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Literarisches und homiletisches Beiblatt · 1838-11-03 · 32 (3.11.1838) · p. Seite 128

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Journal
Literarisches und homiletisches Beiblatt
Volume
I (1838)
Issue
32 (3.11.1838)
Date
1838-11-03
Page
Seite 128 (sequence 2)
Language
German
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128 dürste man wol kaum irren, wenn man hierbei an das Hirtenleben denkt. Die sanfte Fröhlichkeit, wie sie zur Ausbildung dieser Künste gehörte, konnte sich früh nur bei der freien, leichten Lebensweise des Hirten finden. Der Jäger war zu unstät und wild und der Landmann zu sehr an den Boden gedrückt, den er bearbeitete. „Dieser wird uns ein Trost sein" sagt Lamech bei der Geburt des Noah, „bei unserer Mühe und schwerer Händearbeit, bei dem Boden dem Gott geflucht" Eine solche Stimmung war jenen Künsten nicht günstig. Derselbe Druck des Gemüthes tritt auch schon bei Kain, dem ersten Ackersmann hervor, und ihm gegenüber stehet Abel, ein edler Hirte. Und so war auch Jubal, der Erfinder der Musik, der Bruder des ersten wandernden Nomaden, gleichwie später der Hirte David ein so vortrefflicher Sänger war. Wir wissen wol, daß man in einigen dieser biblischen Angaben System finden wollte; aber sei dem wie ihm wolle, so ist dies gewiß, daß gerade bei Völkern, die aus dem Hirtenleben hervorgingen, den Hebräern und Arabern, Dichtkunst so früh geübt wurde und einen so hohen Aufschwung nahm, und es ist bekannt, daß nach der Sage der Griechen Apollo'selbst Hirte war und zunächst unter Hirten auftrat. Bei dem unsrkgen, abgeschlossenen Hirtenleben bildet sich aber zunächst auch jener Hang nach Geselligkeit, der, in einer so harmlosen, reinen Gestalt, in dem geräuschvollen Leben mannigfach zerstreueter Städter sich nie erzeugen konnte. Aus diesem Sinne für Geselligkeit entwickelte sich eine der edelsten Tugenden, die Gastfreundschaft, in welcher Abraham als Muster dastehet, wegen deren schändlicher Verletzung einmal das ganze Volk der Hebräer aufstand (Nicht. 19—21.) und die von jeher am meisten unter Hirtenvölkern und namentlich bis auf den heutigen Tag bei dem freien Arabischen Hirten geübt wurde. So wie nun alle Vergnügungen des Hirten, begünstiget von einem arbeitslosen Leben im Freien und in einer milden Temperatur, die er mit seinen Heerden aussuchen mußte, gesellig wurden, so mußten diese geselligen Verhältnisse für Musik und Dichtkunst nicht allein im Allgemeinen günstig sein, sondern auch die Form bestimmen, in der diese Künste auftraten und dies waren wol schon früh Chorgesang (in Verbindung mit Tanz) und wechselnde Gesänge. Hierdurch nun war zugleich der Parallelismus gegeben, als die natürlichste Form jedes Wechsel- und Wettgesanges. Dieses gesellige Princip, wenn man so sagen darf, im Liede, in der Rede, ja in der Auffassung jedes Lautes in der Natur, spricht sich deutlich aus in dem vielfältigen Gebrauche des Wortes wy entgegnen (sowol vom Ersten als Zweiten der Redenden). Seine natürlichste Anwendung erhielt dies Wort bei wirklichen Wechselgesängen, wie 2 Mos. 15, 21. wo Frauen- und Männer-Chöre einander im Triumphliede antworteten (‘itap'ttrm^N), eben so bei der Wechselrede z. B. durch das ganze Buch Hiob, wo jeder der Redner mit eingeführt wird, weil jede dieser Reden einer zu erwartenden Erwiederung enlgegenstehet. Aber auch von Gott wird es gebraucht, der dem Betenden antwortet durch die That, indem er ihm hilft; das Rufen der Kämpfenden wird mit demselben Worte bezeichnet, weil man hier in einem natürlichen Parallelismus (wie er noch in jeder unserer Schlachtmusi'ken hervortritt) das Geschrei der Sieger und die Klagen der Besiegten oder Verwundeten (^"n^a nw bip und nillibn Vip 2 Mos. 32, 18.) einander gegenüberstellte. Ja selbst vom Geheul der Thiere in verödeten Palästen wird gebraucht (Jes. 13, 22.), sei es nun, daß man hier an den wechselnden Ruf der Thiere selbst dachte, oder an den Wiederhall der ihnen von den öden Wänden her antwortete. Ueberall suchte und vernahm der gemüthvolle Orientale Geselligkeit und dieser Parallelismus, aus den Wettgesangen des geselligen Hirtenlebens hecvorgegangen, erhielt sich nun als bleibendes Gepräge der hebräischen Poesie; .denn auch der einsame Dichter lauschte gleichsam bei jedem Tone seines Liedes auf Antwort und ward ihm diese nicht, so antwortete er sich selbst im wiederholenden, bekräftigenden Parallelismus. Diese Form der Dichtkunst ward nun im Lande dev Hebräer außerordentlich begünstiget durch die umgebende Natur, welche überall die außerordentlichsten Erscheinungen und die wunderbarsten Gegensätze darbot und so die mannigfachste Veranlassung zu Bild und Gleichniß gab. Im Westen des Landes die weiten Gewässer des Meeres und ihnen gegenüber im Osten die unermeßliche Dürre der Wüste; im Norden die süßen, fischreichen Wasser, die paradiesische Landschaft des vom Jordan durchströmten See's Kinneret, und gegenüber im Süden der Erguß desselben Flusses in die tobte Oede des Salzmeeres, mit seiner Einfassung von schwarzen, wie verbrannten, Gebirgen; dort der Carmel mit seinen reizenden Thälern, in dessen freundlicher Einsamkeit Elias und Pythagoras weilten, und im Süden die steilen, nackten Klippen des grauenvollen Judäischen Gebirges, welches von den Klagen des gejagten David wiederhallt; der lachende Garisi'm mit seinen Gärten bis zur Spitze und ihm gegenüber der kahle, unfruchtbare Ebal, die Zeugen und lebendigsten Bilder des Segens und Fluches, welche hier, in einer der großartigsten Feierlichkeiten, über Sittenreinheit und Missethat ausgesprochen wurden: die starken, stets fließenden und die, diesem Lande so eigenthümlichen, schwindenden Bäche, dies so passend gebrauchte *7# Ml U «.'..firvi* »TT-

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