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Literarisches und homiletisches Beiblatt · 1838-11-03 · 32 (3.11.1838) · p. Seite 129

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Journal
Literarisches und homiletisches Beiblatt
Volume
I (1838)
Issue
32 (3.11.1838)
Date
1838-11-03
Page
Seite 129 (sequence 3)
Language
German
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129 Gleichniß ausdauernder und treuloser Freundschaft; der stete Wechsel von Höhe und Thal durch das ganze Land, die lieblichsten Oasen mitten in Wüsteneien (wie Jericho) — dies Alles und so vieles Andere noch, stand als ein ewiger,, wahrster Parallelismus dem erstaunten Dichter vor Augen. Und mit welcher Fülle stets frischer Gemälde, stets neuer Wendungen und Gleichnisse durchdringt diese Natur alle Schriften der Hebräer! Der Dichter weiß nicht zu endigen, Gedanke auf .Gedanken, Bild auf Bild bietet sich seinem begeisterten Seherblkcke dar, und er stellt sie, um diesen wundervollen Reichthum zu verwenden, in allen Formen des Parallelismus einander gegenüber. Die erhabenste endlich, dem Hebräer bis zum Untergänge seines anderthalb-tausendjährigen Reiches so allein gehörende, Eigenthümlichkeit seiner Poesie ist die Verbindung aller dieser Erscheinungen der Natur zu einem Ganzen, die richtige Austastung ihrer vielfachen Beziehungen zu einer Grundursache der Dinge, zu Einem höchsten Wesen, das Alles schuf und leitet. Als Monotheist betrachtete der hebräische Dichter den Wechsel des irdischen Lebens, die stürmenden Gewalten der Natur wie den sanften Gang ihrer ewigen Gefttze. Alles ward ihm beredt zum Lobe des Einen Gottes, der sich seinen Vätern offenbart. Zu Gott sprachen die jungen Löwen, wenn sie um Nahrung brüllen und er verstehet ihre Sprache und giebt ihnen daß sie des Guten satt werden. Von ihm predigen die Himmel, und ihre weite Wölbung erzählt von seinen Thaten. Dies führte selbst wieder einen Parallelismus herbei, den erhabensten, den göttlichsten welchen es geben kann, den Parallelismus zwischen der Schöpfung und ihrem Schöpfer! Wie groß auch die Schöpfung sei, wie herrlich ihre Werke, bei denen die andern Völker qnbetend stehen blieben, sie ist doch nur der Schämet am Throne des Gewaltigen, zu dem von ihr der Hebräer sich im Geiste emporhob: Sah ich die Sonne wie sie leuchtete, Den Mond, wie er freundlich wallet, Und ließ sich heimlich verleiten mein Herz, Daß ich vor ihnen angebetet — Auch dies wäc' Hochverrath, Denn ich verläugnete Gott da Droben!*) oder: Es erheben die Ströme, Ewiger! Es erheben die Ström' ihre Stimme. Laß erheben die Ström' ihr Brausen! Ueber den Stimmen der großen Wasser, ") Hiob 31, 26 ff. Den majestätischen Wogen des Meeres — Ist majestätisch in der Höhe Gott!*) Und so preisen alle Bücher der Schrift in hundertfältigem Hallelujah den Gedanken des höchsten Parallelismus, den die größten Weisen des Alterthums verfehlten: Er spricht — es wird! Er gebeut — es stehet!**) Ein solcher Anblick aller Dinge im Gedanken an Gott gab der hebräischen Poesie diese Kraft der Wahrheit, diese heilige Vollendung, diese ewige Gewalt über das Herz, der kein Volk und kein Jahrtausend widerstehen konnte. Der nächste Lohn dieses richtigen Auffastens der Schöpfung war das Gefühl von der Würde des Menschen, den die Liebe Gottes zu seinem eigenen Ebenbilde erkoren. Und so ward nun dieser Liebling des Schöpfers, dem Anscheine nach so klein und doch höher als jene großen aber vernunftlosen Werke der Natur, die er, so weit sie in sein Bereich gehörte, beherrschen sollte, so ward er selbst dem Dichter das Mittelglied in jenem erhabenen Parallelismus Gottes und seiner -Welten: Seh' ich den Himmel deiner Finger Werk, Mond und Sterne, die du bildetest — Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest. Der Menschensohn, daß du auf ihn achtest! Daß du ihn wenig Gott hast nachgesetzet Und mit Ehr' und Glanz ihn kröntest, Ihn herrschen löstest über deiner Hände Werk Und Alles legtest ihm zu Füßen!***) Und in wie schönen Gleichnissen führt der Hebräer, wiewol aus dem thieranbetenden Aegypten hervorgegangen, diesen Parallelismus zwischen dem Menschen und der ihm untergeordneten Natur durch! Die Nacht ist es, nach der großartigen Schilderung des 104. Psalms, in welcher die jungen Löwen und alle Thiere des Waldes von Gott ihre Speise fordern und ihre Ansprüche an seine Fürsorge geltend zu machen wagen, aber ehrfurchtsvoll und schweigend ziehen sie fick zurück, so bald der Mensch auf den Schauplatz seiner Thätigkeit tritt: Die Sonne geht auf, sie zieh'n sich zurück. Und strecken sich nieder in ihren Höhlen; Es geht der Mensch an sein Werk Und an seine Arbeit, bis zum Abend! ») Ps. 93, 2 ff. **) Ps. 33, 9. Mt) Ps. 8, 4 ff.

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