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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-03-01 · 16 (März-April 1935) · p. Seite 8

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
16 (März-April 1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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lieh, sondern hilfsbereit eingestellt. Die Offenbarung fordert nicht Orthodoxie, sondern Orthopraxie. Sie gestattet nicht nur Kritik, selbständige freie Forschung, sondern fordert sie geradezu in dem Gebote des Strebens nach Erkenntnis Gottes (t'ammeth d'oth ha-Thora brijjun ha'amitti). Und alles nur, um den wahren Sinn des Thora« ortes festzustellen. Hat doch noch Kant, genau wie Maimuni, philosophische Erkenntnisse in die Bibel hineinallegorisiert. Aber gerade daher die starke Wirkung des Moreh, weil er nicht als philosophisches Werk auftrat, sondern als mutiges Bekenntnis eines offenkundig strengfrommen und kraft seines rabbinischen Amtes und Wissens durchaus spruchbefugten Schrifterklärers. Maimunis wissenschaftliches Lebenswerk war damit in der Hauptsache vollendet. Dem Talmud und der religiösen Praxis hatte er seinen Mischnahkommentar, den Mischneh Thora, außerdem eine Schrift über die 613 Gebote der Thora und kleinere Abhandlungen gewidmet. Der Ring schloß sich nun mit diesem gewaltigen philosophischen Kommentar zur Bibel. Er überlebte ihn noch 14 Jahre. Seine Hand war aber nicht mehr die Jad ha-chasakah, die starke Hand, die ihn noch bei Lebzeiten in aller Welt so berühmt gemacht. Zermürbt von Schicksalsschlägen und von Verfolgungen, die er bald als Jude, bald von Juden zu erleiden hatte, von Krankheit und Beschwerden vorzeitig gealtert, beschloß er 1204 ein Leben, das restlos seinem Gotte, seinem Volke, seiner Menschenpflicht gewidmet war. Sein Leichnam wurde, seiner Bestimmung gemäß, nach dem Lande der Väter überführt. Dort ruht er bei Tiber.'as neben Großen des Talmuds, der durch ihn in den Augen vieler Verächter groß geworden ist. Die Wirkung dieses außergewöhnlichen Menschenlebens läßt sich heute, 800 Jahre nach seinem Abschluß unter völlig veränderten äußeren Umständen, in verschiedenen, oft einander entgegengesetzten Richtungen verfolgen. Das Judentum beeinflußte er direkt oder indirekt durch seinen Mischneh, seinen Moreh und sein persönliches Vorbild. Der Streit um seine Schriften führte ein Jahrhundert nach seinem Tode zur öffentlichen Verbrennung des Moreh durch Mönche, mit denen sich Maimunis Gegner verbündet hatten. Als aber in weiterem Verfolg auch der Talmud dem Scheiterhaufen übergeben wurde, kehrte heilsame Selbstbesinnung hei diesen Zeloten ein. Der Geistesfreiheit war eine Gasse gebahnt und der Mischne Thora bildet eine Grundlage unseres Schulchan aruch, der Moreh wurde direkt die hohe Schule der Haskala, der jüdischen Intelligenzler, besonders seit Mendelssohn, die der jüdischen Anomisten indirekt durch Spinoza, die der ethischen Autonomisten durch Hermann Cohen. Vor allem wurden durch Maimuni Universalismus und universelles Wissen 211 einem Bildungsfaktor im Judentum. In dieser Hinsicht könnte man ihm als den ersten Europäer bezeichnen. Fürsten unter den Denkern, wie Thomas von Aquino, heute wieder im Vordergrunde kirchlicher Spekulation, wie L e i b n i z, stehen in Grundgedanken unter seinem Einfluß. Nicht minder Denker unter den Fürsten, wie Friedrich II. und Robert von Anjou. Bei Vertretern der Kirche wie bei ihren Gegnern, bei Dichtern wie L^ssing, Philosophen wie Hegel, Philologen wie Scaliger, Juristen wie Jean Batin, Historikern wie Johannes von Müller und August von Gutschmied, Aerzten wie Virchow, in den Kreisen aller Licht- und Bildungsfreunde wurde das Ansehen des Judentums gehoben und sein Verständnis erschlossen durch Maimunis Leben und Lehre. Und Vorstellung von seinem unabsehbaren Einfluß gewinnt man schon aus der fast unübersehbaren Menge von Handschriften, Ausgaben, Uebersetzungen, Kommentierungen, Bekämpfungen und Verteidigungen, Zitierungen seiner We;k,e, von Biographien, Legenden, Parodie 1, Rediensarten übier ihn. Unter den Handschriften, ein Zeichen seiner Wertschätzung, erlesene Kunstwerke. So nahm Napoleon, wie etwa aus Deutschland die Manessische Handschrift, so aus Italien ein Maimuni-Manuskript als Siegesbeute nach Paris. Die Orthodoxie warf ihm schon bei Lebzeiten vor, sein Mischneh Thora werde das Talmudjstudium überflüssig machen. Die Besorgnis erwies sich als unbegründet. Das Talmudstudium ist geblieben und hat zur Erhaltung des spezifisch jüdischen Geistes nicht wenig beigetragen. Eher berechtigt scheint ein anderer Einwand: Maimuni unterbaut das Judentum philaoophisch. Er gelangt zur Allegorisierung biblischer Berichte und die wurde vom alexandrinischen Judentum und dann von der Kirche auf die Gebote der Thora ausgedehnt und führte statt zur Stützung, zur Unterhöhlung und schließlich zur Verflüchtigung der religiösen Praxis. Von Stil und Sprache Maimunis darf man sagen: Es lohnt sich nicht nur, hebräisch zu lernen, um den Alischneh in der Urschrift lesen zu können, es lohnt sich ebenso, den Mischneh zu lesen, um ein klassische; Hebräisch zu erlernen. Das ist eine der AufgaLe.i, die uns das Gedenken Maimunis stellt, wenn wir zum Schluß betonen wollen, nicht, was er uns war, nicht, was er uns ist, sondern was er uns werden soll. Eine eindringliche Mahnung zuerst: Hebräisch zu lernen. Welches Volk stellt sich seine Klassiker in den Paradeschrank, ohne eine Zeile in ihnen lesen zu können? Welches Volk preist seine Größen, ohne einen Hauch ihres Geistes aus ihren Werken zu spüren? Welches Volk sucht seine Ideale in der Fremde und muß es sich gefallen lassen, mit Schimpf und Hohn wie ein Bettler vor ungastlicher Tür davongejagt zu werden? Ein Volk, das einen Maimonides ererbt hat, muß Hebräisch lernen, um ihn zu besitzen. Ein Volk, das in einem Mischneh Thora ein Standardwerk ohnegleichen besitzt, muß zusehen, daß seine Kinder Kqrnworte daraus mit Stolz aufsagen können an einer Maimonides-Gedächtnisfeier. Ein Volk, für das ein solcher Manu gelebt, braucht kein anderes Ideal. Den höchsten Inbegriff des edelsten Judentums hat ihm vorgelebt Maimonides. 8

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