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Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-03-01 · 16 (März-April 1935) · p. Seite 2

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
16 (März-April 1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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sollen, als sich um die Veranstaltung desselben ein Kampf entsponnen hatte. Der Vortragende hatte die Entscheiduno-den Veranstaltern überlassen, da er seine einmal gegebene Zusage einzuhalten gesonnen war. Denn e r fand nichts Schlechtes an der Sache und i h m mangelte es nicht an gutem Gewissen und Selbstvertrauen. Dieselbe Zuschrift meint aber dann: „Man weiß, daß diejenigen jüdischen Kreise, die am unduldsamsten ihre Besorgnisse wegen Taufbewegungen vorgaukeln, jedwelcher Religion entfremdet sind, die eigene Religion mit Füßen treten und in Wirklichkeit mit ihrem grenzenlosen Materialismus nicht den mindesten Sinn dafür haben, ob jemand Jude, Christ oder Hottentotte ist. Man weiß, daß die Beweggründe für den geheuchelten Schmerz über Taufgefahr die Furcht ist, daß jedw eiche christliche Parteiergreifung für das Judenvolk enthüllen könnte, wie dies arme Volk von den eigenen beafi possidentes verraten wird. Es liegt in Wahrheit gar kein Verlangen vor, in der Gegenwart Judenmassen dem Katholizismus zuzuführe n." Den letzten Satz begründet der Einsender u. a. mit folgenden Behauptungen: „Will eine Anzahl unter den so sehr als hilfsbedürftig erkannten Juden die Taufe nehmen, so erfüllt die Kirche eines ihrer Gebote. Nie werden Sie aber von einem Katholiken der Jetztzeit hören, daß das Erbarmen ob des jetzigen Judenschicksals versagt werde, wenn die Taufe ausbleibt." Ein anderer Einsender, der aus begreiflichen Gründen seinen uns bekannten Namen nicht veröffentlicht wissen möchte, hat durch 1 5 Jahre in Deutschland gelebt. Er meint, daß es hier von Interesse wäre, deshalb seine Ansicht zu hören. Er setzt fort: „Ihre verschiedenen Fragen lassen sich auf eine einzige zurückführen: ist in der gegenwärtigen Situation für den Juden eine Verständigung mit dem Nichtjuden möglich? Der Einsender hat uns mit dieser Formulierung recht wohl verstanden. Er antwortet: „Darauf antworte ich mit einem unbedingten J a. Selbst in Deutschland der letzten zwei Jahre gab es viele Menschen, die geneigt waren, mit Juden über die Judenfrage auf gleicher Basis zu diskutieren. Von dieser Bereitschaft wurde aber selten Gebrauch gemacht. Warum? Vor allem deshalb, weil die Juden vom Judentum nichts wissen." Zu diesem Wissen gehört nicht nur Kenntnis der jüdischen Geschichte und Lehre, sondern auch — darauf sei in diesem Zusammenhange besonders verwiesen — die Kenntnis der Gedanken, Sorgen, Hoffnungen und Meinungen der Judenschaft, das Wissen um das Volk selbst. „Aber mehr, viel mehr als Studium, Worte und Bücher bewirkt die Tat, das lebendige Beispiel." Der Einsender will deshalb Vorschläge machen: „Laden wir Nichtjuden ein, damit sie uns in Rede und Gegenrede kennen lernen. Sehr gut. Aber darüber hinaus: zeigen wir, was unsere Handwerker können. Veranstalten wir Ausstellungen, die bestimmt auch unseren Gegnern Achtung abnötigen werden ... Sollte es nicht auch in Europa, ja sogar in Oesterreich, so manches Fleckchen Erde geben, wo wir uns als Siedler und Pioniere bewähren können? Wäre eine solche, aus der Einöde herauswachsende Siedlung nicht ein besserer, überzeugenderer Beweis für jüdische Arbeitstüchtigkeit, als zwanzig noch so geistreiche Debatte n?" Ein anderer Einsender, Dr. Erwin Hamburger, geht von einem Satz des bekannten zionistischen Schriftstellers Gronemann aus: „Wenn man die Juden überhaupt kennen würde, dann gäbe es gar keinen Antisemitismus!" und beantwortet die von uns gestellten Fragen folgendermaßen : „1. Nur wenn man an die Möglichkeit eines Erfolges in dem Kampf gegen den Antisemitismus glaubt, hat es einen Sinn, diesen Kampf aufzunehmen. Beruht nun ... der Judenhaß auf der Unkenntnis jüdischen Wesens, so gelangt er durch die Kenntnis des echt jüdischen Charakters zum Schwinden. Nichts ist also geeigneter, den Kampf wirksam zu führen, als gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen. 2. .Taufpropaganda' und Kampf gegen den Antisemitismus haben so wenig miteinander zu tun, daß man nur dann einen Zusammenhang herstellen kann, wenn man an eine selbstlose Kulturarbeit bei anderen Nationen nicht glauben will. Der Antisemitismus ist ein Mangel im kulturellen Niveau der Umwelt, den zu beseitigen gerade die Besten unter den Nationen stets bemüht waren, unabhängig von der Einstellung des jüdischen Menschen zur christlichen Religion. Das hier zur Debatte stehende Problem ist ja kein religiöses, sondern ein allgemein-menschliches. 3. Würdevoll darf und muß der Jude seine Besonderheit wahren und an der Umweltkulfur teilnehmen, ohne seine Eigenart zu verleugnen oder gar aufzugeben. Leider ist es heute so, daß der Jude dem Juden gegenüber zu sehr, dem Nichtjuden gegenüber zu wenig selbstbewußt auftritt. 4. Wie es eine spezifisch jüdische Wirtschaftsnot gibt, so muß es auch eine spezifisch jüdische Wirtschaftshilfe geben. Wenn den Juden Arbeitsmöglichkeiten erschließbar sind, so wäre es töricht, diese Gelegenheit nicht wahrzunehmen, um einen Teil der arbeitslosen Juden trotz der allgemeinen Arbeitslosigkeit in den Arbeitsprozeß einzugliedern. 5. Das jüdische Gesetz gibt dem Bedürftigen einen Anspruch auf Hilfe, und dieser Anspruch besteht a 1- 1 e n Juden gegenüber ohne Rücksicht auf die parteimäßige Einstellung. Darum sollten alle Bemühungen, die jüdische Not zu lindern, eine Angelegenheit der gesamten Judenheit sein. 6. Die genaue Kenntnis der jüdischen Literatur und Geschichte ist sehr wohl geeignet, uns mit starkem Selbstvertrauen zu erfüllen, weil sie uns zeigt, daß wir nicht bloß groß im Dulden waren, sondern daß unsere Vorfahren auch reich an positiver Leistung gewesen sind. Stolz auf die Leistungen der Ahnen aber hat nur dann seine innere Berechtigung, wenn wir uns das geistige Erbe der Väter zu eigen mache n." Dieser letzte Satz weist auf das Kernproblem hin, wie auch wir mit Bedacht die wichtigste Frage als letzte stellten. Unsere Väter hatten als Größtes im Judentum die gotterleuchtete Prophetie in die Geschichte eingeführt, sie hatten die Selbstkritik in voller Oeffentlichkeit geübt, vor dem Volk und — vor allem — vor Gott. Also, um ein modernes Wort zu gebrauchen, die weitest aufgeschlossene offene und öffentliche Selbstkritik. Der 2

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