Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8245601-8695759-8695770--690-8246105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Diese Widmung zeigt schon die Gesinnung auch der anderen Gesänge. An der neuen Bewegung des jüdischen Volkes entfacht, bleibt sie doch durchwegs - - auch in dem Gedicht „Passah", das Lilien mit einer über dem Nillluß aufgehenden Zionssonne begleitet — biblisch, die Losung heißt überall,,Zurück!" Die Balladen erneuern die alten Bilder von Simson, von Rahab aus Jericho, von Enak von Gomorrha, ein Zyklus erneuert die Melodie des Hohen Liedes, Mose und Jesaia verkünden die Lehre. Durch die Gedanken und Gestalten der Bibel soll der Jude die Rückkehr finden zu seinem eigentümlichen Wesen, zur Selbstbesinnung, zu seiner heiligen, unvergleichbaren Sendung. Es ist der Sinn, den unlängst Martin Buber auf seine Art wieder ausgesprochen hat: „Der Grund ist da. Das Haltende ist da.... Ist es das Judentum? Ein Tum unter Tümern? Das ist noch zu wenig. Es kann nur jenes Urjudentum sein, das eben in Wahrheit kein Tum ist, sondern Israel. Nein, noch nicht tragend genug! Es können nur die Mächte (Genesis 20, 13) sein, die Israel aus den Tümern hervorholten und in sein Geschick schickten. Ihnen vertraut euch an!" Israel — das heißt auch für den Freiherrn von Münchhausen : Gotteskämpfer. Die Dichtung des Buches ist, auch in ihren Liedern, balladesk, also voll bildschaffender Kraft. Und wirkt so auf den Maler. Zwischen die Gedichte legt er einfache und doppelseitige Tafeln - Jesaia, der, von den Rauchschwaden des Weihkessels umschwebt, dem leichtfertigen Tanz der Tänzer am Fuße der unglückseligen Stadt zusieht, dann die Jerichonitin, hingebeugt vor dem verhüllten Mann mit dem Richtschwert, die beiden ungleichen Engel, den Häuptling auf dem Kamel vor der Stadt Gomorrha, de« alten, rastlos wandernden Juden bei den Pyramiden, Dornen im Tallithgewand und der Mütze, Simson, der die Kinnbacken des Löwen auseinanderreißt, die Liebesgestalten zu den Gesängen Judas und die feierlich thronende Frau zum Sabbath der Sabbathe. — Schwarz-weiße, klar sprechende und einprägsame Bilder, zuweilen mit Zierleisten umrandet, aber auch sonst nicht naturfrei, sondern mit lang durchlaufenden Linien stilisiert, so daß die Formen eine strenge Größe gewinnen und sich mit den schon hier eingreifenden schmückenden Motiven zu symbolischer Wirkung verbinden. Vielleicht reiner und stärker noch die Randleisten, die Blatt um Blatt umgeben. Da erscheinen Weintrauben, Feigen, Farne, Mohln und Dornen als Rahmen der sauber gewählten und eingeordneten Schrift, Gewächse des Bodens im heiligen Lande, jeweils zu schönen, klaren und kräftigen Ranken vereint. Ihre Kunst nährt sich aus gleichzeitigen Münchener Quellen. Trotzdem erreicht sie, von jungen Pulsen bewegt, eine reine, eigentümliche Kraft. Sie schafft, was damals zu schaffen war, ein jüdisches Ornament. Es bedeckt, wobei die Tafeln des Gesetzes, der Stern Davids und ein Rosenstrauch ineinandergreifen, auch die Deckeln des Buches, mit einem Muster aus fünfarmigen Leuchtern seine inneren Schutzblätter. Und ist, ohne daß wir Jungen damals es schon wußten, die stärkste Triebkraft unserer Begeisterung gewesen. 12