Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- X (1948)
- Issue
- 9 (Septiembre de 1948)
- Date
- 1948-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Pág. 4 BOLETIN (INFORMATIVO JASIEKS GEBET - EINE OSTJUEDISCHE ERZAEHLUNG Er liegt im grünen Meer taubedeekten Grases und weidet die Schafe, die ihm sein Vater anvertraut hat. Alle rufen ihn mit dem polnischen Namen Jasiek; wie der juedische heisst, weiss er selber nicht, denn er ist noch niemals zur Tora aufgerufen worden. Es ist allen bekannt, dass er unwissend wie ein Bauer ist. Sein Vater, Jizchak, der Milchhaendler, ist an ihm schon ganz verzweifelt: dieser Sohn wird nach seinem Tode nicht einmal Kaddisch sagen können. Und nur um seiner Pflicht zu genügen, nahm er ihm einen Melamed aus der Stadt auf. Der Melamed mühte sich mit ihm entsetzlich ab. Hundertmal, hundertmal sagt er ihm jedes Wort vor, doch der Knabe hört nichts, als ob das, was der Lehrer sagt, ihn gar nichts anginge, und er kann nicht erfassen, dass Kamez-Alef — “A” gelesen wird. “Da soll sich einer mit einem solchen Eselskopf abmühen!” sagt der Melamed und schüttelt den Kopf. Und die Mutter wirft ihrem Sohn einen verzweifelten Bück zu und seufzt. Man gibt ihm nicht einmal ein Gebetbuch in die Hand. Beten? Er, Jasiek, wird beten? Wie kommt er auch dazu? Es waere nur eine Schande fuer den lieben Gott, wenn Jasiek das “Hoere Israel” sprechen wuerde. Und doch versteht Jasiek Gott mit seinem eigenen Verstand, und er fuehlt ihn in seinem, Herzen. Und er sieht Gott ueberall, wo er nur hinblickt. Er sieht ihn dort, wo das stille Wasser rauscht und dem gruenen Ufer seine Geheimnisse erzaehlt. Und wenn eine traurige Wolke von weither heranzieht und sich auf dem Himmel ausbreitet, dann spuert er etwas, dann will er etwas, dann sehnt er sich nach etwas... Und wenn ein Gewitter kommt mit Donner und Blitzen... Oder wenn ein Regenguss niedergeht... Oder wenn eine dumpfe Schwuele auf dem Dorfe lastet... Oder als man den alten Matschek aus der Saegemaschine herauszog und aus seinem verwundeten Pusse Blut rann... In solchen Augenblicken spuert er Gott! Und nicht im Himmel wohnt sein Gott, und man braucht gar nicht den Kopf zum Himmel zu erheben, um Gott zu sehen! Nein, ihm scheint, dass Gott ingendwo in einer grossen fernen Stadt wohnt, in derselben Stadt, wo der Herr des Dorfes und alle anderen Grafen und Fuersten wohnen. Und alle diese grossen Herren sind nur Gottes Knechte, ebenso wie Stach und Woytek Knechte des Gutsherrn sind, dem das Dorf gehoert. Doch er, wie kommt er zu Gott? Er kann nicht einmal Gottes Schafhirte sein! Denn Gottes Schafhirte, so denkt er sich, muss auch ein grosser Herr und mindestens ein Graf sein! Doch manchmal, wenn der Himmel wolkenlos ist und vertraeumt in einem fliessenden blauen Schleier ruht; wenn jeder Grashalm ruhig sprosst und waechst und still gen Himmel schaut; wenn auf der anderen Seite des Flusses der alte Wald, der gruene Grossvater des Dorfes, rauscht, und noch weiter, auf der Strasse zwischen den gruenen Feldern eine Fuhre faehrt oder ein Jude geht; wenn der Himmel sich in weite Fernen hinzieht und immer niedriger wird und irgendwo ganz weit auf die Erde herabsinkt; und wenn er, Jasiek, an der Schwelle seines Schaftstalles sitzt und dann alles sieht, — dann scheint es ihm, dass Gott fuer eine Weile die Gesellschaft der Fuersten, Grafen und grossen Herren verlassen hat, und in die Felder gekommen ist, und sich da niedergelegt hat und auf etwas wartet... Und Jasiek will Gott fuer alles danken, fuer alles, was er um sich sieht. Und manchmal will er in die ferne grosse Stadt gehen, wo Gott wohnt, und wo Gottes Palast steht. “Ich werde zu ihm gehen und ihm die Hand kuessen!” denkt er sich. Und gleich darauf fragt er sich seufzend: “Wird man mich denn hereinlassen?”. Er kann wohl zum Palast kommen, wo Gott wohnt, — so denkt er sich — doch vor dem Palast stehen Schweizer, grossgewachsene Maenner mit blauen Schleifen, gelben Stulpenstiefeln und roten Fraecken, Lakaien, wie er sie einmal bei den grossen Herren sah, die zum Herrn seines Dorfes zum Ball gekommen waren, und diese Schweizer werden ihn fort jagen... Und dann denkt er sich wieder, dass er in die grosse Stadt gar nicht zu gehen braucht, denn Gott ist im freien Felde, und die Schweizer bewachen einen leeren Palast ohne Gott! “El melech neeman” — diese Worte des Gebetbuches sucht ihm der Melamed beizubringen. Und Jasiek glaubt, dass es ein Zauberspruch ist und dass, wenn er ihn auf sagt, die Schweizer ihn in Gottes Palast einlassen werden ... Doch fuer Gott selbst hat er ein anderes Gebet, ein Gebet ohne Worte, ein Gebet, das in seinem Herzen waechst und sein Herz erfuellt und sich aus seinem Herzen mit einem jubelnden Pfiff herausreisst! Wenn er beten will, steckt er sich zwei Finger in den Mund, spitzt die Lippen, stoesst die Luft heraus, und sein Gebet durchdringt den ganzen Wald! Und Gott versteht ihn und sein Gebet! Doch er pfeift nur dann, wenn er das Beduerfnis hat, zu Gott zu pfeifen, wenn er fuehlt, dass er pfeifen muss... Und es scheint ihm, dass Gott irgendwo, weit, weit auf einer duftenden Wiese ausgestreckt liegt, und ihn pfeifen hoert, und seine Freude daran hat. Und nicht nur er allein betet so! Er weiss, dass alle beten. Wenn der Dorfhund Nossik seine Schnauze ploetzlich zu Himmel erhebt, mit dem Schwanz wedelt und bellt, dann sagt er, dass Nossik betet. Und wenn die weisse Kuh abends von der Weide heimgeht, und ihre nasse Zunge herausstreckt, und ein langgedehntes trauriges “Muh” von sich gibt, dann sagt er, dass die Weisse betet. Alle beten, selbst die Froesche im Wasser; ein Frosch sagt es dem andern: Qua! Qua! Jasiek 4st schon dreizehn Jahre alt, doch das “Hoere Israel” kann er noch immer nicht. Und das Neujahrsfest steht vor der Tuer. Und der Melamed mueht sicht mit ihm ab, dass er am heurigen Neujahrfest wenigstens das “Hoere Israel” aufsagen kann: damit man ihn mit in die Stadt nehmen kann! Man kaufte Jasiek zum Fest einen neuen Anzug, ein Paar Stiefel und eine neue Muetze... Soll er wenigsten das “Hoere Israel” aufsagen. m «= * Die Schul ist gesteckt voll. Alle, gross und klein, sind weiss gekleidet, alle haben sich die Gebetmaentel ueber den Kopf gezogen, alle wiegen sich im Takte des Gebets und schreien und rufen immer lauter. Ein herzzerreissendes Schluchzen dringt mit einem Male aus der Weiberschul, und Jasiek steht da in seinem neuen Anzug, und sein blondes Haar guckt unter der neuen Muetze hervor. So steht er da. Ploetzlich draengt er sich zur Ostwand vor und stellt sich dem Vorbeter gegenueber. Das Gebetbuch, das ihm sein Vater gab, damit die Leute meinen, der Junge koenne lesen, gleitet ihm aus der Hand. Und er steht mit weit geoeffneten Augen da und starrt vor sich hin. Einige Bengej bemerken Jasiek; einer winkt dem andern, sie zeigen auf ihn mit den Fingern, lachen leise ueber ihn, und einer von ihnen geht auf Jasiek zu und gibt ihm einen Nasenstueber. Doch er hoert nichts und fuehlt nichts! Er steht da und starrt bald auf den Vorbeter, und bald auf die weinende Gemeinde, und bald auf den weissen Vorhang vor dem Toraschrein, auf dem mit Gold gestickt ist: “Heilig dem Herrn”. “Gott muss dort hinter dem Vorhang sein”, denkt er sich. Und aus der Weiberschul schaut auf ihn seine Mutter herab: sie sieht, wie er dasteht und starrt, und dass das Gebetbuch ihm aus der Hand gefallen ist: und die Frau seufzt und denkt sich: “Ein Bauer, ein geborener Goi!”. Und der Vater wirft auf ihn einen Blick unter dem Gebetmantel hervor, den er sich ueber den Kopf gezogen hat und seufzt schwer: “Herr der Welt! Gedenke auch seiner!” Und Jasiek steht und starrt. Alle weinen, alle beten, alle rufen Gott an. Und auch er bekommt Lust zum beten. Er will nicht schreien, sondern beten und Gott loben! Und ihm fuer alles danken! Er hebt sein Gebetbuch auf, schlaegt das “Hoere Israel” auf und beginnt: “El me-lech ne-e-man...” Doch dieses Gebet ruehrt sein Herz nicht. Er versteht es nicht, es ist fuer ihn nur ein Spruch, ein trockener Spruch... Er aber will Gott aus voller Seele loben und danken... Er f uerchtet sich vor den vielen Leuten, die ganz anders beten. Doch die Versuchung ist zu stark, und Gott ist ueber alles erhaben! Er muss! Und er steckt sich zwei Finger in den Mund. — Und ein scharfer Pfiff durchschneidet die Luft in der weinenden Schul... Die Gemeinde erschrickt. Was ist es? Wer war das? Wer pfeift an der heiligen Staette? Der Vater will ihn bei der Schulter packen und hinauswerfen; die Leute STREIFLICHTER Ein neues Jahr steht vor der Tuer. Das vergangene Jahr scheint uns mit rasender Eile voruebergegangen zu sein. Zu gewaltig, zu erregend waren die Ereignisse, die mit ihm verbunden waren. Dieses Jahr 5708 wird nicht nur in die Geschichtsbuecher des juedischen Volkes als das bedeutendste Jahr seit dem Jahre 70 nd. g. Z. eingehen, sondern auch in den Chroniken der Weltgeschichte einen hervorragenden Platz einnehmen. Noch aber ist die Stunde der Erfuellung nicht gekommen. Der Staat, den sich das juedische Volk erkaempft hat, bedarf auch weiterhin unseres vollkommenen finanziellen und moralischen Einsatzes. Es ist darum ein schoenes Symbol, dass dieses Jahr mit der Einheitskampagne beginnt. Geistig und oekonomisch steht im Zentrum unseres juedischen Lebens: Israel. Mit unseren Gedanken und mit unseren Kraeften, mit Kopf und Hand, in den Tagen der Feste und in den Tagen des, Werkes werden wir mit unseren Bruedern und Schwestern vereint sein. Heute wissen wir um die Wahrheit des Wortes des Psalmisten: “Betet fuer das Wohl Jeruschalajims. Und wohl gehe es Deinen Freunden”. Unser Schicksal ist abhaengig vom Wohl und Wehe Israels. Werden wir verbunden sein mit dem Frieden Zions, dann werden auch wir uns erfreuen duerfen des so heiss ersehnten Friedens. -o- In der vorigen Nummer unseres “Boletín Informativo” wurden unter dem Titel “Hier ist meine Meinung” einige dankenswerte Anregungen zum Feiertagsgottesdienst eingesandt. (Selbstverstaendlich kann man auch in manchem Punkte wie der Kuerzung so altehrwuerdiger Gebete wie des Oschamnu, Owinu malkenu oder des Jaaleh grundsaetzlich anderer Meinung sein). Aber wichtig scheint uns die Anregung, die den “Exodus” bei der Seelenfeier bemaengelt. Auch wir sind der Meinung, dass nach der furchtbaren Katastrophe, die das juedische Volk erlebt hat, keine Veranlassung besteht, nicht am Gedenken an unsere Maertyrer teilzunehmen. Wir sind ein Volk von Awelim-von Trauerndengeworden, und unsere Generation wir es bleiben bis an unsere Lebensende. Wir halten es daher fuer angebracht, dass nur Kinder unter 13 Jahren, vor der Totenfeier den Betsaal verlassen. Die anderen aber, auch wenn sie das Glueck haben ihre Eltern unter den Lebenden zu wissen, vereinigen sich mit dem ganzen juedischen Volk in seiner Trauer um unsere Maertyrer. -o- Dem Gemeindeblatt von Bogotá entnehmen wir den Beschluss des Vorstandes unserer dortigen Schwesterngemeinde, dass in Zukunft kein Nichtmitglied auf die religioesen. sozialen und kulturellen Einrichtungen der Gemeinde Anspruch erheben kann. Wir halten dies fuer einen sehr begruessenswerten Beschluss, der Nachahmung verdient. Wer keiner der in Santiago existierenden Gemeindeorganisationen angehoert, sollte auch n.icht von den Verguenstigungen, die den Mitgliedern gewaehrt .werden, Gebrauch machen duerfen. Vor allem sollte unsere B’né Jisroel sich fuer eine straffere Organisation des chilenischen Jischuws einsetzen. Nur wer einer der dem Comité Representativo angeschlossenen Organisationen angehoert, darf als Jude betrachtet werden und von den religioesen und sozialen Einrichtungen des Jischuws Gebrauch machen. Wer sich _ nicht seiner Pflichten gegenueber dem juedischen Volke in unseren Tagen des Kampfes bewusst ist und sich in eine der juedischen Gemeinden einordnet, soll sich als ausgeschlossen betrachten muessen. Zeiten, in denen wir des Prinzip “Laissez faire-laissez aller” geduldet haben, muessen vorueber sein. Wir verlangen die Konzentration aller Kraefte auf einem Gebiet: Kium hauma-die Sicherung der Existenz des juedischen Volkes. Das muss das Programm fuer 5709 sein. wollen sich auf ihn stuerzen und ihn schlagen... Doch der kleine Jasiek ist schon verschwunden ... Er hat sich aus der Schul herausgeschlichen, hat sich seine neuen Stiefel ueber die Schulter geworfen und geht in sein Dorf zurueck. SCHALOM ASCH *• * *