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Literarisches und homiletisches Beiblatt · 1838-12-15 · 35 (15.12.1838) · p. Seite 160

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Journal
Literarisches und homiletisches Beiblatt
Volume
I (1838)
Issue
35 (15.12.1838)
Date
1838-12-15
Page
Seite 160 (sequence 2)
Language
German
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160 Wir können nun jetzt schon unser Urtheil abgeben, oderbesser, Herr Reggio hat sich selbst beurtheilt. Durch die Angabe dieser Tendenzen zeigt er offenbar, daß er noch auf einer niedrigen Stufe in der Erkenntniß des Iudenthums steht, daß seine Schrift keineswegs spekulativ, und auf eine Aufnahme in die Reihe religionsphilosophischer Werke niemals hoffen darf. Was die erste Tendenz betrifft, so ist noch keinem, der das Iudenthum in Wahrheit erkannte, eingefallen, es stünde der vernünftigen Erkenntniß, der Erkenntniß, Gottes und der Welt entgegen; um zu erörtern, ob es die Wissenschaften verdamme _pbec nicht, muß man vergessen oder gänzlich nicht wissen, daß es selbst die höchste Wissenschaft ist. Maimuni schickte seinen More Nebuchim in die Welt, ohne früher eine 142 Seiten starke Abhandlung*) zu schreiben über das Erlaubtsein der wissenschaftlichen, Studien von Seiten der Religion, sondern sing mit den Worten an: „Ich schreibe nicht für's Volk, nicht für „die Anfänger in der Wissenschaft, noch auch für Diejeni- „gen, die sich mit dem Außerwesentlichen der Tora beschäf- „tigen: denn alles was in dieser meiner Schrift und in den „ihr ähnlichen enthalten ist, ist die Wissenschaft dep Tpra „in der Wahrheit**)." Freilich gab es schon vor Herrn Reggio solche Arten Versuche, welche sogar durch die Umstände hervorgerufen und nöthig gemacht wurden; sie hatten aber eben darum keinen absoluten Werth, und galten nur für die Zeit und den gewissen Kreis von Lesern, für welche sie bestimmt waren. Das haben noch die ältern Schriftsteller voraus, daß sie ihre Stellung kannten, und ihre apologetischen Werke nicht mit dem pompösen Namen spekulative Untersuchung betitelten. Sollte dies aber vielleicht nur dem zweiten Haupttheile gelten, wie auch Herr Reggio manchmal zu verstehen gibt, der vierte Abschnitt sei ihm der wichtigere, so hat er hierin das Iudenthum am meisten verkannt. Er malt sich die Tora als ein Convolut unverständlicher Satzungen aus, die Philosophie hält er für den common sens, dem nur das wahrhaft ist, was er mit den Augen steht und mit dem Leibe anfühlt, und läßt sie so mit einander kämpfen lange, lange Zeit, bis endlich Er, Herr Reggio, der Friedensbote erscheint, ihnen gegenseitig seine schönsten Grüße entbietet, dann Jedem von der Unschuld und Vortrefflichkeit des Andern erzählt und rühmt, *) Die Zahl der drei ersten Abschnitte desvorliegende» Werkes. *tt) More Nebuchim, Einleitung: «ivKalr r7dl2!7l *pKl “tßVb ab“) psa tpb'nrrab Kbi panb übis üpanb rnn ■p» is rniabn b"-i ftmnh nasna p^> p»*» ab® *>» nnnrt woan rrin lip»» «in© na bai iba ntri ‘laKarr / ' .n»Ntt b2 worüber sie gerührt sich einander in die Arme fallen und allem Haß auf ewig entsagen. Das Einzige vergaß er jedoch, beim Niederschreiben dieser Vision zu bemerken, daß es auch nicht mehr als eine Vision, als ein erdichtetes Phantasiestück sei. Religion und Philosophie bedürfen im Judenlhume keiner Versöhnung, haben sich nie gezankt, bekriegten sich nie einander. Das Verhältniß, in welchem sie von jeher standen, habe ich schon bezeichnet, es ist das der Identität. Ohne Scholasticismus gedieh das Iudenthum so weit, den kann es auch jetzt entbehren. Philo, Maimüni, Mendelssohn, befleißigten sich der Tora, verstanden die Philosophie, und erleuchteten die Welt mit ihren unsterblichen Werken, ohne ein „Tora und Philosophie" zu schreiben, ohne das des Herrn Reggio zu lesen. Man sieht leicht, das Buch hält von vornherein die Probe nicht,^und ist gleich in der Anlage gegen eine tiefere Erkenntniß des Judenthums, gegen jüdische Religionsphilosophie. Ich füge noch im Voraus hinzu, es findet sich selbst bei näherem Betracht darin keine Spur von Philosophie, wiewol der Name Philosophie und Wissenschaft unzählige Mal vorkömmt. Unbedingt muß es also den Anspruch auf eine höhere Rangordnung aufgeben; es gehört blos in den Kreis gewöhnlicher Literaturwerke. Trotz dem ist es doch für uns interessant, und ich hoffe, bei der Inhaltsangabe wird sich manches Nützliche auch für unfern Zweck hervorstellen; überdieß muß man die Art und Weise sehn, wie er die Versöhnung zwischen Tora und Philosophie erwirkt, vielleicht gibts was Neues, wodurch er uns, selber unbewußt, einen Schritt weiter führt. Der geneigte Leser folgt mir gewiß gern, und ich werde ihn auch mit dem Detail nicht lange aufhalten, da wir hier das populär Literarische aus dem Augenschein lassen,, etwa kleine Bemerkungen ausgenommen, die ich hier und da einschieben werde. Zuvor erlaube man mir über das Leben und Wirken unsers Verfassers zu sprechen; er ist unbezweifelt eine merkwürdige Persönlichkeit, werth allgemeiner Beachtung, würdig geehrt und geliebt zu werden von seiner Nation. Herr Isaak Samuel- Reggio ist der einzige Sohn des frommen humanen Rabbinen Abraham Chaj*) Reggio zu Görz, eines unter den sieben Weifen Italiens, welche die Unschuld Wessely's vertheidigten und sich um die bessere Erziehung unserer Glaubensbrüder dort große Verdienste erwarben. Dieser ehrwürdige fast hundertjährige Greis erzog seinen geliebten Sohn nach einer Methode, die ein schönes Herz und einen wahrhaften Israeliten bekundet. *) Ob er noch jetzt am Leben ist, ist mir unbekannt, da -ich seit meinem Aufenthalt in Leipzig den Conner mit Italien auf einige Zeit verschoben.

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