Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-03-01 · 16 (März-April 1935) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
16 (März-April 1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8245601-8695759-8695770--685-8246100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zugleich — sein Selbstporträt. Das Idealbild des Sefardi. „Ha-Sefardi". Dieses Attribut setzt Maimuni, der Inbegriff der Bescheidenheit, stolz seinem Namenszuge zu. „Der Spaniole". Aus diesem Zusatz spricht wie aus einem Adelsprädikat das Selbstbewußtsein edler Bildung. Daraus strahlt die lichtliebende, formenfreudige Lebensbejahung der Maurenkultur mit der ausgeglichenen Urbanität und Grandezza, die sich unverkennbar auch in Spinoza wiederspiegelt. In Maimuni aber gepaart mit dem jüdischen Grundzug, in dem der Okzid'ent den Osten überwindet: dem unbeirrbaren Glauben an einen Fortschritt. Die mächtigen Akkorde eines Bekenntnisses zum Glauben an eine messianische Zukunft bilden das Finale dieses Hauptwerkes des „großen Adlers". Diesen Ehrennamen „Ha-nescher ha-gadol", ,,der große Adler", hat sein Volk in liebender Bewunderung weise für ihn gewählt. Auf den starken Schwingen seines Riesengeistes trägt er uns sicher der Sonne entgegen, zu den Gipfeln philosophischer Spekulation empor in seinem dritten Hauptwerk, im Moreh nevokkim, dem „Führer der Verwirrten". In der Esther-Megilla lesen wir ja: weha-ir schuschan navokka („und die Stadt Susa war verwirrt"). , Doctor perplexorum" lautet darum auch ganz richtig der Titel der lateinischen Uebersetzung, in der dieses einzigartige Werk zuerst in die Weltliteratur Eingang fand. Maimuni vollendete dieses Werk 1190, 10 Jahre nach dem Mischne Thora. Es ist ein Privatissimum für einen Lieblingsschüler, nicht für die Menge bestimmt. So ließ auch Spinoza seine Ethik nur im Freundeskreise lesen. Und wie die Würdigung der „Ethik" darunter leidet, daß ihr Verfasser zugleich der des „Theologisch-Politischen Traktates" ist, so wird in manchen Kreisen die Dankbarkeit gegen Maimuni für den Mischneh abgeschwächt durch die Personalunion mit dem Moreh. In Wahrheit liegen beide auf einer Linie. Enthält der Mischneh die Praxis des Judentums gemäß der Tradition, so der Moreh die Theorie gemäß der Ueberzeugung Maimunis. Wie nach ihm Kant und andere modierne Denker, beginnt Maimuni mit einer Kritik unseres Erkenntnisvermögens. Was können wir von Gott aussagen? Nicht mehr und nicht weniger, als was das „Schema Israel" besagt: Der Ewige ist einer. Ewig ist Gott, die Voraussetzung aller Existenz. Einig ist er, das heißt, geistig, nicht körperlich, denn alles Körperliche ist zusammengesetzt. Ist er aber rein geistig, so unterliegt er keiner jener Beschränkungen, die allem Körperlichen anhaften und auch unseren Geist, insoweit er dem Körperlichen verhaftet ist, an seiner vollen Entfaltung verhindern. Somit ist Gott d i e Vollkommenheit, die unser Geist erstrebt, auf Erden aber nie ganz erreichen kann. Das transzendente sittliche Idieal. Was die Bibel darüber hinaus von ihm aussagt, sind nur populäre Bezeichnungen seines Wirkens nach menschlichen Analogien. Wenn aber Gott Geist ist, woher dann die Körperwelt? Nach dem Kausalgesetz kann doch Körper immer wieder nur aus Körper entstehen. Dagegen wendet Maimuni, genau wie s^echs Jahrhunderte später Kant, ein: Das Kausalgesetz gilt nur für den Bereich unserer Erfahrung, nur für Irdisches, nicht für Transzendentes. Heute, im Zeitalter eines Einstein, Bergson, der Parapsychologie, ließe sich dieser Einwand noch bestärken. Am annehmbarsten findet Maimuni zur Erklärung des Wellursprunges die Idee der Schöpfung. Und da wir weder das Naturgesetz, noch das Wesen der Materie kennen, lassen sich in der Materie Ursachen jener scheinbaren Aufhebungen des Naturgesetzes annehmen, die wir Wunder nennen. Im Wesen der Materie begründet sind jedenfalls die natürlichen Uebel, die uns heimsuchen. Aerger ist das verschuldete, „unedle" Unglück, das Menschen einander oder der Einzelne sich selbst bereitet. Im übrigen ist nicht die Welt für den Menschen, sondern der Mensch für die Welt da. Je höher wir im Geistigen steigen und das niedere Triebleben überwinden, umsomehr begreifen wir den Einklang zwischen unserer Willensfreiheit und der Allwissenheit Gottes und umsomehr werden wir seiner Vorsehung teilhaft und der Ewigkeit. Auf dieser höchsten Stufe der Gotteserkenntnis standen die Propheten. Doch waren sie nicht nur Weise, sondern auch Heilige und Helden. Nur für Mose gilt diese Psychologie der Prophetengabe nicht. Da er ohnegleichen, können wir ihn nicht begreifen. Doch die göttlichen Gebote sind entweder an sich verständlich, wie gerade das des Strebens nach Gotteserkenntnis und das ihrer Verbreitung. Oder es läßt sich ihr Zweck erraten, sei er nun pädagogisch, sozialethisch, hygienisch, prophylaktisch, politisch. Manche, so auch das Opferwesen, sind religionsgeschichtlich zu erklären als Abwehrmaßnahmen gegen Götzendienst und Aberglauben. Den bekämpft Mairnuni mit aller Entschiedenheit. Dieses Buch wirkte revolutionär nicht nur in der jüdischen Welt, sondern in der Geistesgeschichte der Menschheit. In der Form ein Kind seiner Zeit, ist es doch im Wesen nicht Geschichte, sondern es hat Geschichte gemacht. Durch das Dickicht eines Urwaldes von Irrtum und geistiger Bevormundung hat es der Geistes- und Gewissensfreiheit einen Weg gebahnt. Die Matrizen der Grundtypen geschaffen, in die jede neue Etappe des Fortschrittes die ihr eigenen Gedanken und Ausdrucksmitte! gießen konnten. Aber ebenso originell wie dieses Schema, in dem sich die Vernunft gegen allen Unge;st und alle Unduldsamkeit verschanzt, war der Wagemut, auf diese Bastion das Banner des Judentums zu pflanzen. Mit erstaunlichem Scharfsinn glaubhaft zu machen, daß das Judentum eine Religion ebenso aus den Schriften der Offenbarung wie aus den Quellen der Vernunft ist. Sind doch Chochmah, Vernunft, und Thora, Offenbarung, in Zweck und Ziel identisch und nur im Ausgangspunkt verschieden zueinander, nicht feind- 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.