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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-03-01 · 16 (März-April 1935) · p. Seite 30

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
16 (März-April 1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 30 (sequence 32)
Language
German
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VON MONAT ZU MONAT T. G. Masaryk. Der 85. Geburtstag des Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik hat einen Tag lang die ganze Menschheit, so zerrissen sie gerade in unserer Zeit sonst zu sein pflegt, geeint. Man denkt mit deutlicher Freude an einem solchen Tag eines allüberall hochgeachteten Menschen, dessen Größe als Staatsmann, als Gelehrter und Philosoph und als sprachenkundiger Weltmann völlig unbestritten geworden ist. Was diese hochragende Persönlichkeit aber auszeichnet, was sie über den Rahmen hochpolitischer Feiertage hinaushebt, ist das Lebensschicksal dieses Mannes, das aus einfachsten Verhältnissen herausgewachsen war, einen Gelehrten großen Formates werden ließ, das den Gelehrten aus innerstem Antrieb ins politische Leben stellte und den Politiker gerade als Charakterfigur in den Mittelpunkt rückte. Uns Juden steht Masaryk deshalb menschlich besonders nahe, weil er nicht nur einmal, aber in auffallender Weise anläßlich des Polnaer Ritualmordprozesses sein Gerechtigkeitsstreben zugunsten der Juden mit vollgespannfer Energie, nicht nur wohlwollend, sondern eindeutig, wie es seine Art ist, zuwandte. Ihn führte hier wie anderwärts sein Wahlspruch: Die Wahrheit siegt. Solche Männer stehen über den Parteien und Ereignissen, sie sind Wahrzeichen, an denen sich die kämpfende Menschheit aufrichten kann, wenn sie einig und geschlossen einer solchen Persönlichkeit gedenkt. * * * Die italienische Regierung ernannte den Oberrabbiner Prof. Davido Prato zum Großoffizier des Ordens der Krone Italiens. Der Garnisonchef der bulgarischen Provinzstadf Haskowo hat für die jüdischen Arbeitslosen eine spezielle rituelle Küche einrichten lassen. Im brasilianischen Parlament wurde ein Gesefzesvorschlag eingebracht, der die antisemitische Hetze eindämmen soll. La Wilna wurde ein Bombenanschlag gegen die jüdische Druckerei Heller verübt. Der Fonds aus dem Nachlaß des in Portland verstorbenen Philanthropen Benjamin B 1 u m a u e r übergab 10.000 Dollar der Hebräischen Universität. In Novisad wurden 16 Leute wegen Verbreitung eines Ritualmordmärchens mit 20, bzw. 24 Tagen bestraft. Der Sohn des ungarischen Reichsverwesers Nikolaus von Horthy jun. besuchte eine jüdische Veranstaltung und verteilte an die siegreichen Mitglieder eines jüdischen Fechtvereines Ehrenpreise. Der argentinischen Polizei gelang es, eine geheime antisemitische Terrororganisafion aufzudecken und die Rädelsführer zu verhaften. Die Konferenz der jüdischen Chemiker Polens verlangt die Schaffung einer chemischen Fakultät an der Hebräischen Universität. Fünf Studenten wurden vom Wilnaer Gericht wegen eines Attentates auf die Synagoge und wegen Raubmordes an einer Greisin zu Strafen von 1—5 Jahren verurteilt. Die Weifkonferenz der Sephardischen Juden wird im Mai 1935 in London unter Vorsitz von Sir Francis Montefiore tagen. An der New-Yorker Universität wird ein Lektorat für hebräische Sprache und Literatur errichtet. Der Stadtrat von Tel-Äviv hat beschlossen, Oberrabbiner K u k aus Anlaß seines 70. Geburtstages zum Ehrenbürger zu ernennen. Der jüdische Flieger Heinz Kissin verunglückte tödlich. Die erste Weifkonferenz der jüdischen Kriegsteilnehmerverbände wird im Mai 1935 in Frankreich stattfinden. Justizminister Henrich hat den jüdischen Rechtsanwalt Rene Dudesheim zum Generalsekretär des belgischen Justizministeriums ernannt. Professor Dr. Michael Berkowitz, der gewesene hebräische Sekretär Theodor Herzls, ein bekannter Wissenschaftler und Schriftsteller, feierte den siebzigsten Geburtstag. Gegen das antisemitische Organ „Bund nationalsozialistischer Eidgenossen" hat der Schweizer Regierungsrat wegen „einer äußerst schmutzigen Sprache" die Präventivzensur verhängt. Tel-Äviv zählt laut amtlicher Schätzung gegenwärtig 120.000 Einwohner. In Algerien fanden neuerlich antijüdische Ausschreitungen statt. Für die türkischen Juden wurde Dr. Abravaja in die türkische Kammer gewählt. Der Proßnif zer Großrabbiner Dr. Goldschmidt, einer der bekanntesten Rabbiner in der Tschechoslowakei, starb an Herzschlag. Die spanische Regierung hat drei Preise für die besten Werke über Maimonides (Bamham) ausgeschrieben. Der Präsident der zionistischen Organisation, Dr. N. Sokolow, wurde vom Präsidenten der französischen Republik L e b r u n in längerer Audienz empfangen. Dr. David Feuchtwang, Oberrabbiner von Wien, wurde vom Bundespräsidenten mit dem Offizierskreuz des österreichischen Verdienstordens ausgezeichnet. In Tripolis wurde über Initiative des Gouverneurs Marschall Italo B a 1 b o eine jüdische Goldschmiedeschule eröffnet. An der Leningrader Universität wurde der berühmte jüdische Arktisforscher, Prof. Boris Samoilowitsch, zum Leiter der neuen Fakultät für Polarwesen ernannt. Anläßlich des 85. Geburtstages des Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik, Thomas G. Masaryk, wurde in der Tschechoslowakischen Republik eine zionistische Aktion „Erlösung des Bodens für Kfar Masaryk" durchgeführt. Das städtische Museum in Tel-Äviv bereitet für den jüngst verstorbenen Maler Prof. Max Liebermann eine Gedächtnisausstellung vor. Der jüdische Weltkongreß, der im Jahre 1935 tagen sollte, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Der 50. Todestag des hebräischen Schriftstellers und Dichters Perez Smolensky gab der jüdischen Presse Anlaß zu einer Würdigung seiner Verdienste um die Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Die Firma Deby and Co. in London hat dem Radiuminstifuf Hadassah in Jerusalem eine kleine Menge Radium zur Verfügung gestellt. Der spanische Staatspräsident wird bei der Maimonides- Feier in Madrid die offizielle Eröffnungsrede halfen. Herzls „Judensfaat" ist in Budapest in Esperanto erschienen. Die Stadtverwaltung von Riga stellte in ihr Budget eine Subvention von 10.000 Dollar für jüdische Einrichtungen ein. Große Sabbathschutzkundgebungen wurden in Tel-Äviv veranstaltet, um der zunehmenden Sabbathentweihung zu begegnen. Der Oberrabbiner von Rom, Ängelo Sacerdoti, starb im Alter von 51 Jahren. Sacerdoti hatte beim König und bei Mussolini besonderes Ansehen und mit ihm verliert das italienische Judentum, wie auch das Weltjudenfum, einen seiner interessantesten Köpfe. Der „Weifverband für hebräische Sprache und Kultur" hat beschlossen, auf den Namen Ch. N. Bialiks einen Fonds für hebräische Kultur zu schaffen. Der hebräische Dichter Saul Tschernichowski wurde zum Ehrenmitglied des Pen-Klubs gewählt. 30

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