Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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AHASVERUS (wirft wütend den Ring auf den Polster zurück, von wo er zu Boden fällt) Dein Gott und sein Gericht — und Haman hin! MORDECHAI (bückt sich zugleich mit Charbonah, hebt den Ring auf, reicht ihn dem König dar) AHASVERUS (weicht zurück) Du hobst ihn auf — für dich. — Behalte ihn! MORDECHAI (ohne Staunen) Ich bin ein Jude, Herr! AHASVERUS Was liegt daran, Da nur ein Jude die Schrift siegeln kann, Die als die erste siegeln soll der Ring. MORDECHAI (immer noch dem König den Ring hinhaltend, schüttelt den Kopf) Der Gnade denk' ich, die mein Volk empfing — Doch deine Gnade, die mich selber ehrt, Die fürchte ich — die hab' ich nicht begehrt. AHASVERUS Du weigerst dich? Dann geht's um [deinen Hals! MORDECHAI Doch, Herr, wenn icli mich füge, [ebenfalls. Ich bin schon fast an meines Lebens Ziel — Zu alt für Herrschaft, für das große Spiel. AHASVERUS Ich will nicht, daß du wollest, doch Ich sah zu tief dir, Jude, in die Brust: [du mußt! Dein Herz ist ernst und ehern, stark und klug — Der Dienst bei Königen ziiemt dir mit Fug! MORDECHAI Ich habe nur noch für Gebete Zeit. AHASVERUS So lehnst du ab? Und aus Bequemlichkeit? ESTHER Mir rietest du's und bist selbst nicht bereit? Mir sagtest du, daß Gott, der Herr der Welt, Mich sichtbarlich auf diesen Platz gestellt, Zu seines auserwählten Volkes Schutz: Du als Wesier bist ihnen noch mehr nutz! MORDECHAI Dies eben fürchte ich. AHASVERUS Versteh' ich wohl? MORDECHAI Mir ist mein Volk nicht Götze, nicht Jedoch es ist mein Volk und ist mir lieb. [Idol — Das schadet dem nicht, welcher machtlos blieb — Doch wehe, wenn ich hohe Macht gewinn' Und für mein Volk zu brauchen sie beginn'! Ich fürchte, daß mein Herz sich dann erfrecht Und für die Juden beuge ich das Recht: Darum erlasse mir, o Herr, dies Amt! Ich. mag nicht herrschen, Herr! AHASVERUS Du bist entflammt, Doch wem die Angst vor Ungerechtigkeit Schon voraus soviel Sorge schafft und Leid, Der ist der rechte Mann; nicht der voll Gier Die Macht erstrebt: Du bist und bleibst Wesier! ESTHER Ach, Oheim, dies ist sicher Gottes Spruch, Noch hängt zu unser Häuptern Hamans Fluch: Vielleicht hältst du das Unheil schirmend auf. MORDECHAI So nehme denn das Schicksal seinen O bleibe rein die Hand, bis ihr den Ring [Lauf! Der Tod einst abstreift — wie sie ihn empfing! Ich bin bereit! AHASVERUS Das also war das Ziel Von Hamans Loswurf — Hamans großem Spiel: Daß er das eig'ne Siegel selbst zerbrach — Und seine Purim waren Tod und Schmach. Nun, Mordechai, komm' mit als mein Wesier; Den Brief, den du mir rietest, schreiben wir; Mit meinem Ringe siegle dann die Schrift. MORDECHAI Wer's Schwert ergreift, ist schuld, wenn es ihn trifft, (ab) ESTHER (auf Ahasverus zu) O Herr, mit heißem Danke ... AHASVERUS Stille du! Spricht's nicht in meinem Herzen immerzu, Ich hätte wie ein feiler Weiberknecht Nur dir zulieb' getan, was gut und recht? ESTHER O Herr, mein Gatte, was ist denn dabei, Warum's geschieht wenn's nur das Rechte sei? Wie Gott den Weg uns führt, ist einerlei — Ist es der Weg nur zu der rechten Tat. AHASVERUS Doch folgt stets rechte Tat aus [rechtem Hat? Daß Haman seine Gunst bei mir mißbraucht, Daß er den Judenhaß mir eingehaucht Aus Eigennutz — schließt aus nicht, daß zugleich Er damit nützen wollte Thron und Reich. Sein Wort ist wie ein Wurm in mir und nagt: Dich liebe ich — dein Oheim überragt An Weisheit mich. Dein Volk bleibt angeklagt! (ab, in der Pforte rechts den Dienerinnen den Eintritt zu Esther gebietend) ESTHER (die Hände auf dem Herzen) Jetzl seh' ich — hör' ich — und mein Herz erbebt, Daß Haman, der Gehängte, weiter lebt! 20