Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 24 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdischer Angestelltenverband Wien I., Biberstraße 17 bietet Vorträge, Unter- _ richtskurse, Bibliothek, ^^^^^^^mmmlll'l^^^^^^m geselligeVeranstaltungen Kostenlose Stellenvermittlung - Geringer Mitgliedsbeitrag - Wir bitten die Leser dieses Blattes um Bekanntgabe freier Stellen Das jähe Hinscheiden meines Vaters änderte mein Leben vollkommen. Vom Oktober 1881 an wurde ich von einer Frau erzogen, oder besser gesagt von Frauen. Kurz nach dem Tode ihres Gatten warf ein chronisches Leiden meine Mutter auf das Krankenlager und machte es ihr über zwölf Jahre unmöglich, sich persönlich mit der Erziehung ihrer Kinder zu befassen. Da schmerzhafte Anfälle sie oft wochenlang an ihr Schlafzimmer und an das Bett fesselten, mußte sie die Leitung der Nursery und der beiden Studierzimmer bezahlten Fremden überlassen, und zwar zwei englischen Bonnen und einer deutschen Erzieherin. Später wurden dann noch ziemlich wahllos ausgesuchte drei Hofmeister diesem weiblichen Generalstab beigeordnet, der etwa zwölf Jahre lang eine uneingeschränkte Autorität ausübte, die sich zu vollkommener Alleinherrschaft auswuchs. Auf Grund derartig seltsamer Verfügungen der Familie konnte ich mir in keiner Lebenslage und dies beinahe bis zu meiner Großjährigkeit, bei einem verläßlichen Manne Rat holen, der imstande gewesen wäre, mich in dem kritischen Alter zu leiten, in dem die jungen Leute der Ueberwachung der Mutter entwachsen, so zärtlich und klug sie auch sein mag. Auf diese Art waren wir, meine Schwester und ich, trotz der Privilegien, die Familie und Vermögen sonst zu verleihen pflegen, dazu verdammt, während unserer Kindheit und reiferen Jugend in fast völliger Isolierung unter der Aufsicht von in Vorurteilen und überholten Ueberlieferungen befangenen Leibgardisten in Unterröcken zu leben, die in allen Punkten von ganz anderen Gefühlen geleitet waren als mein Vater und meine nächsten Angehörigen. Ganz wenige Wochen nach dem Tode meines Vaters wurde ich dem Fräulein Mina anvertraut. Die Erzieherin erhielt von meiner damals bereits sehr leidenden Mutter uneingeschränkte Vollmacht, das Programm meiner Erziehung und meiner Studien nach Gutdünken zu entwerfen und durchzuführen. Der Unterricht, den die junge Dame mir in der deutschen Sprache erteilte, wurde durch Geschichts-, Geographie-, Religions- und Englischstunden ergänzt. Zu Besuchet das Etife-Kaffeefiaus_ CHT* beliebt und bekannt in Europa TL Ä © IR IE © Jurisiceva 18. Tel. 38-12 diesem Zwecke vertraute man mich unter den Universitätsprofessoren ausgewählten Lehrern an, die mein Cerberus im Unterrock in bezug auf „Moral und gutes Benehmen" zu überwachen hatte. Infolge der Krankheit meiner Mutter übte Fräulein Mina völlig unkontrolliert und wie ein Ministerpräsident, der über absolute Macht verfügt: und dessen Verfügungen unantastbar sind, über zehn Jahre lang ihre beängstigende Diktatur nach Gutdünken aus. Drei- bis viermal in der Woche führte die Erzieherin mich zu meiner Mutter, wenn sie zwischen zwei Anfällen etwas zur Ruhe gekommen war. Während der wenigen Minuten, die dieser Besuch dauerte, wurde mir Schweigen zur Pflicht gemacht und nur das Fräulein durfte das Wort ergreifen. Sie erstattete oberflächlichen Bericht über meine Gesundheit, meine Zeiteinteilung und meine Fortschritte. Diese vorbereiteten Berichte waren übertrieben optimistisch gefärbt, um in meiner Mutter auch nicht die winzigste Besorgnis aufkommen zu lassen. Nach dem „offiziellen Communique" war das Fräulein stets zufrieden, und ihre Schüler immer brav und gesund, während die. Erzieherin in der Nursery ständig schimpfte, tobte und gegen jeden Einzelnen in ihrer Umgebung separat loszog. Niemandem aber wäre es eingefallen, diese Lügen, so kraß sie waren, zu verurteilen; beglückten sie doch das Herz einer sorgenvollen, kranken Mutter und sicherten die Ruhe und den Frieden der deutschen Megäre. Von Zeit zu Zeit, aber selten genug, wurde auch die englische Bonne bei der Baronin vorgelassen. Die Machenschaften des Fräuleins waren derartige, daß die Befugnisse der Nurse sehr bald zu einer bloßen Komparsenrolle zusammenschrumpften. Aus lauter Angst begnügte sich Miß Sarah trotz der erhaltenen Instruktionen damit, das, wenn auch etwas phantastische oder ganz aus der Luft gegriffene Communique ihrer Vorgesetzten zu bestätigen. Die Autokratie der deutschen Erzieherin, welche geradezu in Terrorismus ausartete, erstreckte sich bald auf das ganze Haus, Dienstpersonal, Lieferanten, Freunde des Hauses und Familienangehörige. Es war während der ganzen folgenden Jahre eine regelrechte Diktatur, wie sie kaum noch ein zweites Mal in der Geschichte der heutigen Gesellschaft vorgekommen sein dürfte. Bis 1889 regierte die deutsche Erzieherin als oberste Herrin unter unserem Familiendach, wo sie selbst die liclitscheuesten Waffen, wie Verstellung, Betrug und Lüge, in den Dienst ihres brennenden Ehrgeizes stellte. Für meine Schwester und mich, ebenso wie für die Dienerschaft und die der Familie Nahestehenden wurde das Leben nachgerade zur Hölle, während meine in ihre Einsamkeit verbannte Mutter niemals von den widerliehen Umtrieben ihres Premierministers das Geringste ahnte und nicht wußte, auf welch skandalöse Weise ihr „liebes Fräulein" sich ihr Vertrauen und ihre überquellende Dankbarkeit erschlich. (Deutsch von Rose Richter.) 24