Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8245601-8695759-8695770--700-8246115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heimkehr aus geistigen Berufen Ein Wort an jüdische Frauen, die umlernen müssen Kürzlich sprach in einer Wiener Stellenvermittlung eine sehr distinguiert aussehende junge Dame von etwa fünfundzwanzig Jahren vor. Der Zuschnitt ihres Gesichtes war unverkennbar jüdisch. Sie bot sich als Kindermädchen an. Als ihre Personalien aufgenommen wurden, mußte sie bekennen, daß sie eigentlich — Kinderärztin war. Sie hatte bereits ein Jahr in einem größeren Sanatorium praktiziert und war entlassen worden, trotzdem man mit ihren Leistungen zufrieden war. Daß ihre Zugehörigkeit zum Judentum der Entlassungsgrund war, deutete sie an, ohne bei diesem Punkt anklagend zu verweilein. Kurze Zeit hatte sie noch von ihren Ersparnissen leben können, hatte sich nach einer Stellung umgesehen — zur selbständigen Niederlassung fehlten ihr die Mittel — war aber überall abschlägig beschieden worden. Ihre Eltern lebten von einer kleinen Pension und tkonnten sie nicht länger ernähren. Gern würde sie ein« Privatpflege übernommen haben, aber auch auf diesem Gebiet gab es ein überaus großes Angebot. So entschloß sie sich, unter ihre akademische Bildung, unter a'irelanges geistiges Ringen einen energischen Strich zu machen und — sich als einfaches Kindermädchen zu verdingen. Der Fall ist kein Einzelfall. Herrschi: schon unter dem männlichen akademischen Nachwuchs eine Panikstimmung, da die geistigen Berufe überall überfüllt sind, so steht es noch schlimmer um die Berufsmöglichkeiten der weiblichen Akademiker, besonders wenn sie jüdischer Konfession sind. In einem der letzten statistischen Berichtssemester befanden sich unter 299 Promovierten der Wiener medizinischen Fakultät 98 weibliche, in der philosophischen Fakultät unter 327 sogar 128. Nur ein kleiner Teil dieser Promovierten kann dem Lebensberuf zugeführt werden, den die Vorbildung angestrebt hat. Viele müssen sich mit Surrogatberufen begnügen, in denen sie einen Teil ihres Fachwissens, meist gegen sehr geringe Entlohnung verwerte.! können, andere aber sind gezwungen, jenseits ihres Berufes zu landen. Wie kann ihnen geholfen werden? Von den akademisch gebildeten Frauen wollen viele ins Haus zurückkehren. Aber sie finden nicht immer offene Türen. Natürlich werden Eltern ihre Kinder, so lange es geht, zu ernähren suchen, aber der Gegenwert, den die zurückgekehrten Töchter durch Hilfe im Hause zu geben trachten, wird doch nicht voll eingeschätzt, und das ist eine starke, seelische Belastung für die „Heimkehrer". Oft liegt es ja wohl daran, daß die immer nur geistigen Interessen hingegebenen Töchter zur hauswirischaftlichen Betätigung keine Beziehung mehr finden können, sie en.weder unlustig oder ungeschickt betreiben. Da sie wenig oder keine Erfahrungen besitzen, sind sie, die bisher gewohnt waren, als selbständige Persönlichkeiten beachtet zu werden, gezwungen, sich den Erfahrungen von Hausgenossinnen zu unterordnen, die ihnen bisher keine Autorität bedeuteten. Daraus entstehen mannigfache Konflikte. Es bedarf deshalb von beiden Seiten, sowohl seitens der Eltern und Geschwister, als auch seitens der an der Unmöglichkeit der Berufsausübung gescheiterten Töchter großer Geduld, damit das Zusammenleben im Hause sich nicht zu einem Martyrium für beide Teile gestaltet. Immerhin ist es noch ein günstiger Fall, wenn eine solche Rückkehr in das Haus möglich ist. In vielen Fällen haben Eltern große Aufwendungen für das Studium der Töchter gemacht und sind, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist, auch mit ihren Mitteln zu Ende, oder können zuün mindesten nicht mehr daran denken, die Töchter, selbst unter der Voraussetzung von häuslichen Gegenleistungen, länger zu ernähren. Es ist bitter dann — wie es unsere Kinderärztin getan hat — einen fremden Dienst annehmen zu müssen, den die meisten Akademikerinnen als Deklassierung ablehnen werden. Natürlich schändet keine Arbeit, aber es ist ein Jammer um den großen geistigen Aufwand, der auf diese Weise nutzlos vertan wurde. Eine Deflation geistiger Werte hat eingesetzt, der nur Einhalt geboten werdfen kann, wenn man das Uebel an der Wurzel packt. Ein Teil der weiblichen jüdischen Jugend hat sich bereits auf Palästina umgestellt, um dort ein neues Wirkungsfeld zu finden. Aber abgesehen davon, daß auch in Palästina die Aufnahmsfähigkeit für das westeuropäische weibliche Bildungsproletariat eine begrenzte ist, wird dieser Weg vielen mit ihren Bildungselemenfen in ihrer Muttersprache wurzelnden Akademikerinnen kaum noch gangbar erscheinen. Es muß deshalb schon bei der Erziehung der heranwachsenden weiblichen jüdischen Jugend darauf gesehen werden, daß nicht aus ehrgeizigen oder sonstigen unsachlichen Gründen Mädchen der höheren Schulbildung zugeführt werden, deren Fähigkeiten von PAIASTINA'REISEN 1. Einzelreisen jede Woche zu Originalpreisen 2. Gesellschaftsreisen zur Makkabiade, und zu Pesach auch mit d. Ozeandampfer „Saturnla" (24.000 t) am 8. April 1935 und m it den Dampfern des LloydTriestino günstigst. Nordisches Reisebüro Reiseleltung: N. M. Racker, I., Graben 10, Tel. R 24-2-31 22