Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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UPI6L BIPnBflUm DIE LOS Zwei S i/'ei Jzenen aw dem P urirmpie Saal der Königin im Palast von Susa. Grelle Farben und Gold, von tiefen Schatten gedämpft. Zwischen Pfeilern hängen Teppiche, an einem schweren, bunt gedeckten Tische, auf dem alles zu einem Gastmahl bereif ist, stehen drei Polsfersfühle, der mittlere, hinter dem Tisch stehend und der Rampe zugewendet, höher als die beiden anderen und mit einem puipurnen Ba/dac/iin gedeckt, üechfs und links, einander gegenüber je eine feppichverhangene Pforte, neben der, zur Pampe zu, je ein Soldat in der Rüstung der persischen „Unsterblichen" steht. Eine Weile Stille, dann fernes Geschrei, Gejauchz und Trompefengeschmeffur, dann wieder Stille. Dann beginnen die beiden Wachen miteinander gedämpften Tones über den Saal hinweg zu sprechen, ohne sidi aber auch nur im geringsten zu bewegen. Zwei Wachen führen durch die Pforte rechts den Mordechai. MORDECHAI (hager und hoch, weißgekleidet, mit dunklem Gürtel, langer, spitzer, weißer Bart. Ergeht bis mitten in den Saal, verneigt sich tief und bleibt dann aufrecht stehen.) Die zwei Wachen ab. HAMAN (hat sich mit einem Ruck aufgerich'.et) Der Mann ist da, den Ihr entboten habt. MORDECHAI (über Ahasverus hinwegsprechend) Den, Haman, Ihr mit solcher Huld begabt. AHASVERUS (ohne aufzublicken) Hier meine Königin — was ist sie dir? MORDECHAI Als meine Nichte lebte sie bei mir. AHASVERUS Und ist wie du vom Volk der Juden. [Nicht? MORDECHAI Dies zu verschweigen macht' ich ihr [zur Pflicht. AHASVERUS Und sie verschwieg es auch, als sei [sie stumm. Du, Alter, gabst ihr den Befehl: Warum? MORDECHAI Wir Juden leben hier in fremdem Land; Der andern Völker Haß ist uns bekannt... AHASVERUS Esther zu schonen, hießest du sie das? MORDECHAI Das nicht. In unsern alten Büchern las Ich manche Tat, wie Gott durch Frauen auch Sein Volk errettet. War dies einst sein Brauch, So mag er es wohl auch noch heute tun ... Als meine Nichte so heranwuchs nun, Gleich schön an Geist, wie Antlitz, wie Gestalt — Und als dann junge Mädchen mannigfalt In den Palast des Königs man entbot: Da schien mir Schutz vor manchem, was uns droht, Dies Kind, wenn's, wollt' es Gott, den Thron bestieg, Doch nur, wenn seine Herkunft es verschwieg. HAMAN Ein Jude sucht halt stets, was nützen kann! AHASVERUS Du schicktest sie ins Unglück, alter Mag mancher Jude auch, von Susa fer.i, [Mann! Dem Tod entgehen - hier am Hof des Herrn Ist jeder sicher, daß der Tod ihn trifft... HAMAN Der festgesetzt mit Siegel und mit Schrift. AHASVERUS Nur eines hast zustande du gebracht Unglücklich hast du so auch mich gemacht! Denn hätte Esthers Herkunft ich gewußt, So hätte ich vielleicht beherrscht die Lust Und Esther nicht erhöht zur Königin. Wenn aber doch — nie wäre in den Sinn Mir je gekommen, daß nach Hamans Rat Ich sie dem Tod nun weihte, wie ich tat. ESTHER Als Opfer fall' ich gern, wenn Gott es will. MORDECHAI Es stirbt sich nicht so leicht, mein [Kind! Sei still. Mein König, ich verteidige mich nicht... HAMAN Du pochst auf jene Warnung? Die war [Pflicht! MORDECHAI Und sprach ich denn davon? Ein an- Besänftigen, will's Gott, des Königs Groll, [dressoll Ich bin ein alter — ein sehr alter Mann, Der in so langem Leben viel begann, Und all sein Leben immer wieder sah, Daß nie das Vorgesehene geschah — Daß alles anders kommt, als man wohl denkt — Daß, wie man ja so sagt, nur Gott uns lenkt. AHASVERUS Und dennoch plantest du solang vorher, Wie deine Nichte zu verwenden war'. MORDECHAI Ich habe nichts, garnichts vorausge- Ich habe einiges vorausgeahnt [plant! Und warf, wie in den Abgrund einen Stein, Ins Ungewisse eine Tat hinein, Doch wußte nicht, wohin sie führen mag: Nun sehe ich, ich tat's für diesen Tag! 16