Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Journal
- Literarisches und homiletisches Beiblatt
- Volume
- I (1838)
- Issue
- 26 (8.9.1838)
- Date
- 1838-09-08
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Litarische Correspondenz. Aus Brody. Ueber einige neuere hebräische Dichter. —. Sie, in Deutschland, glauben gar nicht, 'wie wir in Polen, Galizien und Rußland von den wässrigen Produkten der hebräischen Dichterlinge überschwemmt werden, Produkte, die, danken Sie dem Herrn dafürwol selten sich zu Ihnen verirren. Die alberne Sucht zu glänzen, Sensation zu machen, der leidige Neid auf die Besseren und Geistesreicheren, diese sind oft die alleinige Vokation, den Parnaß zu besteigen. Eö giebt zwar Manche, die da glauben, die ihrem Vorgeben nach gesunkene hebr. Poesie durch ihren Singsang wieder auf die Beine zu helfen, aber sie gleichen dem Bären in der Fabel, der, die Fliege von der Stirn des schlafenden Freundes zu entfernen, ihm im Eifer den Hinschädel zerschlägt und den Garaus macht. — Das geschmacklose Germanisiren, das Anpassen fremder Formen und Phrasen, das Einzwängen in deutschen Eigenheiten, das Construiren divergirender Worte und Redensarten: welcher wahre Verehrer der hebräischen Poesie könnte gleichgiltig dabei bleiben? Allerdings hat eine.dichterische Notabilitat dazu den Impuls, gegeben. In seiner Jugend riß ihn der schöpferische Strom, der in seiner Brust fluthete,' dahin, den Damm durchbrach er, und die Ueberschwemmung folgte. Aber er hat seine Verirrung eingesehen, er hat die Gallo- und Germanomanie wieder von sich gewiesen, und fein letztes Werk zeigt, daß er die Kraft besaß, Herr seiner Fehler zu werden. Aber wer thut es ihm nun nach? Der Erste, in welchem der Meister einen Nachahmer seiner Schwächen fand, war Herr N. I. Fischmann, der im Jahre 1827 'eine Sammlung Gedichte unter dem Titel veröffentlichte, mit denen allerdings die Kritik'sich nicht beschäftigen mag. In den Flugblättern Ndri'iN hat er die Krone spießbürgerlicher Insulten und Injurien errungen, und feiert einen wahrhaften Triumph der Niedrigkeit mit seinen Genossen. — Neben ihm paradirt Herr Z. Landau aus Wilna durch seine Gedichte und Briefe -isia die Muster sein können, wie man solche nicht machen soll. Jndeß dringt doch manche schöne Blüthe mitten durch daS Unkrauts und wir wollen uns ihrer freuen. Vermag doch das Mittelmäßige und Schlechte nie, das Schöne ganz zu verdrängen. Ich freue mich, insonders hier einen mit Unrecht unbekannden Namen an's Licht ziehen zu können, und ein Werk den Freunten der hebr. Poesie empfehlen zu können, das der Verbreitung würdig ist. Es ist eine Gedichtsammlung, QT-pm (Lemberg 1834), eines Mannes, der zu früh der Kunst entrissen worden, deS 1788 zu Samosz geb. und 1837 zu Brody verst. L. Kinderfreund. Eleganz, Gediegenheit, herrliche Versification und Natürlichkeit finden sich hier vereint. Eine Skizze seines Lebens und Wirkens wird j/n NUN enthalten. Eine untergeordnetere Stelle nimmt Herr I. Eichen bäum in Odeffa ein, dessen jrrittT Vrp in dieser Zeitung schon eineBeurtheilung fand. Ihm nicht gleich, aber doch nicht ohne Vorzüge, steht M. Strelisker aus Brody, dessen in den Jahrgängen der zerstreute Gedichte, wie auch Gelegenheitsgedichte sich sehr gut lesen lassen. Seine Uebersetzungen verdienen Beachtung; seine eigenen Geistesprodukte viel weniger. Er wird nächstens eine Sammlung seiner Gedichte ediren. Einen jungen Dichter will ich nicht übergehen, Namens A. B. Gottlober, dessen Gedichte in Josefof 1837 die Presse verlassen. Zwar gehen ihnen viele gute Eigenschaften ab, da er sie aber selbst als Frühlingsblüthen zu betrachten bittet, so muß man nachsichtig sein. Im 23. Gedichte aber reimt er jn.TT"i trni":, was soll das heißen? der bekannte Reim des H. I. B. Schlesinger „Zucker" mit scheint ihm vorgeschwebt zu haben, und doch ist dieser noch eher zu entschuldigen. Nebenher erklärt dieser Dichter auch aller Prosodie den Krieg. Aus Hamburg. Vorläufiger Bericht über das Buch Tarschisch (©“’imnrt *150) von Moses ben Esra *), mitgetheilt von Leopold Dukes. t —. Es ist ein großer Schmerz, der edlere Seelen tief berührt, wenn man indem Rittersaale der Literatur umherwandelt, und aus den aufgehängten Schilden den Namen manches wackern Kämpen lieft, der in seiner Zeit durch Geist und Kraft, durch edeles Streben glänzte, an dessen Fackel viele Zeitgenossen ihre Lämplein entzündeten, und der nun, von einer späten Nachwelt vergessen, kaum dem Namen nach gekannt ist. Dieses Vergessen wird oft zwar durch das Produkt selbst gerechtfertigt, wie es denn oft der Fall ist, daß Zeitgenossen überschätzen, und geblendet durch den Glanz des Autors, welchen Glück und äußere Bedingungen mehr hoben als sein innerer Werth, das Werk um einige Stufen höher stellen, als es die prüfende Nachwelt — welcher der Star jeglicher Verblendung gestochen ist — lhun kann. Dieses Vergessenwerden hat aber auch bisweilen noch andre Ursachen, wovon weder Autoren noch Nachwelt die Schuld tragen, sondern zufällige Umstände. Die meisten Werke, die vor der Erfindung der Buchdruckerei geschrieben wurden, besonders je höher es hinaufgeht, sind beinah sämmtlich nur durch gewisse Zufälle auf die Nachwelt gekommen, da daS Vervielfältigen derselben nicht so schnell und nicht so wohlfeil bewerkstelligt werden konnte, als eS jetzt durch den Druck geschieht. Wenn ein Zufall bei einigen einzelnen Bücherliebhabern ein Buch vernichtete, so war es oft um die ganze Existenz desselben geschehen, wenn es den Literatoren nur einige Jahrzehende aus den Augen kam. Viele Geistesprodukte einer vergangnen Zeit sind auf diese Weise auf immer verloren gegangen. Doch mag es nicht selten der Fall sein, daß manches Geisteskind noch in irgend einer Bibliothekskatakombe schmachtet, und seine Auferstehung von dem Liebesrufe eines Sachkundigen erwartet, der es für das erkennt, was es wirklich ist. Das Gesagte gilt hauptsächlich von der orientalischen Literatur im Allgemeinen, aber ganz besonders von der hebräischen. Viele europäische Büchersäle enthalten Schatze von hebräischen Werken, die durch Kataloge bekannt sind, aber höchstens dem Namen und gänzlich äußerm Signalement nach; raisonnirende Kataloge mit Auszügen aus den Werken, wo daS Innere derselben dem Leser, und besonders dem Geschichtsforscher entgegentreten soll, fehlen noch gänzlich. Unter anderen Büchern, die das Unglück hatten, der Welt gänzlich verborgen zu bleiben, und in einer finstern Handschriftenkammer zu stehen, von dessen Inhalt der Bibliothekar eben so wenig wußte, als die schweinsledern Tafeln, die daS Buch zunächst umgaben, und seine beständige Gesellschaft ausmachten — heben wir heute Eines hervor, welches näher zu bezeichnen, wir eben auf einige Augenblicke uns die Aufmerksamkeit des Lesers erbitten wollen. — (Fortsetzung folgt.) *) Wir hoffen, bald Gelegenheit zu finden, das Leben und die lite» rar. Wirksamkeit dieses in vieler Beziehung ausgezeichneten ManneS ausführlich gearbeitet, den Lesern vorlegen zu können. —, D. Corr. Rcdacreur: Dr. L. Philippson. - Verlag von Baumgärtners Bnchhan-luug. — Druck von I. B. Hirschfeld.