Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 23 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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vornherein im Hause oder in einem praktischen (gewerblichen oder kaufmännischen) Beruf besser angewendet wären. Das Anwachsen eines geistigen Proletariats unter der weiblichen jüdischen Jugend kann nur vermieden werden, wenn die Auslese wieder, wie es vor Beginn der Frauenbewegung war, nach strengeren Grundsätzen vorgenommen wird. Mit dem gesellschaftlichen Vorurteil, daß nur ein Beruf geistiger Richtung für die Abkömmlinge einer gebildeten jüdischen Familie standesgemäß sei, muß gebrochen werden. Die Ueberwertung geistiger Berufe und die Hand in Hand damit gehende gesellschaftliche Unterschätzung der Angehörigen anderer Berufe kann nur beseitigt werden, wenn auch die Angehörigen geistiger Berufe sich entschließen, die Zugehörigkeit zum akademischen Stand nicht für ein erbliches Privileg zu halten, sondern der jüngeren Generation freie Entwicklungsmöglichkeit für jeden Beruf lassen, der ihren Fähigkeiten entspricht. Das gilt natürlich sowohl für die männliche als auch für die weibliche Nachkommenschaft. Die Tochter eines Rechtsanwalts kann eine gute Hausgehilfin werden, ohne daß der Vater deshalb aus allen Himmeln zu fallen braucht, genau so wie der Sohn eines Arztes Handwerker oder Landarbeiter werden kann, ohne als Entgleister betrachtet zu werden. Ein Sinken des geistigen Niveaus des Judentums braucht man von einer beruflichen Umschichtung nicht zu befürchten, denn nicht der Beruf formt den Geist, sondern der Geist den Beruf. Der Augengläser schleifende Philosoph Spinoza bleibt ein ewiges Symbol für die Vereinbarkeit von hoher Geistigkeit auch Meinl 'Xaffee mit handwerklicher Tätigkeit. Erst wenn die beruflichen Klassenvorurteile gefallen sind, wird sich auch im Judentum eine Berufsschichümg durchführen lassen, die Härten, wie sie heute vorkommen, nach Möglichkeit vermeidet. Dazu wird es natürlich auch notwendig seih, daß jüdische Eltern nicht nur die männliche, sondern auch die weibliche Jugend frühzeitig auch mit jenen rational-jüdischen Bildungselementen vertraut machen, die ihr den Weg nach Palästina erleichtern können. Hoffentlich werden wir es dann wenigstens nach einer Reihe von Jahren erleben, daß es im Judentum nicht mehr so viele Heimkehrer aus geistigen Berufen geben wird, die bei ihrer Umstellung an verschlossene Pforten pochen müssen. ,SmUein" Aus der Kinderstube der Rothschilds von Henri de Rothschild Versailles ..., 26. Juli 1881. Es hat 12 Uhr mittags geschlagen. Das Frühstück ist serviert. Wir begeben uns in das Speisezimmer, das im ersten Stock eines Landhauses liegt, welches mein Vater für den Sommer gemietet hat. In der Mitte des Tisches prangt eine Schokoladetorte, sehr bestaunt von allen Anwesenden, meiner Schwester und mir und dem Personal der Nursery; erstens wegen ihrer ungewöhnlichen Größe und) Ueppigkeit, aber auch ob der kranzförmigen Anordnung von neun rosenroten und hellblauen Kerzchen, welche die gute Engländerin zur Feier der neunten Wiederkehr meines Geburtstages angezündet hat. Diese Mahlzeit im Familienkreis ist das letzte fröhliche Ereignis meiner Kindheit.... Ende September übersiedeln wir von Versailles weg; unsere Penaten werden nach der Abtei von Vaux de Cernay übertragen, der Besitzung meiner Großmutter Nathaniel, im Seine- und Oise-Departement. Hier werden wir für zwei Monate im „Priorat" untergebracht, einem großen Holzbau, etwa fünfhundert Meter vom Schloß entfernt; 20 Jahre später wurde er eingerissen. In diesem strengen Wohnsitz abgeschlossen, sollte ich meine während des Sommers unterbrochenen Studien fortsetzen, die Deuischstunden der teutonischen Erzieherin über mich ergehen lassen, zweimal der Woche einen Zeichenprofessor bei mir empfangen und zweimal einen Lehrer, der mich in der biblischen Geschichte und im Hebräischen zu unterrichten hatte. Ich war neun Jahre alt und durfte nicht mehr daran denken, mich zu vergnügen. Drei Wochen später, am 25. Oktober, wurde die Tochter des Religionsprofessors aus Paris zu uns geschickt, um meiner Schwester und mir vom Tode unseres Vaters Mitteilung zu machen. Einige Tage später kehrte ich in die Nursery des väterlichen Hauses zurück, wo ich von nun an ohne Freuden und ohne Leid weiterleben sollte. Das sind die weitest zurückliegenden Ereignisse, die mein Gedächtnis bewahrt hat. Das Bild meines Vaters hat sich nach und nach verwischt. Ich entsinne mich nur, diaß ich in seinem Schlafzimmer mit seinen Pfeifen und seinem Tabak spielte, während er sich zum Diner umkleidete und daß ich mich manchmal, überwacht von seinem alten Kammerdiener Roland, damit vergnügte, auf der Marmorplatte seines Toilettetisches Kölnerwasser zu verbrennen. 23