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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1947-05-01 · 5 (5.1947) · p. Seite 5

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
IX (1947)
Issue
5 (5.1947)
Date
1947-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO Pag. 5 ♦ J7 Walther Rathenau SEIN BRIEFWECHSEL MIT THEODOR HERZL, ZU SEINEM 25. TODESTAG AM 24. JUNI 1947 MITGETEILT VON DR. A. BEIN Unter den zwiespältigen Judengestalten des 19. und 20. Jahrhunderts ist Walther Rathenau sicherlich eine der zwiespaeltigsten, wie er an Geisteskraft, in der Vielfaeltigkeit seines Wir kens und in seiner Bedeutung als Persoenlichkeit einer ihrer groessten ist. Disraeli hat den Zwiespalt zwischen seinem Judesein und seinem Wirken in der nichtjuedischen Welt innerlich ueberwunden: er blieb in seinem Stainmesgefuehl den Juden verbunden, wenn er auch in seinem Wirken ganz in der englischen Politik auf ging. Lassalle hat, nachdem er sich fuer den Kampf fuer die Demokratie und den Sozialismus entschlossen hatte, die innere Verbindung zum Judentum geloest wenn er auch formell nie aus ihm heraustrat und von seiner Umgebung und besonders von seinen Gegnern, vielleicht gerade deshalb immer als typischer Jude betrachtet wurde. Jacob Wassermann hat sich mit den beiden Welten, die auf ihn einwirkten, kritisch auseinanderzusetzen versucht, aber “sein Weg als Deutscher und Jude”, ist wie ein lyrischer Erguss gegenueber jener aus einem uebersteigerten Selbstbewusstsein und einem ebenso starken Selbsthass gemischten aetzenden Selbstkritik mit der Ratheriau an die Judenfrage herantrat und zeitlebens mit ihr rang. Es waere interessant, die Persoenlichkeit Rathenaus in diesem Sinn einmal mit Herzl zu vergleichen, der ihm in vielen seiner Anschauungen nahestand, der wie er jahrelang mit seinem Judesein rang, und der diesen Konflikt schliesslich loeste durch das entschiedene Bekenntnis und das entschiedene Wirken fuer den Teil seines geistigen Leben, den er zunaechst zurueckzudraengen versucht hatte. Das soll hier nicht geschehen. Hier lege ich nur Dokumente ueber eine wirkliche Begegnung der beiden grossen Persoenlichkeiten vor, eine Begegnung, die schicksalhaft haette werden koennen, aber nicht wurde und nur literarische Spuren hinterlassen hat: Briefe von literarischem Reiz und biographischer und autobiographischer Bedeutung fuer beide Persoenlichkeiten. Der Anlass zur Begegnung der beiden Persoenlichkeiten war ein rein literarischer. In Maximilian Hardens “Zukunft” erschien 1901 ein Aufsatz “Zur Physiologie der Geschaefte”. Der Aufsatz gab sich als eine Veroeffentlichung aus den hinterlassenen Papieren des “juengst verstorbenen kaiserlich russischen Etatsrates Nikolaus von der Muehl”, eingeleitet von seinem Neffen und Erben, dem Regierungsassessor F. W. Schulze von der Muehl. Fuer diesen seinen Neffen ha be der Verfasser, ein reicher russischer Bankier am Ende seines Lebens Bemerkungen ueber seine Erfahrungen als Kaufmann waehrend eines abwechslungsreichen und fruchtbaren Lebens niedergelegt, gewissermassen um ihm, seinem Erben, Anregungen fuer die Weiterfuehrung der Geschaefte zu geben. Der Neffe habe jedoch die Unternehmung seines Onkels in eine Aktien. Gesellschaft verwandelt, sei Regierungsbeamter geworden und lege aus pietaet die Aufzeichnungen seines Onkels der Oeffentlichkeit vor. Sie enthalten geradezu klassisch gepraegte Saetze ueber das Wesen, die Bedeutung und die. Aufgaben eines modernen Kaufmanns, im Stil vielleicht etwas zu frisch und energisch fuer einen alten Mann, der auf ein erfahrungsreiches Leben zurueckblickt. Tatsaechlich war der Verfasser des Aufsatzes und der hinterlassenen Papiere auch kein alter Mann, sondern der damals kaum 34 jaehrige Walther Rathenau, Mitglied des Direktoriums der Allgemeinen Electrizitaets-Gp- Seilschaft (A. E. G.), Berlin, der hier zum ersten Male und zum Teil erst andeutungsweise seine wirtschaftlichen und sozialreformarischen Gedanken formulierte, ein Mann, der damals in weiteren Kreisen noch kaum bekannt war, aber aus tiefer Einsamkeit heraus sich langsam und systematisch die Welt der Wirtschaft, des Geistes und der Gesellschaft eroberte. Herzl nahm das Pseudonym fuer Wirklichkeit, Form und Inhalt des Aufsätze^ begeisterten ihn, und unter dem Titel “Der Kauf mann” veroeff entlichte er darueber in der Neuen Freien Presse vom 21. Juli 1901 ein brillantes Feuilleton, eines jener zahlreichen geschliffenen Feuilletons die bisher in Buchform nicht erschienen sind. Herzl charakterisiert den vermeintlichen Verfasser: “Ein ganzer Mensch mit ungewoehnlichen Eigenschaften und nicht bescheinigten Fehlern, ein Mann aus einem Gusse, hart, kuehn, einbildungsreich, verschlagen und wortkarg, ein Mann ohne Illusionen, ohne Empfindsamkeit, aber voll Verstaendnis fuer alles Menschliche”: das Idealbild eines Tatmenschen, wie es Herzl vor sich sah. 10 Tage nach Erscheinen seines Aufsatzes in der “Neuen Freien Presse”, erhielt er nun einen Brief von Walther Rathenau. Rathenau gab sich darin in bescheidenen Worten als Verfasser des Aufsatzes zu erkennen, machte kurze Mitteilungen ueber seine Taetigkeit und drueckte den Wunsch aus, Herzl persoenlich kennen zu lernen. Herzl antwortete wenige Tage spaeter. Er geht kurz auf den Brief Rathenaus ein, und tritt dann unmittelbar aus seiner literarischen Reser. ve heraus und schreibt von seiner zionistischen Bewegung. Ueber diese Bewegung moechte er sich mit Rathenau einmal persoenlich unterhalten. WALTHER RATHENAXT war eines der ersten Opfer des organisierten Nazismus. Am 24. Juni 1922, wenig» Monate nach seiner Ernennung als Minister der Deutschen RepuhUk, wurde er votn einer Nazi-Bande erschossen. Die Kugeln, die ihn trafen, waren indirekt dem Herzen der Weimarer Republik zugedacht, und Jahre spaeter zerstoerten sie nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa. Gleichzeitig mit seiner Erwiderung schickt Rathenau an Herzl seinen vorletzten Aufsatz. Herzl hatte die Judenfrage angeschnitten. Rathenau geht zoegernd darauf ein. Er erwaehnt seinen Aufsatz “Hoere Israel”, den er 1897 in der “Zukunft” veroeffentlich hatte. Es war ein Aufsatz voll bitterster Anklage gegen die deutschen Juden, voll grausamster Offenheit in der Konstatierung ihrer Fremdheit und Isoliertheit, und gipfelnd in der Forderung, die Juden sollten sich durch bewusste Selbsterziehung dem Volke anpassen in dessen Mitte sie lebten. “Anpassung nicht im Sinne der Mimikry Darwins, welche die Kunst. einiger Insekten bedeutet, sich die Lokalfarbe ihrer Umgebung anzugewoehnen, sondern eine Anartung in dem Sinn, dass Stammeseigensohaften, gleichviel ob gute oder schlechte, von denen es erwiesen ist, dass sie den Landesgenossen verhasst sind, abgelegt und durch geeignetere ersetzt werden... Das Ziel des Prozesses sollen nicht imitierte Germanen, sondern deutsch geartete und erzogene Juden sein”. Man habe ihn wegen diese Aufsatzes des Antisemitismus beschuldigt. Er sei jedoch selbst Jude und als solcher haber er auch die Veroeffentlichungen ueber die zionistische Bewegung stets mit Interesse gelesen. Herzl antwortet mit einem warmen autobiographischen Bekentnis und zionistischem Appell. Er sendet ihm seine philosophischen Erzaehlungen und bittet ihn besonders die beiden Feulletons “Das Wirtshaus zum Anilein” und “Solon in Lydien” zu lesen. Die beiden philosophischen Erzaehlungen enthalten tatsaechlich die Quintessenz der Herzischen Weltanschauung. Die erste handelt von einem Menschen, der sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will und durch den Wirt des Hauses zum Anilin von seinem verzweifelten Entschluss abgebracht wird. Die Flucht aus dem Leben sei keine Loesung. “Die Verzweiflung ist ein kostbarer Stoff aus dem sich die herrlichsten Dinge erzeugen lassen: Mut, Selbstverleugnung, Standhaftigkeit, Aufopferung... Blicke ich zurueck in die Vergangenheit, so meine ich, dass alle grossen Menschen der Geschichte einmal am letzten Ufer waren und umkehrten, damit ihre Verzweiflung Fruechte trage”. In der Erzaehlung “Solon in Lydien” entwickelt Herzl seine Anschauungen ueber die Notwendigkeit und den Segen'der Arbeit. Sie allein erhaelt die Weltordnung aufrecht, Erzeugung der notwendigsten Gueter, ohne Arbeit richte sich die Welt zugrunde. Den Aufsatz “Hoere Israel”, so schreibt Herzl, habe er seinerzeit gelesen. Er lehnt ihn scharf ab. “Wenn ich nicht irre”, bemerkt er mit treffsicherem, bitterem Spott, “war in dem Artikel gefordert die Juden sollten sich laengere Gliedmassen und gerade Nasen angewoehnen”. Zum Schluss ruft er Rathenau zur Fahne, zur zionistischen Fahne: “eine Lumpenfahne vielleicht, und es gibt goldenere und seidenere, aber wohin kann man unter ihr auf brechen! Den technischen Fortschritt in Menschlichkeit umsetzen und dabei, dadurch den Geusennamen zu einem Ehrenwort machen”. Die Antwort Rathenaus auf diesen Brief muesste aufschlussreich sein Sie hat sich Jedoch nicht gefunden. Nach der Antwort Herzl zu schliessen, hat Rathenau geantwortet, er hoffe aus dem ihm uebersandten Buch Herzls, vielleicht zum Zionismus bekehrt zu werden. Darauf Herzl: Rathenau moege von seinem Buch nicht Bekehrendes erwarten. “Zum Zionismus muessen Sie auch so kommen”. Nun folgt eine Pause im Schriftwechsel. Erst fast eineinhalb Jahr spaeter wechseln die beiden Persoenlichkeiten wieder einige Briefe. Inzwischen hatte Rathenau, wie Sokolow spaeter erzaehlte, Herzl sein Buch “Reflexionen” uebersandt, in dem auch der Aufsatz “Hoere Israel” wiederabgedruckt war, ihm aber kurz danach mitgeteilt hat, dass das Buch von der Verbreitung zurueckgezogen sei. In seinem Briefe vom 14. September 1902, geht Herzl wiederum kurz auf jenen Aufsatz ein. Mit den Praemisen d. h. der Feststellung des Sondercharakters der Juden stimme er ueberein, nicht aber mit der Folgerung, die Rathenau daraus ziehe. Er uebersendet Rathenau die Nr. der “Welt” vom 12. Dezember 1902, in der eine Auseinandersetzung des Anthologen und Ethnographen Heinrich Dreissmann mit dem Rabbiner Paul Rieder (Hamburg), und mit der “Allgemeinen Zeitung des Judentums”, dem Organ des deutsch-juedischen Liberalismus, wiedergegeben war. Gegenueber der Ableugnungen juedischer Rasseneigenschaften durch die Vertreter der Assimilanten-Kreise, betont in dieser Auseinandersetzung Dreissmann, dass die Verleugnung der Rasseneigenschaften eine gvoessere Entwuerdigung des Judentums bedeute, als ihre Betonung. Gerade die Bewahrung des Rassencharakters der Juden zeichne die Juden als eine Individualitaet aus. Statt diese Tatsache abzuleugnen, sollten die Juden darauf stolz sein. In dem darauf folgenden Brief aeussert Rathenau sein Bedauern darueber, dass er Herzl mit der Uebersendung seines Buches verletzt habe. Es sei ihm bei diesem Aufsatz mehr auf die Kritik angekommen, als auf die Vorschlaege zur Loesung der Judenfrage. Wiederum drueckt Rathenau den Wunsch aus, von Herzl einmal persoenlich ueber die zionistische Idee informiert zu werden. Die beiden folgenden Briefe Herzls und Rathenaus sind von geringerer Bedeutung. Herzl weist Rathenau auf seinen eben erschienen Programmroman “Altneuland” hin. Rathenau verspricht ihn zu lesen und abonniert das von Herzl herausgegebene Zentralorgan der zionistischen Bewegung “Die Welt”. Ein persoenliches Zusammentreffen der Beiden hat nicht stattgefunden und soweit wir feststellen koennen, auch kein weiterer Briefwechsel. Die beiden Persoenlichkeiten haben sich in diesem Meinungsaustausch wohl gegenseitig achten gelernt, sie haben sich jedoch nicht gefunden. Man kann fragen, haette vielleicht ein persoen. liches Zusammentreffen zu einer engeren Verbindung gefuehrt? Waere es Herzl dabei gelungen, Rathenaus inneren Widerstand gegen die zionistische Idee zu ueberwinden und waere Rathenaus Weg dadurch ein anderer geworden, wae. re Rathenau zur Einheit seines Ichs gelangt, die ihm zeitlebens versagt blieb und fuer die sein jaeher Tod wie ein Symbol wirk't? Die weitere Entwicklung Rathenaus spricht gegen eine solche Annahme. Aber gleichviel wie man darueber denken mag, es liegt ein eigenartiger. Reiz in jener Begegnung der beiden grossen Gestalten, die in vielem so aehnlich sind in Mut, und Stolz, in der Verhaltenheit ihres Ausdrucks und in der Weite ihrer Anschauungen, in ihren Ansichten ueber Wirtschaft und soziale Frage — und die doch im letzten und tiefsten verschieden waren und in entgegengesetzten Richtungen ihrem Schicksal entgegengingen: Der eine—ein klardenkender Realist in allen Fragen und politischen Problemen, soiweit sie nicht mit dem Judentum in Verbindung standen; der andere ein Kuenstler und Traeumer, aber ein Realist im grossen Sinne gerade in der Frage, die letzten Endes beider Los besiegelte: der Judenfrage.

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