Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Journal
- Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Volume
- I (1838)
- Issue
- 35 (15.12.1838)
- Date
- 1838-12-15
- Page
- Seite 161 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Schon in seiner frühesten Jugend wurde unser Reggio in der heiligen Schrift und im Talmud unterrichtet, -und zwar in der hebräischen Sprache grammatisch und nach den besten, dem Wortverstande folgenden Exegeten, wobei die Schriften Wessely's freilich auch nicht fehlen durften. Nebstdem waren die profanen Studien nicht ausgeschlossen, und wie befremdend es auch klingen mag, unser Rabbinenfohn besuchte das Gymnasium und Lyceum seiner Vaterstadt; eine Erscheinung, die zu jener Zeit selbst in Italien von großem Belang war. Solche Erziehungsmethode versprach große Folgen, die wirklich dann zur Reife kamen, seinem greisen Vater zur Freude und uns zum schönsten Ruhme. Frömmigkeit und Freisinn wurden ihm zugleich anerzogen, Heren geistigere Durchdringung den innern Gahrungsstoff seines höhern Lebensprozesses bildet, aus dem er trotz allen Metamorphosen, welche er erleiden mußte, doch stark und unversehrt hervorging, obwol nicht zu jener spirituellen Reinheit verklärt, die er so gern erstreben mochte. Ein Kind seiner Zeit, spiegelt' er ihr inneres Weh, den tiefen Werdeschmerz ab,' aber das Gebaren, das Gestalten, die neue Frucht erblüht nicht im Jetzt, ist einer spätem Zeit aufbewahrt. Mit einem klaren Verstände begabt, der zwar nicht tief im Begreifen ist, aber doch das Begriffene sich bis in's Minutiöse auskalkuliren muß, zog ihn natürliche bei seinen wissenschaftlichen Studien zuerst die Mathematik an, worin er rin starkes Talent entwickelte, so daß er in seinem achtzehnten Jahre in der NeuwidecZeitung eine mathematische Aufgabe glücklich löste und dadurch eine Celebritat in seiner Vaterstadt erlangte. Zu dieser Zeit führte der Gründer des illyrischen Königreiches dort eine constitutionelle Verfassung ein, und unser jüdische Mathematikus bekam eine Professur am Görzer Gymnasium, welche er drei Jahre bekleidete, dann aber wieder niederlegen mußte, als mit dem Sturze der Dynastie auch ihre milden Einrichtungen schwanden. Herr Reggio ließ sich nicht irre machen, und nachdem er schon eine kleine Encyklopädie der Wissenschaften in italienischer Sprache herausgegeben hatte, widmete er sich ganz der nationalen Literatur, erkennend, daß nichts fruchtreicheres und heiligeres, als die von Gott verliehenen Geisteskräfte feinem Dienste zu weihen. Aus dem äußern Getriebe der Welt kehrte er nun in sich zurück und gewahrte in seinem Innern jenen elementarischen Kampf zwischen Verstand und Gemüth, der in den einseitigen Geistern zu den sonderbarsten Meteorgestaltungen niederzuschlagen pflegt, und dessen radikalste Durchfriedigung nur die jüdische Religionsphilosophie gewährt. Eifrigst und in schneller Hast griff er nach einem naheliegenden Mittel, um der drohenden Gefahr eiligst zuvor zu kommen und den beiden bei ihm gleich stark ausgebildeten Kräften möglichst zu genügen. Es war die Kabbala. Diese Blüthe des Orients,' die in dem heißen Italien ihre vollkommenste Ausbildung erhalten, hatte dort solche feste Wurzel in dem Geiste des Volkes gefaßt, daß kein religiöses Streben, mochte es dann auch auf das heterogenste kulminiren, sie in seinem Aufwärtsschreiten überspringen konnte. Alle jüdischen Religionsphilosophen Italiens mußten sich durch die Kabbala hindurcharbeiten, mochten sie nun i,hr auf immer befreundet bleiben, oder später als die Gegner derselben auftreten. Sie ist allerdings ein nicht zu übersehendes Moment im Judenthume. Die ewige Idee, noch in dem Helldunkel sich entäußernder Subjektivität aufgefaßr, erscheint als die weite , vage Unendlichkeit, ' in welcher das Endlichalles Selbstseins, aller Nothwendigkeit sich zu begeben glaubt, wahrend jene eigentlich nur ein verunendlichtes Endliches, die sich konsolidirende Subjektivität ist. Wo Sonnenschein, muß auch Dämmerung, wo Früchte, müssen auch Knospen sein. Das gemächliche Kind ergötzet sich an der Knospe, der Mann liebet die Frucht; die Dunkelheit thut wohl dem Blöden, der Sehende verlangt nach dem Lichte. Der Kabbala also ergab sich dies hoffnungsvolle Talent und suchte darin den entschwundenen Genius seiner geistigen Unschuld, jene harmlose süße Ruhe einer unangefochtenen religiösen Unbefangenheit, und suchte und — fand sie nicht. Unschuld ist der Elementarzustand, das preliminäre Ansi'chseiy, in das man nicht wieder sich hineinversetzen kann, nachdem der Heranwachsende Geist sich demselben entwunden. Als Entzweietes wird er sich bewußt und lebt in diesem Bewußtsein, so lange er fräs nicht zu einer höheren Einheit, zum Beisichsein zusammengefaßt hat. Diese höhere Einheit aber ist die Erkenntniß, in der Erkenntniß nur sammelt sich das auseinandergeworfene Bewußtsein zu einem innigeren Beisichsein, indem die nunmehrige Ruhe nicht in einer dunklen Bewußtlosigkeit, sondern in der lebendigen selbstthätigen Einsicht wurzelt. Erkenntniß daher suchte auch unser Reggio, aber—die Kabbala gewährt sie ihm nicht. Er that Alles, las viele Bücher, befragte die Eingeweihten*) und fand sich so unbefriedigt wie zuvor. Da fuhr es wie ein Blitz durch seine Gedanken, er sah Maimuni, Mendelssohn und all das große Gefolge jüdischer Religionsphilosophen vor sich vorüberziehen, er sah sie und ein neues Streben erwachte in seiner Seele. Den eigentlichen Nerv ihrer Lebensthätigkeit nicht wahrnehmend, bemerkte er doch die antike Ruhe, die wie eine Glorie ihre heilige Erscheinung umstrahlt und *) Einige kabbalistische Belehrungen von Ahron Chorin siehe im Kerem Chemed.