Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Maimonides als Arzt und medizinischer ^r*rl t*1T"f Cf^ll f*Y Von Dr. L. Giesinger, Zagreb VJLJLJL JLJL LvJ L vllV/ JL ..........iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiniiiii.....iiciiiiiiim'mimi Wenn in diesen Tagen das Judentum der ganzen Welt die 800. Wiederkehr des Tages feiert, an dem Moses ben Maimon das Licht der Welt erblickt hat. wenn Religionswissenschaft und Philosophie das Andenken dieses überragenden Geistes auf feierlichste Art ehren, da darf auch die Heilkunde an diesem bedeutsamen Ereignis nicht achtlos vorübergehen. Ist doch die Bedeutung Maimonides' auf dem Gebiete der medizinischen Wissenschaft kaum geringer als auf dem Gebiete der Talmudforschung oder der Philosophie, ganz ungeachtet seiner überaus segensreichen praktisch-ärztlichen Tätigkeit, die selbst von Fürsten und anderen hohen Würdenträgern geschätzt und bewundert wurde. In der Geschichte der mittelalterlichen Heilkunde spielen arabische Aerzte eine hervorragende Rolle. Die arabische Medizin bedeutete jahrhundertelang den Höhepunkt ärztlicher Kunst und Wissenschaft und noch länge nach Beginn der Neuzeit macht sich der Einfluß arabischer Aerzte selbst im Abendlande in äußerst fruchtbarer Weise geltend. Die Namen Avicenna, Abulkasim, Avenzoar und Rhazes gehören zu den bedeutendsten, denen wir in der Medizingeschichte begegnen und es ist für uns Juden eine besondere Ehrung, daß die Geschichte zu diesen großen Namen auch den Namen Maimonides oder wie er von seinen arabischen Zeitgenossen genannt wurde: Abu Amram Musa ben Maimun ben Obeid Al'ah el-Cordovi, hinzufügt. Als Schüler des berühmten Arztes und Philosophen Averroes, der ebenfalls aus Cordova stammte, eignete sich Maimonides noch in Spanien gediegene ärztliche Kenntnisse an. Der Einfluß seines Lehrers kam auch später nicht nur in seinen philosophischen, sondern auch in seinen medizinischen Werken deutlich zum Ausdruck. In Aegypten schloß sich Maimonides der Gesellschaft der Aerzte an, aber es dauerte lange, bis er eine größere ärztliche Praxis erlangte. Jahrelang mußte er von dem Handel mit Edelsteinen und seltenen Münzen leben und erst in seinem 44. Lebensjahr brachte er es zu einer ansehnlichen ärztlichen Praxis, die ihn aus seinen ärmlichen Verhältnissen befreite. Im Jahre 1179 wurde Maimonides von El- Fadel Abdul Rahim, dem Wesir Saladins, zum Leibarzt ernannt und erhielt von seinem Gönner neben zahlreichen Gunstbezeugungen auch ein reiches Jahresgehalt, sodaß er sich von nun an ausschließlich der Medizin widmen konnte. Der Zustrom der Kranken ließ nun auch nicht lange auf sich warten und bald war Maimonides einer der gesuchtesten Aerzte. Zahlreiche hohe Würdenträger beriefen ihn an ihr Krankenlager und selbst der edle Sultan Sa lad in, der seine ärztliche Kunst hoch schätzte und sich in kranken Tagen öfter von ihm behandeln ließ, bewies vielfach sein Vertrauen zu dem jüdischen Arzte. Um diese Zeit war Maimonides als Arzt bereits so berühmt, daß seine ärztliche Kunst sogar von Dichtern besungen wurde. Zahlreiche Aerzte kamen nach Kairo, nur um Maimonides kennenzulernen und es ist sicherlich für die Größe seines ärztlichen Rufes bezeichnend, daß ihn der englische König Richard Löwen herz zu seinem Leibarzt ernennen wollte. Aber Maimonides weigerte sich, dem Rufe des Königs zu folgen, sondern blieb in Aegypten, wo er nach dem Tode Saladins Leibarzt seines Sohnes und Nachfolgers AI Afdhal wurde. Sein ärztlicher Beruf nahm ihn damals eine Zeitlang derart in Anspruch, daß er alle seine übrigen Pflichten vernachlässigen mußte. In einem Briefe aus jenen Tagen an seinen Freund Salomon Ibn Tibbon in Montpellier schildert Maimonides sein Tagewerk: „Du wünschst mich zu besuchen; so gerne ich Dich bei mir sehen würde, muß ich Dijr jedoch abraten, Dich der Gefahr einer so langen Reise auszusetzen, denn höchstens würdest Du mich auf kurze Zeit sehen; aber auch nur auf eine Stunde Unterhaltung, bei Tag oder bei Nacht, darfst Du nicht rechnen. Ich wohne in Mizrajim Fostat, und der Sultan wohnt in AI Kahira; zwischen beiden Orten ist eine Entfernung von zwei Sabbathgrenzen (48 Minuten). Ich kann nicht umhin, den Sultan täglich morgens zu besuchen, aber wenn er ein Unwohlsein fühlt, oder eines seiner Kinder, oder eine seiner Frauen, kann ich nicht von Kahira abkommen und muß den größten Teil des Tages im Palast bleiben. Auch wenn es einem des Hofstaates nicht gut ist, muß ich mich mit seiner Heilung beschäftigen. Also ich gehe täglich in der Frühe nach AI Kahira, und ist nichts vorgefallen, kehre ich am Nachmittag nach Fostat zurück, keineswegs komme ich früher nach Hause. Ausgehungert komme ich an, ich finde schon die Höfe angefüllt mit Hilfesuchenden: Juden und Nichtjuden, Vornehme und Geringe, Richter und Beamte, Freunde und Feinde, die meine Ankunft erwarten. Ich steige vom Pferde, wasche meine Hände, gehe zu der angesammelten Menge hinaus, mich zu entschuldigen, und bitte sie, solange zu warten, bis ich erst etwas genossen habe, was ich nur alle 24 Stunden tue. Habe ich eine kleine Mahlzeit zu mir genommen, so gehe ich hinaus, untersuche, schreibe Rezepte und der Ab- und Zugang der Menge dauert bis zur Nacht hinein. Ich bin so ermattet, daß ich nur auf einem Diwan liegend mit den Patienten verhandeln kann. Oft kommt es vor, daß ich kaum zu sprechen vermag. So kann ich mit keinem eine gemütliche Stunde 9