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Literarisches und homiletisches Beiblatt · 1838-11-17 · 33 (17.11.1838) · p. Seite 132

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Journal
Literarisches und homiletisches Beiblatt
Volume
I (1838)
Issue
33 (17.11.1838)
Date
1838-11-17
Page
Seite 132 (sequence 2)
Language
German
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132 Schöpfungen, Lei der größten Verschiedenheit, die sie an sich tragen. Es ist der Geist jüdischen Lebens, jüdischer Mission, der erhabenen Mission eines Volkes, das geherrscht und gedient, gekämpft und gelitten, gesiegt und besiegt worden, geduldet aber nicht geduldet worden; und unter-allen diesen Umständen und Mühsalen seine göttliche Sendung vollsührte, die Welt belehrend und erhebend, wiewol selbst bezwungen und erniedrigt. Noch auffallender ist diese Eigenthümlichkeit in der jüdischen Philosophie abgeprägt, ein Name, der zwar noch nicht recht in Gang gekommen und höchstens der alexandrinisch-philonischen Spekulation beigelegt wird, der aber nickt minder wahr und richtig ist. Man hat das Vorurtheil: das Judenthum sei ein steriler, undankbarer Boden für Denkvermögen und Denkthätigkeit, unfähig eigenheimische Früchte zu erzeugen, vernunftriechend, systemduftend, gleich denen der andern Confessionen, vertrocknen auch die in ihn überpflanzten fremdnationalen Wissenszweige aus Mangel an Nahrung, an weitertreibende Kraft, und aus denen eigentlich die ganze jüdisch - philosophische Literatur bestehe. Man hat sich aber nie die Mühe genommen —aus Unkermtniß oder Trägheit, gleichviel — einen ernsthaften, prüfenden Blick auf eine Literatur zu werfen, die doch so umfangreich, so bedeutend im Judrnthume geworden-, deren Richtung es größtentheils, oder vielmehr ausschließlich, seinen Fortschritt, seine wissenschaftliche Begründung zu verdanken hat. Sowohl die Conservativen als die Neuthümler holen ihr Rüstzeug aus diesem altehrwürdigen Jdeen-Arsenal, keinem siel es jedoch ein, einmal die weiten starken Gewölbe ganz zu durchwandern, zu untersuchen, ob nicht vielleicht außer dem erbeuteten Gerathe sich auch manche tüchtige Nationalwaffe darin vorsi'nde. Und doch verhalt es sich so. Wir besitzen eine eigene, ursprünglich nationale Philosophie. Eine Philosophie, verschieden von dem was man gewöhnlich mit diesem Namen zu beehren pflegt. Hier sehen wir nicht Atheismus und Mysticismus, Materialismus und Spiritualismus wie in einem zur Kurzweil dienenden Panorama mit einander kontrastiren, durch die allesammt die Religion in den Hintergrund verdrängt wird; die jüdische Philosophie ist etwas ganz anderes. Dem innersten Kern der Religion selbst entkeimend, von ihr ausgehend und zu ihr zurückkehrend, verfolgt sie seit Jahrtausenden nur eine Bahn: Läuterung und Entwickelung der Religion in ihren wesentlichen Prinzipien, sie weiterbildend und zugleich forterhaltend. Sie ist gleichsam der in die Religion gelegte Urbildungstckeb, der diese zur Gestaltung drängt, und in so fern zur Gestaltung drängt, als er seine eigene Kraft entfaltet. Gleichen Ursprungs mit der Religion, gleichen Endzwecks, auch gleicher' Bildungsgeschichte. Wird die Religion gesetzt, muß man auch die Philosophie setzen; Eines bedingt das Andre.- Die. jüdische Religion als von dem Geist u*nd für den Geist, ist eine Religion des Erkenntnisses, und indem man sie erkennt wird sie zur Philosophie. Mit dem ersten Dokument jüdischer Religion ward auch zugleich das erste Dokument jüdischer Philosophie gegeben; der erste jüdische Philosoph war der, der diese Religion zuerst erkannte. Selbständig, einheitlich, organisch entwikkelte sich die Philosophie durch all die verschiedenen Phasen zeitgeistlicher Bildung in und aus sich selber, weder feindlich gegen die Religion, noch auch von ihr verschieden, sondern eben als klar und einsi'chtlich gewordene Religion, als Religions-Philosophie. In unverwischbaren Zügen spricht sich hier der freie, feste, glaubensmuthige Geist der Nation aus. Erkennen wir aus der jüdischen Literatur die tausendfältigen Widerfährnisse dieses Volkes, sein Kämpfen, sein Ringen, sein Harren und Dulden, sein Schmiegen und Krümmen, so tritt uns in der Philosophie das ewige Sein, das Bestehn entgegen, der zeitentcotzende Koloß, vor dem alles Andere klein und armselig erscheint, vor dem das Dasein mit dem ganzen Leiden- und Freudentroß in völliges Nichts zerstiebt. Glauben und Wissen, Tradition und Vernunft feiern hier ihre höchste Versöhnung, ewig und unerschütterlich wie der Geist und die Natur. Es wird den jüdischen Philosophen gewöhnlich der Vorwurfs) gemacht, sie hätten alles, was sie aus fremder Philosophie entnommen, erst in die heilige Schrift hkneingetragen, und doch glaubten sie sich darin ursprünglich von diesem Buche belehrt. Freilich eine Erscheinung, die beim ersten Einblicken in die Werke jüdischer Philosophen sehr verdächtig in die Augen springt, um so mehr, wenn man keine Gelegenheit hat, die jüdische Philosophie in ihrem ganzen Umfange kennen zu lernen, wie es hier wirklich der Fall ist. Dringt man aber in das Wesen derselben ein, steht man wie die verschiedensten, in Zeit und Bildung von einander fernstehendsten Philosophen doch den einen Weg gehen, die heilige Schrift als den Urquell aller Weisheit zu betrachten, so bietet sich eine erfreulichere, ja die einzig wahre Ansicht dar. Der Geist, die aus ihrer Ruhe und Selbstzufriedenheit aufgestörte Erkenntnis, findet die Befriedigung wieder, indem sie sich selber wiederfindet. Anfang und Ende müssen sich da begegnen, und in ihrer Durchdringung bilden sie die Wissenschaft. Wird das Subjektive zum Ausgangs- *) Dähne, jüd.-alex. Relig.-Philos.; Tennemann, Gesch. d. Philos.

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