Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Journal
- Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Volume
- I (1838)
- Issue
- 26 (8.9.1838)
- Date
- 1838-09-08
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gen kann, ohne jenen allzureichen und überladenen Farbenschmuck, der nur die Augen blendet, nicht aber erhellt, und wo die Grenzlinie so leicht überschritten wird. — Die Predigt beantwortet die Frage: 1) zu welchem Zwecke errichten wir dem Herrn geheiligte Stätten? 2) Unter welchen Bedingungen kann dieser Zweck erreicht werden?- 13) Sechs Predigten, gehalten in der Synagoge zu Dessau im Jahre 1825 von I. Wolf, (weiland) Prediger der Israel. Gemeinde daselbst. Dessau, 1838. gr. 8. S. 72. (Preis 4 ggr.) wovon, unmittelbar von Dessau bezogen, der dortigen Armen-Commissions- Kasse 1 ggr. zufallt). Mit einem eignen, tiefen Gefühle nahm Schreiber dieses das vorliegende Heftchen in die Hand, und er glaubt, seinem Referentenamt nicht untreu zu sein, wenn er dieses Gefühl sich hier aussprechen laßt. — Der sel. Wolf war mein Lehrer, war der, von dem ich in unsrem Glauben consirmirt worden, von dessen schon zitternder Hand ich den Segen empfangen, von dessen schon blassen Lippen Worte der Mahnung, Worte der Erinnerung an dem früh vorangegangenen Freund, meinen Vater, in jener Stunde siossen, die das junge Gemüth allmalig überwältigte. Wer kennt nicht die Fäden, an denen die menschlichen Gesinnungen und Gefühle sich aneinander reihen? wer bestimmt, welchem Einflüsse wir unsere Vorsätze und Entschlüsse und Lebensrichtungen verdanken? Der Mann steht noch vor mir, der unscheinbare Mann mit dem großen Auge, dessen Glanz schon nach Innen gewandt war — denn ein halbes Jahr später segnete er das Zeitliche — ohne Chocrock und Baret und Baffchen, ohne Präsentation und klingendes Organ, aber mit dem scharfen Antlitze, das die Bekanntschaft mit vielen Schmerzen und Opfern und hohen Gefühlen bekundete, mit dem seelenvollen Nachdruck der Worte, mit der anständigen Gestikulation, mit dem schwarzen langen Haar, das in den Nacken floß. Wolf war einer der jüdischen Opfecpriester, die Opfer und Priester des Judenthums zugleich waren. Stets mit häuslichen Sorgen beschwert — woran jedoch, offen gesagt, seineGemeinde nach ihren Verhältnissen keine Schuld hatte, wenig von Außen ermuntert, von ganz gewöhnlichen Arbeiten zu aller Zeit in Anspruch genommen, hat sein Geist nie die Schwungkraft verloren, nie das Denken verlernt, nie die Freude und den Genuß an den Erzeugnissen der Literatur aufgegeben; ich erinnere mich noch mit Entzücken, wie kurz vor dem Erlöschen feines einen Auges, Wolf mir und einigen andern Schülern die sY'-tf Wessely's begeistert vertrug, wogegen der vierzehnjährige Knabe ihm auf seinem Krankenlager noch deutsche belletristische Schriften vorlas, die ihn fesselten und erheiterten. Welche Anfpruchlosigkeit, welche Sanftmuth und Milde, welch' gediegenes Wissen und bei welcher Carriers! Zu Dessau vor ungefähr 70 Jahren geboren, bald als Bachur, bald als Comtorist in Berlin, endlich Lehrer an der Franzschule und Prediger der israel. Gemeinde zu Dessau. So hatte er, wie die meisten damaligen jüdischen Gelehrten, Alles sich selbst und dem nicht zu entmuthigenden Drange nach geistiger Bildung zu danken. Und keine Titel und Sinecuren hatte er zu erwarten und zu verlangen, kein Ordensband zu hoffen, keine Pension für sein Alter, keine Beförderung für seine Kinder — und dennoch war sein Leben der Jugend, der Armuth, der Gemeinde, der Literatur und der Religion gewidmet, und er betete stets für seinen Fürsten und sein Vaterland mit wahrer Inbrunst!-Wolf war Meister in der Muttersprache, Gelehrter im jüdisch-theologischen und literarischen Fache, gründlicher Kenner der französischen Sprache, hatte einige Kenntniß des Lateinischen, und war in allen Hülfswissenschaften sehr bewandert. Er hat die Uebersetzung und deir hebräischen Commentar zu Micha, Habakuk, Obadja und Zephanja in ‘ras? v*in meines Vaters, die Uebersetzung des Daniel, zu welchem mein Vater den hebräischen Commentar gearbeitet, geliefert. Er har mit Salomon das Elementarbuch und den Charakter des Judenthums verfaßt. Seine ersten 12 Predigten gab er in deutscher und hebräischer Uebersetzung heraus. Er hat mit Fränkel die Sulamit begründet, und mehrere Aufsätze darin geliefert. Außerdem sind viele Predigten einzeln erschienen. Der einzige Akt der öffentlichen Anerkennung, der ihm ward, war— ein Grabstein, von seiner Gemeinde ihm gesetzt. Von diesem Manne wird uns hier eine kleine Nachlese von Predigten, nämlich eine am Purim-, am Passa-, Schebuotfeste, am Kol-Nidre-Abend, am Laubhüttenfeste und eine Sabbatpredigt, geboten. Wir halten es für eine Versündigung, noch ein Wort über ihren Werth hinzuzufügen. (Fortsetzung folgt.)