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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-03-01 · 16 (März-April 1935) · p. Seite 10

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
16 (März-April 1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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zur Unterhaltung oder zur Belehrung verbringen, außer am Sabbat, da kommen nach dem Gebet die Mitglieder der Gemeinde oder der größte Teil derselben zu mir, da kann ich ihnen beim Lesen der Thora oder der Gesetzesvorschriften Anweisungen für die kommende Woche geben. Mittags gehen sie nach Hause, ein Teil kommt nachmittags wieder, wiederum wird gelesen und dies dauert bis zum Abendgebet. Ich konnte Dir von allem, was auf mir liegt, nur ein Teil erzählen. Solltes Du mit Gottes Hilfe zu mir kommen, so würdest Du Dich ja selbst von allem überzeugen können.'1 Es ist geradezu unbegreiflich, wie Maimonides neben dieser anstrengenden ärztlichen Tätigkeit noch Zeit für talmudische und philosophische Studien aufbringen konnte. Berücksichtigt man noch seine intensive Beschäftigung mit der Abfassung medizinischer Schriften, so erscheint es kaum verständlich, wie ein einzelner Mensch auf so vielen Gebieten zu gleicher Zeit erfolgreich tätig sein konnte. Gerade zu jener Zeit, als die ärztliche Praxis Maimonides' den Höhepunkt ihrer Ausbreitung erreicht hatte, arbeitete er an einem medizinischen Werk, das nicht nur damals die größte Aufmerksamkeit der Aerzte auf sich gelenkt hatte, sondern das bis auf den heutigen Tag zu den klassischen medizinischen Werken gezählt wird. Es ist dies gleichzeitig sein bedeutendstes medizinisches Werk, bekannt hauptsächlich unter dem lateinischen Namen „Regimen sanitatis". Dieses Werk verdankt seine Entstehung folgenden Umständen: Infolge seiner ausschweifenden und unmäßigen Lebensweise erkrankte der Sultan A1 Afdhal körperlich und seelisch. Er forderte nun Maimonides auf, für ihn ein diätetisches Werk zu verfassen, das in kurzgefaßter Form alle Vorschriften enthalten soll, die zur Förderung der Gesundheit dienen. Er schrieb nun die Gesundheitsregeln in Briefform nieder, betonte die Wichtigkeit einer mäßigen und enthaltsamen Lebensweise, wies auf die schädlichen Folgen des übermäßigen Wein- und Liebesgenusses hin und wies schließlich nach, daß die Gesundheit der Seele eine Vorbedingung für die körperliche Gesundheit sei. Zum Schluß fügte Maimonides seinem Werke allgemeine diätetische Regeln für gesunde und kranke Tage bei. Außer diesem Werke verfaßte Maimonides noch eine ganze Anzahl medizinischer Abhandlungen, ferner 25 Bücher medizinischer Aphorismen, sowie eine Anzahl kleinerer Schriften über Unfälle, Asthma, Gicht u. a. Die meisten dieser Schriften erlebten zahlreiche Auflagen und wurden, gleich dem Hauptwerke Maimonides', auch in verschiedene Sprachen übersetzt. Seine große ärztliche Erfahrung und seine gründlichen Kenntnisse der Anatomie und Physiologie waren Maimonides auch bei seinen talmudischen Studien von Nutzen, denn sie ermöglichten ihm die Erläuterung zahlreicher medizinischer Stellen im Talmud. Besonders auf dem Gebiete der talmudischen Gynäkologie verdanken wir Maimonides das Verständnis mancher Einzelheiten, deren Sinn früheren Kommentatoren unklar war. Alle Geschichtsforscher der Medizin sind sich darüber im klaren, daß die medizinischen Schriften Maimonides' auf die Entwicklung der Heilkunde von bedeutendem Einfluß waren. Nicht nur unter den scholastischen Medizinern des Mittelalters fand Maimonides eifrige Anhänger, sondern seine medizinischen Werke wurden sogar von Albert dem Großen, einem der bedeutendsten Geister des Mittelalters, sehr geschätzt. Und selbst in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit wurden seine Werke an den medizinischen Fakultäten des Abendlandes studiert und von jüdischen, christlichen und arabischen Aerzten eifrig gelesen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß „Rabbi Moyses", wie Maimonides von seinen christlichen Zeitgenossen genannt wurde, lange Zeit eine nicht geringere medizinische Autorität war als etwa Aristoteles oder Galen und Avicenna. Maimonides' Einfluß in der Medizin war also nicht geringer als sein Einfluß in der Philosophie und talmudischen Lehre. Seine autoritative Stellung auf allen Gebieten ist seinem allesumfassenden Geist, seinem Drange nach Erkenntnis der Wahrheit und seiner ungewöhnlichen Bildung zuzuschreiben. Aber gerade zum Berufe des Arztes prädestinierte ihn noch eine ganz besondere Eigenschaft: sein hohes ethisches Empfinden. Kein Arzt vor Maimonides und keiner nach ihm hat das Bewußtsein seines ärztlichen Pflichtgefühles in so erhabene Worte gekleidet, wie dies Maimonides täglich in seinem Morgengebete tat. „Herr", betete er, „stärke die Kraft meines Herzens, damit es jederzeit bereit sei, mit gleicher Hingabe Armen und Reichen, Freunden und Feinden zu dienen. Möge mein Geist am Krankenbett stets Herr seiner selbst sein und möge er nie von unnötigen Gedanken getrübt werden. Flöße den Kranken Vertrauen zu mir und zu meiner Kunst ein, damit sie meine Ratschläge und Vorschriften befolgen. Entferne von ihrem Krankenlager verschiedene Scharlatane und das große Heer verwandter und fremdier Pflegerinnen und Beraterinnen, die alles wissen und alles können. Diese schrecklichen Menschen machen die größten Bemühungen der Kunst zunichte und vernichten oft deine schönsten Werke. Verleihe mir, o Herr. Milde und Geduld bei widerspenstigen Kranken und Mäßigkeit in allem, außer in der Wissenschaft. Ferne sei mir jeder Gedanke, daß ich das gesamte Wissen und die ganze Fertigkeit erworben habe. Gib mir Kraft, Willen, Freiheit und die Möglichkeit, mein Wissen zu erweitern und zu vertiefen, damit mein Geistalle Verirrungen in der Kunst entdecken und erkennen kann." Dieses Gebet von ergreifender Schönheit offenbart nicht nur ein gewaltiges Pflichtgefühl und eine erhabene Auffassung des ärztlichen Berufes, sondern in ihm kommt auch all die Güte zum Ausdruck, durch die ein Mensch erst ein guter Arzt wird. 10

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