang die Bedeutung der juedischen Tradition. In den Briefen, die er an seine erwaehlte Braut Edith Hahn, eine reizende junge Berliner Juedin, die beinahe deseiben Weg vom juedischen Liberalismus zur juedischen Tradition entdeckt hatte, den auch Rosenzweig selbst gegangen war, finden sich einige aufschlussreiche Stellen. Obgleich sich alle seine Freunde darueber wunderten, wollte er ein juedisches Heim im vollen Sinne des Wortes gruenden, ein Heim, in welchem die taeglichen Gesetze streng beachtet wurden, ein Heim, in welchem der Sabbat ein echter “Ruhetag” sein sollte und in dem die Feiertage ihre charakteristische Faerbung behalten sollten: das froehliche Mysterium des Seder-Abends, an dem der Jude so empfindet, “als ob er selbst aus dem Hause der Knechtschaft befreit worden sei”, die jubelnde Freude des Simchath Thora und die tiefe Furcht und Selbstpruefung der “Tage der Furcht” Rosch Haschanah und des Yom Kippur. Jedoch wollte er nicht, dass diese Gesetze und Gebraeuche sein Haus wie ein Muehlstein belasteten ... er hoffte, dass die traditionellen Gebraeuche zu einer Quelle der Freude und staendiger Zufriedenheit wuerden. Es ist bekannt, wie die juedischen Gesetzesbeachtungen dazu halfen, seine Krankenstube aus einem Ort des Leidens in eine Wohnung stiller Gedanken und eifrigen Studiums zu verwandeln. Im Laufe der Jahre machte er nach und nach sein Haus “orthodox”, wie er es nannte. Der Telefonhoerer wurde am Sabbat nicht abgehoben, was sich wahrscheinlich als ein echter Segen erwies, da seine Wochentage zu jener Zeit ein staendiges “an der Strippe haengen” waren. Es gibt einen bedeutenden Brief von ihm an einen christlichen Freund, in welchem er versucht hat, die Bedeutung dieser Gesetzbeobachtung zu erklaeren: Der Sabbat ist ein Familienfest wie ein Geburtstag. Auch an einem Geburtstag bleibt die Familie zu Hause, und wenn ein Besucher da ist, so feiert er natuerlich mit... dasselbe gilt auch fuer die, die ausdruecklich eingeladen sind... Fuer die Hausfrau stellt der Sabbat eine wahre Aufgabe dar, weil er schon vom Donnerstag ab vorbereitet werden muss, denn am Sabbat selbst darf nichts getan werden. Die Definition von den “Zaeunen des Sabbats” ist eine Reminiszenz an die Worte des Frankfurter Rabbis N. A. Nobel, eines Freundes Franz Rosenzweigs, ueber das gleiche Thema: “Gibt es denn nur Zaeune, die aus Eisengittern bestehen? Es gibt auch lebende Hecken, die Teile von zarten Pflanzen sind, die daruer gesetzt wurden. Und die ist so, weil sie sich aus dem Safte naehren, der geheimnisvoll der Pflanze das Leben moeglich macht. Von dieser Art ist der Zaun, den das Gesetz um die edle Pflanze des Sabbats zieht...”. Von dieser Art w§r der Sabbat im Heime Franz Rosenzweigs. In einem denkwuerdigen Brief an Martin Buber “Die Bauleute” versucht Rosepzweig, den Charakter des juedischen Gesetzes und den Unterschied zwischen seiner eigenen Ansicht ueber das Gesetz und den letzten erbaermlichen Ueberbleibseln der Tradition, wie sie im Judaismus des 19. Jahrhunderts beibehalten wurden, klar zu legen. Nicht die “glaenzende Armut” einiger ethischer Auffassungen bildeten das Rueckgrat des juedischen Gesetzes, wie Rosenzweig es sah. Das wahre juedische Gesetz fuer ihn war dies. Das Gesetz der Jahrhunderte, gelebt und gelernt von Generationen, in Gedanken wie auch im Liede, das Alltag- und Sterbetag-Gesetz, unbedeutend und gross, trocken und mythisch, erleuchtet von den Sabbatkerzen und von den Flammen des Schandpfahles, der Garten, den Rabbi Akiba einzaeunte und den “Acher” zu zerstoeren suchte — und die Leiter, die der Baal Sehern zu ersteigen versuchte. Das Gesetz, um das stets gekaempft und das niemals ganz erreicht wurde — und das trotz all diesem bis auf den heutigen Tag kraftvoll genug ist, ein juedisches Leben zu schaffen und ein juedisches Gesicht zu enthuellen... ”. Dies war die Botschaft vom juedischen Gesetz die Franz Rosenzweig seine Schueler in dem neuen “Beth Hamidrasch” (Lehrhaus), welches er in Frankfurt gruendete, zu lehren suchte. Dieses “Lehrhaus” war die Frucht eines anderen seiner bedeutenden Aufsaetze “Erziehung ohne Ende”. Rosenzweig selbst war sein erster Direktor und er hielt seine Vortraege, solange seine physischen Kraefte es ihm erlaubten. Auch spaeter hoerte er niemals auf zu arbeiten. In diesen Jahren begann er gemeinsam mit Martin Buber die wunderbare neue Bibel-Uebersetzung, welche ihm uebrigens immer am naechsten mit der orthodoxen Uebersetzung von S. H. Hirsch verwandt zu sein schien, wenn man andere Uebersetzungen damit vergleicht. Er gab uns auch einige ergreifende Uebersetzungen von Gedichten Yehuda Ha-Levis und schrieb Briefe an seine Freunde, die aehnliches enthalten wie sein letzter Wille und sein Testament. In einem dieser Briefe offenbart er: ein Buch, und nur ein einziges Buch — wollte er vor seinem Tode schreiben — das Buch ueber das juedische Gesetz... Er lebte nicht lange genug, um dieses Buch zu schreiben, aber die Ideen, die er entzuendete, leben weiter. “Das juedische Lehrhaus” starb nicht mit ihm. Es starb nicht einmal, als ein schreckliches Schicksal die Juden Deutschland ueberfiel. Im Gegenteil, erst dann wurde Franz Rosenzweigs Botschaft in vollem Umfange verstanden. Ueberall in Nazideutschland angesichts der groessten Hindernisse oeffneten neue Lehrhaeuser ihre Pforten. Und sie verschwanden auch nicht, wenn ihre Lehrer und ihre Studenten ihr Heimatland verlassen mussten. Wo immer auch Emigranten aus Deutschland hinzogen, ueberallhin begleitete sie Franz Rosenzweigs Botschaft, die Botschaft des traditionellen Judaismus in seiner Weise interpretiert ging mit ihnen und staerkte sie. Das Lehrhaus Franz Rosenzweigs erinnert seine Freunde und Studenten von nah und fe/n daran, dass das letzte Wort ihres verehrten Lehrers in seinem grossen Buche lautete: ZUM LEBEN. Juedisches Leben ist das kostbare Erbe, welches Franz Rosenzweig, der Philosoph des traditionellen Judaismus, uns hinterlassen hat. HANDWERKER Rist Du schon Mitglied I NDUSTI is A. T. I? IELLER - Fono: 42762